Als Geschenk für euch in der aktuellen Coronakrise, stelle ich jeden Tag ein Kapitel des zweiten Teils meiner Fantasy-Trilogie um die Abenteuer von Geronimo und Deborah hier auf meine website. Das Manuskript ist noch unlektoriert und unkorrigiert. Und es gibt noch kein Coverbild. Aber ich hoffe, ihr habt trotzdem Freude daran. Über Kommentare, Anregungen, auch Kritik und entdeckte Fehler, freue ich mich. Die könnt ihr mir gerne per mail senden. Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen ....

 

 

Klappentext

 

Grosse Gefahr schwebt über dem Zauberwald und seinen Bewohnern.

König Revda von Usa und sein Freund, der Zauberer Semadar, hecken einen teuflischen Plan aus, um die Herrschaft über die Elben und ganz Melindor zu erlangen. Gewarnt vom Raben Harak ruft König Abagindel seine Verbündeten und Freunde zum Kriegsrat nach Merilsilivren. Darunter sind auch Geronimo, Deborah und die Fliegenden Schweine. Gemeinsam mit ihren Freunden stellen sie sich der drohenden Gefahr, und während die Elben und ihre Verbündeten sich im Zauberwald auf den Krieg vorbereiten, schickt König Abagindel Geronimo und Deborah auf eine ganz besondere Mission.

 

Wird es ihnen gelingen, den Zauberwald zu retten? Eine Geschichte voller Gefühle, Gefahren und herzerwärmender Freundschaften.

 

Inhalt

1.  Der Plan

  

2.  Der Bote

  

3.  Viele Wiedersehen

 

4.  Der Rat

 

5.  In Tarugard

 

6.  Ostwärts

 

7.  Sepora

 

8.  Die verborgene Bucht

 

9.  Ka-amat

 

10. Das Zeichen

 

11. Am Feuersee

 

12. Auf geheimen Wegen

 

13. Am Damnorpass

 

14. Am Namur

 

15. Die Schwarzen Krieger

 

16. Der Dieb

 

17. Der Hort der Weisheit

 

18. Zurück

 

19. Die grosse Schlacht

 

20. Der Traum

 

Karte von Melindor

Melindors Osten

1. Der Plan

 

„Der König ist tot!“

Prinz Revda schloss für einen Moment die Augen und gab sich den wohligen Schwingungen dieser Worte hin. Sie liebkosten jede Zelle seines Körpers. Plötzlich fühlte er sich leicht und frei von einem Gewicht, das ihn jahrzehntelang niedergedrückt hatte.

Er atmete tief durch wie ein Ertrinkender, der endlich durch die rettende Wasseroberfläche stösst. Nur beiläufig nahm er wahr, wie der Leibarzt die Finger von König Siklos’ Halsschlagader nahm und einen mitfühlenden Blick mit seiner Schwester Sepora tauschte, die daraufhin schluchzend über dem Leichnam zusammenbrach.

Die Diener, die an den gedrechselten Eichenpfosten des ausladenden Himmelbettes standen, neigten in stiller Trauer den Kopf. Revda starrte noch einige Augenblicke auf seinen toten Vater, um sich davon zu überzeugen, dass er wirklich den letzten Atemzug getan hatte, dann drehte er sich um, damit niemand das zufriedene Lächeln bemerkte, das seine hageren Wangen auseinanderschob.

Er schritt zum Fenster und liess seinen Blick über die Bucht von Usa schweifen. Die Sonne liess silberne Sterne auf dem Wasser tanzen. Im Hafen schaukelten die Fischerboote auf sanften Wellen und die Gischt kitzelte die Kaimauer. Auf dem Marktplatz herrschte reges Treiben. Hie und da drang das Rufen der Marktschreier bis hinauf zur Burg, die mit ihren vielen bunten Türmen und Zinnen auf der weissen Kalkfelsnase thronte, die im Westen der Stadt aufs Meer hinaus ragte. Die sandfarbenen Häuser schmiegten sich vertrauensvoll an den Fuss des Burgfelsens, wie an einen beschützenden Vater. 

In dieser Rolle hatte sich Siklos gefallen. Seine ganze Liebe hatte den Usaern gegolten. Und seiner Tochter Sepora. Sein Sohn hingegen, war ihm seit dem Tag des Unglücks, als Revda noch ein Knabe war, ein Stachel im Fleisch gewesen, der seinen Schmerz lebendig hielt. Der wohlbekannte Geschmack von Bitterkeit, der immer solche Gedanken begleitete, legte sich auf Revdas Zunge. Er schluckte ihn hinunter. Das war jetzt alles nicht mehr von Bedeutung. Seine Stunde war gekommen. Er würde nicht länger im Schatten stehen. Revda straffte seine Schultern. Mit einem letzten Blick auf die Stadt dachte er voller Genugtuung:

„Alles mein! Und bald noch viel mehr. Endlich ist der alte Versager tot.“

In Gedanken zog Revda das Wort ‚tot‘ genüsslich in die Länge. Wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Wie lange darauf hin gearbeitet. Er war bereit. Bereit für die Macht. Und bereit, den lange gehegten Plan in die Tat umzusetzen. 

Revda presste ein paar Tränen aus seinen dunklen Augen und setzte seine bekümmertste Miene auf. Er war der geborene Schauspieler. Ein Talent, das ihm aus seiner Not erwachsen war. Sogar sein Vater hatte ihm die Rolle des treu ergebenen Sohnes und des rücksichtsvollen, sein Volk liebenden Thronerben abgenommen.

Wie naiv der Alte doch gewesen war. Blind für alles, was sein Sohn hinter seinem Rücken trieb. Es hatte ihn ohnehin nicht sonderlich interessiert, was Revda tat. Selbst Sepora hatte nichts bemerkt. Zu sehr war sie mit der Pflege des alten kranken Vaters beschäftigt gewesen, wenn sie nicht bei ihrem Gatten in Tarugard weilte. 

Bald würde ein anderer Wind um die Ohren der Bürger von Usa pfeifen und weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Revda drehte sich um, ohne den Raben, der sich hinter einem Wasserspeier versteckt hatte, bemerkt zu haben und trat hinter seine Schwester. Sanft legte er ihr die Hände auf die Schultern. 

„Meine Liebe, komm.“ Er zog sie hoch, nahm sie in die Arme und strich ihr tröstend über den Rücken. „Das ist wahrlich unsere dunkelste Stunde“, murmelte er in ihr Ohr. Dann nickte er einem Diener zu.

„Lasst die schwarze Fahne hissen und die Fanfaren blasen.“

Eine Weile stand er so da, seine weinende Schwester im Arm. Vorsichtig löste er sich von ihr, hob ihr Kinn und sagte:

„Es ist Zeit. Wir müssen uns dem Volk zeigen. Geh dich frisch machen und dann komm auf den grossen Balkon.“ Er küsste ihre Nasenspitze, dann winkte er zwei alte Frauen herbei, die in einer Ecke gewartet hatten, damit sie den alten König Siklos für die Totenwache und das spätere Begräbnis herrichteten konnten.

 

Die Ahnen der Usaer Königsfamilie blicken Revda aus ihren Gemälden hinterher, als er durch den langen Korridor eilte. Revda rannte die breite Treppe hinab, stiess ungeduldig eine Wache beiseite, die auf ihrem Posten am Torbogen eingedöst war und überquerte den marmornen Innenhof in dem der Springbrunnen plätscherte.

Er hastete den offenen Bogengang hinunter, schritt zügig über den Rasen und vorbei am Kräutergarten, um endlich den violetten Turm durch die schlichte Eisentüre zu betreten. Zwei Stufen auf einmal nehmend, stieg Revda die Wendeltreppe empor. Während der ganzen Zeit war ihm der Rabe Harak ausserhalb des Schlosses gefolgt.

Er hatte durch die Fenster gespäht, um Revda nicht zu verlieren, obwohl er schon ahnte, wohin es den Königssohn so dringlich trieb. Er beobachtete ihn schon seit geraumer Zeit. Und er hatte richtig vermutet.

Im violetten Turm lag das Reich des Hofalchemisten und Zauberers Semadar. Er war der Freund und Vertraute des Prinzen. Harak liess sich auf dem steinernen Sims nieder und spähte durchs Fenster in den kreisrunden Raum hinein. Er hatte das Labor des Alchemisten schon bei früheren Gelegenheiten in Augenschein genommen und war immer wieder zugleich fasziniert und verstört über das, was er dort vorfand.

In die russgeschwärzten Wände waren seltsame Zeichen, Runen und alchemistische Formeln geritzt. Spiralen und Mandalas, Tiere, Zahlen, Rezepte für Zaubertränke und endlose Berechnungen bedeckten die massiven Steinquader. Es war nur noch wenig Raum frei und Harak fragte sich, wo der Zauberer seine Notizen hinkritzeln würde, wenn alles vollgeschrieben war.

In der Mitte des Raumes stand ein riesiger eiserner Ofen, dessen Kamin die Decke genau in der Mitte durchbrach.

Ein herrisches Klopfen an der Türe liess Harak zusammenzucken. Das musste Revda sein. Schnell drückte sich Harak in eine Nische in der Wand.

Semadar rauschte die Treppe herunter, die sich wie eine Spirale an der Innenwand in die oberen Stockwerke schraubte. So schwarz wie Harak war, so weiss war der Alchemist. Anders als die anderen Menschen, die Harak bisher gesehen hatte, waren Haut und Haare des Zauberers vollkommen farblos. Sein Haar hatte nicht den Ebenholz- oder Kastanienschimmer der meisten anderen Usaer Bürger. Bei Semadar war alles von demselben fahlen glanzlosen Weiss. Es schien, als wäre er nicht aus Fleisch und Blut wie andere Menschen, sondern bestünde bestenfalls aus verdichtetem Nebel. Sogar seine Augen waren farblos wie bei einem Blinden, aber Harak wusste, dass der Zauberer sehr gut sehen konnte. Er hatte schon öfters den Eindruck gehabt, dass der Zauberer damit tief in die Seelen der Menschen blicken konnte. Semadar trug ein langes Gewand im selben fahlweissen Ton wie seine Haut. Mit einem einfachen schwarzen Strick hielt er es auf seinen mageren Hüften zusammen. Der Saum des Gewandes war mit Runen bestickt. Um den Hals des Alchemisten hingen mehrere Ketten mit Knochen, Federn und verschiedenen Amuletten. Am Zeigefinger seiner linken Hand prangte ein Rubin von der Grösse einer Himbeere.

Der weisse Umhang mit dem roten Seidenfutter blähte sich, als Semadar zwei Stufen auf einmal übersprang. Die Kapuze rutschte von seinem Kopf herunter und offenbarte Harak die Narbe, die wie ein Wurm von der linken Augenbraue bis hinter das rechte Ohr über den kahlen Schädel kroch. Haraks Nackenfedern sträubten sich. Nichts hatte ihn je so geängstigt, wie der Anblick dieses Zauberers.  

Mit wenigen Schritten war Semadar bei der Türe, schob den Eisenriegel zurück und zog den schweren Türflügel einen Spalt weit auf. Hastig schlüpfte Revda herein und schloss die Türe hinter sich, indem er sich mit dem Rücken dagegen lehnte. Revda grinste den Zauberer breit an. 

„Ist er tot?“, fragte Semadar ohne das leiseste Zeichen von Bedauern in der Stimme. 

Revda nickte, trat zu Semadar hin, umarmte ihn kurz und klopfte ihm dabei freundschaftlich auf die Schulter. Die beiden blickten sich in die Augen und lachten. Schlagartig wurde Revda wieder ernst.

„Bald ist es soweit mein Freund. Die Vorbereitungen sind beinahe abgeschlossen, wie du ja weisst. Jetzt müssen wir nur noch Mokrin von unserer Sache überzeugen, was nicht allzu schwierig werden wird. Ich begleite meine Schwester nach dem Begräbnis nach Tarugard. Bei dieser Gelegenheit werde ich mit Mokrin sprechen und ihm die nette kleine Geschichte erzählen, die wir uns ausgedacht haben.“

Revda grinste und rieb sich die langfingrigen Hände.

„Mokrin ist labil und daher leicht zu beeinflussen. Ausserdem haben wir ja noch dein Wunderwässerchen, das ihm den Rest seiner Zweifel zerstreuen und ihm klarmachen wird, wie wichtig dieser Krieg für uns alle ist.“ Revda zwinkerte Semadar zu.

„Ach Semadar, ich kann es kaum erwarten in die Schlacht zu ziehen.“

Revda breitete seine Arme in einer besitzergreifenden Geste aus und rief:

„Der Zauberwald ist unser!“

 

 

Harak wäre vor Schreck beinahe vom Sims gefallen. Eine Weile starrte er die beiden Männer mit offenem Schnabel an, dann stiess er sich vom Sims ab und flog so schnell er konnte Richtung Süden davon. Er flog zwei Nächte und zwei Tage mit nur wenigen kurzen Pausen durch. Völlig erschöpft erreichte er das Ufer am Knie des Namur, wo ein grosser Schwarm Raben inmitten eines Birkenwaldes ihr Lager aufgeschlagen hatte. Die Morgensonne hauchte ein rosa Glänzen über die weissen Baumstämme. Das Gras strahlte golden. Die meisten Raben waren schon munter. Sie staksten zwischen den Bäumen umher, um sich ihr Frühstück zu suchen.  

„Borax!“, krächzte Harak so laut es seine geschundenen Lungen noch zuliessen. „Borax, wo bist du? Schnell!“ 

Die Raben, die um ihren Fürsten herumstanden, hüpften rasch zur Seite, um Harak durchzulassen. Borax stocherte mit einem dünnen Zweig, den er an einem Ende mit seinem kräftigen Schnabel angespitzt hatte, in den Löchern eines morschen Birkenstammes nach Maden. 

„Verzeih’, dass ich dich beim Frühstück störe“, keuchte Harak.

Der Rabenfürst liess den Zweig im Loch stecken, wo er gerade eine fette Made angestochen hatte und drehte sich überrascht um.

„Harak! Was tust du hier? Du solltest doch in Usa sein. Warum hast du deinen Posten verlassen?“

„Krieg“, sagte Harak mit einem unglücklichen Blick zu seinem Herrn.

„König Siklos ist tot. Und jetzt will Revda den Zauberwald angreifen. Ich bin so schnell geflogen, wie ich konnte.“

Borax stand starr auf seinem erhöhten Platz. Die Sonne zauberte einen violetten Schimmer auf sein schwarzes Gefieder. Seine dunklen Augen funkelten. Langsam liess er seinen Blick über die Raben schweifen, die sich langsam um Harak und ihn selbst versammelten und schockiert miteinander tuschelten oder stumm zu ihm und Harak schauten.

Borax erhob den rechten Flügel und augenblicklich herrschte Ruhe unter den Raben. Ruhig zog er den Zweig mit der Made aus dem Loch des Birkenstamms und reichte ihn Harak hinab.

„Hier, nimm, mein Freund. Du bist ja völlig entkräftet. Dann schlaf ein paar Stunden.“

Er erhob seine Stimme und wandte sich den versammelten Raben zu:

„Das sind schlimme Nachrichten und sie erfordern unser sofortiges Handeln. Sobald Harak sich ein wenig erholt hat, fliegen wir in den Zauberwald. Wir müssen König Abagindel warnen. Macht euch bereit.“

„Die Einzelheiten kannst du mir unterwegs berichten“, sagte er zu Harak, „schlaf dich erst einmal aus.“

Harak nickte dankbar und sank an Ort und Stelle auf den weichen Waldboden.

 

2. Der Bote

„Komm schon, Ethelia, das kannst du besser“, sagte Deborah zu dem Fliegenden Schweinchen, das gemeinsam mit den anderen Ferkeln seine Flugmanöver auf der grossen Wiese in Ipsalöö übte.

„Leg die Flügel etwas früher an und zieh den Kopf ein, bevor du dich in die Kurve legst. Ja, schon besser. So und jetzt alle noch einmal von vorne. Los!“

Geronimo trat leise neben Deborah und Olimbo, den Fluglehrer der Fliegenden Schweine, der gemeinsam mit Deborah das Training leitete.

„Sie machen sich ganz gut, nicht wahr?“, sagte Geronimo.

„Heilige Mutterkrähe“, rief Deborah und hüpfte erschrocken zur Seite. „Dass du dich auch immer so anschleichen musst.“

Geronimo tauschte verstohlen ein Grinsen mit Olimbo. 

„Volle Konzentration wie immer, hm?“

„Du weißt ja, ich mag keine halben Sachen“, erwiderte Deborah mit einem Augenzwinkern.

„Und ich bin so froh um ihre Hilfe, Geronimo“, sagte Olimbo.  „Ehrlich, ich weiss nicht, wie ich es ohne sie schaffen würde. Es sind dieses Jahr so viele.“

Geronimo nickte. Gemeinsam verfolgten sie die beharrlichen Bemühungen der jungen Fliegenden Schweine, es ihren Lehrern recht zu machen. Es waren ungewöhnlich viele Ferkel in diesem Frühjahr zur Welt gekommen. Geronimo schmunzelte. Das mochte daran liegen, dass die Fliegenden Schweine, nachdem sie so knapp ihrem Untergang entronnen waren, das Leben umso intensiver feierten und dem Schicksal beweisen wollten, dass sie es meistern würden, komme was wolle. 

Geronimo schaute zu Deborah. Er war froh, dass sie einen festen Platz in ihrer Gemeinschaft eingenommen hatte.

Die meisten Fliegenden Schweine respektierten und mochten Deborah. Jene, die es nicht taten, wagten es nicht, sich gegen sie zu stellen. Sie war die beste Freundin und Vertraute des Sohnes ihres Anführers. Geronimo galt den Fliegenden Schweinen alles. Er war ihr Held. Ihm war gelungen, was vor ihm noch kein Fliegendes Schwein geschafft hatte. Auch Oraklingard begegnete ihm mit Respekt. Die Alte hatte Deborah in ihr Herz geschlossen, auch wenn sie das nicht immer offen zeigte. Sie hatte sie gegen die Zweifler verteidigt. Zuerst waren nicht wenige der Fliegenden Schweine der Ansicht gewesen, eine Krähe könnte unmöglich ein Mitglied der Sippe sein.

Die Fliegenden Schweine hatten damals, vor beinahe einem Jahr, nicht schlecht gestaunt, als Geronimo am Odelynstag nicht nur das Amulett nach Orbadoc zurückgebracht, sondern ihnen auch Deborah vorgestellt hatte. Er hatte es gewagt, eine Fremde nach Orbadoc zu bringen. Das war ein schwerer Frevel, der nur unter den ausserordentlichen Umständen zu entschuldigen war. Für ihre Sicherheit war es unerlässlich, dass niemand ihre gut verborgene Heimat kannte.

Die Fliegenden Schweine waren Deborah unendlich dankbar für alles, was sie zu ihrer Rettung beigetragen hatte und bewunderten ihren Mut und ihre Treue. Aber musste sie deswegen gleich in Orbadoc bleiben? Ausserdem drängte die Zeit. Das Ritual musste durchgeführt werden.

Wie sollte das vonstattengehen, wenn dabei eine Fremde zusah? Die meisten waren der Ansicht, man sollte Deborah während der Dauer des Rituals die Augen zubinden und sie im Wald verstecken. Geronimo war empört über diese Respektlosigkeit und ereiferte sich heftig für seine Freundin. Ein Streit entbrannte. Die Fliegenden Schweine brüllten und grunzten wild durcheinander. Schliesslich trat Oraklingard vor, musterte Deborah eine Weile und sagte dann:

„Ich habe oft von dir geträumt. Dein Herz ist rein und dein Besuch ehrt uns. Es steht dir frei, dem Ritual zuzusehen.“

Damit war die Sache entschieden.

Es war Geronimos erstes Erneuerungsritual gewesen. Er war furchtbar aufgeregt. Auch Deborah war neugierig, was die Fliegenden Schweine da veranstalten würden.

Entgegen aller Hoffnung hatten sie sich vorbereitet. Natürlich hatte Oraklingard sie dazu gedrängt. Alle hatten am vorherigen Tag gefastet. Den Untergang vor Augen, war den meisten ohnehin der Appetit vergangen. Oraklingard hatte Erde auf Olbenrinde ausgebreitet und sie drei Tage lang von der Sonne bescheinen lassen. Ebenso hatte sie Olbenblätter getrocknet und zu Pulver zerstossen. Schliesslich hatte sie ihr kleines Messer geschliffen. 

An diesem Morgen, kurz bevor Geronimo ankam, hatte sie den Fliegenden Schweinen befohlen, sich um den Zeremonienstein zu versammeln. Es war ein Felsbrocken mit einer tiefen Mulde in der Mitte, so dass die Fliegenden Schweine ihn als Schüssel benutzen konnten. Nachdem die Streitfrage um Deborahs Beisein geklärt worden war, breitete Oraklingard ihre Flügel aus und rief mit dröhnender Stimme: „Lasst uns beginnen.“

Die Fliegenden Schweine nahmen ihre Plätze in einem Kreis um den Zeremonienstein herum ein. Als ein jedes auf seinem Platz sass, nickte Oraklingard Geronimo zu.

„Bring mir das Amulett.“

Er tat wie befohlen. Oraklingard fasste das Halsband mit ihrer Schnauze und Geronimo zog seinen Kopf daraus hervor. Feierlich legte Oraklingard das Amulett in die Mulde des Zeremoniensteins. Keines der Fliegenden Schweine wagte, einen Mucks zu machen.

Alle starrten erwartungsvoll auf Oraklingard, die unverständliche Zauberformeln murmelnd, um den Zeremonienstein herumschlich. Endlich blieb sie stehen und befahl Geronimo, an den Stein heran zu treten und die Flügel so zu öffnen, dass das linke Flügelgelenk direkt über dem Amulett war. Dann hob sie das kleine Messer vom Boden auf und ritzte so schnell und geschickt, dass Geronimo den Schnitt kaum spürte, seine Haut.

Nachdem ein paar Tropfen seines Blutes auf das Amulett gefallen waren, wies die Alte Geronimo mit einem freundlichen Kopfnicken an, sich wieder in den Kreis der Fliegenden Schweine zurückzuziehen. Fegasio, der im Kreis neben Geronimo stand, trat als Nächster an den Zeremonienstein.

Bei einem Fliegenden Schwein nach dem anderen vollzog Oraklingard das gleiche Ritual, bis als letzter Hieronymus an der Reihe war. Als sein Blut das Amulett benetzt hatte, reichte Oraklingard ihm das Messer und er ritzte seinerseits das Flügelgelenk der Seherin und liess auch einige Tropfen ihres Blutes auf das Amulett fallen.

Oraklingard erhob sich in die Luft und flog in immer grösser werdenden Kreisen Runde um Runde höher um den Zeremonienstein. Hieronymus und die anderen Fliegenden Schweine folgten ihr eins nach dem anderen, so dass Deborah einen Trichter aus Fliegenden Schweinen sah, der über dem Stein rotierte.

Während die Fliegenden Schweine ihre Runden drehten, sang Oraklingard ein Lied. In den Refrain stimmten die anderen Fliegenden Schweine mit ein. Die Melodie war erst still und sehnsuchtsvoll, wurde lauter und fröhlicher, bis einem vor Glück das Herz in der Brust hüpfte. Deborah wiegte ihren Kopf hin und her. Sie konnte nicht mehr still stehen.

Selbstvergessen tanzte sie zum Gesang der Fliegenden Schweine. Sie musste sich mit aller Disziplin am Boden halten. Zu gerne wollte auch sie sich in die Luft schwingen und sich singend den Fliegenden Schweinen anschliessen. Als Deborah glaubte, es nicht mehr länger am Boden aushalten zu können, verstummten die Fliegenden Schweine plötzlich und landeten eines nach dem anderen wieder an ihren Plätzen um den Zeremonienstein herum. 

Oraklingard nahm den Morgentau, den die Fliegenden Schweine vorher in einem ausgehöhlten Ölkürbis gesammelt hatten und goss ihn über das Blut und das Amulett. Dann liess sie etwas Erde und das Olbenblattpulver darüber rieseln.

Unter weiteren gemurmelten Zauberformeln mischte sie die Zutaten mit einem Olbenstöckcken, bis sich eine homogene Masse gebildet hatte. Dann liess sie wieder ein Fliegendes Schwein nach dem anderen an den Stein herantreten und malte einem jeden mit dem Blutgemisch ein Zeichen auf die Innenseiten der Flügel: von einem Kreis umschlossene, ausgebreitete Schwingen.

Es symbolisierte ihre niemals endende Flugfähigkeit. Sobald ein Fliegendes Schwein das Zeichen erhalten hatte, erhob es sich abermals in die Luft und flog einen Kreis um die noch am Boden stehenden Schweine, bevor es wieder seinen Platz einnahm. Zum Schluss malte Hieronymus das Zeichen auf Oraklingards Flügel. Nachdem er seine Runde geflogen war, nahm die alte Seherin das Amulett aus der Mulde des Zeremoniensteins und flog damit drei Runden über die Fliegenden Schweine. Sie landete vor Geronimo, legte ihm das Amulett wieder um den Hals und verbeugte sich mit ausgebreiteten Schwingen vor der Sippe. Damit war das Ritual abgeschlossen.

 

„Geronimo?“

„Hmm?“ 

„Wo warst du gerade?“

„In Orbadoc.“

„Schon wieder Sehnsucht nach dem Paradies?“

„Ja, das ist es in der Tat. Und weisst du was? Ich freue mich auf eine gemeinsame störungsfreie Reise mit meiner Familie. Und auf einen ruhigen sonnigen Winter.“

„Mit vielen fetten Olbknollen, stimmt’s?“, sagte Deborah und lachte. „Also ich für meinen Teil hätte nichts gegen ein wenig Zerstreuung.“

„Oh, nichts Gefährliches“, wandte sie schnell ein, als sie Geronimos entsetztes Gesicht sah.

„Bist du fertig hier?“, fragte er, um das Thema zu wechseln. Er fürchtete sich ein wenig, dass Deborah ihn und die Fliegenden Schweine verlassen würde, weil ihr das Leben mit ihnen zu langweilig war, aber er wagte nicht, mit ihr darüber zu sprechen.

Deborah nickte.

„Dann lass uns noch an den Strand gehen. Die Wolken verheissen einen spektakulären Sonnenuntergang.“

„Was hast du heute so getrieben?“, fragte Deborah.

„Ich war mit Rochulio und Fegasio in den Bergen. Wir haben ein paar Höhlen entdeckt und erforscht. Aber sie waren allesamt leer. Da waren auch keine Anzeichen auf frühere Bewohner. Nichts besonders Aufregendes also. Aber wir haben einen Olbenhain gefunden.“ Geronimo sog geniesserisch die Luft ein. „Die Erde um die Wurzeln der Bäume platzte dort geradezu auf vor lauter Olben. Ich hab’ jetzt noch Bauchweh, soviel hab’ ich gefressen. Rochulio und Fegasio geht es nicht besser. Wir konnten kaum zurück fliegen. Die Olbknollen waren so lecker.“ 

Geronimo seufzte und Deborah konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Geronimo hatte sich ganz schön verändert. Von dem kleinen mageren Schweinchen, das sie damals kennengelernt hatte, war nichts mehr zu sehen. Geronimo war ein stattlicher junger Eber geworden. Hieronymus hatte Recht behalten. Orbadocs fette Olbkollen und saftigen Kräuter hatten an Geronimo ein Wunder bewirkt. Er war jetzt genauso gross und kräftig wie seine Cousins. 

„Schön, dass du dich mit den beiden so gut verstehst“, sagte Deborah.

„Ja, sie sind wirklich meine besten Freunde. Abgesehen von dir natürlich. Auf die beiden ist hundertprozentig Verlass.“

„Das ist auch gut so, denkt man an die Intrigen ihrer Mutter.“

„Ach, ich glaube Metulda hat endlich eingesehen, wer der nächste Anführer der Fliegenden Schweine sein wird. Ausserdem haben ihre Söhne ihr klar gemacht, dass sie keine Ambitionen haben, meinen Platz einzunehmen.“

„Ich würde sie dennoch im Auge behalten.“

„Das mache ich auf jeden Fall“, versicherte Geronimo mit einem verschwörerischen Lächeln.

Geronimo und Deborah stiegen hoch in die Luft hinauf, um über die Hügel hinweg das Schauspiel betrachten zu können, das ihnen der Himmel im Westen der Insel bot. Die Sonne hatte die Wolken in Brand gesetzt. Rot und orange loderten sie wie die Verheissung etwas Unaussprechlichen. 

Als sich die Farben schliesslich zu blaugrauem Dämmerlicht zerliefen, flogen Geronimo und Deborah zurück Richtung Strand am der südöstlichen Küste der Insel. Sie liebten es, dort gemeinsam die Abende zu verbringen, auf die Weite des Meeres zu blicken, den Wellen zu lauschen und zu reden oder einfach gemeinsam zu schweigen. Sie sahen sie einen schwarzen Punkt näher kommen. Immer wieder fiel er ein Stück tiefer von seiner Bahn ab, schwankte nach links und wieder nach rechts, trudelte, fing sich und kam langsam auf den Strand zu, der ein gutes Stück vor dem Hügel die Wiese vom Meer trennte.

„Was ist das?“, fragte Geronimo.

„Sieht aus wie ein Vogel. Ein ziemlich grosser.“

„Der fliegt aber komisch. Vielleicht ist er verletzt.“

„Kann sein. Oder sehr erschöpft.“

Deborah hatte die Worte kaum ausgesprochen, als der Vogel den Strand erreichte und wie ein Stein auf den Sand stürzte. Deborah stiess einen Schrei aus. 

„Schnell“, rief Geronimo. Gemeinsam sausten sie an den Unfallort. Der Vogel steckte mit halb ausgebreiteten Flügeln im Sand und regte sich nicht. 

„Ein Rabe?“ Geronimo stutzte und blickte Deborah ratlos an. Sie zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Vorsichtig umkreiste sie den reglosen Körper und suchte nach einem Lebenszeichen. Sie stiess ihn sanft mit dem Schnabel an. Der Rabe stöhnte. 

„Er lebt!“, rief Geronimo erfreut aus.

„Sieht nicht so aus, als hätte er sich was gebrochen“, befand Deborah. Doch sicherheitshalber fragte sie den Raben: „Kannst du mich hören?“

Der Rabe krächzte, was wohl ein Ja bedeuten sollte.

„Bist du verletzt?“

Der Rabe hob ein wenig seinen Kopf und sagte: „Nein, nur furchtbar müde.“ Er liess den Kopf wieder in den Sand fallen und schlief sofort ein. 

„Hm. Der scheint ja einen langen Flug hinter sich zu haben“, sagte Geronimo. „Am besten lassen wir ihn eine Weile schlafen.“

Deborah stimmte zu.

„Wir sollten aber bei ihm bleiben, sonst verschwindet er womöglich wieder bevor wir erfahren, was ihn hierher verschlagen hat.“

„Vielleicht hat er sich ja bloss verirrt.“

„Ja, vielleicht.“ Deborah betrachtete den Raben. Seltsame Gefühle stiegen dabei in ihr auf. Wie lange war es her, dass sie einem Raben so nahe gewesen war? Seit ihrer Kindheit? Ja, so war es wohl. Seit sie und ihre Mutter verstossen worden waren, hatte sie sich nie mehr in die Nähe von Raben gewagt. Sie hatte zwar das eine um das andere Mal Raben aus der Ferne heimlich beobachtet, aber niemals mit einem von ihnen gesprochen. Jetzt lag einer von ihnen direkt vor ihren Füssen. Bewegungslos. Harmlos. Vorerst zumindest. Und ausgerechnet hier in Ipsalöö, am Ende der Welt. Er sah gut aus, fand Deborah.

Obwohl sie im Allgemeinen, aufgrund ihrer bitteren Erfahrung, auf Raben nicht so gut zu sprechen war, fand sie diesen einzelnen hier ganz sympathisch. Er schlief tief und fest. Beinahe wirkte er wie ein Toter. Nur an seinem Brustkorb, der sich gleichmässig hob und senkte, war zu erkennen, dass er noch lebte. Deborah beobachtete die sanfte Bewegung und lauschte gleichzeitig dem Rauschen der Brandung. Langsam wurden ihre Lider schwer. Sie gähnte und schaute zu Geronimo. Er hatte sich bereits im Sand eine Mulde gegraben und schlief selig. 

„Sei’s drum“, dachte Deborah, hüpfte zu Geronimo hinüber und kuschelte sich an seinen Bauch.

 

Geronimo erwachte noch bevor die Sonne aufging und wunderte sich, dass er am Strand lag. Dann fiel es ihm wieder ein. Der Rabe. Er versuchte aufzustehen, ohne Deborah zu wecken, was ihm jedoch nicht gelang.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich zerknirscht, als sie verschlafen den Kopf hob.

„Schon gut“, lallte sie. „Ist er noch da?“

„Ich wollte gerade nachsehen.“

Der Rabe lag noch in derselben Stellung da, wie am Abend zuvor. Geronimo und Deborah setzten sich neben ihn in den Sand und warteten. Gemächlich tauchte die Sonne aus dem Meer auf und gab den Dingen ihre Farben zurück. Der Rabe rührte sich noch immer nicht, und Geronimo und Deborah befürchteten schon, er habe während der Nacht sein Leben ausgehaucht.

„Da! Er hat seinen Flügel bewegt“, rief Geronimo plötzlich aus. Und tatsächlich rappelte sich der Rabe endlich auf seine Füsse, schüttelte sich, blickte verwirrt um sich und erinnerte sich schliesslich, was ihm geschehen war. Dann erblickte er Geronimo und Deborah.

„Guten Morgen“, sagte er und deutete eine kleine Verbeugung an. „Ist das hier die Insel Ipsalöö?“

Geronimo und Deborah nickten.

„Gut.“ Der Rabe stiess einen tiefen Seufzer aus. „Ich muss dringend mit dem Anführer der Fliegenden Schweine sprechen. Wisst ihr vielleicht, wo ich ihn finde?“

„Ich bin sein Sohn. Was willst du von meinem Vater? Wieso weisst du von den Fliegenden Schweinen und wo wir leben? Wer bist du überhaupt?“ Geronimo fand den Raben mittlerweile ziemlich beunruhigend. 

„Mein Name ist Harak. Ich gehöre zum Gefolge des Rabenfürsten Borax.“

Deborah zuckte zusammen und Geronimo starrte ihn ungläubig an.

„Woher weiss er, dass Deborah bei uns ist?“

„Deborah?“ Jetzt war es Harak, der die beiden mit offenem Schnabel anstarrte.

„Bist du etwa? Ich meine, Borax hat eine Tochter. Sie ist nicht bei ihm. Schon lange nicht mehr. Na ja, sie heisst auch Deborah.“

Die beiden musterten sich aufmerksam.

„Und wenn ich sie wäre?“

Bevor Harak antworten konnte, unterbrach Geronimo die beiden.

„Entschuldigt bitte, können wir das später erläutern? Oder ist Deborah der Grund, warum du hier bist?“

„Nein“, antwortete Harak. „Sie ist nicht der Grund, warum ich hier bin.“ Mit einem freundlichen Kopfneigen zu Deborah, fügte er hinzu: „Obwohl ich mich sehr freue, dich kennenzulernen.“ Er schaute Deborah aus hellgrauen Augen an. Welch seltsame Laune der Natur, dachte Deborah. Ein Rabe mit hellen Augen. Es waren freundliche Augen. Harak wandte sich wieder an Geronimo.

„Ich komme direkt aus dem Zauberwald. Der Elbenkönig Abagindel hat mir von eurer Existenz und eurem Wohnsitz erzählt und mich mit einer dringenden Nachricht für den Anführer der Fliegenden Schweine hierher geschickt.“

Geronimo und Deborah sahen sich verblüfft an.

„Aus dem Zauberwald?“, riefen sie wie aus einem Mund.

„Was führt die Raben in den Zauberwald?“

„Das würde ich gerne erklären, wenn dein Vater dabei ist. Es ist wirklich sehr dringend. Bitte bring mich umgehend zu ihm.“

„Natürlich. Komm.“

„Halt, einen Moment noch“, bat Deborah und hüpfte zum Saum der Wiese, wo sie mit dem Schnabel im Gras herumstocherte. Wenige Augenblicke später kehrte sie, einen fetten Wurm im Schnabel, zu Geronimo und Harak zurück und legte letzterem ihre Beute vor die Füsse.

„Friss erstmal was. Du musst ja völlig ausgehungert sein.“

Harak lächelte und sagte leise: „Ganz der Vater.“

„Wie bitte?“ 

„Ach, nichts weiter. Vielen Dank, Deborah.“

 

Hieronymus kroch gerade unter dem Weissdornbusch hervor, welcher sein Nachtlager schützte, als Geronimo, Deborah und Harak ankamen. Er blinzelte. Aber es waren tatsächlich zwei schwarze Vögel, die neben seinem Sohn landeten.

„Nanu. Was ist hier los?“, rief er erstaunt aus.

„Guten Morgen, Vater. Entschuldige, dass wir dich so früh überfallen. Aber es ist dringend.“ Er deutete auf Harak.

„Darf ich vorstellen: Das ist Harak, aus dem Gefolge des Rabenfürsten Borax. Wir haben ihn gestern Abend am Strand gefunden, wo er vollkommen erschöpft abgestürzt war. Wir sind deshalb über Nacht dort geblieben. Er sagt, König Abagindel aus dem Zauberwald schickt ihn mit einer wichtigen Botschaft an dich.“ Geronimo wandte sich an Harak.

„Harak, dies ist mein Vater Hieronymus, der Anführer der Fliegenden Schweine.“

Harak verneigte sich vor dem imposanten Eber und sagte:

„Es ist mir eine Ehre.“

„Sei willkommen auf Ipsalöö, Harak. Wie lautet die Nachricht, die du mir bringen sollst?“

Harak räusperte sich. „Leider sind es keine guten Nachrichten. Dem Zauberwald droht grosse Gefahr. König Revda von Usa plant, mit seiner Armee gegen den Zauberwald zu marschieren. Ich selbst war in Usa und habe gehört, wie Revda zu seinem Vertrauten, dem Zauberer Semadar, gesagt hat, dass die Vorbereitungen beinahe abgeschlossen wären. Der Zauberwald ist unser, hat er gesagt. Es wird Krieg geben. Revda will nur noch die Tarugarder auf seine Seite bringen, dann geht es los. Deshalb bittet euch König Abagindel um Hilfe. Er braucht jede Unterstützung, die er bekommen kann. Er ruft dich und  Geronimo zum Kriegsrat nach Merilsilivren. So schnell wie möglich.“

Harak stiess erleichtert darüber, dass er den Hilferuf des Königs der Elben endlich übermittelt hatte, die Luft aus. Nacheinander  blickte er in drei Augenpaare, die ihn fassungslos anstarrten. Keiner sagte ein Wort. Es war, als wären sie alle drei zu Stein erstarrt. Hieronymus fasste sich als erster.

„Wer, um Himmels Willen, ist dieser König Revda von Usa?“

„Usa ist eine Stadt am nordöstlichen Meer, da wo der grosse Namurfluss seine vielen Arme ins Meer streckt. Revda ist ein Mensch, ein ganz übler obendrein“, erklärte Harak mit verdrossener Miene. 

„Heilige Mutterkrähe!“, sagte Deborah. „Das hat uns noch gefehlt. Krieg gegen die Menschen.“

Geronimo war ganz blass um die Nase geworden. Menschen. Er hatte schon einiges über diese Spezies gehört, aber noch niemals einen zu Gesicht bekommen. Deborah, und vor allem auch sein Vater, hatten ihm gesagt, dass von den Menschen nicht viel Gutes zu erwarten sei, abgesehen von einigen Ausnahmen, wie damals Odelyn. Geronimo schloss für einen Moment die Augen. Krieg. Der Klang dieses Wortes frass sich wie Säure durch seine Adern. 

 

Wenig später sassen sie mit der alten Seherin zusammen und berieten sich.

„Wann, sagtest du, ist mit diesem Krieg zu rechnen?“, fragte Oraklingard.

„Das wissen wir nicht genau. Jedenfalls sollten wir keine Zeit verlieren, um uns darauf vorzubereiten. Soviel ich herausgefunden habe, hat Revda schon lange hinter dem Rücken seines Vaters eine Armee zusammengestellt. Und jetzt, da dieser tot ist, hält ihn nichts mehr zurück. Revda will nach Tarugard reisen, um seinen Schwager, König Mokrin, für seine Sache zu gewinnen. Das gibt uns etwas Zeit. Einen Monat vielleicht, wenn wir Glück haben.“

„Ein Monat?“, rief Hieronymus entsetzt aus. „Aber dann werden wir mit der Sippe unterwegs in den Süden sein.“

„Ich träumte von drei Königen. Einer starb, der zweite lachte und zerrte den dritten an einer Schnur um den Hals hinter sich her. Um sie herum waren Feuer und über ihnen schwebte ein weisses Tuch, das Dunkelheit verströmte. Ich konnte mir darauf keinen Reim machen“, sagte Oraklingard.

Sie schwiegen eine Weile, jeder hing seinen eigenen Überlegungen und Befürchtungen nach. Schliesslich sagte Geronimo:

„Vater, wir müssen die Sippe in Sicherheit bringen. Wir sollten so schnell wie möglich abreisen. Alle.“

„Wie stellst du dir das vor? Die Ferkel sind noch nicht bereit für einen so langen Flug. Was meinst du, Deborah?“

„Hmm. Sie üben fleissig und sie haben in letzter Zeit beachtliche Fortschritte gemacht. Aber ob sie die lange Reise schaffen? Ich weiss nicht. Es wird schwierig werden, fürchte ich.“ 

„Geronimo hat recht, Hieronymus“, sagte Oraklingard. „Wir müssen die Sippe nach Orbadoc bringen, bevor der Krieg beginnt. Hier können wir nicht bleiben. Besonders die Kleinen würden den Winter hier oben nicht überleben. Es gibt nicht genug Nahrung für alle, ganz abgesehen von der Kälte.“

Hieronymus seufzte und wandte sich wieder an Harak.

„Und du bist ganz sicher, dass es wirklich zum Kampf kommen wird?“

„Daran gibt es leider keinen Zweifel, glaub mir. Ich habe Revda lange genug beobachtet. Er kennt kein Erbarmen. Und er nimmt sich immer, was er will.“

„Wir nehmen die Ferkel huckepack“, sagte Geronimo.

Alle schauten zu ihm hin. „Was?“

„Wir tragen sie auf unseren Rücken. Jedes erwachsene Fliegende Schwein nimmt ein Ferkel auf seinen Rücken. So schaffen wir die langen Etappen übers Meer und die Berge. Und wo immer möglich, kürzen wir die Etappen und lassen die Kleinen selber fliegen, damit die älteren Schweine entlastet sind.“

Oraklingard nickte ihm anerkennend zu.

„Ausgezeichnet! So wird es gehen. Was meinst du Hieronymus?“

„Ja, das ist eine gute Idee.“ 

„Wir stellen Gurte her, um die Kleinen zu sichern. Auf diese Weise müssen wir die Etappen nicht kürzen. Wir lassen die Kleinen erst ein Stück selber fliegen und wenn sie müde sind, binden wir sie auf unsere Rücken und fliegen so noch ein Stück weiter. Deborah und ich haben so was schon gemacht. Wir zeigen den anderen, wie man solche Gurte dreht.“

„Wunderbar, mein Sohn. So machen wir es. Wir haben noch eine weitere Frage zu klären. Wer fliegt mit der Sippe nach Orbadoc und wer bleibt im Zauberwald? Wir können die Sippe nicht den ganzen Winter über ohne Anführer lassen. Auf jeden Fall muss ich wohl mit Harak voraus fliegen zu diesem Treffen im Zauberwald.“

„In Merilsilivren genau genommen“, sagte Harak. 

Hieronymus nickte. „Ich hätte dich gerne dabei, Geronimo. Wer führt dann aber die Fliegenden Schweine an?“

„Ich bleibe auf jeden Fall bei der Sippe“, sagte Oraklingard. „Ich bin zu alt für den Krieg. Und auf mich werden die Fliegenden Schweine hören, wenn ihr beiden nicht bei uns seid.“

„Wunderbar. Rochulio und Fegasio sollen mit dir fliegen.“ Hieronymus machte eine Pause, liess seinen Blick in die Ferne schweifen, dann fügte er hinzu: „Es ist wohl gut, wenn die Fliegenden Schweine in Merilsilivren einen Zwischenhalt einlegen. Ich denke, dass König Abagindel ein paar zusätzliche Krieger gebrauchen kann. Wir werden sehen. Lasst uns erst einmal bis in den Zauberwald fliegen, dort entscheiden wir dann, wer bleiben und wer weiter fliegen soll. Seid ihr damit einverstanden?“

Er schaute einen nach dem anderen an und einer nach dem anderen stimmten sie ihm zu.

„So viel zu deiner störungsfreien Reise und dem ruhigen Winter“, raunte Deborah Geronimo leise zu.

Geronimo grunzte missmutig: „Es ist mir wohl nicht vergönnt, einmal auf normale Weise nach Orbadoc zu reisen.“

„Was glaubst du, Hieronymus? Wann können wir fliegen?“, fragte Harak.

„Wir werden die Sippe noch heute Abend informieren, wenn sie sich ohnehin alle für die Abendgeschichte versammeln. Sie jetzt alle zusammenzurufen, würde sowieso den ganzen Nachmittag beanspruchen. In der Zwischenzeit zeigen Geronimo und Deborah einigen von ihnen, wie man diese Gurte anfertigt und bindet. Dann sind wir morgen früh bereit zum Abflug.“

 

Während Hieronymus und Geronimo die Fliegenden Schweine informierten, leistete Deborah Harak Gesellschaft. Sie sassen auf dem dicken Ast einer Olbe, die am Rande der Wiese stand. Eine Weile lang hatten sie die Versammlung der Fliegenden Schweine beobachtet und Hieronymus’ Erklärungen gelauscht. 

„Du bist Borax’ Tochter, nicht wahr?“, brach Harak schliesslich ihr Schweigen und schaute Deborah forschend in die Augen.

„Ja, ich bin Borax’ Tochter“, erwiderte sie gelangweilt, „und wenn schon. Wen interessiert’s? Ganz bestimmt nicht Borax.“

„Da irrst du dich aber gewaltig. Er sucht seit langem nach dir.“

„Ach, wirklich?“, fragte Deborah schnippisch. „Weshalb? Will er mich noch weiter von sich forttreiben? Mich ganz aus Melindor verbannen, damit ich ihm auch ja keine Schande mehr mache, als sein Bastard?“ Sie spuckte das Wort aus, als hätte sie etwas Ekliges im Schnabel. „Ist es das, was er will?“ 

Harak starrte sie verblüfft an.

„Nein, nein, wie kommst du auf solche Gedanken? Er sucht dich, weil er dich liebt und vermisst. Er will dich zu sich holen. In die Familie, zu der du gehörst.“

„Er liebt mich? Was für einen Blödsinn erzählst du mir da. Mein Vater hat mich nie geliebt. Er hat mich abgeschoben. Mich und meine Mutter. Und weisst du was? Ich liebe ihn auch nicht. Er kann mir gestohlen bleiben. Und meine Familie ist hier.“

„Du meinst die Fliegenden Schweine?“

„Genau die. Sie haben mich mit offenen Herzen aufgenommen, auch wenn ich anders bin als sie.“

Harak schaute Deborah mitfühlend an. Er ahnte, wie tief die Wunde in ihrer Seele sein musste, die Borax ihr zugefügt hatte. Still verfluchte er ihn deswegen. 

„Deborah“, versuchte er vorsichtig, das Thema weiter zu spinnen, „dein Vater würde dich jetzt auch mit offenem Herzen aufnehmen. Er bereut schon lange, was er getan hat. Er hat begriffen, dass es ein Fehler war.“

„Was weisst du darüber?“, fragte Deborah seltsam berührt. Sie fand es irritierend, dass dieser Fremde so intime Familienangelegenheiten mit ihr diskutierte.

„Borax hat oft mit mir darüber gesprochen, Deborah. Dein Vater ist nicht nur mein Fürst. Er ist auch mein Freund. Er leidet wirklich sehr darunter, dich verloren zu haben.“

Deborah lachte gequält. „Er leidet? Hat er vielleicht in all der Zeit auch nur ein einziges Mal darüber nachgedacht, wie es mir geht? Wie ich mich fühle, ausgeschlossen sowohl von seiner, als auch von der Familie meiner Mutter?“ Sie flatterte wütend mit den Flügeln vor Haraks Schnabel herum.

„Natürlich hat er das, Deborah. Er quält sich wirklich sehr deinetwegen.“

„Soll ich jetzt etwa auch noch Mitleid mit ihm haben?“

„Ich bin sicher, wenn du ihn triffst, wirst du feststellen, dass er ein guter Kerl ist und es ernst mit dir meint. Gib ihm noch eine Chance. Du wirst es bestimmt nicht bereuen.“

„Vergiss es!“, zischte Deborah und flog, ohne Harak noch eines weiteren Blickes zu würdigen, davon.

Traurig blieb Harak auf seinem Ast sitzen und liess den Kopf hängen. Er war wohl zu weit gegangen. Hoffentlich hatte er nicht alles kaputt gemacht. Dabei hatte er ihre Gesellschaft so genossen. Sie war anders als die Rabenfrauen, die er kannte. Zarter. Sie strahlte eine ungeheure Stärke aus. Ausserdem war sie sehr hübsch.

 

Der Mond war noch nicht voll. Trotzdem leuchtete sein Silberlicht hell durch die Büsche. Geronimo wälzte sich auf seinem Schlafplatz von einer Seite auf die andere. Die Ereignisse des vergangenen Tages hielten ihn wach. Immer wieder kreisten sie in seinem Kopf herum wie hungrige Geier.

Die Abendversammlung mit den Fliegenden Schweinen war kräftezehrend gewesen. Sie hatten sehr unterschiedlich auf die Schreckensmeldung reagiert. Die Gemüter hatten sich erhitzt, es gab laute Diskussionen und es war nicht leicht gewesen, die Ordnung aufrecht zu erhalten.

Manche glaubten schlicht nicht daran, dass die Nachricht vom baldigen Kriegsausbruch wahr sei. Einige versteiften sich gar darauf, dass es gar keinen König von Usa gäbe und demzufolge auch kein Angriff eines solchen zu befürchten sei. Dabei hatte gerade der alte Brutus diesen Unsinn am lautesten hinausgerufen und damit einen erheblichen Tumult ausgelöst.

Er gehörte normalerweise zu den vernünftigsten und erfahrensten Fliegenden Schweinen und sein Rat wurde von vielen eingeholt. Aber so war es eben. Gerade weil die Fliegenden Schweine von der restlichen Welt abgeschottet lebten, wollten sie diese auch nicht in ihre heile Welt einbrechen lassen. Es war einfacher, sie zu verleugnen, als sich ihren Schwierigkeiten zu stellen. Dabei sahen sie nicht, dass sie ein Teil der Welt waren, unlösbar mit ihr verbunden, ob sie wollten oder nicht. 

Es gab Meinungen, dass ein solcher Krieg die Fliegenden Schweine nichts angehe, man solle sich da heraushalten und die anderen machen lassen. Schliesslich habe der König von Usa nicht ihnen den Krieg erklärt und was hatten sie mit dem Zauberwald zu schaffen? 

Viele vertraten die Ansicht, dass man getrost zur üblichen Zeit nach Orbadoc fliegen konnte. Da die Fliegenden Schweine in der Luft unsichtbar waren, würde ihnen auch keine Gefahr drohen. Ein paar junge Eber waren begeistert von der Vorstellung, an einem richtigen Kampf teilzuhaben und wollten gleich mit Hieronymus mitfliegen. 

Die meisten Bachen waren dafür, so schnell wie möglich aufzubrechen und die Ferkel ins sichere Orbadoc zu bringen. Nur in einem Punkt waren sich alle Fliegenden Schweine einig. Keines wollte den Winter in Ipsalöö verbringen und alle waren um die Sicherheit der Ferkel besorgt. 

Oraklingard hatte ihnen heftig die Leviten gelesen und ihnen klar gemacht, dass es sehr wohl ausserhalb ihrer geschützten Gemeinschaft noch eine andere Welt gebe, bevölkert mit allen möglichen Tieren, magischen Wesen und Menschen, und dass diese Welt sie sehr wohl etwas anginge. Alles hinge zusammen wie die Fäden eines Spinnennetzes und beeinflusse sich gegenseitig, auch wenn man das nicht immer gleich erkennen konnte. Diesen Krieg würden auch die Fliegenden Schweine zu spüren bekommen, denn ein Krieg hatte immer Auswirkungen weit über den eigentlichen Schauplatz hinaus. Ausserdem war der Zauberwald die Wiege ihrer Sippe, weil Odelyn mit Pigasus darin gelebt hatte. Das verpflichtete sie zu Loyalität gegenüber dem Zauberwald und seinen Bewohnern. Dann hatte sie ihnen von ihrem Traum erzählt, und die aufmüpfigen Stimmen waren immer leiser geworden.

Geronimo hatte ihnen in Erinnerung gerufen, dass die Fliegenden Schweine über Jahre auf ihrem Flug nach Süden im Zauberwald Halt gemacht hatten und dort stets herzlich willkommen waren und sie eine tiefe Freundschaft mit deren Bewohnern verbunden hatte, welche er im letzten Jahr anlässlich seines Aufenthalts bei den Elben erneuert hatte. Sie sollten auch nicht vergessen, dass die Zauberwaldbewohner für ihn getan hatten, was in ihrer Macht gestanden hatte, um ihm und damit allen Fliegenden Schweinen zu helfen. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, sich erkenntlich zu zeigen und alte Freundschaftsbande neu zu knüpfen.

Hieronymus hatte darauf hingewiesen, dass ihre Unsichtbarkeit in der Luft sie keineswegs vor den Gefahren des Krieges zu schützen vermochte. Immerhin müssten sie öfters Pausen einlegen und da wären sie am Boden und sichtbar. Und wer konnte schon voraussagen, wo bei einem Krieg überall Gefahren lauerten? 

Es waren lange und mühsame Debatten gewesen, aber schliesslich war es ihnen gelungen, die Mehrheit der Fliegenden Schweine von ihrem Plan zu überzeugen, und die übrig gebliebenen Zweifler hatten sich letztlich dem Machtwort ihres Anführers gebeugt. 

Schon vor der Versammlung hatten Deborah und Geronimo einige Bachen in die Herstellung der Tragegurte eingeführt. Obwohl sie erst am Abend erfahren würden, wozu sie dienten, hatten sie Geronimo und Deborah vertraut und eifrig gelernt. Besonders Gudrella hatte sich als sehr geschickt erwiesen und würde nach Deborahs und Geronimos Abreise die Gruppe der Gurtflechterinnen anleiten und beaufsichtigen. Es war alles geregelt für ihren morgigen Aufbruch. Aber da war auch noch die Sache mit Deborahs Vater, die Geronimo beschäftigte. Deborah wirkte verändert, seit Harak ihr von Borax berichtet hatte. Sie hatte kaum gesprochen und war übel gelaunt. Als er von der Versammlung zurückkam, konnte er sie nirgends finden, was ihn beunruhigt hatte. Sonst war sie immer da gewesen, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Seine eigenen Gefühle 

verunsicherten ihn auch. Geronimo fürchtete sich. Krieg war gleichbedeutend mit Zerstörung. Das hatten ihm die Alten in den vielen Legenden aus der Vergangenheit erzählt. Zerstörung, Tod und Leid. Geronimo hatte Angst vor dem Ungewissen, das auf sie alle zukam.

Würde das Leben danach genauso weitergehen wie bisher? Würden alle, die ihm lieb und teuer waren, dann noch an seiner Seite sein? Wie konnte er sie beschützen? Konnte er das überhaupt? Und was, wenn es diesem König gelingen würde, den Zauberwald zu unterwerfen, oder noch schlimmer, zu zerstören? Daran wollte Geronimo lieber gar nicht denken.

Aber da war auch noch ein anderes Gefühl. Ein Kribbeln im Bauch, das so unangenehm gar nicht war. Was war das? Geronimo gestand sich ein, dass er sich trotz aller bevorstehenden Schrecken auf ein Abenteuer freute. Er schämte sich dafür. Es kam ihm ungehörig vor, angesichts der Gefahren und des sicheren Leids, die damit verbunden waren. Ausserdem mochten die meisten Fliegende Schweine keine Abenteuer. Zumindest keine grossen. Sie liebten ein ruhiges gleichmässiges Leben, Geschichten und Olbknollen. Vielleicht hatten die Abenteuer, die er mit Deborah im letzten Jahr durchgestanden hatte, seine Natur verändert? Er hatte gelitten, aber auch viele unvergessliche und schöne Erlebnisse gehabt. Und er hatte Freunde gefunden. Dafür hatten sich alle Mühen gelohnt.

 

„Du wirst bald deinen Vater wieder sehen“, sagte Geronimo zu Deborah, als sie am nächsten Morgen gemeinsam Richtung Zauberwald flogen.

Sie seufzte. „Ich weiss ehrlich nicht, wovor ich mich mehr fürchte: vor dem Krieg, oder davor, Borax gegenüber zu treten.“

„So schlimm?“

„Ach, Geronimo. Die letzten Monate in Orbadoc und auf Ipsalöö waren so schön. Voller Frieden. Ich dachte wirklich, ich hätte ein Zuhause gefunden. Eine Familie.“ Sie schaute Geronimo mit tränenfeuchten Augen an.

„Jetzt scheint alles auseinander zu fallen.“

„Deborah, was immer geschehen wird in dieser Welt und zwischen dir und deinem Vater, die Fliegenden Schweine werden immer deine Familie bleiben. Das weisst du.“

Deborah nickte. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin.“

Geronimo lächelte ihr aufmunternd zu. Eine Weile flogen sie schweigend weiter. Weit unter ihnen schäumten die Wogen des Nordmeeres. Die Sonne schien weich auf ihre Rücken und ein freundlicher Wind unterstützte ihre Reise. Sie kamen schnell voran und würden schon bald die Küste von Narlio erreichen.

„Harak hat gesagt, mein Vater würde mich lieben und es täte ihm leid, was er meiner Mutter und mir angetan hat.“ Deborah schnaubte verächtlich.

„Glaubst du ihm?“, fragte Geronimo vorsichtig. „Harak scheint ein netter und aufrichtiger Kerl zu sein.“

Deborah hatte nie über ihren Vater sprechen wollen. Geronimo wusste, dass es sehr schmerzlich für sie war.

„Selbst wenn es wahr wäre“, brauste Deborah auf, „er kann mir gestohlen bleiben, dieser Borax. Was bildet er sich eigentlich ein? Glaubt er, ich werde mich ihm freudig in die Flügel werfen? Das kann er vergessen!“

Deborah war derart in Rage geraten, dass sie die letzten Worte laut hinaus geschrien hatte. Hieronymus, der ein Stück vor ihnen flog, drehte sich verwundert zu ihr um. Harak, der an seiner Seite flog, zuckte erschrocken zusammen.

„Schon gut, Vater, es ist nichts weiter“, sagte Geronimo. Er war dankbar dafür, dass er sich mit seinem Vater so gut verstand. Seit er letztes Jahr mit dem Amulett um den Hals in Orbadoc zu ihm getreten war, sah Hieronymus in Geronimo nicht mehr das Ferkel von einst. In jedem Blick, den er mit Geronimo tauschte, leuchteten Stolz und Liebe und tiefer Respekt. Hieronymus behandelte Geronimo als ebenbürtigen Eber und er beriet sich mit ihm über alle Entscheidungen, die zu treffen waren. Geronimo schmunzelte bei der Erinnerung an den vor Genugtuung triefenden Blick, den Hieronymus Oraklingard damals zugeworfen hatte. 

Harak wartete ein paar Minuten, bis er glaubte, Deborah hätte sich beruhigt, dann liess er sich an ihre Seite zurückfallen.

„Deborah, ich möchte dich um Verzeihung bitten, dass ich vorgestern Abend so in dich gedrungen bin. Ich wollte dich nicht verletzen.“

„Schon gut“, krächzte sie begütigend, „versprich mir einfach, dass du nicht mehr versuchen wirst, mich mit meinem Vater zu versöhnen.“

Harak zögerte. „Aber…“

„Versprich es!“, zischte Deborah.

Harak blickte hilfesuchend zu Geronimo. Der nickte ihm ermutigend zu. Harak sah sich geschlagen.

„Also gut. Ich verspreche es.“ Er sah ein, dass es allein Borax Angelegenheit war, die Sache zwischen ihm und seiner Tochter wieder geradezubiegen.“

„Sag mal, Harak“, meldete Geronimo sich zu Wort, „wie kommt es eigentlich, dass du in dieser Stadt Usa warst und den König belauscht hast?“

„Es war mein Auftrag“, antwortete er knapp.

„Darfst du nicht darüber sprechen?“

„Doch schon. Nur weiss ich nicht, wie ich das anstellen soll, ohne Borax zu erwähnen“, sagte Harak mit einem entschuldigenden Blick zu Deborah.

„Hm“, krächzte sie missmutig, „wenn’s sein muss.“

Deborah bemühte sich, so gleichgültig wie möglich zu wirken. Sie schaute in die Ferne und auf das dunkle Meer unter sich, aber innerlich verbrannte sie fast vor Neugier darüber zu erfahren, wie die Raben lebten. Harak erzählte:

„Seit vielen Jahren haben wir Raben einen Pakt mit dem König der Elben vom Zauberwald.“

„Einen Pakt?“, rief Geronimo aus.

„Ja. Es gab eine Zeit, in der wir Raben übel von den Menschen verfolgt wurden. Sie wollten uns ausrotten und scheuten keine Gräueltaten, um dieses Ziel zu erreichen. Unsere Zahl wurde damals empfindlich dezimiert – und wenn König Abagindel uns nicht Zuflucht im Zauberwald gewährt hätte – ich weiss nicht, ob es heute noch Raben geben würde. Wie ihr ja wisst, ist es den Menschen nicht gestattet, den Zauberwald zu betreten. Die Raben blieben einige Jahre, bis die nächste Generation der Menschen herangewachsen war und das Interesse an der Jagd auf uns verloren hatte. In dieser Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen den Raben und den Elben. Und natürlich auch zu den anderen Bewohnern des Zauberwalds.“

Geronimo und Deborah sahen sich verwundert an.

„Da die Bewohner des Zauberwalds es vorziehen, sich nicht unter die Menschen zu mischen, boten wir ihnen an, sie fortan mit Informationen aus ganz Melindor zu versorgen.

„Ihr seid Spione geworden?“, fragte Geronimo aufgeregt.

„Wenn du es so nennen willst“, krächzte Harak ein wenig verstimmt. „Mir gefällt allerdings die Bezeichnung Botschafter besser.“

„Verzeihung, es war nicht beleidigend gemeint. Ich finde es sehr aufregend, was du erzählst. Bitte fahr fort.“

„Wir wissen über fast alles Bescheid, was in Melindor geschieht. Vom Norden bis zu den Feuerbergen haben wir Boten an allen wichtigen Orten und in den Städten stationiert.“

„Ausser in Ipsalöö“, sagte Geronimo.

„Ja, aber ihr habt ja selber Flügel“, erwiderte Harak und lachte. „Ich wette, dass ihr weit schneller fliegen könnt als wir.“

Geronimo grinste. „Da könntest du Recht haben.“

„Heisst das, ihr fliegt nie über die Feuerberge weiter nach Süden?“ fragte Deborah.

„Kennst du etwa jemanden, der schon einmal über die Feuerberge geflogen ist?“ Harak verdrehte die Augen.

Geronimo und Deborah wechselten einen amüsierten Blick.

„Natürlich“, sagte Deborah mit unverhohlenem Stolz. „Wir beide zum Beispiel.“

Harak starrte sie ungläubig an.

„Unsere Heimat Orbadoc liegt südlich der Feuerberge“, ergänzte Geronimo. „Die Fliegenden Schweine fliegen jedes Jahr über die Feuerberge.“

„Aber dort gibt es Drachen!“

„Wir sind in der Luft unsichtbar. Sie sehen uns nicht.“

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, wurde Geronimo bewusst, dass Harak ihn und auch Hieronymus sehen konnte und es immer getan hatte, seit sie losgeflogen waren und auch schon vorher auf Ipsalöö. Ihm klappte der Unterkiefer herunter. Nach Deborahs Gesichtsausdruck zu schliessen, war sie soeben zu demselben Schluss gekommen. 

„Du kannst uns sehen. Wie … ?“, stammelte Geronimo.

Harak lachte.

„Das hatte ich ganz vergessen. Herenya* hat mir ein Zauberpulver in die Augen gestreut, damit ich euch auch finde, falls ihr euch zum Zeitpunkt meiner Ankunft schon auf der Reise befunden hättet. Wir wussten nicht, wann ihr nach Süden abreist.“

„Dasselbe Geschenk hat sie mir damals gemacht“, murmelte Deborah versonnen.

„Kennst du alle Städte von Melindor?“, fragte Geronimo, um wieder zum Thema zurück zu gelangen. „Auch Tsungalopso?“

„Oh, nein, wo denkst du hin. An jedem Ort ist natürlich ein anderer Rabe, manchmal auch eine kleine Gruppe, stationiert. Mein Platz war  Usa. Aber ich habe schon von Tsungalopso und von König Willibald und seinen Schweinen gehört. Getroffen habe ich aber noch nie eines von ihnen. Das wird sich bald ändern, schätze ich. König Willibald ist auch zum Kriegsrat geladen.“

„Oh, wie schön“, rief Geronimo erfreut aus.

„Du musst wissen“, erklärte Deborah, „dass Geronimo und ich Ritter von Tsungalopso sind.“

„Ihr seid was?“

„Da staunst du, was?“, sagte Deborah und lachte. Sie freute sich, dass es ihr gelungen war, Harak zu beeindrucken.

„Wie seid ihr zu dieser Ehre gekommen?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Deborah und erzählte Harak, wie sie damals Prinzessin Roxana aus den Klauen des Schweinebarons Ombo gerettet hatten.**

 

*Herenya ist die "Älteste" der Isthuini aus dem Zauberwald. Geronimo und Deborah lernen sie im ersten Band kennen. Isthuini bedeutet weise Frauen. Sie sind eine Elbenart.

 

** nachzulesen in "Der lange Weg nach Orbadoc". 

 

Ich hoffe, die restlichen Figuren und ihre Rollen erklären sich im Text. Sollte dem nicht so sein, fragt gerne per mail nach, dann werde ich zusätzliche Infos dazu schreiben.

 

3. Viele Wiedersehen

 

Dramatis personae:

 

Abagindel, König der Elben im Zauberwald

Inadorel, die Königin, seine Ehefrau

Alamel, ihr Sohn und Kronprinz

Herenya, die Älteste der Isthuini

Adaphila, ihre Tochter und Ehefrau von Alamel

Vayobar, ein Gnom und Leiter des Grossen Ateliers (wo die Natur von den Gnomen entworfen und gestaltet wird. Siehe "Der lange Weg nach Orbadoc")

Gwendobar, ein Gnom und Vayobars rechte Hand im Grossen Atelier

Higor und Higar, ein Twintaure. Das ist ein Wesen mit Hirschkörper aus dem zwei menschliche Körper, ein männlicher und ein weiblicher, wachsen, eben Higor und Higar. Geronimo und Deborah haben sie im ersten Band kennengelernt und sie wurden sehr gute Freunde.

Willibald, König von Tsungalopso, ist ein Schwein ohne Flügel und der Vater von Roxana

Eberhard, Ritter der Svinsburg in Tsungalopso und Ehemann von Roxana. (Die Geschichte, wie Geronimo und Deborah Roxana befreiten, könnt ihr in "Der lange Weg nach Orbadoc" nachlesen. Ebenso wie sie an den Drachen in den Feuerbergen vorbei gekommen sind.

 

https://www.amazon.de/lange-Weg-nach-Orbadoc-Trilogie/dp/3848225697

 

https://www.exlibris.ch/de/suche/?q=der+lange+weg+nach+orbadoc&category=All&searchtype=ss&psort=&size=&p=1

  

Dunkel und geheimnisvoll lag  Zauberwald unter ihnen. Die Wipfel der Bäume wogten im Wind wie die Wellen eines Ozeans. Welche Gefahren und Abenteuer mochte er dieses Mal für ihn und seine Lieben bereithalten? Geronimo seufzte.

„Was ist mit dir?“, fragte Hieronymus. 

„Dieser Wald weckt seltsame Gefühle in mir, Vater. Deborah und ich haben ebenso schreckliche wie wundervolle Dinge darin erlebt. Der Wald macht mir Angst. Gleichzeitig erfüllt mich sein Anblick mit Freude, weil meine Freunde hier leben. Und jetzt warten sie auf uns.“

Hieronymus lächelte verständnisvoll.

„Ja, es geht eine starke Energie von dem Wald aus. Sogar so hoch oben in der Luft kann ich sie spüren. Ich bin auch ziemlich aufgeregt, muss ich gestehen. Wie du ja weisst, habe ich schon viel über den Zauberwald und seine Bewohner gehört, sowohl von dir, als auch aus der Überlieferung. Es geht mir ähnlich wie dir.“

„Vater, ich bin froh, dass du dieses Mal an meiner Seite bist.“

„Das bin ich auch, Geronimo. Das bin ich auch.“

„Geronimo, findest du es nicht auch sonderbar, dass wir so ganz ohne Schutzwall und ohne Passwort einfliegen können?“, rief Deborah von hinten, wo sie mit Harak flog.

„Ja, das ist in der Tat merkwürdig.“

„Der Schutzwall wird erst wieder errichtet, wenn alle zum Rat Geladenen in Merilsilivren eingetroffen sind“, sagte Harak.

„Verstehe“, sagte Deborah, „aber besteht dann nicht die Gefahr, dass unsere Feinde Spione in den Wald schleusen?“

„Der Zauberwald wird gut bewacht, sei unbesorgt. Nebst den Elben, die überall an seinen Grenzen Wachen aufgestellt haben, fliegen auch die Raben die Grenzen des Waldes ab. Und es gibt noch viele andere Wesen, die Informationen weitergeben oder im Notfall gleich eingreifen.“

 

„Hier müssen wir hinunter“, rief Harak. Er übernahm die Führung und bald tauchten sie in das satte Grün des Waldes ein. Die Pracht der Elbenstadt entfaltete sich unter ihnen. Anders als bei ihrem ersten Besuch in Merilsilivren, erstrahlten die Blätter der mächtigen Bäume nicht mehr in saphirblau, sondern in einem durchdringenden, leicht golden strahlenden Grün. Geronimo fühlte sich augenblicklich geborgen und frei von Kummer und Sorgen. Das Glücksgefühl, das ihn  in diesem goldgrünen Leuchten erfasste, war so stark, dass er lachte und im Flug ein paar Purzelbäume schlug.

Wie beim letzten Mal wanden sich dicke Rosengirlanden um die Baumstämme und hingen in dichten Bögen von Baum zu Baum. Nur diesmal waren es sonnengelbe und leuchtend orange Blüten, die eine unwiderstehliche Fröhlichkeit verströmten. Hieronymus betrachtete die Schönheit, die ihn umgab. Seine Augen waren feucht. Er schluchzte und lachte abwechselnd. „Warum haben wir Fliegenden Schweine diesen wundervollen Ort so lange Zeit gemieden?“

Geronimo und Deborah tauschten einen Verschwörerblick und brachen dann in schallendes Gelächter aus, welchem auch Harak nicht widerstehen konnte. Berauscht vom himmlischen Parfum der Rosen und glücklich, am Ziel angelangt zu sein, landeten die Vier auf der  Lichtung direkt vor dem gewaltigen Baum, welcher den Palast des Elbenkönigs beherbergte. 

Merilsilivren war ein Ameisenhaufen. Das Dröhnen und Klingen aus der Schmiede vibrierte in Geronimos Ohren. Die Elben, die überall auf den Wegen, Plätzen und in den Gärten arbeiteten oder mit Pfeil und Bogen und Schwertern trainierten, drehten ihre Köpfe zu den Ankömmlingen hin. Als sie Geronimo und Deborah erkannten, stimmten sie in ihr fröhliches Gelächter mit ein und winkten ihnen zu, um sie zu begrüssen. Einige der Elben, die noch in ihren Baumhäusern waren, kletterten an den Strickleitern auf den Boden hinunter, um Geronimo und Deborah ebenfalls willkommen zu heissen. 

„Diese Begrüssung gefällt mir eindeutig besser, als jene vom letzten Mal“, sagte Deborah.

Geronimo grunzte zustimmend und strahlte seinen Vater an, der mit offenem Maul die Elben anstarrte. 

„Sie sind wunderschön, nicht wahr, Vater? Aber warte, bis du die Königin und Adaphila siehst.“

„Geronimo! Deborah!“ 

Mit ausgestreckten Armen stand Adaphila auf dem Balkon des Palastes und lächelte ihnen zu. Sie trug ein langes elegantes Kleid, dessen Farbe bei jeder Bewegung von glockenblumenblau zu himbeerrosa wechselte. Ein zierlicher Kranz aus Glockenblumen und rosa Heckenrosen schmückte ihre prachtvollen dunklen Haare. Geronimo hörte, wie sein Vater neben ihm schluckte. Er schielte kurz zu ihm hinüber und stellte zu seiner Belustigung fest, dass Hieronymus’ Knie zitterten.

„Kommt herauf, wir erwarten euch schon voller Sehnsucht“, rief Adaphila und winkte. Angeführt von Harak folgten sie der Einladung. Hieronymus verharrte noch einen Augenblick in seiner Bewunderung, bis ihn der Ruf Geronimos wieder zu Sinnen brachte. Mit kräftigen Flügelschlägen folgte er den anderen und landete auf der ausladenden Balustrade des Königspalastes. Adaphila schloss Geronimo und Deborah in ihre Arme und drückte beiden einen Kuss auf den Kopf. 

„Wie ich mich freue, euch wohlbehalten wiederzusehen! Ihr müsst mir später alles erzählen, was euch in der Zwischenzeit widerfahren ist. Offensichtlich ist es euch gelungen, das Amulett rechtzeitig nach Orbadoc zu bringen. Ich will ganz genau wissen, was ihr erlebt habt.“

Sie zwinkerte den beiden fröhlich zu.„Lasst uns aber erst einmal die andern begrüssen.“

Sie streckte die Hand nach Harak aus und er liess sich ohne Scheu darauf nieder.

„Sei gegrüsst, mein tapferer Freund. Du musst ja schneller geflogen sein als der Wind.“

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Dann wandte sie sich mit einer kleinen Verbeugung an Hieronymus.

„Welch eine Freude und Ehre, liebster Hieronymus, dich endlich im Zauberwald und in Merilsilivren willkommen zu heissen.“ Sie hockte sich vor ihm nieder, lächelte ihn an und fragte: „Erlaubst du mir, dir zum Zeichen meiner Verbundenheit einen Kuss zu geben?“

Hieronymus Ohren glühten wie die untergehende Sonne. Er starrte Adaphila an und brachte kein Wort heraus. Stattdessen nickte er nur und wartete mit weichen Knien darauf, dass diese Rosenlippen sein borstiges Haupt berührten. Als es soweit war, zitterte der mächtige Körper des Ebers vor Erregung und Wonne und Geronimo und Deborah kämpften mit aller Macht gegen den Drang an, laut loszulachen. 

Adaphila führte ihre Gäste ins Innere des Palastes. Alamel, das Königspaar Abagindel und Inadorel sowie die Älteste der Isthuini, Herenya, erwarteten sie bereits. Erleichtert stellte Deborah fest, dass ihr Vater Borax nicht anwesend war. Die Hoheiten erhoben sich aus ihren Schneidersitzen am Boden und begrüssten freudestrahlend die Ankömmlinge. Geronimo wunderte sich, dass sie sich so ungezwungen benahmen, als wären sie ganz gewöhnliche Leute und keine Könige. Aber schon gab ihm Alamel die Erklärung dafür, als ob er seine Gedanken erraten hätte.

„Wie schön, euch wieder hier in Merilsilivren zu sehen. Wir haben schon vernommen, dass deine Mission erfolgreich war, Geronimo, was uns ausserordentlich freut. Heute wollen wir euch als die Freunde begrüssen, die ihr für uns seid. Deshalb lassen wir jegliches Protokoll beiseite. Lasst uns die schönen Momente geniessen und unbeschwert sein, so lange uns noch Zeit dafür bleibt. Die schweren Zeiten kommen rasch genug auf uns zu, wie ihr ja gehört habt. Danke, dass ihr so schnell unserem Ruf gefolgt seid.“

„Hieronymus“, sagte Herenya und trat auf ihn zu. „Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Seit dein Sohn im letzten Jahr bei uns war und ich gewahr wurde, dass es euch Fliegende Schweine noch gibt, verging kein Tag, an dem ich nicht um euch gebangt und den Tag herbeigesehnt habe, an dem ich euch alle bei uns im Zauberwald begrüssen kann. Leider sind die Umstände nicht jene, die wir uns für ein Wiedersehen gewünscht haben. Dennoch ist meine Freude gross.“ Wie Adaphila ging auch sie vor Hieronymus in die Hocke und drückte ihm einen Kuss aufs Haupt. Dann sagte sie mit einem strahlenden Lächeln: „Du musst sehr stolz auf deinen Sohn sein.“ 

Hieronymus kullerte eine Träne über die Wange. Er nickte und endlich fand er seine Sprache wieder. 

„Oh ja, das bin ich. Und auch auf Deborah.“ Hieronymus straffte seine Schultern.

„Bitte vergebt mir meine schlechten Manieren. Ich bin so überwältigt von der Schönheit eures Waldes, dieser Stadt und …“, er neigte ein wenig verlegen den Kopf, „der Schönheit eurer Damen, dass es mir die Sprache verschlagen hat. Es ist mir und der ganzen Sippe der Fliegenden Schweine eine Ehre, euch in den bevorstehenden Zeiten helfend beizustehen, obwohl wir noch nicht erkennen, wie wir euch von Nutzen sein sollen.“

„Wir sind für jede Hilfe dankbar“, sagte Alamel. „Wie genau sie aussehen soll, werden wir morgen beim Rat besprechen.“

 

Langsam senkte sich ein sanftes Dämmerlicht über die majestätischen Bäume der Stadt. Nachdem die Elben mit ihren Gästen gemeinsam gegessen hatten, lauschten sie den Geschichten, die ihnen Geronimo und Deborah von ihrer Reise vom Zauberwald bis nach Orbadoc erzählten.

„Als er auf mich zukam, das Amulett um den Hals und die Sonne, die ihre ersten Strahlen darauf legte.“ Hieronymus Stimme versagte für einen Moment. In seinen Augen glitzerte es verdächtig. „Das war der glücklichste Moment in meinem ganzen Leben. Ich wäre beinahe geplatzt vor Stolz.“ Er schaute Geronimo voller Liebe an. Geronimo blickte zu Boden. Seine Ohren glühten. 

„Sei nicht so bescheiden, Geronimo“, sagte Herenya. „Du hast allen Grund, stolz auf dich zu sein. Und selbstverständlich auch Deborah. Was ihr vollbracht habt, ist wundervoll.“ 

Sieben Augenpaare ruhten voller Bewunderung auf Geronimo und Deborah. Geronimo wand sich. Er fand so viel Lob unangemessen. Sicher, er und Deborah waren ein gutes Team, aber sie hatten vor allem Glück gehabt. Deborah hingegen badete in der Zuneigung, welche die Elben ihr entgegen brachten.

Alamel erhob sich.

„Meine Freunde. Es gibt noch einiges, was wir für den morgigen Rat vorbereiten müssen. Bitte fühlt euch frei, eure Zeit bis dann zu verbringen wie es euch gefällt. Ich hoffe, wir werden schon bald wieder Gelegenheit haben, um zusammenzusitzen, zu reden und zu feiern.“

Herenya lud Hieronymus ein, ihn in der Stadt herumzuführen und über die alte Beziehung zwischen den Isthuini und Fliegenden Schweinen zu plaudern. Harak entschuldigte sich damit, dass er sich bei Borax zurückmelden und ihm Bericht erstatten wollte. Geronimo und Deborah blieben alleine zurück. Sie beschlossen, einen kleinen Rundgang durch Merilsilivren zu machen. Als sie auf die Balustrade traten und hinunterschauten, erwartete sie eine Überraschung.

„Higor! Higar!“ 

Nur wenige Augenblicke später waren Geronimo und Deborah bei ihnen am Boden.

„Wie schön, euch wieder zu sehen!“

Higar umarmte Geronimo. „Du bist ja ein richtiger Eber geworden. Ist er nicht hübsch, Higor?“

„Ein Prachtbursche“, sagte Higor und lachte. Er klopfte Geronimo freundschaftlich auf die Schulter. Dann schnappte sich Higor die verdatterte Deborah, drückte sie an sein Herz und küsste sie auf den Kopf. „Unsere liebste kleine Freundin“, sagte Higar und zog sie liebevoll am Flügel.

„Wollen wir spazieren gehen?“, fragte Higor. „Du darfst auch auf meinem Geweih sitzen, Deborah.“ 

Deborah strahlte und machte es sich auf dem imposanten Kopfschmuck des Twintauren gemütlich. Einmal mehr berichteten Geronimo und Deborah über ihre Abenteuer. Higor und Higar erzählten, was es im Zauberwald Neues gab.

„Die Verbindung der Isthuini mit den Elben durch die Hochzeit von Alamel und Adaphila war ein Segen für den ganzen Wald“, berichtete Higor. „Seitdem ist endlich Schluss mit den kleinen Streitereien und unsere magischen Fähigkeiten haben sich deutlich spürbar verstärkt. Beide Völker fühlen sich jetzt gleichberechtigt. Adaphila und Alamel bereichern den Wald mit so viel Frohsinn und Liebe. Möge ihnen ein langes Leben beschert sein.“ 

„Deborah, hat dir König Abagindel erzählt, dass es jetzt entlang des Weges durch den Wald in regelmässigen Abständen Verpflegungsposten für Durchreisende gibt? Sie werden von den Elben höchstpersönlich kontrolliert, damit immer genügend frische Früchte, Nüsse und Wasser zur Verfügung stehen. Auch patrouillieren die Elben ständig, um die Reisenden vor Gefahren zu schützen.“

„Er hat es mir gesagt, ja“, antwortete Deborah mit einem Schmunzeln. „Und er ist mächtig stolz darauf, wie mir schien.“

„Ja“, lachte Higar, „da siehst du mal, welchen Eindruck deine Ansprache damals bei ihm hinterlassen hat.“

„Deborah kann sehr überzeugend sein“, sagte Geronimo mit einem Augenzwinkern.

„Weisst du, dass dein Vater hier ist?“, sagte Higar zu Deborah. 

„Weiss ich, würd’s aber lieber nicht wissen.“

Geronimo klärte Higor und Higar über das Verhältnis Deborahs zu ihrem Vater auf, und Deborah war dankbar, dass sie es nicht selbst tun musste. Sie nickte Geronimo ergeben zu.

„Wir verstehen gut, dass du sauer auf ihn bist“, sagte Higar. Higor schlug vor: „Was hältst du davon, wenn wir ihn heimlich beobachten? Ich kenne ein sicheres Versteck, von welchem man das Lager der Raben gut im Blick hat. Auf diese Weise hast du Borax gegenüber einen kleinen Vorsprung. Das unvermeidliche erste Treffen ist dann nicht mehr so überraschend für dich. Was meinst du?“

Deborah legte ihren Kopf schräg. „Heilige Mutterkrähe. Eigentlich möchte ich ihn gar nicht sehen. Aber du hast recht. Der Schock wäre vermutlich weniger gross, wenn ich ihn vorher heimlich beobachten kann. Ihr bleibt doch alle bei mir, oder?“

„Was glaubst du denn? Ausserdem bin ich schon fast genauso neugierig wie du selbst“, sagte Geronimo.

„Dann lasst uns gehen“, sagte Higar und bog in einen kaum sichtbaren schmalen Pfad zwischen zwei üppig blühenden Rosensträuchern ein. Sie gingen ein Stück durch Sträucher und dichtes Unterholz, Geronimo dicht hinter dem Twintauren, Deborah noch immer auf Higors Geweih sitzend. Endlich gelangten sie an einen mächtigen Baum, dessen Stamm von hinten her fast vollständig hohl war. Der Twintaure trat in den Baum ein und lud Geronimo ein, sich neben ihn zu stellen. 

„Wenn du dich hinlegst, kannst du durch jenes Loch schauen“, sagte Higor. „Und du Deborah, müsstest da oben einen Ausguck finden.“

Von ihrem Fenster aus hatte Deborah einen tadellosen Überblick über das Lager der Raben. Es waren viele. Viel mehr, als Deborah erwartet hatte, und ihr Anblick wirbelte einen Sturm von Gefühlen in ihrem Innersten auf. Sie schluckte schwer. Ihre Familie. Zumindest könnte sie es sein. Oder würde sie von den Raben ebenso abgelehnt werden wie von den Krähen? Spielte das überhaupt eine Rolle? Sie hatte jetzt eine Familie. Sie war glücklich bei den Fliegenden Schweinen. Trotzdem rumorte eine Sehnsucht in ihrem Bauch.

Eine Gruppe Raben flatterte vom Boden auf und gab den Blick frei auf einen umgestürzt liegenden Baumstamm. Darauf sass er. Borax, der Fürst der Raben, Deborahs Vater. Er musste es sein. Er war unverkennbar. Gross und selbstbewusst sass er dort und sagte etwas zu den Raben, die um ihn versammelt waren. Deborah konnte seine Worte nicht verstehen. Der Wind trug sie von ihr fort. Aber Borax’ Stimme schnitt ihr ins Herz. Sie war warm und freundlich. Nicht barsch und arrogant wie sie erwartet hatte. Der Rabe, der ihr Vater war, strahlte Ruhe aus und Vertrauen. Er vermittelte Sicherheit. Und es war offensichtlich, dass die Raben ihn liebten. Deborah war erschüttert. Sie wollte auf der Stelle zu ihm hin, sich in seine Flügel werfen, ihm sagen, wie sehr sie ihn liebte, wie sehr sie ihn vermisst hatte, all die Jahre. Ein verzweifelter Schrei, in dem ihr ganzer Schmerz wie zu einer festen Kugel zusammengepresst war, entfuhr ihrer Kehle.

„Deborah. Was ist mit dir?“, fragte Geronimo.

Deborah schüttelte sich und rief sich in Erinnerung, was ihr Vater ihr und ihrer Mutter angetan hatte. Auch wenn er dort so liebenswürdig auf dem Baumstamm sass, wollte sie doch nicht vergessen, was er getan hatte. Sie würde ihm nicht vergeben. Nicht so einfach. Nicht jetzt schon. Sollte er doch um sie kämpfen, wenn er wollte. Dann würde sie schon sehen, wie viel ihm an ihr lag. Wer wusste schon, ob Harak die Wahrheit gesagt hatte. Vielleicht hatte er sie nur trösten wollen. Vielleicht erklärte Borax den Raben gerade in diesem Augenblick, dass für seine Tochter Deborah kein Platz bei ihnen war. 

„Ist schon in Ordnung, Geronimo. Es geht mir gut.“

„Bist du sicher?“

Sie nickte. „Lass uns gehen, Higor, bitte. Ich habe genug gesehen. Danke, dass du mich hierher gebracht hast.“

Higar streckte die Hand nach Deborah aus und sie liess sich bereitwillig von Higar an die Brust drücken und streicheln.

„Meine tapfere Freundin“, sagte Higar leise. Sie verliessen den Schutz des hohlen Baumes und kehrten nach Merilsilivren zurück.

Als sie auf den Platz vor dem Palastbaum hinaustraten, verschwand die Sonne gerade hinter den Baumwipfeln und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Rosen Merilsilivrens. Vor einem besonders dichten Rosenstrauch versammelte sich eine kleine Gruppe Gnome und Silberelfen, die angeregt miteinander diskutierten.

„Gwendobar!“, rief Geronimo.

Gwendobar drehte sich zu ihm um. Ein breites Grinsen erhellte sein rotbackiges Gesicht, als hätte die Sonne es sich anders überlegt und wäre noch einmal auf-, anstatt untergegangen. Gwendobar breitete seine Arme aus und streckte den Bauch nach vorne. 

„Schaut, wen wir da haben! Welche Freude. Ach, dass ich das erleben darf. Geronimo, Deborah, ihr seid wieder da. Sagt, sind sie nicht eine Wucht?“ Er deutete auf die golden leuchtenden Rosen. Unsere neueste Kreation. Als wären sie ganz aus Gold, nicht wahr? Unsere wunderbaren Silberelfen haben wieder ganze Arbeit geleistet.“ Er neigte sich zu Geronimos Ohr und flüsterte: „Ist natürlich kein echtes Gold, sondern eine spezielle Beschichtung aus, ähm - das darf ich selbstverständlich nicht verraten – die nur bei Bestrahlung der untergehenden Sonne golden glänzt.“ Stolz zwirbelte er seinen langen Bart, neigte ein wenig das Haupt und zog in Erwartung eines angemessenen Bewunderungsausrufes eine Augenbraue hoch.

„Sie sind wirklich ein Meisterwerk. Wunderschön!“, sagte Geronimo träumerisch und meinte es auch so. Deborah beeilte sich, ebenfalls ihre Bewunderung kundzutun. Gwendobar nickte zufrieden. Dann begrüsste er auch Higor und Higar, die sich heimlich amüsierte Blicke zuwarfen. Gwendobar trat mit einer eleganten Verbeugung zur Seite und schwenkte dabei einen Arm in Richtung der anderen aus seiner Gruppe. Dort stand Vayobar, der Leiter des Grossen Ateliers. Der Gnom mit dem langen, beeindruckend goldenen Bart schenkte ihnen ein freundliches Lächeln und sagte: „Ich freue mich, dass wir uns wieder begegnen. Und besonders, dass ihr den Weg nach Orbadoc gefunden habt.“

„Dies sind Cellia, die ihr ja schon kennengelernt habt, sowie Mirande und Elligor“, sagte Gwendobar. „Und hier drüben sind unsere lieben Euzelar und Hortensia.“ Es war die erste Gnomendame, die Geronimo und Deborah sahen. Sie hatte lustige funkelnde Augen, Wangen wie reife Äpfel und dieselbe Knollennase wie die männlichen Gnome. Ihre Zöpfe waren so lang, dass sie sie zweimal um die rundliche Leibesmitte geschlungen hatte. Sie schenkte den Freunden ein scheues Lächeln, und Geronimo fragte sich, ob sie bei den Gnomen als Schönheit galt. 

„Habt ihr schon zu Abend gegessen?“, fragte Gwendobar und riss Geronimo damit aus seinen Betrachtungen über gnomische Schönheitsideale. „Wenn nicht, wäre es uns eine Freude, wenn ihr uns beim Nachtmahl Gesellschaft leisten würdet. Deinen Vater Hieronymus, haben wir schon kennengelernt. Er kommt auch. Ach, da ist er ja schon. Hallo, hier sind wir.“ Gwendobar wedelte mit seinen Armen Hieronymus zu, der, ein seliges Lächeln im Gesicht, auf der anderen Seite des Platzes zwischen den Bäumen erschien. 

„Ich glaube, er erwartet nicht wirklich eine Antwort auf seine Frage“, lachte Higor. „Uns soll's recht sein.“

„Heilige Mutterkrähe! Deinem Vater scheint der Zauberwald gut zu bekommen“, raunte Deborah Geronimo zu. „Schau dir mal seinen Gesichtsausdruck an. Als wär’ er nicht von dieser Welt.“ 

„So hab ich ihn noch nie erlebt“, bestätigte Geronimo kichernd.

Gwendobar führte seine Gäste zu einem nahestehenden Baum. Zwischen zwei dicken Wurzelsträngen war auf dem Boden ein mit Köstlichkeiten des Zauberwaldes gedecktes weisses Tuch ausgebreitet. Eine Laterne, in der eine silbrigweisse Kugel langsam rotierte, verströmte ein samtiges Leuchten. Die Elben entzündeten solche Mondlichtlaternen in allen bewohnten Bäumen und tauchten damit die Stadt in ein mystisches Licht. 

„Deborah, da bist du ja. Ich habe dich schon überall gesucht.“

Es war Harak, der sich der Gruppe anschloss. Verwundert drehte sich Deborah zu ihm um. 

„Wieso gesucht? Ich dachte, du wolltest zu den Raben gehen. Ich meine, erwarten sie nicht, dass du bei ihnen bist?“

Harak senkte den Blick. „Ja, eigentlich schon.“ Er wand sich, atmete schwer aus, nahm all seinen Mut zusammen und blickte Deborah gerade in die Augen. „Aber ich wollte bei dir sein. Ich mag dich.“

Deborah blickte zu Boden und zeichnete mit ihrem Fuss Kreise in die Erde. Dann lächelte sie Harak an. Plötzlich wurde ihre Miene ernst, sie legte ihren Kopf schräg, kniff die Augen zusammen und musterte Harak eingehend, der nervös von einem Fuss auf den anderen trat.

„Und du bist nicht hier, weil mein Vater dich geschickt hat? Um mich ein bisschen auszuhorchen oder so?“

Harak seufzte: „Ach, Deborah. Nein. Er weiss gar nicht wo ich bin. Ich bin wirklich nur hier, weil ich gerne mit dir zusammen bin. Aber wenn es dir lieber ist, gehe ich.“

Deborah betrachtete ihn noch für einen Augenblick. Dann lächelte sie. „Nein, bleib. Ich mag dich auch.“

 

Es war früh am nächsten Morgen, als Geronimo auf den Balkon des Gästehauses trat, in dem sie die Nacht verbracht hatten. Feine Tautropfen glitzerten auf dem Gras und den Rosenblüten. Eine zarte Melodie umschmeichelte Geronimos Ohren. Er streckte sich und gähnte ausgiebig. Genüsslich sog er die frische würzige Waldluft ein. Deborah trat noch ein wenig zerzaust neben ihn. Er begrüsste sie mit einem Lächeln. „Hörst du das auch? Die Musik, meine ich.“

„Ja. Es ist wundervoll.“

Hingerissen lauschten sie den magischen Klängen, und Geronimo vergass dabei sogar, dass er Hunger hatte.

„Guten Morgen, ihr beiden.“

Die fröhliche Stimme Higars riss sie aus ihrer Andacht.

„Was? Äh, guten Morgen.“

„Der König von Tsungalopso lädt euch zum Frühstück ein. Er ist gestern spät abends zusammen mit Ritter Eberhard angekommen.“

Geronimo und Deborah stiessen einen Freudenschrei aus.

„Ich geh nur schnell Vater wecken“, rief Geronimo und verschwand im Inneren des Baumhauses.

König Willibald und Ritter Eberhard erwarteten sie am Fusse eines Baumes, nicht unweit ihres eigenen. Geronimo rannte los, doch dann besann er sich. Gemeinsam mit Deborah machte er dem König seine Aufwartung, wie es sich für einen Ritter von Tsungalopso gehörte.

„Meine tapferen Freunde. So kreuzen sich unsere Wege wieder. Es scheint, als ob uns nur die Not zusammenführt.“ 

Willibald lächelte versonnen. „Aber sei’s drum. In der Not zeigen sich die wahren Freunde, ist es nicht so?“

Alle stimmten ihm zu.

„Und du musst Hieronymus sein. Der Anführer der Fliegenden Schweine“, sagte Willibald mit fester Stimme und vor Freude strahlenden Augen. Er ging auf Hieronymus zu, der Geronimo und Deborah den Vortritt gelassen hatte.

„Mein Sohn hat mir viel von dir und deinem schönen Königreich berichtet“, sagte Hieronymus.

„Wenn das hier vorüber ist, musst du uns unbedingt mit deinen Fliegenden Schweinen in Tsungalopso besuchen.“

„Versprochen“, erwiderte Hieronymus mit leuchtenden Augen und von diesem Moment an waren die beiden unzertrennlich.

Zum Frühstück gab es frische Früchte, Nüsse und fette saftige Olbknollen. Für Deborah hatten die Elben eine Schale mit Holunder- und Himbeeren sowie einigen dicken weissen Maden bereitgestellt. Sie machte sich begeistert darüber her. Auch die anderen langten kräftig zu. 

„Wer hätte gedacht, dass es hier so herrliche Olbknollen gibt“, sagte Hieronymus glückselig zwischen zwei Schmatzern. Ritter Eberhard hielt sich still zurück. Überhaupt erschien er Deborah ziemlich blass um die Nase.

„Was ist mit dir, Eberhard? Hast du keinen Hunger?“, fragte sie.

„Ach, mir ist noch immer etwas flau im Magen. Die Elben haben uns in Tsungalopso abgeholt und per Schiff über den Fluss hierher gebracht.“

„Oh, verstehe.“

„Auf dem Landweg hätten wir es nicht in der kurzen Zeit geschafft. Aber das Geschaukel hat mir zugesetzt.“

„Hast du Roxana nicht mitgebracht?“, fragte Geronimo.

„Nein, sie ist zu Hause geblieben. Aber sie lässt euch herzlich grüssen und hat es sehr bedauert, dass sie zurückbleiben musste. Sie ist in Erwartung.“

„Du wirst Vater?“, riefen Geronimo und Deborah. „Das ist ja wundervoll.“

Eberhards Augen strahlten vor Stolz wie die aufgehende Sonne, die inzwischen ihr blass goldenes Licht durch die Bäume webte. Willibald stiess seinen neuen Freund Hieronymus in die Seite und grinste wie ein Lausejunge. 

„Ich werde Grossvater. Ach, meine süsse Roxana. Hat dir Geronimo erzählt, wie er und Deborah sie errettet haben?“

„Selbstverständlich.“ Hieronymus Brust wölbte sich stolz nach vorne.

„Gut. Und jetzt will ich wissen, wie ihr an den Drachen in den Feuerbergen vorbeigekommen seid.“

 

4. Der Rat

Es ist Zeit“, sagte Higor. 

Die anderen erhoben sich und folgten dem Twintauren aus der Stadt hinaus Richtung Norden, wo sich die grosse Fest- und Versammlungswiese befand. In der Nacht war Regen gefallen. Es duftete nach nassen Brennnesseln und Gras. Jetzt versprach die Sonne, die bereits über die Wipfel der Bäume blinzelte, einen schönen warmen Tag. König Abagindel und Königin Inadorel hatten ihre Plätze am Nordende der Wiese eingenommen.

Bei ihnen standen Alamel und Adaphila. Sie trugen schlichte Gewänder, in silbergrau und grün. Alamel hatte seine sonnenblonden Haare zu einem Zopf geflochten. Seine Stirn zierte eine schmale Kordel aus Gräsern. An seinem Gürtel hing eine Flöte. Geronimo war sie bereits bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, aber er hatte den Königssohn noch nie darauf spielen gehört. Mit freundlicher, aber ernster Miene beobachteten die Königspaare, wie sich allmählich der Kreis schloss. Rechts neben Inadorel stand ein sehr gross gewachsener, breitschultriger Elb mit silberblonden Haaren, die ihm lang über den Rücken fielen. Mit seinen granitgrauen Augen musterte er aufmerksam alle Ankömmlinge. Der Elb strahlte Entschlossenheit und Stärke aus. Es war Minhorvir, der Elb, der Geronimo und Deborah bei ihrem letzten Besuch durch Merilsilivren geführt hatte.

„Minhorvir ist einer der königlichen Offiziere. Er ist ein ausgezeichneter Schwertkämpfer und Bogenschütze, und seine magischen Fähigkeiten sind genauso stark wie jene Herenyas. Das will was heissen“, erklärte Higor.

Neben Minhorvir stand ein weiterer Elb, ebenfalls hoch gewachsen und muskulös, aber mit dunklen Haaren und wachen dunklen Augen. 

„Das ist Rhenior“, stellte Higor ihn vor. „Auch er ist ein Offizier und seine Fähigkeiten stehen jenen Minhorvirs in nichts nach.“

Zu Geronimos und Deborahs Überraschung stellten sich vier Twintauren neben die beiden Elben. Higar lachte, als sie Geronimos Gesichtsausdruck sah.

„Natürlich gibt es auch von uns viele, wie bei allen Tierarten. Wir sind die fünf Marschälle des Elbenkönigs. Jeder ist für eine Zone des Zauberwaldes verantwortlich. Das heisst, wir beaufsichtigen alle Tiere und Pflanzen in unseren Gebieten. Das Grosse Atelier ausgenommen. Dafür sind die Gnome zuständig.“

„Ihr betreut den Südosten, mit Merilsilivren darin, nehme ich an?“, sagte Deborah.

„Ganz genau, aber natürlich passen die Elben selber auf ihre Stadt auf.“

Geronimo, Hieronymus, Deborah und die beiden Tsungalopser setzten sich neben die Twintauren. Ihnen schlossen sich Vayobar und Gwendobar an. Auch die Gnomendame Hortensia und Euzelar, der andere Gnom, waren anwesend. Ebenso wie die beiden Silberelfen Cellia und Elligor.

„Und wer ist das?“, flüsterte Geronimo Higor zu.

Neben den Gnomen stand ein grosser junger Mann. Er hatte ein freundliches Gesicht mit einer langen geraden Nase und einem kurzen Bart. Seine haselnussbraunen Haare fielen ihm offen bis auf die Schultern. Der Mann trug eine Tunika aus gewebtem Leinen von derselben grünen Farbe wie seine Augen. Seine Stirne schmückte ein grosser in Silber gefasster Bergkristall, den er mit einem Hanfband befestigt hatte. Um die Hüfte trug er ein Schwert, und über der Schulter hingen Bogen und Köcher. Am meisten beeindruckte Geronimo das Charisma des Mannes, dem man sich kaum entziehen konnte. Trotz seines sanften, beinahe zärtlichen Blicks, strahlte der Unbekannte Autorität und Stärke aus. 

„Das, meine Freunde“, erklärte Higor, „ist Halcyor, der König von Narlingard.“

„Heilige Mutterkrähe, das ist ja ein Mensch!“

„Ein Mensch“, hauchte Geronimo tonlos und wurde sich bewusst, dass dies der allererste Mensch war, den er zu Gesicht bekam. So sahen sie also aus. Gar nicht so verschieden von den Elben, allerdings fehlte dem König von Narlingard, obwohl er in Geronimos Augen schön war, die Anmut und Leichtigkeit der Elben. 

„Ja“, sagte Higor, „aber er ist unser Freund und Verbündeter. Die Narlingarder sind die einzigen Menschen in ganz Melindor, die Zutritt zum Zauberwald haben. Sie ehren und lieben die Natur als ihre Mutter und die Tiere als ihre Geschwister. Im Gegensatz zu allen anderen Menschen besitzen die Narlingarder noch die Fähigkeit, mit uns Tieren und magischen Wesen zu sprechen. Die Natur, besonders die Bäume, gelten bei ihnen als heilig.“

Geronimo, Hieronymus und Deborah betrachteten den Menschenkönig mit wachsender Sympathie.

„Es heisst, König Halcyor habe einen Tiger zum Freund, der ihm auf Schritt und Tritt folgt und ihm völlig ergeben ist. Aber wie es aussieht, hat er ihn nicht mitgebracht“, erzählte Higar.

Geronimo war über diesen Umstand eher erleichtert als enttäuscht.

„Dafür begleiten ihn zwei seiner engsten Vertrauten und Freunde, Arsur und Tarnov.“

Wie König Halcyor waren auch seine Begleiter von grosser muskulöser Statur und trugen ähnliche Kleidung, allerdings in schlichtem Braun und ohne Verzierungen. Einer der königlichen Begleiter entdeckte Hieronymus, Geronimo und Deborah. Er lächelte, berührte den König am Arm und nickte in Geronimos Richtung. König Halcyor wandte seinen Blick der kleinen Gruppe zu. Seine Augen leuchteten. Er legte seine linke Hand auf sein Herz und verbeugte sich vor den Fliegenden Schweinen. Verwundert wandte sich Geronimo an Higor.

„Was hat das zu bedeuten? Warum verneigt sich der König vor uns? Er kennt uns doch gar nicht. Ausserdem müssten wir uns vor ihm verneigen. Er ist schliesslich ein König.“

„Lass mich raten“, sagte Deborah. „Er hat schon viel von den Fliegenden Schweinen gehört, aber noch nie eins gesehen, obwohl das einer seiner geheimsten Wünsche ist. Und jetzt sieht er plötzlich gleich zwei auf einmal.“ 

Alle lachten.

„Du hast ganz recht“, sagte Higor, „ausserdem gibt es in Narlingard ein Sprichwort: ‚Fliegendes Schwein bringt Glück ins Heim’“.

Hieronymus schaute staunend zu der kleinen Gruppe aus Narlingard hinüber. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir so berühmt sind. Und das sogar unter Menschen.“

Plötzlich hüpfte Deborah hinter Geronimo und duckte sich.

„Was hast du?“ 

„Er ist da“, flüsterte Deborah und Geronimo sah, dass sich eine kleine Gruppe Raben neben den Narlingardern aufstellte. Allen voran Borax.

„Ich will nicht, dass er mich sieht“, zischte Deborah hinter Geronimos linkem Schenkel hervor. „Wenigstens nicht bevor der Rat begonnen hat, sonst kommt er am Ende noch auf die Idee, mich anzusprechen.“

Geronimo seufzte, blieb aber stehen, um Deborah die gewünschte Deckung zu geben.

„Ich will, dass du an meiner Seite bist, Geronimo, wenn ich ihm zum ersten Mal gegenübertreten muss.“ 

Harak hatte sich auf Herenyas Schulter gesetzt, wohin sie ihn freundlich eingeladen hatte. Sie sass neben ihrer bezaubernden Tochter Adaphila und schloss den Kreis.

„Harak scheint sich ja prächtig mit Herenya zu verstehen“, sagte Deborah ein wenig spitz.

Geronimo grinste. „Bist du etwa eifersüchtig?“

Deborah krächzte etwas Unverständliches. Dann erhob sich König Abagindel und breitete seine Arme aus. Alle Anwesenden verstummten und sahen zu ihm hin. Der Kriegsrat im Zauberwald begann.

„Liebe Freunde“, sagte König Abagindel mit klarer Stimme, „wir haben uns heute hier versammelt, weil dem Zauberwald eine grosse Gefahr droht.“Abagindel blickte mit durchdringendem Blick in die Runde. „Eine Gefahr, so gross und so heimtückisch, wie wir sie seit vielen hundert Jahren nicht mehr erlebt haben.“

Abagindel machte eine Pause und blickte zu den Raben hinüber. Er kreuzte seine Hände auf der Brust und verbeugte sich leicht vor ihnen. „Unseren treuen Freunden den Raben und insbesondere Harak und Borax verdanken wir, dass wir vor dieser Gefahr rechtzeitig gewarnt wurden. Wir stehen alle tief in eurer Schuld.“

Borax trat einen Schritt nach vorne. „Stets mit Vergnügen zu euren Diensten. Diese Sache betrifft uns alle. Schliesslich sind wir eine grosse Familie.“ Bei seinen letzten Worten schaute er zu Deborah, die hinter Geronimos Bein hervor getreten war. Deborahs Knie zitterten.

Abagindel ergriff wieder das Wort. „So ist es, mein Freund. Harak, bitte schildere uns allen noch einmal, was du in Usa gehört hast.“

Harak nickte und flatterte von Herenyas Schulter herab. Gewissenhaft erzählte er den Versammelten was er in den Monaten, die er in Usa verbracht hatte, über den Charakter des neuen Königs Revda und dessen Vertrauten, den Alchemisten und Magier Semadar erfahren hatte. Er erzählte vom Tod des alten Königs Siklos und vom Gespräch, welches er danach zwischen Revda und Semadar belauscht hatte. „Dann bin ich so schnell ich konnte zu Borax geflogen.“

Abagindel wandte sich wieder dem Rat zu. Alamel hob die Hand und trat einen Schritt nach vorn. Abagindel nickte ihm zu. 

„Harak, du hast gesagt, dass König Revda nach Tarugard reisen und König Mokrin davon überzeugen will, sich ihm im Kampf gegen uns anzuschliessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich auf Revdas Seite schlagen wird. Nicht bei einer so grossen Sache wie Krieg gegen den Zauberwald. Mokrin mag nicht den stärksten Charakter haben, aber er ist kein Dummkopf. Ausserdem sind die  alten Zwistigkeiten zwischen uns Elben und den Zwergen, beziehungsweise deren Nachfahren in Tarugard, seit langer Zeit beigelegt. Auch wenn keine grosse Sympathie zwischen unseren Völkern besteht, wird Mokrin den Friedensvertrag einhalten. Die Beziehungen zwischen dem Zauberwald und Tarugard waren in den letzten Jahrzehnten gut. Sie haben Tarugard zu mehr Wohlstand verholfen. Daran wird Mokrin sich erinnern und den Frieden nicht leichtfertig brechen.“

Alamel zog sich in den Kreis zurück. Jetzt trat Herenya einen Schritt nach vorne. „Ausserdem ist da noch Mokrins Gemahlin Sepora. Der Rabe Xaxa, der in Tarugard stationiert war, hat uns erzählt, dass sie sich den Elben sehr verbunden fühlt. Bestimmt wird sie zu unseren Gunsten auf ihren Ehemann einwirken.“

„Du vergisst, dass sie Revdas Schwester ist“, sagte Minhorvir.

„Mutmassungen bringen uns nicht weiter. Es wird sich zeigen, wie jeder einzelne der Menschen sich entscheidet. Wir senden unsere besten Gedanken in den Äther und wir bereiten uns vor, so gut es in unserer Macht steht, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Sicher ist, dass wir Bewohner des Zauberwalds dieser Gefahr nicht alleine entgegen treten können. Deshalb haben wir euch zu Hilfe gerufen“, sagte Abagindel und blickte in die Runde der Versammelten. 

„Wir sind euch sehr dankbar, dass ihr ohne zu zögern unserem Ruf gefolgt seid. Damit beweist ihr uns eure tiefe Freundschaft und Loyalität. Und Freunde brauchen wir in den kommenden Zeiten.“

Abagindel holte tief Luft.

„Es geht nicht nur darum, dass unsere Heimat bedroht ist. Und es geht nicht nur darum, dass die Bewohner des Waldes um ihre Leben fürchten müssen. Es steht bedeutend mehr auf dem Spiel.“

Abagindel nickte Vayobar zu, der mit bedächtigen Schritten in den Kreis hineinging und sich vor dem König verneigte. Vayobar schaute der Reihe nach einem Ratsmitglied nach dem anderen tief in die Augen.

„Dieser Wald“, Vayobar streckte seine Arme aus und führte sie in zwei weiten Kreisen zurück zu seinen Schulten, als wolle er den Wald umarmen, „unser geliebter Zauberwald, ist mit keinem anderen Wald der Welt zu vergleichen. Er ist einzigartig. Er ist die Mutter aller Wälder, ihr Ursprung. In ihm liegt das Grosse Atelier. Es ist die Quelle, das Herz und das Hirn der gesamten Natur. Von hier aus entstand seit jeher und entsteht noch heute alles. Jeder Baum, jede Blume, jedes Blatt, jedes Moos, jeder Duft, jede Blüte und jede Farbe. Einfach alles, was in dieser unvergleichlich schönen Natur lebt und unsere Herzen und Sinne erfreut.“

Vayobar wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, dann fuhr er mit eindringlicher Stimme fort:

„Wird das Grosse Atelier zerstört, wird damit die gesamte Natur zerstört. Wenn es in die Hände dieses Menschenkönigs fällt und schlimmer noch – möge der grosse Schöpfer uns davor bewahren – in jene des Zauberers.“ Vayobars Stimme versagte ihren Dienst, er  schien einer Ohnmacht nahe, wankte und war leichenblass.

„Was dann geschieht – daran will ich lieber nicht denken.“

Erschüttert blickten die Ratsmitglieder auf Vayobar. Er nestelte umständlich ein grosses Taschentuch aus einer seiner vielen Manteltaschen und wischte sich damit über die Stirn. Dann hob er die Arme und rief: 

„So wie alle gewöhnlichen Wälder die Lunge der Erde sind, so ist der Zauberwald ihr Herz. So wie alle Wälder die Erde mit Sauerstoff versorgen, so versorgt der Zauberwald die Erde über das Grosse Atelier mit magischer Energie. Und nur in dieser magischen Atmosphäre können wir magischen Wesen existieren, sei es im Zauberwald oder ausserhalb desselben: Elben, Gnome, Elfen, Isthuini, Twintaure, Fliegende Schweine, Drachen und alle weiteren mehr. Das Grosse Atelier ist nicht nur die Lebensgrundlage der Gnome. Nein, es ist die Lebensgrundlage von uns allen.“

Mit einem traurigen Lächeln trat Vayobar langsam an seinen Platz im Kreis zurück. Stille drückte schwer auf die Seelen der Anwesenden. Keiner wagte, einen Laut von sich zu geben. Zutiefst erschüttert hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Erst jetzt war ihnen das tatsächliche Ausmass der Bedrohung bewusst geworden. Nach einer Weile ergriff König Abagindel erneut das Wort.

„Meine Freunde, wir tragen eine grosse Verantwortung. Die Welt braucht den Zauberwald. Die Welt braucht das Grosse Atelier. Wir brauchen den Zauberwald. Daher muss unser oberstes Ziel sein, das Grosse Atelier zu beschützen. Wir dürfen diesen Kampf nicht verlieren!“ Der König betonte jedes Wort. „Wir müssen aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen! Und gemeinsam wird uns das gelingen.“

Dann rief er mit lauter Donnerstimme: „Sieg dem Zauberwald!“

„Sieg dem Zauberwald!“, riefen alle Ratsmitglieder mit vereinter Stimme.

„Dann lasst uns unsere Verteidigung planen.“

 

Schweigend verliessen Geronimo und Deborah ein paar Stunden später die Versammlung. Aufgewühlt von den Ereignissen hing jeder seinen eigenen Gedanken nach, als sie zu ihrem Nachtlager trotteten. Hieronymus schloss sich ihnen mit hängendem Kopf an. Die Verantwortung, die er für seine Sippe trug, drückte ihn zu Boden. Auch die Fliegenden Schweine würden ihren Beitrag in diesem Krieg leisten, dafür war Hieronymus im Rat mit seiner Ehre eingestanden. Geronimo sah das genauso. Es war bereits abgemacht, welche Rolle im bevorstehenden Kampf den Fliegenden Schweinen zukommen würde. Hieronymus musste es ihnen nur noch irgendwie beibringen. Er tauschte einen Blick mit Geronimo und seufzte.

Deborah stiess ein heiseres Krächzen aus, ein Überbleibsel des Schreis, den sie unterdrückt hatte. Abrupt blieb sie stehen, so dass Geronimo mit seiner Nase an ihren Rücken stiess. Er blickte verdutzt auf. Ein paar Schritte vor ihnen waren einige Raben gelandet. Allen voran Borax, Deborahs Vater. Neben ihm wand sich Harak und blickte zu Boden. Deborah stolperte ein paar Schritte zurück, bis sie neben Geronimo zu stehen kam und sich Schutz suchend an ihn lehnte. 

Borax öffnete seine Flügel und strecke sie Deborah entgegen. Mit einem Blick voller Zärtlichkeit schaute er sie an.

„Meine Tochter.“ Seine sonst volle Stimme klang ängstlich und bittend.

Geronimo konnte fühlen wie Deborahs Körper sich versteifte. Bewegungslos stand sie da und starrte ihren Vater an. Auf diesen Moment war sie nicht vorbereitet gewesen, zumindest nicht jetzt, obwohl sie sich diese Begegnung so oft vorgestellt hatte. Ein Schauer durchlief ihren Körper, sie stellte sich breitbeinig hin und schrie: „Du hast meine Mutter verstossen. Du hast mich verstossen. Schliesslich hat mich die Sippe meiner Mutter verstossen, weil ich nicht dazu passte. Deinetwegen! Mit welchem Recht drängst du dich jetzt in mein Leben? Ich kenne dich nicht und ich will dich nicht kennen. Ich brauche dich nicht. Ich habe schon eine Familie. Lass mich in Frieden.“ 

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen stiess sie sich vom Boden ab und flog so schnell sie konnte zu ihrem Nachtlager. Dort brach sie schluchzend zusammen. Geronimo, der ihr gefolgt war, nahm sie unter seinen linken Flügel und wiegte sie sanft hin und her. Lange Zeit sassen sie schweigend beisammen. Allmählich verebbten Deborahs Schluchzer. Ihr Atem wurde gleichmässig und Geronimos Magen knurrte. 

„Jetzt hast du meinetwegen das Abendessen verpasst“, sagte Deborah. „Das tut mir leid.“

„Ach, das macht doch nichts. Hauptsache, dir geht es gut. Ich habe schon längere Fastenzeiten überstanden.“

„Geronimo? Deborah?“

Geronimo stellte die Ohren auf. Das war Higars Stimme. Geronimo rappelte sich auf und ging zum Ausgang ihrer Baumwohnung, um nach draussen zu schauen.

„Wir hören das Knurren deines Magens bis hierher“, sagte Higor und grinste.

Geronimos Ohren leuchteten. „Ist das wahr?“

„Natürlich nicht“, sagte Higor und lachte. „Aber wir dachten, da du und Deborah das Abendessen versäumt habt, bringen wir euch etwas davon vorbei.“ Er hielt einen Korb voller Früchte, Olbknollen und Brote in die Höhe. 

„Ihr seid die Allerbesten.“  Er schaute in die Baumhöhle zu Deborah. „Kommst du auch?“

Sie nickte und flog an ihm vorbei durch die Öffnung hinaus und landete auf Higars ausgestreckter Hand. Geronimo folgte ihr.

„Wir haben mitbekommen, was zwischen dir und deinem Vater vorhin vorgefallen ist“, sagte Higar. „Wir waren nur ein kurzes Stück hinter euch. Das muss ein ziemlicher Schock für dich gewesen sein.“

„Es geht schon wieder“, sagte Deborah etwas steif.

Während Geronimo sich über die Olbknollen hermachte, musterte Higar Deborah.

„Kannst du wirklich in Frieden leben, solange du Borax nicht vergeben hast? Es wird immer an dir nagen, tief in dir drin. Er ist ein Teil von dir, du ein Teil von ihm, auch wenn dir das im Moment nicht gefallen will.“

Deborah krächzte etwas Unverständliches. Sie flatterte auf den Korb und pickte an einem Apfel herum. 

„Deborah, du kennst nur die äusseren Umstände seiner damaligen Entscheidung, nur die Version die dir deine Mutter erzählt hat. Eine Version, die wahrscheinlich den Schleier ihres Schmerzes getragen hat“, sagte Higor.

„Möchtest du dir nicht auch einmal seine Geschichte anhören? Ob du sie für wahr hältst oder nicht, kannst du danach immer noch entscheiden.“

„Seid ihr deshalb hergekommen? Um mir diese Predigt zu halten?“ 

Higor schüttelte den Kopf. 

„Wir kennen Borax seit vielen Jahren, Deborah. Er ist ein guter Kerl. Wir denken nur, er hat eine Chance verdient, von dir angehört zu werden.“

„Ihr beide sollt diese Chance haben“, ergänzte Higar. „Ich kann doch sehen und fühlen, wie diese Sache auf deine Seele drückt, Deborah. Befreie dich davon.“

Deborah krächzte unwirsch. Geronimo beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Er war sich sicher, dass sie davon geflogen wäre, wie immer, wenn ihr etwas zu nahe ging, wenn sie den Twintauren nicht so sehr verehren würde. Geronimo wollte sich lieber nicht einmischen. Higor und Higar machten ihre Sache gut und wenn es Deborah doch zuviel würde, wollte er für sie da sein. 

„Ich verstehe, dass du das nicht gerne anhören magst“, sagte Higar. „Aber es hat noch keinem geholfen, mit verschlossenem Herzen durchs Leben zu gehen.“ Sie schaute Deborah eindringlich an.

„Mein Herz soll verschlossen sein?“, keifte Deborah. „Er ist doch derjenige, der meine Mutter und mich verstossen hat. Warum hältst du nicht ihm deinen Vortrag?“ Sie drehte sich um und hüpfte ein paar Schritte von Higor und Higar weg. Mit dem Rücken zu ihnen blieb sie stehen und scharrte mit dem Fuss in der Erde herum.

Geronimo unterdrückte ein Grinsen und gleichzeitig tat ihm Deborah leid. Er kannte sie inzwischen so gut, dass er ahnte, welch fürchterlicher Kampf in ihr tobte. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie Borax auf Anhieb mögen würde, obwohl sie das Bild, das sie all die Jahre von ihm in sich getragen hatte, hasste. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen und das verwirrte sie zutiefst. Ein Teil von ihr wollte zu ihm eilen und ihm alles erzählen, was sie in ihrem Leben erfahren hatte. Und sie wollte bei ihm sitzen und ihm zuhören, wenn er ihr seine Geschichten erzählte.

Es war ein sonderbares Gefühl gewesen, plötzlich so viele Raben zu sehen. Ihresgleichen, wenn auch nicht vollkommen. Aber da war ein Gleichklang, das hatte sie ganz deutlich gefühlt. Und Borax wirkte ehrlich auf sie. Aber da war noch diese andere Seite, diese altbekannte Stimme in ihr, die ihr unablässig zuflüsterte, dass er ein Lügner war und sich nicht um sie scherte, und dass sie ihre Mutter verraten würde, wenn sie ihrem Vater verzieh. Mutter. Wie gross war ihr Schmerz gewesen. Wie konnte Deborah jetzt einfach so ohne weiters in Borax offene Arme spazieren. Sie würde damit das Andenken an ihre Mutter in den Dreck stampfen.

Deborah schüttelte sich. Vorsichtig spähte sie über die Schulter zurück zu Higor und Higar. Sie standen noch immer da und warteten geduldig, bis Deborah sich beruhigt hatte. Geronimo hatte sich neben sie gesetzt und lächelte ihr zu. In seinem Blick konnte Deborah sehen, dass er sie verstand. Dass er zwar Higar recht gab, aber dass er in seinem Herzen bei ihr war und sie war ihm dafür unendlich dankbar. Sie lächelte zurück und kam langsam wieder zu ihm und Higar und Higor zurück.

„Du verrätst weder deine Mutter noch dich selbst, wenn du deinem Vater eine Chance gibst, dir seine Version der Geschichte zu erzählen“, sagte Higar mit sanfter Stimme, als hätte sie Deborahs Gedanken gelesen.

Deborah sah sie verdattert an. „Woher weisst du das?“

Higar lachte. „Ach Deborah, deine Gefühle flattern wie Schmetterlinge direkt von deinem Herzen in meines hinein. Es ist nicht schwer, sie zu lesen. Komm her!“ Sie streckte ihren Arm aus und Deborah nahm die Einladung an. Higar strich ihr zärtlich über die Federn.

„Meine liebe, tapfere, kleine Freundin.“

„Ausserdem“, sagte Higor, „ist da noch Harak. Dein Konflikt mit Borax steht zwischen ihm und dir wie eine Mauer. Harak ist Borax Vertrauter und bester Freund. Solange du dich als Feindin deines Vaters siehst und dich so gegenüber Harak verhältst, ist er in seiner Loyalität zu Borax und seiner Liebe zu dir hin- und hergerissen. Dass er in dich verliebt ist, kann man beim besten Willen nicht übersehen.“ 

Deborah zuckte bei seinen Worten zusammen. Geronimo kicherte leise.

„Und du hegst die gleichen Gefühle für ihn, meine Liebe“, sagte Higar. „Du brauchst gar nicht erst versuchen, es zu leugnen. Es ist so offensichtlich wie das Blau des Himmels.“

Deborah wand sich und krächzte verlegen.

„Na gut, na gut!“, rief sie, „dann soll Borax mir seine Geschichte eben erzählen. Irgendwann. Lasst mir ein wenig Zeit. Und ich will, dass du dabei bist, Geronimo, wenn ich ihn treffe. Versprichst du mir das?“

Geronimo schaute von den zufriedenen Gesichtern Higors und Higars zu Deborah und lächelte.

„Versprochen.“

 

Mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages versammelten sich die Ratsmitglieder wieder auf der grossen Wiese. König Abagindel erhob die Stimme: „Unser Feind ist stark. Aber wir wissen noch nicht wie stark. Auch wissen wir nicht, wo er angreifen wird. Wird er seine Armee an einem einzigen Ort versammeln oder plant er, an verschiedenen Orten in den Zauberwald einzudringen? Wir müssen mit allem rechnen und für alles bereit sein. Deshalb werden wir verschiedene Einheiten bilden, die wir an strategisch wichtigen Punkten einsetzen. Diese Einheiten bilden wir für ihre speziellen Einsätze aus. Wie wir diese Gruppen zusammensetzen, welche wo zum Einsatz kommen soll und wer von uns das jeweilige Training und die Führung übernehmen soll, möchte ich heute mit euch besprechen.“

Abagindel nickte zwei Elben zu, die in seiner Nähe standen. Sie hoben ein zusammengerolltes festes Tuch auf, das zu ihren Füssen auf dem Waldboden lag. Zwischen zwei schlankstämmigen Bäumen spannten sie die Leinwand auf und banden sie an die Bäume. Sie zeigte eine Karte von Melindor. Abagindel zeigte mit einem Stab auf Merilsilivren und danach auf das Grosse Atelier. 

„Das sind die beiden Orte, die wir am intensivsten beschützen müssen. Wenn es Revda gelingt, eine dieser beiden Orte zu erobern, ist der gesamte Zauberwald verloren.“

„Wissen die Menschen von der Existenz des Grossen Ateliers?“, fragte Eberhard.

Abagindel nickte seiner Gemahlin zu und Indadorel antwortete:

„Das wissen wir nicht, aber wir vermuten, dass Semadar zumindest die alten Legenden kennt. In längst vergangenen Zeiten, als die Menschen noch in Frieden mit den Tieren und uns magischen Wesen vom Zauberwald lebten, war es selbstverständlich, dass sie hier ein- und ausgingen, und damals wussten sie natürlich auch über das Grosse Atelier Bescheid. Nachdem die Menschen die Angewohnheit haben, alles niederzuschreiben, was ihnen im Laufe der Zeit widerfährt, gab es auch Berichte über den Zauberwald und seine Bewohner und auch über das Grosse Atelier. Niemand dachte sich etwas Schlechtes dabei. Es gab damals keinen Grund, den Menschen zu misstrauen. Sie waren ein Glied in der Kette Melindors. Aber irgendwann ist die Kette gerissen. 

Es ist sehr lange her, aber es ist möglich, dass noch irgendwo alte Berichte von früher vorhanden sind. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Semadar sie gefunden hat, denn er ist viel gereist, bevor er am Hof des Königs von Usa sesshaft wurde.“

Was das bedeutete musste Indadorel nicht weiter ausführen. 

Abagindel tippte mit dem Stab auf die Stadt Usa am nordöstlichen Meer.

„Die Usaer sind eine Seemacht. Normalerweise dient ihre Flotte dem Handel. Wir gehen davon aus, dass Revda seine Schiffe zu Kriegsschiffen umgestaltet. Bis hierhin ist der Namur breit und tief genug für grosse Schiffe.“ Abagindel fuhr mit dem Stab den Fluss von Usa bis zu jener Stelle hinab, wo der grosse Strom nahe am Zauberwald vorüber floss. 

„König Revda kann nicht bis ganz an unseren Wald heranfahren. Er wird seine Flotte, falls er per Schiff kommen wird, kurz nach dem ersten Namurknie zurücklassen müssen. Von dort aus wird vermutlich seine Armee anrücken und direkt auf Merilsilivren zumarschieren. Deshalb wird unser Hauptverteidigungsposten der östliche Waldrand sein.“

„Könnte es nicht ebenso sein, dass Revda den Cûnduin heruntersegelt? Das würde ihn direkt nach Merilsilivren bringen?“,

sagte Higor.

„Auch das ist möglich. Allerdings müsste er dann erst das Karmoor umsegeln, was ihn mehr Zeit kosten würde. Aber er hat ja keinen Grund zur Eile. Er weiss nicht, dass wir gewarnt wurden.“

„Und wenn er seine Flotte teilt und auf beiden Flüssen gleichzeitig kommt?“, sagte Geronimo.

Abagindel nickte. „Wir wissen es nicht. Hier kommen unsere lieben Raben ins Spiel. Sie werden als Kundschafter in alle Richtungen fliegen und uns laufend die Bewegungen des Feindes mitteilen. Dann reagieren wir entsprechend und werden bereit sein, wo auch immer Revda angreifen wird.“

Es vergingen Stunden, bis die Mitglieder des Kriegsrates alle Aufgaben zugeteilt und die Verteidigung des Zauberwaldes geplant hatten. Schliesslich war es geschafft, und Geronimo sehnte sich nach einem ausgiebigen Mahl mit den köstlichen Olbknollen und Früchten aus Merilsilivren. Aber König Abagindel war noch nicht fertig. Er fixierte Geronimo mit seinem Blick. 

„Für dich Geronimo, und für Deborah, habe ich eine besondere Aufgabe.“

 

5. In Tarugard

Revdas Schritte hallten von den roten Marmorwänden der Thronhalle wider.

König Mokrin von Tarugard beobachtete ihn mit einer Mischung aus Neugier und Furcht. Wie er leicht nach vorne gebeugt, mit seinen langen Beinen und ganz in Schwarz gekleidet, vor Mokrins und Seporas Thronen auf und ab schritt, erinnerte er ihn an einen Raben.

Als Revda endlich vor Mokrin stehen blieb und ihn mit seinen funkelnden dunklen Augen durchbohrte, fühlte sich der König von Tarugard wie ein Wurm und wollte sich am liebsten in einem Erdloch verkriechen. 

„Die Lage ist ernst, mein lieber Schwager. Wir können nicht länger die Augen vor dem verschliessen, was offensichtlich ist: die Wüste rückt näher. Ist dir klar, was das bedeutet?“ 

Revda machte eine Pause, um Mokrin Zeit zu geben, über seine Worte nachzudenken.

Er betrachtete seinen Schwager voller Verachtung. Ein dummer hässlicher Zwerg, der seiner Frau knapp über die Schulter reichte. Sein fetter Wanst in feinste Tarugarder Seide gepresst. Winzige wässrige Augen, die im teigigen Gesicht versanken und ein fliehendes Kinn, das sich unter einem dichten schlammfarbenen Bart versteckte. Es war seine Pflicht, seine geliebte Schwester von dieser Lächerlichkeit zu befreien und sie ausserdem davor zu bewahren, seine Nachkommen auszutragen. Diese Vorstellung war Revda dermassen zuwider, dass ihm beim blossen Gedanken daran Magensäure aufstiess. Wie hatte sein Vater, dieser alte Narr, diesem unbedeutenden Zwerg, diesem Waschlappen, seine schöne, stolze und kluge Tochter zur Frau geben können? Sepora hatte wahrlich etwas Besseres verdient.

Zumindest erwies sich die Einfalt des alten Siklos einmal mehr als nützlich. Durch diese Heirat hatte er, Revda, wenigstens Zugriff auf die Tarugarder Armee. Er lachte in sich hinein. Und nach dem Krieg, wenn das Tarugarder Volk seinen toten König beklagen würde, käme er als Retter in der Not, und sie würden ihn als ihren Helden feiern und ihm Mokrins Krone nur allzu gerne überlassen. Dass Mokrin in diesem bevorstehenden Krieg fallen würde, stand ausser Zweifel. Dafür würde Revda notfalls eigenhändig sorgen. 

„Kommt“, lud er Mokrin und Sepora ein und ging ihnen voran auf den Balkon, der einen herrlichen Blick über das weite Land vor Tarugard bot. Über sanfte Hügel reihten sich Wiesen und Felder hinab bis zum  Fluss Tarulo, der die Berge von der dahinter liegenden Ebene trennte.

Revda öffnete ihnen den atemberaubenden Ausblick mit einer ausladenden Geste seines rechten Armes. 

„Weizenfelder, Gemüseäcker, Rinder- und Schafweiden, die Reisfelder weiter unten am Fluss, die Weingärten an den Hängen der Berge und nicht zu vergessen, die Maulbeerwälder für eure Seidenraupen. All dies ist in Gefahr. In grösster Gefahr. Ich sage es euch noch einmal. Die Wüste rückt näher. Wenn wir keine Mittel finden, sie aufzuhalten, wird sie unser Land verschlingen. Unsere Völker werden hungern. Unsere Städte untergehen.“

Revda raufte sich die Haare. Dann drehte er sich zu Mokrin um, packte ihn an den Schultern und sah ihn eindringlich an.

„Du und ich, Mokrin, du und ich. Wir müssen unsere Völker vor dieser Bedrohung beschützen. Wir tragen die Verantwortung. Gemeinsam können wir es schaffen.“

„Woher weisst du, dass die Wüste näher rückt?“, fragte Sepora.

Revda liess von seinem Schwager ab und trat zu seiner Schwester. Er legte seinen Arm um ihre Schultern und seufzte.

„Die ersten Anzeichen kamen schon vor vielen Jahren. Die wärmeren Sommer, die Stürme, die den Sand der Gharwali bis zu uns geblasen haben. Und sicher erinnerst du dich, wie in unserer Kindheit jedes Jahr die Usabucht gefror? Wann gefror sie das letzte Mal?“ 

Sepora hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Revda nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. 

„Unser Vater stellte eine Gruppe von Wissenschaftlern zusammen, die dieses Phänomen untersuchten. Sie reisten tief in die Gharwali hinein, nahmen verschiedenste Proben, untersuchten die Winde, die Flüsse, die Vegetation und das Verhalten der Tiere. Und sie kamen zu der sicheren Erkenntnis: die Wüste rückt näher. Und zwar schneller als die Wissenschaftler anfangs befürchtet hatten.“

„Vater hat mir nie etwas davon erzählt.“ In Seporas Blick lag Zweifel. „Er hat mir doch sonst alles anvertraut, was ihn bewegte.“

„Er hat deswegen sehr mit sich gerungen. Aber er wollte dich nicht beunruhigen, bevor er nicht absolute Gewissheit erlangt hatte. Deshalb wusste niemand von dieser Unternehmung. Nicht einmal ich. Erst auf seinem Krankenlager hat mich Vater eingeweiht und mir das Versprechen abgenommen, alles in meiner Macht stehende zu tun, um dem Vormarsch der Wüste Einhalt zu gebieten und unser Land und die Menschen zu retten. Der letzte bestätigende Bericht der Wissenschaftler kam erst kurz vor Vaters Tod.“

Revda wandte sich von Mokrin und Sepora ab, legte seine Hände auf das Geländer des Balkons und schaute in die Ferne.

„Was können wir tun?“, fragte Mokrin.

Langsam drehte Revda sich zu ihm um. 

„Wir brauchen das Wissen der Elben.“

Mokrin verzog sein Gesicht. 

„Ich weiss, das ist nicht leicht zu akzeptieren für einen Nachfahren der wackeren Zwerge aus den Tarubergen. Und erst recht nicht, nach der Demütigung, die euch die Elben damals während des Krieges um die Schätze der Calarberge zugefügt haben.“

Revda unterdrückte ein zufriedenes Grinsen, als er sah, wie Mokrin bei seinen Worten zusammenzuckte. Obwohl Mokrin sich mit aller Kraft bemühte, mehr Mensch als Zwerg zu sein, waren seine Wurzeln nicht zu verleugnen. Oft schämte er sich seines zwergischen Anteils, aber tief in seiner Seele glomm noch der unverwüstliche Stolz der Zwerge.

„Ich wünschte, wir könnten das Problem alleine lösen, Mokrin, glaub’ mir, aber unsere Wissenschaftler, sogar Semadar mit seinem unerschöpflichen Wissen und all seiner Kunst, können die Natur nicht vollkommen beherrschen. Nur die Wesen aus dem Zauberwald haben diese Macht. Die Elben. Deshalb müssen wir an ihr Wissen gelangen.“ 

Bei seinen letzten Worten blieb Revda vor Mokrin stehen und blickte ihm tief in die Augen.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte Mokrin.

„Ich bin sicher, wenn wir ihnen das Problem schildern und um ihre Hilfe bitten, werden sie uns diese nicht versagen“, sagte Sepora. 

Revda lachte auf. Er legte seiner Schwester einen Arm um die Schultern. Den anderen Arm legte er um Mokrin. Er schaute erst seine Schwester und danach seinen Schwager lange schweigend an. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Meine Lieben. Glaubt ihr, das haben wir nicht längst versucht? Wieder und wieder hat unser Vater Boten zum Zauberwald gesandt, die dem Elbenkönig die drohende Gefahr schildern und um seinen Beistand ansuchen sollten. Wiederholt haben wir um Unterredungen gebeten.

Doch jedes Mal wurden unsere Boten mit derselben ablehnenden Antwort zurückgesandt: die Elben würden nicht mehr mit den Menschen zusammenarbeiten. Die Probleme ausserhalb des Zauberwaldes gingen die Elben nichts an. Wir sollten mit unseren Angelegenheiten selber zurechtkommen.

Wir sollten ihren Frieden nicht immer wieder stören. Und so weiter und so fort.

Und sie sagten ausserdem, sie selbst hätten keine solchen Nachrichten erhalten. Sie glaubten uns nicht einmal, trotz all der Beweise, die wir ihnen vorgelegt haben. Ach, Mokrin, dir muss ich die Arroganz und Sturheit der Elben wirklich nicht weiter ausführen, nicht wahr? Die alten Geschichten sollten ruhen und ihr habt seit Jahren einen Friedensvertrag mit den Elben, das weiss ich wohl. Aber in Anbetracht der Fratze, die uns die Zukunft entgegenhält, müssen wir über alle Möglichkeiten nachdenken.“

Revda klopfte Mokrin bekräftigend auf die Schulter. Sepora löste sich aus Revdas Umarmung und ging energisch ein paar Schritte voran. 

„Das kann ich nicht glauben, Revda. Usa hatte in den letzten Jahren  ausgezeichnete Beziehungen zum Zauberwald. Und ebenso Tarugard. Schon seit sehr langer Zeit gab es keine Konflikte mehr zwischen unseren Völkern, und die Elben haben sich immer wohlwollend gegenüber den Menschen in Melindor verhalten. Vater selbst hat mir oft von den Elben erzählt. Niemals hat er ein schlechtes Wort über sie verloren und seine Augen leuchteten immer, wenn er von ihnen berichtete. König Abagindel war Vater immer freundschaftlich gesinnt! Und jetzt soll er uns so jämmerlich im Stich lassen? Das kann nicht sein.“

„Es war ein schrecklicher Schock für Vater.“ Revda seufzte und neigte seinen Kopf.

„Um dir die Wahrheit zu sagen, ich glaube, dass ihm diese Erkenntnis die letzte Kraft raubte, die ihm noch geblieben war, um seiner Krankheit zu trotzen.“ Revda holte tief Luft.

„Armer Vater. Er war immer so voller Güte und Vertrauen.“

Revda machte eine Pause, damit sich seine Enthüllungen bei Mokrin und Sepora setzten konnten. Dann schaute er seiner Schwester in die Augen.

„So bist auch du, Sepora. Dein Herz ist ebenso gross wie jenes unseres geliebten Vaters.

Je grösser das Vertrauen, desto schmerzvoller die Enttäuschung. Ich musste Vater schwören, alles in meiner Macht stehende zu tun, um unser Land und unser Volk vor der Zerstörung durch die Wüste zu bewahren. Wieder sandte ich Boten in den Zauberwald, erinnerte den Elbenkönig an seine Freundschaft zu meinem Vater und den Völkern von Usa und Tarugard und flehte ihn an, uns nicht im Stich zu lassen. Aber es half alles nichts. Abagindel und seine Elben liessen uns wieder und wieder kalt abblitzen.“

Revda genoss sein Schauspiel. Nichts von dem, was er über die Elben gesagt hatte, war wahr. Aber das war unerheblich. Der Acker musste bestellt, die Saat ausgebracht werden. Und er konnte schon sehen, wie der Same seiner Lüge keimte. Bald hatte er Mokrin und Sepora soweit.

Mokrin hüstelte.

„Das klingt alles sehr beunruhigend, lieber Schwager. Ausserordentlich beunruhigend. Denkst du, wir sollten von Tarugard Boten in den Zauberwald senden? Ich meine, wenn auch von uns ein Hilferuf an sie gelangt, werden sie vielleicht einlenken? Immerhin sind unsere Beziehungen seit Jahrzehnten gut und die alten Streitigkeiten längst begraben. Die Elben sind uns wohlgesinnt. Ich kann sogleich ein Schreiben aufsetzen, wenn du willst.“

Revda atmete tief durch und biss die Zähne zusammen, damit ihm jetzt kein falsches Wort entschlüpfte. Dieser Zwerg strapazierte wirklich seine Geduld. Wie einfältig er war. Hatte er nicht zugehört? Was sollte dieses Geschwafel darüber, nochmals Boten in den Wald zu schicken? Er nahm sich zusammen und sagte: 

„Ach, lieber Mokrin, deine Gesinnung ist wie immer edel, aber ich fürchte, das wird auch nichts ändern. Die Elben pflegen nur Beziehungen zu uns, wenn es ihnen selbst zum Nutzen gereicht, das mussten wir mittlerweile leider einsehen. Aber im Grunde brauchen sie uns nicht, und unsere Probleme sind ihnen gleichgültig.“

Mokrin war erschüttert. Er kniff seine Augen zusammen. 

„Willst du mir damit sagen, dass sie uns all die Jahre nur etwas vorgespielt haben?“

„Das glaubst du doch selbst nicht!“, rief Sepora empört aus.

Revda ignorierte sie und blickte seinem Schwager nur schweigend in die Augen. Im Stillen fühlte er, wie die Zweifel sich in Mokrins Hirn und Herz ätzten.  

„Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Das will ich dir vor allem sagen, lieber Schwager.“

Revda liess Mokrin Zeit, damit er seine Worte verdauen konnte. Nach einer Weile fuhr er fort. 

„Ich habe lange und gründlich nachgedacht. Ich habe mich mit meinen Ministern und mit Semadar beraten. Wir haben alle Möglichkeiten wieder und wieder durchgekaut. Aber wir haben nur einen Ausweg gefunden.“

Revda setzte seine bekümmertste Miene auf. Er hatte sie vor dem Spiegel bis zur Perfektion geübt.

„Wenn die Elben uns nicht freiwillig helfen, müssen wir uns ihr Wissen gegen ihren Willen beschaffen.

„Was willst du damit sagen?“, fragte Sepora. Sie war erbleicht.

„Ich will damit sagen, dass wir ein wenig Druck auf die Elben ausüben müssen.“ Er wandte sich an seinen Schwager.

„Mokrin, wir müssen unsere Kräfte vereinen und gemeinsam gegen den Zauberwald vorrücken. Dann wollen wir sehen, ob sie uns ihre Hilfe nicht doch gewähren.“ Er fixierte Mokrin mit seinen schwarzen Augen, als wolle er ihn hypnotisieren. Mokrin erschauderte.

„Du sprichst von Krieg“, erwiderte er schliesslich müde und schüttelte seinen Kopf. „Die Tarugarder können nicht gegen die Elben in den Krieg ziehen, Revda. Wir haben, wie du ja selbst vorhin erwähnt hast, vor Jahren einen Friedensvertrag mit ihnen geschlossen.“

„Verträge können gebrochen werden.“

„Was redest du da, Bruder? Wo bleibt deine Ehre?“ Sepora atmete schwer. Ihre Augen funkelten gefährlich.

Revda blickte sie für einen Augenblick wütend an, dann riss er sich zusammen:

„Ich verstehe deinen Aufruhr, liebste Schwester. Aber hier geht es nicht um irgendeine Meinungsverschiedenheit, um wirtschaftliche oder territoriale Konflikte. Hier geht es um unser nacktes Überleben! Das Überleben der Menschen von Usa und Tarugard. Hier geht es darum, unsere Völker zu schützen. Wir müssen unsere Wahl treffen und wir sollten weise wählen. Wählen wir den Frieden mit den Elben, das ehrenhafte Einhalten eines Vertrages mit einem Volk, das uns verachtet und unsere Nöte und Hilferufe ignoriert, bedeutet das, wir lassen unsere Völker im Stich. Wir legen sie auf den Opferaltar unserer guten Manieren. Wählen wir jedoch die Verantwortung, die uns als Führer unserer Völker übertragen wurde und unternehmen alles, um die uns anvertrauten Menschen zu retten, dann müssen wir das kleinere von zwei grossen Übeln wählen. Sage mir, Schwester, worin liegt die grössere Ehre?“

Sepora hielt dem Blick ihres Bruders stand. 

„Ich sehe keine Ehre im Krieg. Aus welchem Grund auch immer er angezettelt wird.“

Revda kochte innerlich. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, die er hinter seinem Rücken versteckte. Er kniff seine Augen zusammen und presste seine Lippen aufeinander. Ein paar Mal atmete er still ein und aus. Er schloss seine Augen für einen Moment, um sich zu sammeln. 

„Wenn wir mit unseren Armeen vor dem Zauberwald stehen, wird der Schreck für die Elben ziemlich sicher gross genug sein, um sie gehörig einzuschüchern. Mit ein wenig Glück, bewegen wir Abagindel ohne irgendwelche Kampfhandlungen zu einem Einlenken. Glaubt mir, nichts wünsche ich mir sehnlicher.“

Revda legte seine Hände auf sein Herz, dann öffnete er sie in einer um Verständnis bittenden Geste.

„Ja, glaubt ihr denn, ich will diesen Krieg?“ Revda schüttelte den Kopf, zog die Augenbrauen dicht zusammen und seufzte. „Ganz bestimmt nicht. Aber ich will mein Volk retten. Und du Mokrin, willst dasselbe für dein Volk. Wir haben keine andere Wahl!“

Mokrin ging unruhig auf und ab. Er warf seine Arme in die Luft. „Das kann doch nicht sein! Es muss eine andere Lösung geben. Seit langer Zeit haben die Tarugarder Frieden mit den Elben gehalten. Und unser Land blühte dabei immer mehr auf. Nicht zuletzt dank der Hilfe der Elben. Das muss ich anerkennen, ungeachtet der alten Geschichten. Sie sind Vergangenheit. Nein, Revda, ich kann das nicht, es tut mir leid. Zumindest nicht, bevor wir nicht auch von unserer Seite versucht haben, mit den Elben zu verhandeln. Lass uns noch einen Boten aus Tarugard entsenden. Oder lass uns gleich gemeinsam selbst in den Zauberwald reisen und um eine Unterredung mit dem Elbenkönig bitten. Ich will nicht derjenige sein, der Krieg über dieses Land und meine Stadt bringt.“

Sepora ergriff den Arm ihres Gatten und lächelte ihn dankbar an. Gemeinsam stand das Paar wie eine Wand vor Revdas Argumenten.

„Wenn du es nicht tust, lieber Mokrin, wird es bald kein Tarugard mehr geben.“

„Dann will ich wenigstens in die Geschichte dieser Stadt eingehen, als der König, der zuerst alles unternommen hat, um diesen Krieg zu vermeiden. Lass uns gemeinsam zum Zauberwald aufbrechen und mit Abagindel verhandeln. Nimm eine Delegation deiner Wissenschaftler mit, und ich bin sicher, die Elben werden einlenken.“

Dieser elende Narr! Revdas Blut kochte. Er hatte sich dermassen ins Zeug gelegt und die beiden dennoch nicht überzeugt. War das zu fassen? Aber er hatte noch einen Trumpf in seinen Händen. Er nickte Mokrin begütigend zu.

„Also gut, mein lieber Schwager. Auch ich möchte nichts unversucht lassen, um eine friedliche Einigung zu erlangen. Es soll sein, wie du sagst. Doch wollen wir die Sache für heute ruhen lassen, nicht wahr? Sie hat uns sehr aufgewühlt. Lass uns den Tag mit einem Trunk beenden und morgen unsere Reise planen.“

Revda schritt zu dem Tisch, auf welchem eine Karaffe mit Wein und kristallene Kelche standen. Unauffällig liess er ein Fläschchen aus seinem Ärmel gleiten, entstöpselte es und verteilte dessen Inhalt auf zwei der Kelche. Jenen mit dem grösseren Anteil von Semadars Zaubertrank reichte er Mokrin. Die kleinere Dosis war für Sepora bestimmt. Revda führte seinen Kelch an die Lippen, um sein boshaftes Lächeln vor den beiden zu verbergen. Seine Redekunst mochte nicht ausgereicht haben, Semadars Zauberkunst würde es allemal tun.

 

Revda sass auf der Terrasse seines Gemaches und blickte über die Stadt Tarugard, die wie ein Amphitheater in den Hügel eingetrichtert war. Der Palast des Königs befand sich im obersten Rondell und Revda musste sich eingestehen, dass er einigermassen beeindruckt war von der Architektur der Stadt und des Palastes. Auf diese Weise konnte man auf unauffällige Weise seine Untertanen beobachten. Ein zweites Mal griff er in den Brotkorb, nahm sich eines der berühmten Tarugarder Butterhörnchen und biss genüsslich hinein. Diese verfluchten Zwerge verstanden es wirklich, köstliches Backwerk zuzubereiten. Gerade als Revda dachte, dass dies genug des Lobes für die Zwerge war, klopfte es an seine Tür.

„Ja, bitte!“

Mokrin streckte den Kopf zur Türe herein.

„Störe ich?“

Revda verdrehte die Augen. Natürlich störte er, dieser elende Zwerg! Mokrin störte immer. Aber Revda riss sich zusammen, setzte ein freundliches Lächeln auf und drehte sich um.

„Aber woher, komm herein lieber Schwager. Gerade geniesse ich eure köstlichen Butterhörnchen. Ein Gedicht! Möchtest du eins? Komm’ setz dich zu mir. Was für ein herrlicher Morgen, nicht wahr?“

Mokrin schlüpfte durch die Tür, setzte sich zu Revda an den Tisch und nahm sich ein Hörnchen.  

„Du hast Recht, Revda. Ich meine, was die Elben betrifft. Es stand mir heute morgen so präzise vor Augen wie die Steinmetzarbeiten unserer Ahnen.“

Revda grinste in sich hinein und beglückwünschte im Geiste seinen Hofalchemisten Semadar für seine exzellenten Fähigkeiten.

„Wenn man es genau betrachtet, haben die Elben bereits unseren Friedenspakt gebrochen, indem sie euch, und damit ja auch uns, die Hilfe in einer derart brisanten Notlage verweigern. Deshalb betrachte ich mich auch nicht mehr an den Vertrag gebunden. Ausserdem sind unsere Völker durch meine Heirat mit deiner wundervollen Schwester sozusagen eine Familie geworden. Und diese Bande sind natürlich stärker als jene zu den hochmütigen Elben. Damit will ich sagen, dass ich dir für dein Vorhaben jede Unterstützung zuteilwerden lasse, die in meiner Macht steht.“

Revda schaute Mokrin eindringlich an. Dann erhob er sich, tat zwei Schritte auf ihn zu, zog ihn in seine Arme und drückte ihn in einer kurzen Umarmung an sich. 

„Mein lieber Mokrin, du kannst nicht ermessen, wie froh und erleichtert ich über deine Worte bin. Ich danke dir von Herzen. Du triffst die richtige Wahl, und ich habe nicht daran gezweifelt. Du bist ein kluger und vernünftiger Mann. Dein Volk kann sich glücklich schätzen, einen so verantwortungsvollen und standhaften Herrscher zu haben.“

Revda setzte sich wieder in seinen Sessel und lehnte sich entspannt zurück. Er schenkte Mokrin sein wohlwollendstes Lächeln. Plötzlich wurde er wieder ernst. Er lehnte sich über den Tisch zu seinem Schwager hinüber.

„Was ist mit Sepora? Hat auch sie, so wie du, den Ernst der Lage erkannt?“

Mokrins Blick verdunkelte sich. 

„Leider nicht, Revda. Wir hatten einen heftigen Streit deswegen. Ich habe sie noch nie so wütend erlebt. Stell dir nur vor, sie hat behauptet, du hast mir etwas in den Wein geschüttet, um mich zu manipulieren. Das ist doch lächerlich. Ich habe versucht, sie zur Vernunft zu bringen, aber es ist mir wohl nicht gelungen. Du weisst ja selbst, wie dickköpfig deine Schwester sein kann“, sagte Mokrin und hob entschuldigend seine Schultern hoch.

Verflucht! Er hätte es wissen müssen, dachte Revda, dass er seine Schwester nicht so leicht hinters Licht führen konnte. Sie war einfach zu klug. Eine Eigenschaft, die er normalerweise sehr an ihr bewunderte und wofür er sie liebte. Wie konnte sie gesehen haben, dass er den Trank in den Wein schüttete, er war doch äusserst vorsichtig gewesen? 

„Das ist allerdings lächerlich, mein Lieber. Und es bestürzt mich, dass Sepora mir eine solche Niedertracht zutraut.“ Revda griff sich ans Herz und senkte den Blick. „Wie kann sie es wagen!“

Revda legte seine Hand auf Mokrins Unterarm und sah ihm tief in die Augen. 

„Ihr Verhalten bereitet mir Sorge.“ Revda machte eine Pause und musterte Mokrin genau. Er zog seine rechte Augenbraue hoch.

„Du weisst, dass ich meine Schwester sehr liebe und verehre. Sie ist eine wundervolle und sehr intelligente Frau. Aber sie neigt auch zu Sentimentalität und ist leider in manchen Dingen naiv. Genau das macht auch ihren unvergleichlichen Charme aus. Nur glaube ich nicht, dass sie in der Lage ist, Situationen von der Tragweite wie dieser richtig und vernünftig zu beurteilen. Das hat sie uns durch ihr Verhalten gestern Abend bestätigt. Wir können es nicht riskieren, dass sie durch ihre Hysterie den Erfolg unserer Unternehmung gefährdet.“

Mokrin strich sich langsam über den Bart. 

„Vermutlich hast du auch damit recht, lieber Schwager. Wir kennen ja beide das feurige Temperament, das sie mitunter an den Tag legen kann. Was schlägst du vor?“

Revda atmete schwer aus und fuhr sich mit den Händen durch die Haare.

„Ich bin verzweifelt, Mokrin, und ich hasse es, diesen Gedanken zu haben, geschweige denn, ihn auszusprechen. Aber ich weiss mir keinen anderen Rat. Wir müssen Sepora in ihre Gemächer einschliessen, bis deine Armee gemustert und bereit zum Aufbruch ist.“

Mokrin starrte Revda mit offenem Mund an.

„Du willst sie einsperren?“

„Sie könnte in ihrem Übereifer einen Boten zu den Elben senden, oder gar selbst losreiten. Oder sie stiftet Unfrieden und Verwirrung in den Reihen deiner Krieger. Du weisst so gut wie ich, dass sie durchaus dazu imstande ist.“

Mokrin schwieg eine Weile und starrte auf das Butterhörnchen in seinen Händen. „Es gibt wohl keine andere Lösung. Ich sehe es ein. Sie wird mich dafür hassen, Revda.“

Sie verabscheut dich ohnehin, du widerlicher Zwerg, dachte Revda. Aber er sagte: „Ihr Zorn wird nicht von Dauer sein. Der Tag wird kommen, an dem sie versteht. An dem sie erkennt, was für ein tapferer Mann du bist und dass du das Richtige getan hast. Und dann  werden ihr Stolz und ihre Liebe grenzenlos sein.“

Mokrin schnaubte verächtlich.

„Es ist zu ihrem Besten, Mokrin. Ihr Volk soll sie doch nicht hassen, weil sie diejenige war, die seine Rettung und sein Überleben gefährdete. Ich weiss wie gross deine Liebe und Bewunderung für meine Schwester ist. Sicher bist du bereit, dieses Opfer für sie zu bringen, eine Zeitlang ihren Zorn auf dich zu laden, um sie dafür vor dem Hass und der Verachtung ihrer Untertanen zu bewahren, nicht wahr?“

Mokrin stützte seinen Kopf in die Hände und atmete laut aus.

„So sei es denn“, sagte er und verliess Revdas Gemächer mit hängenden Schultern.

 

6. Ostwärts (1. Teil)

„Hier trennen sich unsere Wege“. 

Harak scharrte mit seinem Fuss trockene Erde zu einem Häufchen zusammen.

Deborah schaute ihm dabei zu. Sie wirkte verloren auf Geronimo, aber er hatte das Gefühl, dass sie es nicht schätzen würde, wenn er sich jetzt um sie kümmerte. Also tat er so, als wäre das eine ganz normale Situation und als würde er den Sonnenaufgang geniessen.

Riesengross stieg die Sonne am östlichen Horizont auf und färbte den Himmel und das Wasser des Namur rosa. Es war frisch an diesem Herbstmorgen. Nebelschwaden stiegen aus dem Fluss wie reingewaschene Geister. Geronimo fröstelte. Nicht nur wegen der tiefen Temperatur.

Er konnte weit mehr aushalten als das. Was ihn schaudern liess, war das, was vor ihnen lag. Wieder lastete eine Verantwortung auf seinen jungen Schultern, die zu tragen er sich nicht zutraute. Wieder einmal trat er einen Wettlauf gegen die Zeit an.

Wieder einmal war das Schicksal von vielen mit dem Gelingen seiner Mission verbunden. Und wieder einmal flog er in unbekanntes Gebiet. Zum Glück hatte König Abagindel Deborah an seine Seite gestellt. Ohne sie wollte er nicht fliegen. Überhaupt konnte Geronimo sich ein Leben ohne Deborah nicht mehr vorstellen. Wie lange würde sie noch bei ihm und den Fliegenden Schweinen bleiben wollen, jetzt da sie wieder mit ihresgleichen zusammengekommen war? Vor allem war da Harak. Dass die beiden Gefühle füreinander hatten, war nicht zu übersehen. Geronimo schielte zu ihnen hinüber. 

Harak strich Deborah mit dem Flügel zärtlich über die Wange. 

„Pass auf dich auf, ja.“

Deborah nickte stumm. Eine Träne rann glänzend über ihre Federn.

„Du auch. Wie lange musst du in Usa bleiben?“

Harak zuckte mit den Schultern und blickte nach Norden.

„Das hängt ganz von König Revda und seinem wahnsinnigen Zauberer ab. Ich muss sie beobachten. Sobald ich herausfinde, wann sie ihre Armee gemustert haben und losmarschieren, flieg ich zurück nach Merilsilivren.“

Beide schwiegen eine Weile. Zu schwer hing die Ungeheuerlichkeit dieser Vision über ihnen.

Schliesslich brach Geronimo leise den Bann, indem er zu den beiden hintrat und sagte: „Lass uns keine Zeit verlieren, Deborah. Ein langer Weg liegt vor uns. Wir müssen ihn schneller zurücklegen als Revda mit seinen Kriegern.“ Entschuldigend blickte er zu Harak.

„Geronimo hat recht. Ich wünsche euch alles Glück Melindors. Möge der Grosse Rabe seine Schwingen schützend über euch halten. Fliegt so schnell ihr könnt.“

 

Das hatten sie getan. Stunde um Stunde bis der Tag der Nacht wich und weiter hinein in einen neuen Morgen; über goldene Weizenfelder und saftige Wiesen. Sie hatten Hügel und Ebenen hinter sich gelassen, ohne dass ihre Flügel ermüdeten. Herenya hatte sie mit einem Zauberpulver bestreut, damit sie schneller fliegen und länger durchhalten konnten. 

„Ich wünschte, Herenya hätte uns ausser dem Pulver fürs schnellere Fliegen, eines gegen die Schwere im Herzen gegeben“, sagte Geronimo. 

Deborah lachte freudlos. 

„Diesmal geht es nicht nur um uns“, sagte Geronimo, „die Fliegenden Schweine meine ich. Diesmal sind alle betroffen. Was, wenn wir die Wüstenelben nicht finden? Oder wenn wir sie finden, sie aber nicht kommen?“

Deborah sah Geronimo an. „Wir werden sie finden und sie werden kommen. Einen anderen Gedanken dürfen wir nicht zulassen, bitte. Es ist so schon schwer genug.“

Geronimo nickte. „Du hast ja Recht. Es ist nur, ach, es fühlt sich so an, als hingen Sieg oder Niederlage dieses Krieges von uns ab. Und diese Verantwortung erdrückt mich. Ich fühle mich dem einfach nicht gewachsen.“

„Du hast Angst. Das ist ganz natürlich, Geronimo. Aber König Abagindel weiss schon was er tut. Er war sich ganz sicher, dass du der Richtige für diese Aufgabe bist.“

„Wir. Dass wir die Richtigen sind.“

Deborah lächelte. „Meinetwegen. Dass wir die Richtigen sind. Schau, in diesem Drama bekommt jeder den ihm zugewiesenen Platz. Jeder nach seinem Können und seinen Möglichkeiten. Und jeder wird seinen Beitrag zum Erfolg leisten. Vielleicht ist es unsere Mission, die den Ausschlag gibt, vielleicht macht es auch gar keinen Unterschied, was wir tun. Wer kann das schon voraussagen? Wichtig ist, dass wir unser Bestes geben und vielleicht noch ein bisschen mehr, wenn das möglich ist. Wir wachsen mit der Verantwortung, die das Leben für uns bereithält.

Denk doch zurück, was du damals alles fertiggebracht hast, als du das Amulett nach Orbadoc bringen musstest. Auch damals dachtest du, die Verantwortung wäre zu gross für dich. Aber du hast dich nicht beirren lassen und warst erfolgreich. Es steckt mehr in dir, mein lieber Freund, als man ahnen würde. Und bestimmt mehr, als du selbst für möglich hältst.

Wir sollten uns nicht von Zweifeln den Wind aus den Flügeln nehmen lassen. Sie sind nur die langweiligen Stimmen der Spielverderber, die aufgeben, bevor sie etwas versucht haben. Vielmehr sollten wir unser Vertrauen mit der Liebe nähren, die wir für uns, unsere Freunde und unser schönes Melindor empfinden. Davon wollen wir uns leiten lassen. Einverstanden?“

Geronimo zwinkerte ein paar Tränen aus den Augen und musste gleichzeitig lachen. „Ach, Deborah, was würde ich bloss ohne dich anfangen?“

„Tja, sieh’ der Wahrheit ins Auge, mein Lieber. Du wärst völlig aufgeschmissen ohne mich.“

Beide lachten. Nach den vergangenen schweigsamen Stunden ihres langen Fluges sprachen sie jetzt über die Ereignisse, die hinter ihnen lagen. Ihre Herzen wurden leichter und unauffällig legte sich die Dämmerung über den Tag.

 

„Heute Nacht sollten wir ruhen, Deborah. Mir tun allmählich die Flügel weh, trotz Herenyas magischem Pulver.“

„Geht mir genauso. Da vorne, schau mal, wie wär’s damit?“

Deborah zeigte auf einen Gebirgszug, der einige Meilen vor ihnen sanft aus einem Waldstreifen anstieg. 

Es war schon dunkel, als sie auf dem grasbewachsenen Bergrücken landeten. Die Luft war lau. Geronimo und Deborah fanden eine Mulde, kuschelten sich aneinander und schliefen sofort ein. 

Von Norden fegte ein scharfer Wind über sie her und riss sie unbarmherzig aus ihrem Schlummer. Eine Böe riss Deborah in die Höhe, aber Geronimo reagierte blitzschnell und konnte sie mit seinen Flügeln gerade noch festhalten. Er schob Deborah unter seinen rechten Flügel und brüllte gegen den Wind an:

„Hier können wir nicht bleiben, komm’.“ 

Mit eingezogenen Köpfen krochen sie an den Boden geduckt weiter bis sie an eine Felskante kamen. Der gesamte Gebirgszug sah aus, als wäre er von Nord nach Süd abgebrochen und in die Tiefe gestürzt. Bis weit ins Tal hinunter erstreckten sich nur Felsbrocken und Geröll.

„Das ist ja seltsam“, sagte Deborah.

„Ja, aber hier können wir uns vor diesen wildgewordenen Böen verstecken.“ 

Mit Deborah unter seinem Flügel, sprang Geronimo in die Tiefe und landete auf einer Felsplattform. Er schaute sich um. Hier waren nur kleine Felsbrocken. Er kletterte weiter hinab.

„Da drüben ist eine Höhle“, rief Deborah unter seinem Flügel hervor.

„Dann nichts wie hinein.“ Er rannte in die angezeigte Richtung. 

„Ich hoffe in dieser Höhle lauert keine unangenehme Überraschung“, sagte Geronimo bang. 

„Willst du nachsehen gehen?“

„Lieber nicht. Lass uns hier vorne bleiben. Hier sind wir ausreichend vor dem Wind geschützt.“

Der Mond stand gross und gelb am Himmel. Unten im Tal konnten Geronimo und Deborah die Silhouetten grosser Kakteen und einiger Büsche erkennen. Dazwischen verstreut lagen unzählige Felsbrocken unterschiedlicher Grösse. In der Ferne glitzerte das Wasser des Tolnalond, der grossen Bucht, im Mondschein. Der Wind wehte Geronimo und Deborah salzige Meeresluft ins Gesicht.

„Hier beginnt die Wüste“, sagte Deborah andächtig.

 

„Was war das?“ rief Geronimo.

Ein lauter Knall zerriss die Stille des frühen Morgens. Die Erde bebte. Gesteinsbrocken krachten vor dem Eingang der Höhle herab. An der Decke öffnete sich ein Riss.

„Raus hier“, kreischte Deborah und flog zwischen den herabstürzenden Steinen ins Freie. Geronimo folgte ihr. Als Deborah sich zu ihm umdrehte, sah sie, wie ein Stein seinen Kopf traf. Er trudelte und stürzte bewusstlos auf die Geröllmassen. Ein grosser Brocken schob sich von hinten über ihn und das Geröll, das an seinem Rücken lag und schützten ihn so vor den herabfallenenden  Steinen. 

„Geronimo!“ Deborah schoss zu ihm zurück, aber sie konnte nichts tun. Ohne Unterlass hagelte es Felsbrocken und Steine, und Deborah musste aufpassen, dass sie nicht selbst getroffen wurde. Hilflos musste sie mitansehen, wie die Steine Geronimo unter sich begruben. Bald war nichts mehr von ihm zu sehen.

„Aufhören, aufhören, ihr verfluchten Steine. Aufhören! Geronimo!  Heilige Mutterkrähe, so hilf mir doch!“

So plötzlich, wie das Beben begonnen hatte, hörte es wieder auf. Ein paar Steine fielen noch, einige rollten weiter, bis andere sie  stoppten, dann war alles wieder still. Wenn Deborah nicht zugesehen hätte, wo Geronimo begraben worden war, hätte sie die Stelle niemals wiedergefunden. 

Sofort flog sie zu der Stelle und stemmte sich mit der ganzen Kraft ihres kleinen Körpers gegen einen Stein. Sie konnte ihn nicht bewegen, aber es gelang ihr, einige der kleinsten Steine von dem Hügel zu rollen, der sich über Geronimo gebildet hatte. Gegen die grösseren hatte sie keine Chance. Geschlagen sank sie auf den Felsen nieder und vergrub ihren Kopf unter ihren Flügeln. Sie schluchzte so heftig, dass sie kaum Luft bekam. 

„Luft“, japste sie. „Er braucht Luft. Er muss atmen.“ Deborah hielt entsetzt einen Moment inne. War er schon tot? „Nein!“, schrie sie und schob den grässlichen Gedanken beiseite. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen einen Stein. Sie konnte ihn nicht bewegen. Hektisch blickte sie sich um. 

„Ich brauche einen Hebel.“ In einiger Entfernung lag der  abgebrochene Ast eines Busches. Deborah flog hin und zerrte das Holzstück zu dem Stein, den sie bewegen wollte. Es war harte Arbeit, und der Ast war viel zu gross für sie. Aber ihre Verzweiflung verlieh ihr die nötige Kraft und nach einigen gescheiterten Versuchen gelang es ihr endlich, das eine Ende des Holzes unter den Stein zu schieben. Keuchend lehnte sie sich eine Weile gegen einen Felsbrocken, zu erschöpft, um gleich weiterzumachen. Sie flatterte hoch, hockte sich auf das äusserste Ende des Astes und drückte mit ihrem ganzen Gewicht nach unten. Aber sie war zu leicht. Der Stein wackelte nicht einmal.

„Verflucht!“ Deborah schaute sich nach einer Lösung ihres Problems um. Irgendwie musste sie es schaffen, einen anderen Stein auf das Ende des Astes zu hieven. Aber wie? Ein Schluchzer entfuhr ihrer Kehle. Es war hoffnungslos. Die Steine waren einfach zu schwer für sie. 

„Ich muss Hilfe holen, Geronimo“, sagte sie zu den Steinen, unter welchen er begraben lag. „Alleine bekomme ich dich hier nicht heraus. Halte durch, mein Freund, ich komme zurück so schnell ich kann.“

Deborah flog Richtung Norden davon. Vielleicht wohnt hier ja irgendwer, überlegte sie. Während sie flog, schrie sie so laut sie konnte. Wenn da jemand war, würde er sie wenigstens hören. 

„Heilige Mutterkrähe, lass irgendein starkes Tier oder einen Gnom oder was weiss ich, hier leben. Irgendwer, der mir helfen kann, diese Steine zu bewegen“, flehte sie, während sie die Gegend absuchte. Aber alles was sie sah, war Geröll und Sand und hie und da ein trockener Busch. Deborah wandte sich nach Osten und flog auf einen Wald von riesigen Kakteen zu. Vielleicht hatte sie dort mehr Glück. Geschickt flog sie zwischen den stacheligen Armen der Gewächse hindurch. 

„Hallo, ist hier jemand? Hilfe! Ich brauche Hilfe. Hallo! Hallo! Ist hier jemand?“ Aber es kam keine Antwort. Kein lebendes Wesen war zu sehen, nur der Wind wirbelte gelegentlich Sand auf, als wollte er Deborah foppen. Verzweifelt flog sie zu Geronimos Hügelgrab zurück. Durch den Schleier ihrer Tränen sah sie der Sonne zu, wie sie blutrot hinter den Bergen versank.

„Geronimo?“ Deborah spähte in einen Spalt zwischen zwei Steinen. Sie konnte nichts erkennen. „Ach, Geronimo, was soll ich nur tun? Soll ich nach Merilsilivren zurückfliegen und Hilfe holen? Aber dann müsste ich dich viel zu lange alleine lassen. Bis ich zurück bin, bist du längst verdurstet. Oder soll ich nach Usa fliegen und Harak holen. Ach nein, der kann gegen diese Steine auch nicht mehr ausrichten als ich. Usa also nicht.“ 

„Oder sollte ich alleine weiterfliegen? Unsere Mission alleine fortführen? Alleine in die Wüste fliegen?“

Deborah blickte nach Osten, dorthin, wo die Wüste lag. 

„Nein, Geronimo. Wir beide gehören zusammen. Wir machen alles gemeinsam. Ist es nicht so? Zusammen durch dick und dünn. Ich bleibe hier. Mein Platz ist bei dir. Wenn du stirbst, dann sterbe ich eben hier mit dir. Dann ist unsere Mission eben gescheitert.“

Deborah verstummte. Sie wusste, dass Geronimo sie nicht hörte, aber es tröstete sie ein wenig so zu tun, als könnte sie sich mit ihm unterhalten. 

„Wir werden niemals erfahren, was aus dem Zauberwald und seinen Bewohnern geworden ist. Nie wissen, was aus Melindor wird. Ich wünschte, ich könnte wenigstens zu dir hinunterkriechen, um an deiner Seite zu liegen.“ Deborah weinte. 

„Geronimo!“, schrie sie so laut sie konnte in die Spalte zwischen den Steinen. „Wenn du mich hören kannst, dann gib irgendeinen Laut von dir. Bitte!“

Es blieb still. Deborah sank in sich zusammen. „Geronimo? Lebst du noch?“ Wie konnte er noch leben, begraben unter so vielen Steinen? Wenn sie ihn nicht gleich erschlagen hatten, bekam er bestimmt keine Luft. Und wenn doch, würde er bald verdursten. Wie lange konnte ein Schwein ohne Wasser überleben? Drei Tage vielleicht? Wenn sie gleich losflöge, zurück nach Merilsilivren, würde sie es mit Hilfe vielleicht in drei Tagen zurück schaffen. Aber wie sollte sie drei Tage ohne Schlaf durchfliegen? Ohne sie würden andere die Stelle, wo Geronimo begraben lag, niemals finden. Es war aussichtslos. Deborah grübelte noch lange, bis sie erschöpft in einen unruhigen Schlummer sank. 

Deborah schrak hoch. Die Sonne legte einen sanften rosa Schleier über die Bucht und das steinige Tal. Deborah schämte sich. Wie hatte sie schlafen können, wo Geronimo unter einem Berg von Steinen neben ihr begraben lag? 

„Ach, Geronimo.“ Deborah schluchzte verzweifelt. Sie schüttelte sich kräftig, als wollte sie damit alle ihre düsteren Gedanken verscheuchen. Entschlossen richtete sie sich auf. 

„Es hat keinen Zweck zu zaudern. Das hilft uns nicht weiter.“ Sie streckte ihren Kopf soweit sie konnte in den Spalt zwischen zwei Steinen und rief: „Geronimo? Kannst du mich hören?“

Es kam keine Antwort.

„Tja, also, mein Lieber. Ich werde noch mal eine Runde über das Tal fliegen. Vielleicht ist uns heute das Glück holder. Bis bald. Halte durch, ja? Bitte, halte durch. Ich komme wieder.“

Deborah zog ihren Kopf zurück, zwinkerte ein paar Tränen aus den Augen und schwang sich in die Luft.

Sie flog die gleiche Strecke wie am Tag zuvor, wagte sich allerdings noch ein Stück weiter nach Norden vor. Das Tal war genauso leer wie gestern. Sie drehte in Richtung des Tolnalond ab. Immer wieder schrie sie so laut sie konnte um Hilfe und flog ab und zu eine waghalsige Schleife. Wenn irgendjemand hier war, würde derjenige so vielleicht eher auf sie aufmerksam werden.

Sie tastete den Küstenstreifen und das Wasser der Bucht Stück für Stück mit ihren Blicken ab. Das Meer war ein Spiegel. Nur an einer Stelle spritzten hin und wieder kleine Fontänen auf. Wellen erhoben sich. Die bewegte Wasserfläche kam auf den Strand zu und plötzlich tauchten Köpfe aus dem Wasser auf. Drollige kleine Wesen hüpften laut quiekend aus dem Wasser. Mit einem dumpfen Platschen landeten sie auf ihren Bäuchen im Sand. Die seltsamen Wesen wälzten sich schnatternd im Sand. Für Deborah klang es wie Lachen.

Fasziniert beobachtete Deborah die Gruppe. Solche Tiere hatte sie noch nie gesehen. Sie waren ein bisschen kleiner als Geronimo. Überraschend geschmeidig richteten sie ihre plumpen Körper auf und watschelten auf kurzen Beinen dem Strand entlang. Mit spitzen Schnäbeln durchfurchten sie hin und wieder den Sand. Zuerst dachte Deborah, die Tiere trügen ein Fell. Aber als sie näher an sie heranflog, erkannte sie, dass es winzige glänzende Schuppen waren, die je nach Lichteinfall silbrig-blau oder sandfarben schillerten. Hätten die Wesen sich nicht bewegt, wäre es schwierig gewesen, sie zu sehen, so gut passte sich ihr Kleid der Umgebung an.

Pinguine, schoss es Deborah durch den Kopf. Genau so sahen diese Tiere aus. Aber das konnte nicht sein. Die lebten, so viel sie wusste, nur ganz tief im Süden, im ewigen Eis. Aber doch bestimmt nicht am Beginn der Wüste. Vielleicht waren es entfernte Verwandte? Wie auch immer. Deborah war es gleichgültig. Sie war so erleichtert, andere Lebewesen zu sehen, dass sie vergass, ihre Flügel zu bewegen. Beinahe stürzte sie ab. Sie fing sich und hielt, einen Freudenschrei ausstossend, auf die Gruppe zu. Die Pinguine verstummten augenblicklich und starrten mit offenen Schnäbeln zu dem schwarzen Vogel hoch, der da auf sie zu raste.

Deborah flatterte vor ihnen hin und her und rief:

„Bitte helft mir. Mein Freund liegt dort drüben unter Steinen begraben.“ Sie zeigte mit dem Flügel in die Richtung wo Geronimo lag. „Ich kann die Steine nicht alleine wegrollen, sie sind zu schwer für mich. Und zu viele. Bitte, kommt mit mir und helft mir, meinen Freund zu retten. Er stirbt sonst. Bitte.“

Die Pinguine drehten verdutzt ihre Köpfe von einem zum anderen und wieder zu Deborah. Sie schienen sie nicht zu verstehen. Deborah versuchte es noch einmal. Diesmal sprach sie langsamer und laut und deutlich. Aber wieder schauten die Pinguine sich nur verdutzt an. Einige quiekten. 

„Verstehst du, was ich sage?“, fragte Deborah einen der Pinguine. Er piepste. Deborah seufzte. Sie sprachen wohl eine andere Sprache hier im Osten. Deborah versuchte es mit Zeichensprache. Sie schloss mit einer Geste ihres Flügels die ganze Gruppe der Pinguine ein, dann zeigte sie auf sich selbst und in die Richtung, wo Geronimo begraben lag. Sie flog ein Stück in diese Richtung und wieder zurück zu den Pinguinen. Das Ganze wiederholte sie von vorn. Immer wieder. Endlich schnatterten die Pinguine aufgeregt miteinander. Sie zeigten auf Deborah, dann auf sich selbst und in die von ihr angezeigte Richtung. Deborah nickte eifrig. 

„Ja, ja, ihr sollt mir folgen. Bitte kommt. Bitte helft mir.“ Sie flog wieder ein Stück voraus, drehte sich um und sah, dass die Pinguine sich in Bewegung setzten.

 

Es war ein langsamer Marsch gewesen, und Deborah hatte alle Mühe gehabt, Geduld zu bewahren. Natürlich kamen die Pinguine mit ihren kurzen Beinen viel langsamer voran, als Deborah fliegen konnte. Aber als die Sonne am höchsten stand, erreichten sie endlich den Geröllhaufen, der Geronimo unter sich begrub. Jetzt musste sie ihren Helfern klarmachen, was sie tun sollten. Deborah zeigte auf einen von ihnen und dann zu dem Steinhaufen, im welchem noch immer der Ast steckte. Sie legte sich hin und stellte sich tot. Dasselbe tat sie dreimal hintereinander. Deborah lehnte sich gegen einen Stein und stemmte mit aller Kraft dagegen. Sie zeigte auf die Steine und machte mit ihrem Flügel eine fegende Bewegung. Die Pinguine schauten sie verständnislos an.

„Ja, versteht ihr nicht?“ Da unter den Steinen lag Geronimo und starb, wenn er nicht längst tot war und diese Pinguine glotzten nur blöd! Deborah schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Sie schämte sich. Die Pinguine waren gekommen, und sie waren bereit zu helfen. Sie war unendlich dankbar dafür. Also wiederholte sie geduldig ihre Darbietung und betete still zur heiligen Mutterkrähe, dass die Pinguine verstanden, was Deborah von ihnen wollte. Endlich quietschte einer der Pinguine und quasselte auf seine Artgenossen ein. Die anderen nickten und quiekten ebenfalls. Und dann rollten sie ohne weiteres Zögern, die Steine weg. Sie arbeiteten schnell, und Stein um Stein verschwand der Hügel, der sich über Geronimo aufgetürmt hatte. Deborah weinte vor Erleichterung und staunte, wie geschickt die Pinguine trotz ihres plumpen Körpers und der kurzen Flossen die schweren Gesteinsbrocken bewegten. Sie stemmten und schubsten, stöhnten und quietschten und Deborah erschien das Zusammenspiel ihrer Bewegungen wie ein geschmeidiger Tanz. 

Plötzlich hielten sie inne. Einer der Pinguine stiess einen schrillen Pfiff aus. So schnell es ihre kurzen Beine erlaubten, rannten sie den Hang hinunter. Verzweifelt rief Deborah ihnen hinterher.

„Bleibt hier. Bitte. Geronimo ist noch nicht frei. Was soll das? Was ist in euch gefahren?“ 

Die Pinguine reagierten nicht auf Deborahs Rufe. Sie hielten erst an, als sie flaches Land weit ab des Geröllfeldes erreicht hatten.

Verzweifelt hockte Deborah auf einem Felsen und blickte zu den flüchtenden Pinguinen hinab.

Ein lauter Knall zerriss die schwüle Luft. Deborah flatterte erschrocken auf. Der Fels, auf dem sie eben noch gestanden hatte, bewegte sich, und das Geröll des ganzen Berghanges rutschte wie eine Lawine in die Tiefe. 

„Geronimo! Nein!“

Deborah wollte zu ihm hinfliegen. Aber sie musste den Steinen ausweichen, die vom harten Aufprall auf den Boden zurück in die Luft flogen. Was konnte sie schon ausrichten? Nach einigen Sekunden war das Beben vorbei. Deborah brauchte ein paar weitere, bis sie es bemerkte. Und noch einige mehr, bis sie den Mut fand, zu der Stelle hinzusehen, wo Geronimo begraben lag. Langsam drehte sie den Kopf. Geronimo war frei. Nur eine dicke graue Staubschicht und ein paar kleine Steine bedeckten seinen rosa Körper. Deborah stürzte sich schreiend auf Geronimo.

„Heilige Mutterkrähe! Geronimo, lebst du?“ 

Er bewegte sich nicht. Deborah pikste ihn vorsichtig mit ihrem Schnabel. Geronimo reagierte nicht. Sie hockte sich vor seine Nase und hielt ihren Kopf ganz dicht an seine Nasenlöcher. 

„Atme, Geronimo. Atme.“

Ein zarter Lufthauch streifte Deborahs Wange. Sie schluchzte auf.

„Du lebst.“ Sie kuschelte sich an seinen Hals und weinte vor Glück. „Ich muss ihn hier wegschaffen, bevor die Erde wieder bebt.“ Sie flog in die Höhe und schaute ins Tal hinab. Durch die Staubschwaden, die noch durch die Luft waberten, sah sie, dass die Pinguine über das Geröll zurück den Berg hinaufkletterten. Eine Welle tiefer Zuneigung zu diesen sonderbaren Tieren wogte durch ihren Körper. Deborah schämte sich für ihre Ungeduld und ihr vorschnelles Urteil über die Auffassungsgabe der Pinguine. Sie brauchten keine weitere Aufforderung von Deborah. Als sie bei Geronimo angekommen waren, bildeten sie einen Kreis um ihn herum, und auf das Kommando des Pinguins, der bei Geronimos Kopf stand, beugten sie sich hinab und hievten ihn auf ihre Rücken. Geronimo stöhnte.

„Habt ihr das gehört?“, rief Deborah und flatterte aufgeregt vor Geronimos Gesicht auf und ab. 

„Geronimo! Geronimo?“

Er blinzelte und schaute Deborah für einen Moment in die Augen.

„Ja! Geronimo, du bist wach. Geronimo?“

Enttäuscht stellte Deborah fest, dass er schon wieder ohnmächtig geworden war. 

„Vorsichtig“, ermahnte sie die Pinguine, „vielleicht ist er verletzt.“ Aber die Pinguine beachteten Deborah nicht. Auf ein weiteres Quieken des Anführers setzten sie sich langsam und im Gleichschritt in Bewegung und balancierten Geronimo über den Geröllhang hinab ins sichere Tal. Vorsichtig legten die Pinguine Geronimo auf den sandigen Boden, dann watschelten sie ohne einen weiteren Blick zu Deborah davon. Sie flog ihnen ein Stück hinterher und bedankte sich immer wieder, aber sie schienen sie nicht zu verstehen. Die Pinguine ignorierten sie vollkommen. Schliesslich gab sie auf. Es hatte keinen Zweck. Und sie wollte sich nicht zu weit von Geronimo entfernen. Also setzte sie sich auf die dürren Äste eines Busches, von welchem aus sie Geronimo noch sehen konnte und beobachtete, wie die Pinguine, einer nach dem anderen, im Meer untertauchten.

Deborah schüttelte den Kopf. Was für sonderbare Wesen, dachte sie. Sie bedauerte sehr, dass sie sich nicht mit ihnen unterhalten konnte. Wie gerne hätte sie ihre Geschichte erfahren. Aber egal woher sie kamen, Deborah war unendlich froh, dass sie zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht waren. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und flog zu Geronimo zurück. Er lag noch immer bewusstlos da, genauso wie die Pinguine ihn hingebettet hatten. 

Erst jetzt wurde Deborah bewusst, dass die Sonne untergegangen war. Die Nacht kroch langsam aus den Ritzen der Felsen und Deborah kuschelte sich an Geronimos Bauch und betete, dass die Erde ruhig blieb. 

 

Geronimo öffnete die Augen. Es war noch Nacht, und ein sanfter Mond schimmerte am samtschwarzen Himmel. Geronimo hob seinen Kopf um sich umzuschauen, aber ein stechender Schmerz zwang ihn, ruhig zu verharren.

„Ach ja, der Stein“, erinnerte er sich. 

Geronimo sah Deborah neben sich liegen. Ihre gleichmässigen Atemzüge verrieten ihm, dass sie schlief. Er lächelte glücklich. Sie hatte den Geröllhagel unbeschadet überstanden. Jetzt fiel Geronimo auf, dass sie weit weg vom Berghang entfernt lagen. 

„Wie bin ich hierher gekommen?“ Er blickte wieder zu Deborah und verstand überhaupt nichts mehr. Seine Neugier würde bis zum Morgen warten müssen. Er schloss seine Augen und liess sich vom Rauschen der nahen Meereswogen wieder in den Schlaf wiegen. Als er das nächste Mal erwachte, stand die Sonne schon hell über dem östlichen Horizont und Deborah war wach.

„Geronimo! Wie fühlst du dich?“

„Nicht so laut“, sagte er und stöhnte. „Mein Kopf.“

„Entschuldige. Tut’s noch sehr weh?“

„Nur wenn ich mich bewege. Und mein hinteres Bein auch. Meine Flügel sind zum Glück unverletzt. Geht es dir gut, Deborah?“

„Du ahnst gar nicht wie gut.“ 

„Wie sind wir eigentlich hier herunter gekommen? Ich kann mich an nichts erinnern, nachdem mich der Stein am Kopf getroffen hat.“

„Du warst zwei Tage lang bewusstlos.“

„Zwei Tage!“, schrie Geronimo entsetzt aus. „Wir haben so viel Zeit verloren? Deborah, wir müssen sofort aufbrechen. Lass uns gleich losfliegen!“

„Langsam, langsam, mein Lieber. Erst einmal sollten wir etwas fressen und trinken, bevor wir uns in die Wüste wagen, meinst du nicht auch?“

Statt Geronimo antwortete sein Magen mit einem lauten Knurren.

„Die Frage ist nur, wo wir in dieser Einöde etwas Fressbares finden sollen? Hier gibt es nur Steine, Kakteen und Sand. Und salziges Meerwasser.“

Da hast du allerdings Recht. Aber wir sollten es zumindest versuchen. Und wenn wir dann weiterfliegen, erzähle ich dir alles, was geschehen ist.“

Geronimo versuchte, ein paar Schritte zu gehen, zuckte aber vor Schmerz zusammen, als er auf sein verletztes Hinterbein trat. Deborah sah ihn besorgt an.

„Es wird schon gehen“, stiess Geronimo zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. „Ich glaube nicht, dass es gebrochen ist.“

„Kannst du fliegen?“ 

Geronimo breitete seine Schwingen aus und bewegte sie einige Male auf und ab. „Alles in Ordnung, nur mit dem Anlaufen wird es schwierig werden. Aber ich kann ja …?“ Er blickte den Berghang hinauf und ein Schauer durchlief ihn. 

„Nein, doch lieber nicht, was meinst du?“

Deborah schüttelte heftig den Kopf.

„Es wird schon gehen. Du stösst dich ja auch nur mit zwei Beinen ab.“

Geronimo versuchte, ein paar Schritte zu gehen und humpelte dabei unbeholfen. Nach ein paar Versuchen hatte er den richtigen Rhythmus gefunden und es ging einigermassen.

„Deborah komm’, bevor ich aus dem Takt gerate.“ 

Während sie nebeneinander hergingen, schnupperte Geronimo immer wieder in die Luft und am Boden herum.

„Nicht der Hauch eines Duftes nach Süsswasser. Nur immer die salzige Brise vom Meer. Nach irgendetwas Fressbarem kann ich ebenfalls keine Witterung aufnehmen.“

Deborah krächzte verdriesslich.

„Sieh nur.“ Geronimo zeigte auf den Strand des Tolnalond, wo soeben die Pinguine aus dem Wasser auftauchten und bäuchlings auf den Sand glitten. Geronimo beobachtete sie fasziniert. 

„Das sind Freunde. Sie haben dich gerettet.“

Geronimo starrte Deborah mit grossen Augen an.

„Erzähl’ ich dir später“, sagte sie und rief die Pinguine.

Piepsend und quietschend watschelte die Schar auf Geronimo und Deborah zu und umringte sie. Sie drängten sich immer dichter an Geronimo und schubsten ihn langsam zum Wasser hin. Deborah flatterte über ihren Köpfen mit. 

„Was machen sie mit mir, Deborah?“

„Ich vermute, sie wollen mit dir schwimmen gehen. Nötig hast du ein Bad auf jeden Fall. Du bist voller Dreck und Staub. Es ist kein Fleckchen rosa mehr an dir zu sehen.“

Die Pinguine tauchten Geronimo ins Meer. Zuerst quiekte er vor Schreck. Das Wasser war kühl, doch schon bald schwamm Geronimo mit den Pinguinen um die Wette.

„Es ist herrlich“, rief er, als er kurz zwischen zwei Wellen auftauchte.

Deborah begnügte sich damit, sich von der Gischt erfrischen zu lassen. Lieber beobachtete sie das lustige Treiben aus sicherer Entfernung. Sie fürchtete sich vor dem Meer, aber sie war glücklich, Geronimo so vergnügt und lebendig zu sehen. Endlich liess sich Geronimo von einer Welle an den Strand spülen. Lachend blieb er liegen, und streckte den Bauch der Sonne entgegen. Dann stand er auf und schüttelte sich.

„Meine Kopfschmerzen sind fast weg. Aber das Bein schmerzt noch immer.“

Die Pinguine schoben Geronimo zu einem der grossen Kakteen. Mit ihren langen spitzen Schnäbeln bohrten sie Löcher in den Kaktus und tranken die Flüssigkeit, die sich in seinem Inneren befand. Geronimo konnte sich mit seiner empfindlichen Schnauze nicht an den Kaktus wagen. Enttäuscht schaute er den Pinguinen zu. Auch Deborahs Schnabel war zu kurz, um unbeschadet an den Stacheln vorbei zu gelangen. Rasch flog sie zu einem der Büsche, wo sie sich mit einem dünnen Ast abmühte.

„Hilf mir mal, Geronimo.“

Er humpelte das kurze Stück zu ihr hin und brach den Ast ab. Deborah spaltete ihn der Länge nach mit ihrem Schnabel und schälte das Mark heraus.

„Bitte sehr, hier hast du einen Trinkhalm.“

Während die beiden abwechslungsweise den Kaktussaft schlürften, hackten die Pinguine grosse Stücke aus dem nächsten Kaktus heraus. Beglückt stürzten sich Geronimo und Deborah auf die Mahlzeit. Das Kaktusfleisch schmeckte zwar fade, aber es füllte ihre Mägen. Als sie ihr Mahl beendet hatten, standen die Pinguine erwartungsvoll um sie herum. 

„Wir sollten aufbrechen, Deborah. Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren.“

Deborah nickte und wandte sich an die Pinguine. Mit Worten und Gesten versuchte sie ihnen zu sagen, dass Geronimo und sie jetzt weiterfliegen wollten und dass sie ihnen unendlich dankbar waren für ihre Hilfe. Dabei zeigte sie auf ihre Brust, dann schloss sie alle Pinguine in eine umfassende Bewegung ihrer Flügel ein und verbeugte sich. Dann zeigte sie auf sich selbst und auf Geronimo, flatterte mit den Flügeln und zeigte nach Osten. Diese Bewegungen wiederholte sie einige Male. Geronimo musste ein Grinsen unterdrücken, aber er ahmte ihre Dankesgesten nach. 

„Ich wusste gar nicht, dass du so gut tanzen kannst“, witzelte er.

„Ich kann eben auf vielfältige Weise kommunizieren“, gab sie spitz zurück und flog davon.

 

6. Ostwärts (2.Teil)

„Woran denkst du?“, fragte Geronimo.

„An Harak. Wie geht es ihm wohl, dort oben in Usa?“

„Du machst dir Sorgen um ihn.“

„Immerhin ist er dort an der Quelle der Gefahr. Was, wenn der König herausfindet, dass Harak ein Spion ist?“

Wie sollte er das merken, Deborah? Der König ist ein Mensch.“ Geronimo sprach das Wort mit einer Mischung aus Furcht und Ärger aus. „Herenya hat mir gesagt, dass die meisten Menschen sich nicht einmal vorstellen können, dass wir Tiere denken und sprechen und fühlen. Manche glauben sogar, wir haben keine Seele! Was soll man davon halten? Da kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Vogel in Gefahr ist, als Spion verdächtigt zu werden.“

„Ein Rabe.“

„Verzeihung.“ Geronimo verbarg ein Schmunzeln.

„Raben wurden schon immer als Boten gesehen, sogar von den Menschen. Und nicht immer nur im guten Sinne. Sie könnten ihn als böses Omen betrachten, und …“

Deborahs Stimme versagte.

„Du magst ihn wirklich sehr gerne“, stellte Geronimo fest.

Deborah nickte und schaute ihren Freund mit grossen Augen an.

„Ich fürchte mich, Geronimo.“

„Davor, dass du ihn vielleicht nie wieder siehst?“

„Ja, und ich habe auch Angst davor, ihn wiederzusehen.“

Darüber musste Geronimo erst nachdenken. Wie konnte Deborah gleichzeitig Angst davor haben, Harak wiederzusehen und ihn gar nicht mehr zu sehen?

„Er ist der Freund und Vertraute meines Vaters.“

„Deborah, darüber hatten wir doch schon mit Higor und Higar gesprochen. Du wolltest Borax die Chance geben, dir seine Version der Ereignisse damals zu erklären.“

„Du weisst selbst, dass dazu keine Zeit mehr war.“ Deborah schnaubte. „Ausserdem war das im Zauberwald. In Merilsilivren. Da ist man in einer ganz anderen Stimmung mit all dem Rosenduft und den Freunden die auf einen einreden. Hier draussen in der Welt, wo die Luft nicht mit der süssen Harmonie der Elbenstadt geschwängert ist, fühlt sich die Sache wieder ganz anders an.“

Geronimo schaute Deborah verdattert an.

„Verstehst du nicht? Wie kann ich Harak lieben und meinen Vater hassen? Er würde immer zwischen uns stehen. Ich wäre meinem Vater automatisch nahe. Das könnte ich niemals ertragen.“

„Du hasst deinen Vater nicht, Deborah. Ich hab’s gesehen. Du kannst dich nicht verstellen. Nicht vor mir. Dazu kenne ich dich zu gut. Du magst ihn.“

„Was redest du da?“ 

„Ich hab’s gesehen, Deborah. Du magst ihn.“

Deborah schnaubte und flog ein Stück zur Seite. 

„Wie du meinst“, sagte Geronimo. „Aber recht habe ich trotzdem.“

Nach einer Weile flog Deborah zurück an die Seite ihres Freundes.

„Er hat sich nicht wie das Ungeheuer verhalten, als das ich ihn mir in meinen Gedanken immer ausgemalt habe. Zufrieden?“

Geronimo schwieg.

„Aber das beweist gar nichts, hörst du. Natürlich gibt er sich als der liebevolle, reumütige Vater. Er will ja nicht schlecht dastehen vor seinen Raben und vor den Elben und all den anderen. Wie sähe das aus? Ich glaube ihm kein Wort. Er ist bloss ein guter Schauspieler. Das ist alles.“

„Du traust ihm nicht?“

„Wie könnte ich, Geronimo? Er hat mich verstossen. Er hat meine Mutter verstossen. Er wollte mich damals nicht. Wieso sollte er mich jetzt auf einmal lieben?“

„Ja“, sagte Geronimo nachdenklich, „ich verstehe, dass das für dich schwer zu glauben ist.“

„Glaubst du ihm etwa?“

„Ich weiss nicht, Deborah. Ich weiss es wirklich nicht. Seine Reue schien mir echt zu sein.“ Vorsichtig prüfte er Deborahs Reaktion auf sein Zugeständnis. Dann fügte er sicherheitshalber hinzu.

„Aber ich kenne ihn natürlich nicht und kann deshalb nicht beurteilen, ob er die Wahrheit sagt. Ich kann mich nur auf mein Gefühl verlassen.“

„Hm“, machte Deborah, und eine Weile lang flogen sie schweigend weiter. 

„Vertraust du Harak?“, fragte Geronimo.

„Was? Ja, ich vertraue ihm. Wieso fragst du das?“

„Glaubst du, Harak wäre so eng mit deinem Vater befreundet und mit ihm vertraut, wenn er ein so schlechter Kerl wäre?“

Deborah seufzte tief. „Ach, Geronimo. Musst du es noch komplizierter machen als es ohnehin schon ist?“

Er schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln.

„Wir sind lange geflogen, Deborah. Ich habe Durst und Hunger. Schau da vorne, es sieht aus, als wäre dort ein kleiner See. Ich glaube, es stehen auch ein paar Bäume an seinem Ufer. Kannst du es sehen? Vielleicht gibt es da Datteln.“

Deborah spähte in die angegebene Richtung. 

„Ja, das sieht tatsächlich so aus. Lass uns hinfliegen und nachsehen. Wir brauchen eine Pause.“

Geronimo hielt bereits im Sinkflug auf den See zu. Deborah war sich nicht sicher, aber was sie dort in der Ferne sah, hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit Bäumen. Vermutlich waren es Palmen. Sie hatte noch nie Palmen gesehen, aber die Elben hatten ihnen davon erzählt und sie beschrieben. Genauso wie die kleinen braunen Früchte, Datteln genannt, die darauf wuchsen. Sie würden ihnen neue Kräfte verleihen. Deborah lief das Wasser im Schnabel zusammen. Der See und die Palmen schillerten wundervoll in der gleissenden Sonne. Eine Verheissung von Kühle und Frische in dieser schier unerträglichen Hitze. Kein Lüftchen regte sich. Geronimos Haut glühte, seine Kehle war ausgedörrt wie die trostlose Landschaft unter ihm und seine Augen brannten. Er stellte sich vor, wie er im See baden würde, und die Vorfreude darauf half ihm, die Folter, die diese Reise durch die Gharwali geworden war, etwas leichter zu ertragen.

„Komm’ Deborah, es ist nicht mehr weit.“

Aber die Oase schien vor ihnen zu fliehen. 

„Weshalb kommt es mir so vor, als wäre dieser See immer gleich weit von uns entfernt?“, fragte Deborah.

„Komisch. Eben dachte ich, dass wir ihn gleich erreichen würden. Es scheint aber doch noch ein ziemliches Stück bis dahin zu sein.“

„Das muss an der Sonne liegen“, befand Geronimo. „Vermutlich lässt  sie uns glauben, dass die Oase näher liegt, als sie es tatsächlich ist.“ Geronimo liess enttäuscht die Ohren hängen. Sein Bad würde wohl noch bis zum nächsten Morgen warten müssen und ebenso sein knurrender Magen. Nach ein paar weiteren Meilen sagte er:

„Heute schaffen wir es nicht mehr. Ich bin todmüde, Deborah. Lass uns hier schlafen. Es wird schon dunkel.“ 

„Einverstanden. Besser wir suchen uns ein Plätzchen, bevor es stockfinster ist.“

Geronimo grub für sie beide eine Mulde in den Sand. So hatten sie wenigstens ein bisschen das Gefühl, geschützt zu sein.

 

Früh am nächsten Morgen suchte Geronimo mit den Augen den Horizont ab. Er drehte sich langsam einmal um sich selbst, aber er sah keinen See und auch keine Palmen. Geronimo stieg in die Luft hinauf, um eine bessere Sicht über die Dünen und Täler zu haben, die sich bis zum Horizont ausdehnten. Doch er sah nur nackten, gräulich weissen Sand.

„Wo ist er hin? Das kann nicht sein! Der See war doch gestern Abend noch hier. Ich habe ihn klar und deutlich gesehen. Er war ganz nah. Etwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu.“

„Es war eine Fata Morgana“, sagte Deborah tonlos.

„Eine was?“

„Eine Fata Morgana. Ein Trugbild. Wir sind einem Trugbild gefolgt. Das entsteht durch Luftspiegelungen und die Hitze.“

Geronimo starrte Deborah fassungslos an. 

„Was glotzt du mich so an? Du wolltest doch unbedingt zu der Oase fliegen. Vielleicht gibt es dort Datteln, hast du gesagt. Die sollen doch so lecker sein! Das haben wir jetzt davon. Datteln!“ Deborah spie das Wort in den Sand. Geronimos Beine kribbelten. Es fühlte sich an, als riesele der glühend heisse Wüstensand langsam durch seinen Körper.

„Wieso hast du das nicht gleich gesagt?“, schrie er. „Wenn du so gescheit bist und alles weisst, wieso hast du es nicht gestern schon gesagt? Ausserdem hattest auch du Hunger. Schon vergessen?“

Deborah gab einen ärgerlichen Krächzlaut von sich.

„Ich hab’s nicht gewusst! Zufrieden?“

„Wie das? Jetzt weisst du es, gestern wusstest du es nicht? Weisst du es oder weisst du es nicht?“

„Genau. Gestern war es mir nicht klar, aber heute schon.“

Geronimo stöhnte.

„Heilige Mutterkrähe!“, schrie Deborah. „Immer muss ich alles wissen. Und du? Du weisst gar nichts!“ 

Geronimos Unterlippe zitterte.

„Dann hättest du ja Harak mitnehmen können anstatt mich!“

„Was soll das jetzt heissen?“

„Du wärst doch viel lieber mit ihm zusammen als mit mir. Gib’s ruhig zu.“

„Du spinnst ja!“

„Ach ja? Du sprichst doch nur von ihm. Du denkst nur an ihn. Wie geht es Harak, was tut er gerade, wie mag es ihm ergehen in Usa, glaubst du er mag mich wirklich oder tut er nur wegen Borax so?“

Deborah kniff ihre Augen zusammen.

„Du bist es doch, der mir dauernd damit in den Ohren liegt, mich ihm anzuvertrauen. Du bist es doch, der will, dass ich Borax verzeihe und mich mit ihm versöhne. Du willst mich loswerden! Jawohl. So sieht’s aus. Du willst mich nicht mehr bei den Fliegenden Schweinen haben. Du willst mich an die Raben abschieben.“ Deborahs Stimme überschlug sich.

„So ein Blödsinn“, schrie Geronimo zurück. „Aber vielleicht gefällt es dir ja nicht mehr bei uns. Wir sind dir wohl zu dumm, was?“

Deborah wollte gerade zur nächsten Erwiderung ansetzen, als ein fernes Grollen sie aufhorchen liess. 

„Was war das?“

Beide schauten gebannt in die Richtung aus der das Grollen kam. Eine riesige Wand aus Sand erhob sich am östlichen Horizont. In rasendem Tempo wuchs sie in die Höhe wie eine gigantische Welle und riss die Wüste gierig mit sich. Der Himmel verfärbte sich rötlich grau. Der Sand verschluckte die Sonne. Das Grollen stieg zu einem ohrenbetäubenden Tosen, Rauschen und Zischen an.

„Ist das auch ein Trugbild?“, fragte Geronimo ängstlich, doch er wusste längst, dass dem nicht so war.

Deborah schüttelte den Kopf. „Ein Sandsturm.“

Plötzlich erwachte sie aus ihrer Starre.

„Schnell. Wir müssen irgendwo in Deckung gehen!“

Hektisch blickten sie sich nach einem Versteck um. Aber es gab nichts ausser Sand.

„Und wenn wir uns einfach auf den Boden drücken?“

„Dann werden wir lebendig begraben!“

„Wir müssen darüber fliegen“, schrie Geronimo durch das Getöse hindurch.

„Das ist viel zu hoch, das schaffen wir nicht mehr.“ Der Wind zerrte bereits kräftig an ihnen und blies ihnen Sand in die Augen. Scharf wie Kieselsteine schossen die Sandkörner auf ihre Körper.

„Schnell, Deborah. Wir müssen zusammen bleiben“, rief Geronimo und nahm Deborah unter seinen Flügel.

„Danke. Halte deine Flügel dicht am Körper und lass dich treiben. Das ist unsere einzige Chance.“

Geronimo liess sich vom Sturm in die Höhe reissen und versuchte mit dem freien Flügel so gut er konnte sein Gesicht zu schützen. Er konnte kaum atmen, und entsetzliche Angst packte ihn an der Kehle und drückte erbarmungslos zu. Wie ein Blatt wirbelte er haltlos durch die heisse Luft, gepeitscht, geschlagen und unaufhörlich vom Sand beschossen. Er glaubte zu ersticken. Seine Haut brannte wie Feuer. Verzweifelt drückte er Deborah an sich. Bloss sie nicht verlieren, dachte er unaufhörlich. Bloss Deborah nicht verlieren. 

 

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, liess der Sturm nach. Geronimo hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Er trudelte abwärts, jedenfalls glaubte er das. In dem ganzen Sand konnte er gar nichts erkennen. Er hielt seine Augen immer noch fest zusammengekniffen, um sie vor dem Sand zu schützen. Das Einzige was er fühlte, war Deborahs Körper an seiner Flanke und dieses Gefühl beruhigte ihn. 

Geronimo schlug hart auf einer Düne auf und rollte den Hang hinunter. Immer noch presste er Deborah fest an sich. In einer Talmulde blieb er liegen. Er regte sich nicht. Auch Deborah gab kein Lebenszeichen von sich. Fast gemeinsam fingen sie beide plötzlich an zu würgen und zu husten. Sie spuckten Sand, röchelten nach Luft und blieben wieder erschöpft liegen. Keiner bewegte sich, keiner sprach ein Wort. Alles war ruhig. Auch die Wüste schwieg.

“Du kannst mich jetzt loslassen, Geronimo“, krächzte Deborah in die Stille.

Geronimo erschrak. Er lockerte den Druck seines Flügels und Deborah kroch wankend darunter hervor. Ihr Körper wirkte doppelt so dick als sonst, so voller Sand waren ihre Federn. Sie schüttelte sich.„Du hast mir das Leben gerettet“, sagte sie.

„Das scheinen wir andauernd füreinander zu tun.“ 

Die beiden schauten sich lange in die Augen.

„Es tut mir leid, Geronimo. Alles was ich gesagt habe. Nichts davon ist wahr.“ Deborah heulte los.

„Ich weiss. Auch mir tut es leid, was ich zu dir gesagt habe.“

Beide weinten und Geronimo zog Deborah wieder unter seinen Flügel und an sein Herz und sie schmiegte sich glücklich an ihn. Wenigstens spülten die Tränen den Sand aus ihren Augen. Endlich beruhigten sie sich und rappelten sich auf. Geronimo tat jede Bewegung weh. Deborah sah ihn voller Entsetzen an: Er leuchtete rot wie eine reife Wassermelone.

„Heilige Mutterkrähe! Das muss ja höllisch weh tun.“

Geronimo nickte gequält.

„Hast du die Rolle noch?“, fragte sie alarmiert und kontrollierte seinen Hals, wo Abagindel die Korkrolle mit dem Brief an den König der Wüstenelben befestigt hatte.

„Tief in der Wüste Gharwali leben Elben“, hatte Abagindel gesagt. „Sie sind unsere Brüder und Schwestern, und sie sind die Hüter der Wüste. So wie wir gemeinsam mit den Gnomen das westliche Melindor mit unserem Wirken grün und fruchtbar halten, sorgen die Wüstenelben im westlichen Teil Melindors für das Leben in der Wüste, auch wenn es für normale Augen nicht leicht zu erkennen ist. Gemeinsam sorgen wir für das Gleichgewicht in der Natur. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Wir haben seit sehr langer Zeit keinen Kontakt zu ihnen gehabt. Aber wir wissen, dass sie leben, weil die Natur noch intakt ist. Sollte eines unserer beiden Völker, durch welche Einflüsse auch immer, vom Gesicht Melindors verschwinden, würde das die Zerstörung der Natur zur Folge haben.“

„Ich dachte, das hängt allein vom Wirken im Grossen Atelier ab?“, sagte Geronimo.

Abagindel lächelte nachsichtig. 

„Unser Atelier ist das grösste und wichtigste. Aber unsere Brüder und Schwestern in der Gharwali haben ebenfalls ein Atelier. Und obwohl wir Elben lange nicht untereinander kommuniziert haben, haben es die Gnome sehr wohl getan.“

„In der Gharwali gibt es also nicht nur Elben, sondern auch Gnome?“, rief Deborah erstaunt aus.

Abagindel nickte. „Die Gnome sind zwar die Hüter und Betreiber des Grossen Ateliers, wir Elben, und natürlich auch die Isthuini, aber sind die Hüter des Zauberwaldes. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Wir brauchen und bedingen einander. Genauso ist es in der Wüste. Ebenso zwischen der Wüste und der begrünten Welt und überhaupt mit allem in der Natur, von der wir alle ein Teil sind, egal ob Tier, Baum, Mensch, magisches Wesen, ein Blatt oder ein Krümel Erde. Ja, es gibt Gnome in der Wüste. Wie gesagt bilden sie mit ihrem Atelier, und die Elben mit ihrer Stätte, das Gleichgewicht zum Zauberwald. Und dieses Gleichgewicht ist durch den bevorstehenden Krieg in Gefahr. Deshalb müsst ihr beide so schnell wie möglich in die Wüste zu den Elben fliegen und ihnen unsere Lage schildern und sie um Hilfe bitten. Es ist unsere einzige Chance, der Überzahl von Revdas Armee etwas entgegenzusetzen.“

„Können nicht die Gnome ihnen diese Nachricht über das Atelier zukommen lassen?“, fragte Geronimo.

„Daran habe ich auch gedacht und wir haben es versucht. Aber leider beschränken sich die telepathischen Fähigkeiten der Gnome auf die Belange der Natur. Sie können sich nur über Dinge austauschen, welche die Natur und ihre Gestaltung betreffen. Vayobar hat den Wüstengnomen Bilder von sterbenden Bäumen und einer verdorrenden Natur gesandt. Auch hat er versucht, Bilder von Menschen zu übermitteln und sie mit den toten Bäumen zu verbinden, aber die Gnome können keine Bilder für Krieg in sich aufrufen. Das kommt in ihrer Wesensstruktur einfach nicht vor. Unsere Brüder und Schwestern in der Wüste wissen jetzt zwar, dass irgendetwas bei uns nicht stimmt, dass es eine Störung gibt, die den Wald bedroht, und vielleicht gelang es ihnen auch, das Bild von den Menschen zu entschlüsseln und vielleicht kommen sie auch auf die Idee, dass es um Krieg geht, aber das sind keine klaren Nachrichten. Und unklare Botschaften werden kaum eine klare Handlung nach sich ziehen. Wie sollen unsere Geschwister angemessen auf unsere Nachrichten reagieren, wenn sie nicht mit Sicherheit verstehen, was wir ihnen mitteilen wollen?“

Also hatte Abagindel Geronimo und Deborah auf ihre Mission geschickt.

„Dem Himmel sei Dank. Sie ist noch da und unversehrt. Nur voller Sand, fürchte ich“, sagte Deborah.

Sie löste den Knoten der Rolle und liess den Sand heraus rieseln. Dann fischte sie ein Fläschchen aus der Lederrolle, zog den Stöpsel mit dem Schnabel heraus und streute das Pulver, das sich darin befand, behutsam über Geronimos Körper.

„Ich glaube, das ist jetzt der Notfall von dem Adaphila sprach, nicht wahr? Wenn du jetzt nicht Heilung brauchst, wann dann?“

„Danke.“ Geronimo seufzte erleichtert. „Es wird schon besser.“

Und tatsächlich konnte Deborah staunend beobachten, wie sich Geronimos wunde Haut langsam wieder normalisierte.

„Was sollen wir jetzt bloss tun, Deborah?“

„Erst einmal ruhen wir uns aus.“

„Wir sind bestimmt ganz furchtbar von unserem Kurs abgekommen.“

Deborah nickte.

„Glaubst du, wir haben versagt mit unserer Mission?“

„Wer weiss, Geronimo, wer weiss.“

„Wir sitzen irgendwo in der riesigen Wüste, wir haben keine Ahnung wo, keinen Anhaltspunkt, und unsere Chancen unser Ziel zu erreichen sind nicht gerade vielversprechend. Wir werden verdursten.“ Geronimo liess den Kopf hängen und grunzte missmutig.

„Diese Möglichkeit besteht durchaus. Doch noch sind wir am Leben, Geronimo. Und solange noch ein Fünkchen Leben in uns ist, dürfen wir nicht aufgeben.“

„Du hast recht. Wir haben schon andere aussichtslose Situationen gemeistert.“

Deborah lächelte müde. „So gefällst du mir schon besser.“

„Hast du eine Idee, woran wir erkennen können, wie weit im Norden oder im Süden wir uns befinden?“, fragte Geronimo.

„Nein. An den Sternen kann man es wohl ablesen. Aber davon verstehe ich leider nicht viel. Du vielleicht?“

Geronimo schüttelte den Kopf. „Aber die Sonne geht noch immer im Osten auf.“

„Ja, wenigstens das ist gewiss. Aber wir können nicht einfach nach Osten weiterfliegen. Das Risiko, unser Ziel zu verpassen, ist zu gross.“

„Wenn wir hier sitzen bleiben, finden wir es auch nicht.“

„Das ist wohl wahr“, sagte Deborah und seufzte.

„Lass uns ein Weilchen schlafen, Deborah. Ich bin im Moment sowieso nicht in der Lage zu fliegen, egal in welche Richtung. Vielleicht haben wir eine Idee wie es weitergehen soll, wenn wir ausgeruht sind.“

 

Geronimo linste unter halb geöffneten Augenlidern hervor. Er war erwacht, weil ihn etwas am Flügel kitzelte. Dicht neben ihm stand eine langbeinige grosse Katze, nur wenig kleiner als er selbst. Ihr Fell war von derselben rötlich beigen Farbe wie der Wüstensand. Ihre warme feuchte Nase huschte über Geronimos Haut. Jetzt beschnupperte sie Deborah, die noch immer schlief. Mit einer schnellen Bewegung zog Geronimo sie fester an sich und sprang auf.

„Wer bist du, und was willst du von uns?“ Geronimo funkelte die Wildkatze wütend an. Diese war erschrocken zur Seite gesprungen und stand mit gesträubtem Fell und seitlich gebogenem Körper in Angriffsstellung da und fauchte. 

„Der Vogel riecht appetitlich und ich habe Hunger.“

Geronimo öffnete in einer bedrohlichen Geste seine Schwingen und knurrte mit gebleckten Zähnen:

„Wage dich noch einmal in ihre Nähe und ich reiss dich in Stücke!“

Deborah war von dem Geschrei aufgewacht und ging hinter Geronimo in Deckung. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Geronimo wirkte richtig gefährlich. Deborah war ungeheuer stolz auf ihn. Die Wildkatze zeigte sich zwar unterwürfig, aber Deborah hielt es dennoch für klüger, vorsichtig zu sein. Wer konnte schon sagen, wie stark die Wildkatze war? Auf jeden Fall hatten Geronimos Flügel die Katze mächtig beeindruckt. Dass er keine Reisszähne hatte, schien sie nicht bemerkt zu haben.

„Wer bist du und was tust du hier?“, fragte er noch einmal.

„Ich bin Caracal und ich bin ein Wüstenluchs. Und das hier ist mein Revier. Die Frage ist also eher: Wer seid ihr und was habt ihr in meiner Wüste verloren?“

„Deine Wüste?“

Der Wüstenluchs reckte herausfordernd sein Kinn vor.

„Seht ihr vielleicht sonst noch jemanden, der darauf Anspruch erheben möchte? Ihr vielleicht?“

Geronimo faltete seine Flügel wieder zusammen. 

„Natürlich nicht. Wir haben uns verirrt. Wir sind in einen Sandsturm geraten und der hat uns hierher geworfen. Ich heisse Geronimo und bin ein Fliegendes Schwein. Und meine Freundin Deborah ist die Königin der Raben.“

Deborah unterdrückte ein Kichern. Aber der Wüstenluchs schien gebührend beeindruckt zu sein. Auf jeden Fall neigte er ein wenig den Kopf und scharrte mit dem Vorderfuss im Sand. 

Geronimo fuhr fort: „Vielleicht kannst du uns weiterhelfen? Wir haben eine dringende Nachricht für die Wüstenelben. Kannst du uns sagen, wo wir sie finden? Wir haben durch den Sturm die Orientierung verloren.“

„Zu den Wüstenelben? Natürlich. Aber sicher. Wer will da nicht hin? Die Wüstenelben.“

„Weisst du wo sie leben? Kannst du uns den Weg zu ihnen beschreiben?“

Caracal zuckte zusammen und schaute Geronimo mit weit aufgerissenen Augen an, als hätte er ihn gerade erst entdeckt.

„Der Weg zu den Elben?“, half Geronimo ihm auf die Sprünge.

„Ach ja, natürlich. Also das ist einfach. Ihr fliegt.“ Er blickte von Geronimos zu Deborahs Flügeln und dann zum Himmel empor und zeichnete mit seiner Schnauze ein paar Kreise in die Luft. „Könnt ihr fliegen mit den Dingern?“

Geronimo verdrehte die Augen und nickte. Caracal gluckste amüsiert. Dann drehte er sich dreimal im Kreis und zeigte nach Süden.

„Da lang. Eine Tagesreise und dann scharf nach Osten. Dann drei Tage immer gerade aus. So könnt ihr die Elben nicht verfehlen. Todsicher!“ Er grinste zufrieden.

„Nach Süden?“, sagte Deborah. „Bist du sicher? Ich hatte das Gefühl, als wären wir ohnehin schon zu weit nach Süden abgetrieben worden.“

Caracal knurrte. „Zu weit nach Süden. Zu weit nach Süden. Zu weit nach Süden.“

Geronimo und Deborah tauschten besorgte Blicke.

„Ja, du könntest recht haben, Königin der Raben“, rief er aus und kratzte sich mit der Hinterpfote hinter dem Ohr. Gehetzt blickte er sich daraufhin um.

„Da! Hier geht es entlang. Jawohl. Ich bin mir ganz sicher. Nach Westen müsst ihr erst ein Stück. Hier direkt im Osten gibt es Treibsand. Oh ja, gefährlich, viel zu gefährlich. Andererseits, ihr könnt ja drüber fliegen. Aber einmal landen und das war‘s dann. Also lieber westwärts bis zur grossen Düne und dann wieder nach Norden. Das ist da.“ Er zeigte in eine Richtung. „Oder da? Nein, hier lang. Da ist Norden. Von da kommt die Nacht. Die Nacht ist kalt und kommt deshalb aus Norden. Klar? Also dann, gute Reise.“

Er kicherte und sprang mit seinen langen Beinen leichtfüssig davon. Nach ein paar Sprüngen heilt er inne und rief den beiden Freunden zu: „Ach übrigens. Die Wüstenelben gibt es nicht. Lange her. Alte Geschichten von früher. Keiner hat sie je gesehen. Keiner spricht mehr davon. Die gibt’s nicht. Puff! Weg. Oder nie da gewesen. Märchenquatsch!“ Er wälzte sich lachend im Sand. Dann sprang er wieder auf die Füsse, schüttelte sich und lief ohne einen weiteren Blick zurück davon. 

„Heilige Mutterkrähe! Dem hat die Sonne aber gehörig das Hirn rausgebrannt.“

Geronimo liess sich frustriert in den Sand plumpsen.

„Meinst du, da ist was Wahres dran? Ich meine, das was er über die Wüstenelben gesagt hat?“

„Der Kerl ist total verrückt, das hast du doch selbst gesehen. Dem glaub‘ ich kein Wort. Abagindel hätte uns bestimmt nicht den weiten gefährlichen Weg geschickt, wenn es diese Elben nicht mehr gäbe. Und er wird es wohl wissen.“

Geronimo seufzte.

„Und er hat auch gesagt, dass sie schon seit sehr langer Zeit keinen Kontakt mehr mit ihnen hatten. Vielleicht gibt es sie ja wirklich nicht mehr.“

„Dann wäre das Gleichgewicht in der Natur gekippt, schon vergessen? Das hat uns König Abagindel doch erklärt.“

Geronimo nickte. 

„Hast ja wiedermal Recht. Diese vermaledeite Wüste. Die raubt einem wirklich den Verstand.“

„Ausserdem ist die Wüste riesig gross, mein Lieber. Was weiss so ein Luchs schon? Die Wüstenelben leben im Verborgenen, genau wie die Zauberwaldelben. Ich habe in Narlio gelebt, nahe dem Zauberwald und wusste auch nichts von den Elben.“

„Ja, du hast Recht.“ Geronimo lächelte müde. „Was machen wir jetzt?“

„Keine Ahnung.“

Schweigend sassen sie da und starrten in die Ferne. 

„Wenn wir sonst niemanden fragen können, müssen wir uns selbst fragen“, sagte Geronimo schliesslich.

„Wie bitte?“

„Wir müssen darüber meditieren. Die Antwort liegt in uns selbst.“

Deborah starrte Geronimo verblüfft an.

„Das sagt zumindest Oraklingard immer“, erklärte Geronimo.

„Glaubst du wirklich, dass uns das weiterbringt?“

„Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Wenn wir einfach aufs Geratewohl losfliegen, fliegen wir womöglich genau in die falsche Richtung. Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeit zu vertrödeln.

„Du hast recht. Wenn Oraklingard sich mit so etwas nicht auskennt, wer dann? Also lass es uns versuchen.“

Sie schlossen die Augen und konzentrierten sich darauf, welchen Weg sie einschlagen sollten. Es war schwieriger als sie es sich vorgestellt hatten. Deborah schielte zu Geronimo hinüber. Er sass unbeweglich da, seine Miene verriet nichts. Er schien weit weg zu sein. Deborah versuchte es wieder. Dachte an nichts, versank im Nichts. Plötzlich tauchte Harak vor ihrem geistigen Auge auf. Wie es ihm wohl erging? Was tat er gerade? Ob er an sie dachte? Dann drängte sich Borax in ihren Geist. Seine Augen waren voller Zärtlichkeit und schossen Pfeile in ihr Herz. Ach verflixt. Weg mit diesen Gedanken, hinfort mit Borax. Auch Harak musste warten. Schluss. Stille. Die Gedanken kamen, Deborah schickte sie weiter, beachtete sie nicht. Und bald sank sie in ein dämmriges Dösen und ihr Geist schwebte über die Dünen davon. Deborah schreckte hoch. Sie schaute zu Geronimo hinüber. Er blickte sie erwartungsvoll an. Deborah lächelte.

„Zusammen?“, fragte Geronimo.

„Zusammen.“

Sie zeigten in dieselbe Richtung, lachten und flogen los.

 

Zwei Tage und zwei Nächte waren sie fast ohne Pausen geflogen. Unter ihnen wogte der Sand in sich endlos wiederholenden Dünen, die sich wie die Wellen eines Ozeans auf ein unbekanntes fernes Ufer zubewegten. Über ihnen stand unbarmherzig die Sonne, verbrannte Geronimos Haut, dörrte ihre Kehlen aus und lähmte ihre Flügelschläge.

„Ich kann nicht mehr.“ Deborah trudelte kraftlos ein paar Meter hinab. Geronimo folgte ihr und bot ihr seinen Rücken an. Dankbar liess sie sich darauf nieder. Ein paar Stunden kämpfte sich Geronimo tapfer weiter durch die heisse Luft, dann verliessen auch ihn allmählich seine letzten Kräfte. Seine Flügelschläge wurden immer langsamer und angestrengter, als wäre die Luft eine zähe Masse, die er beiseite schieben müsste. Er gab einen erstickten Laut von sich und sackte ein Stück in die Tiefe. Deborah schrie auf.

„Es geht nicht mehr.“ Mit letzter Anstrengung versuchte Geronimo seinen Fall mit den Flügeln abzubremsen, dann pflügte er durch den Wüstensand und blieb regungslos liegen. Deborah überschlug sich und landete vor seiner Nase. Sie blickte ihm direkt in die müden Augen, in denen sie eine stumme Entschuldigung las. Er war zu keinem Wort, geschweige denn zu einer Bewegung, mehr fähig.

Lange blieben sie einfach so liegen. Liessen die gleissende Sonne über sich dahinziehen. Es kümmerte sie nicht. Endlich raffte sich Deborah auf.

„Wir dürfen nicht hier liegenbleiben, sonst werden wir verdursten. 

„Tun wir das nicht sowieso?“

Deborah seufzte. „Komm, lass uns weiter gehen. Gib die Hoffnung nicht auf. Nicht, solange wir noch unsere Beine bewegen können.“

Geronimo nickte schwach und zog sich mühsam auf die Beine. Nach zwei Schritten knickte er ein. Sein verletztes Hinterbein machte ihm noch immer zu schaffen, aber er biss die Zähne zusammen und versuchte es noch einmal. 

„Für den Zauberwald“, sagte er.

„Für Melindor!“, sagte Deborah und gemeinsam schleppten sie sich Schritt für Schritt weiter nach Nordosten. Die Sonne hatte den westlichen Horizont längst berührt und den Sand mit ihrem Feuer verbrannt. Langsam kroch die Kühle der lauernden Nacht über die Ebene. Geronimo brach röchelnd zusammen. Deborah drehte sich zu ihm um. Ihr war schwindelig. Sie wankte zu ihm hin und sank ohnmächtig an seinen Hals. Mit der Nacht kam der Wind. Langsam deckte er Geronimo und Deborah mit Sand zu. Schicht um Schicht breitete die Wüste ihre Decke über ihnen aus, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war.

 

7. Sepora

Sepora schritt in ihrem Schlafgemach auf und ab. Ihre Unterkiefer mahlten, ihr Atem kam in kurzen heftigen Stössen. Endlich liess sie sich auf das ausladende Bett in der Mitte des Raumes fallen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Das durfte doch alles nicht wahr sein.

Sie war eingesperrt wie eine Verbrecherin.

Immerhin durfte sie in ihren Gemächern bleiben und musste nicht im Verlies vor sich hin faulen. Wie konnte Revda es wagen! Wie konnte Mokrin es wagen! Sie griff nach dem Glas, das auf ihrem Nachttisch stand und schmetterte es in die Ecke des Raumes. Resigniert liess sie sich nach hinten fallen und starrte an die Decke bis ihre Augen brannten. 

Sepora dachte an den Traum, der sie in der letzten Nacht heimgesucht hatte und erschauderte. Sie hatte ihren Vater gesehen. Er lag krank auf seinem Bett und hatte dennoch den ganzen Raum mit seiner Liebe erfüllt. So wie es immer gewesen war. Ein Kätzchen war auf sein Bett gesprungen und hatte sich laut schnurrend an ihn geschmiegt. Das Kätzchen war Revda gewesen. Plötzlich hatte sich ihr Bruder in einen hässlichen Geier verwandelt, der sich schreiend über seinem Vater aufbäumte. Er breitete seine Schwingen aus, dann neigte er seinen dürren Hals und saugte alles Leben aus dem alten König heraus. Der Geier, der Revda war, stiess ein keckerndes Lachen aus, hackte mit seinem Schnabel die Brust seines toten Vaters auf und riss sein Herz heraus.

Sepora war schweissgebadet erwacht. Ihr Herz schlug wie tausend Fäuste gegen ihre Brust, und sie wusste, der Traum war wahr.

Revda hatte ihren Vater getötet. Die Ungeheuerlichkeit dieser Erkenntnis presste sämtliche Luft aus ihren Lungen. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass zwischen Siklos und Revda immer eine gewisse Spannung bestanden hatte. Natürlich hatte sie bemerkt, dass ihr Vater sie bevorzugt und Revda niemals so warmherzig und liebevoll behandelt hatte wie sie. Zumindest nicht mehr, seit dem Tod ihrer Mutter.

Aber Siklos hatte seinen Sohn geliebt. Er hatte sich bemüht, auch ihm ein guter Vater zu sein, und Revda hatte alles getan, um ihm zu gefallen. Er hatte seinen Vater doch geliebt. Bestimmt hatte er das, oder etwa nicht? Sepora wusste, dass Revda viele Dinge getan hatte, die ihrem Vater nicht gefallen hätten, und er hatte ein besonderes Talent entwickelt, sie vor ihm zu verbergen. Sepora hatte ihm dabei geholfen. Sie hatte ihn immer in Schutz genommen, weil sie spürte, dass Siklos Liebe und Nachsicht für Revda auf wackligen Beinen standen. Als grosse Schwester fühlte sie sich verantwortlich für den kleinen Bruder. 

Was hatte er gestern Abend getan? Sie glaubte beobachtet zu haben, wie Revda etwas in den Wein geschüttet hatte. Aber es war eine flüchtige Bewegung gewesen und es ging schnell. Sie war nicht sicher, ob sie es sich nur eingebildet hatte. Vorsichtshalber lehnte sie den Wein unter der Begründung ab, sie leide an einer Magenverstimmung. Sie wollte auch Mokrin davor bewahren zu trinken. 

„Du weisst, mein Lieber, dass dir zu viel Wein nicht bekommt?“, hatte sie ihn liebevoll ermahnt. Er hatte ihre Bitte grosstuerisch abgetan und sein Glas bis auf den letzten Tropfen geleert. Ihr Verstand wollte schon gestern nicht glauben, was ihr Herz ihr klar und deutlich zu verstehen gab. Heute Morgen hatte sie es nicht mehr leugnen können. Ihr Gemahl war wie ausgewechselt gewesen. So vehement er gestern den Vorschlag, gegen die Elben in den Krieg zu ziehen, abgelehnt hatte, so entschieden trat er heute dafür ein.

Es war bestimmt ein Zaubertrank gewesen, den Revda Mokrin in den Wein geschüttet hatte. Immerhin steckte er dauernd mit diesem unheimlichen Semadar zusammen. Und jetzt war sie die Gefangene ihres eigenen Bruders. Ob er auch ihr nach dem Leben trachtete, so wie dem Vater? Sie hatte immer geglaubt, er würde sie lieben. Sie hatten immer zusammen gehalten. Der Tod der Mutter hatte zwar Siklos und Revda entzweit, aber er hatte Sepora und Revda zusammengeschweisst. Sepora riss sich aus ihrer Starre. Es half nichts, wenn sie jammerte und sich selbst bemitleidete. Auch nicht, wenn sie sich selbst Vorwürfe machte. Entschlossen stand sie auf und ging in ihr Wohngemach. Sie musste etwas unternehmen. Irgendwie musste sie die Elben warnen. Sie hatte noch keine Ahnung wie sie das anstellen sollte, aber es würde sich schon ein Weg finden. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und tauchte die Feder in die Tinte.

 

Krak hatte Xaxa schon vor Tagen auf seinem Beobachterposten in Tarugard abgelöst, als jener dem König von Usa und seinem Gefolge einige Meilen nordwärts gefolgt und dann nach Merilsilivren zurückgeflogen war. Krak hatte Xaxa nur ein Stück weit begleitet, denn zu beobachten, was Revda ausserhalb Tarugards und seiner Umgebung trieb, fiel nicht mehr in sein Zuständigkeitsgebiet. Sein Auftrag lautete, die Geschehnisse in Tarugard zu verfolgen und an König Abagindel weiterzutragen. Er beneidete Xaxa nicht um seine Aufgabe und erst recht nicht Harak, der sich über so lange Zeit in der Nähe König Revdas aufhalten musste. Von diesem Menschen ging keine gute Energie aus. Krak schüttelte seine Federn. Da war ihm Mokrin lieber. Obwohl er ihn für unwürdig hielt, den Titel König zu tragen. Krak schämte sich beinahe für den König von Tarugard. Bei den Raben wäre es undenkbar, dass jemand mit einem so schwachen und wankelmütigen Charakter König würde. Borax war von ganz anderem Format. Kraks Brust schwoll an vor Stolz, als er an seinen Fürsten dachte. 

Die lauten Rufe der Männer, das Wiehern von Pferden und das Klirren von Metall, drangen vom Fluss Tarulo zu Krak herauf. Der Fluss zog als graugrünes Band durch die Felder auf der endlosen Ebene vor den Hügeln Tarugards. Krak erschien es, als weite sich der Fluss zu einem See aus, wo sich sein Graugrün mit jenem der Pluderhosen, Wämse und Tuniken der Tarugarder Soldaten mischte.

Sämtliche Männer Tarugards hatten sich auf Befehl ihres Königs mit ihren Pferden und Maultieren am Ufer versammelt. Waffen wurden geschliffen, Helme poliert, Äxte geschwungen. Selbstherrliches Grölen vermischte sich mit dem Wiehern der Pferde. Aus den Dörfern in den Bergen und bis zum Tarusee zogen Karawanen weiterer treuer Untertanen des Königs heran. Auf ihren Schultern trugen sie Äxte, Sensen und die Lanzen, die von Generation zu Generation weitervererbt worden waren und in ihren Hütten, seit dem letzten Krieg gegen die Elben vor fast zweihundert Jahren, verstaubt in einer Ecke gestanden hatten. In wenigen Tagen würden sie sich mit dem Rest der Armee vereinigen und dann nach Norden marschieren, um sich dem Heer König Revdas anzuschliessen. Bei diesem Gedanken kroch eine eisige Kälte unter Kraks Federn. Er beschloss, noch eine Runde durch die Stadt zu fliegen, bevor er zum Zauberwald zurückkehrte, um König Abagindel Meldung über die Geschehnisse hier zu machen. 

Krak landete auf einem der marmornen Fenstersimse des Königspalastes. Vielleicht konnte er von den Dienern noch einige interessante Details über Mokrins Pläne erfahren. Schliesslich wusste jeder, dass sie gerne lauschten und die Neuigkeiten unter vorgehaltener Hand von Ohr zu Ohr weiter tuschelten. Krak spähte ins Innere des Raumes und erschrak. An einem zierlichen Schreibtisch sass Sepora. Von der sonst so stolzen Frau ging eine Aura der Verzweiflung und der Trauer aus. Sie hatte ihn entdeckt, und ein kleiner Hoffnungsschimmer huschte über ihre dunklen Augen. Ihre Mundwinkel zuckten beinahe unmerklich. Sie streckte ihre Hand nach Krak aus und erhob sich langsam.

„Hab’ keine Angst. Ich tu’ dir nichts“, sagte sie und kam vorsichtig auf Krak zu. Ihr offener und ehrlicher Blick veranlasste Krak dazu, stehen zu bleiben. 

„Sie haben mich hier in meinen Gemächern eingesperrt. Kannst du dir das vorstellen? Mein eigener Gemahl und mein Bruder halten mich als Gefangene in meinem eigenen Haus.“ Sie schnaubte.

„Erlaubst du?“, fragte sie und wies auf die freie Stelle neben Krak auf dem ausladenden Fenstersims. Krak krächzte zustimmend und wunderte sich, dass die Königin so respektvoll zu ihm sprach. Andererseits hatte er Sepora immer gemocht. Sie war stark und gütig und Krak hatte sich in ihrer Nähe immer wohl gefühlt, ganz ähnlich wie bei den Menschen aus Narlingard. 

Sepora setzte sich und liess ihren Blick über die Hügel schweifen.

„Sie trauen mir nicht. Und das aus gutem Grund. Ich teile ihre Sichtweise nicht. Ich will diesen unseligen Krieg nicht. Krieg kann niemals zu etwas Gutem führen, ganz gleichgültig was sein Motiv sein mag.“ Sie schüttelte sanft ihren Kopf und Krak sah, wie eine Träne über ihre Wange lief.

„Krieg gegen die Elben. Krieg gegen den Zauberwald. Welch ein Irrsinn! Begreifen sie nicht, was sie damit anrichten?“

Sie schaute Krak in die Augen. 

„Nein, das tun sie nicht. Ihr Hochmut und ihre Gier verschleiern den Blick ihrer Herzen. Wir sind doch alle miteinander verbunden. Wir alle hier in unserem schönen Melindor. Wir brauchen einander wie die Biene die Blüte, wie der Fisch das Wasser. Mein Bruder ist ein dummer kleiner Junge, der noch immer um die Anerkennung seines Vaters buhlt, den zu hassen er vorgab, damit er sich nicht eingestehen musste, wie sehr er sich nach seiner Liebe sehnte. Das ist mir in den letzten Stunden hier in meinem Gefängnis klar geworden.“ Sie lachte freudlos auf.

„Und das Traurige ist, dass mein Vater, dessen Herz vor Liebe überfloss, seinen eigenen Sohn daran verdursten liess.“

Krak trat einen Schritt auf Sepora zu. Sie strich ihm sanft über die glänzenden Federn. Krak liess es zu. Noch nie hatte er ausserhalb von Narlingard einen Menschen getroffen, dessen Herz so voller Güte war wie ihres. Er konnte es ganz deutlich fühlen. Sie war nicht wie die meisten anderen Menschen. Er musste sie befreien. 

„Ich besorg’ dir den Schlüssel zu deiner Kammer, meine Königin“, sagte er. „Bestimmt hängt er einem der Diener um den Hals. Ich bin gleich wieder da.“ Er wusste nicht, ob Sepora ihn verstehen konnte, aber das spielte keine Rolle. Er stiess sich vom Sims ab und flog davon.

„Nein, bleib hier. Bitte!“, rief sie ihm nach.

Es würde nicht lange dauern. Schliesslich war Krak ausreichend mit dem Palast vertraut. Er flog Richtung Westen den grossen Fenstern entlang, bis er zu einem kleinen runden Bullauge gelangte, das nicht verglast war. Es war die Belüftung des langen Korridors, der vor den Gemächern des Königspaares verlief. Wie Krak sich gedacht hatte, sass ein Diener vor einer der Türen und döste vor sich hin. Er hatte sich wohl diese Nachlässigkeit erlaubt, weil er seinen Herrn weit weg am Ufer des Flusses wusste.

Krak flog leise an ihn heran. An einem langen roten Band hing ein Schlüssel um den Hals des Dieners. Krak unterdrückte ein Lachen. So einfach machten sie es ihm? Es rechnete hier niemand damit, dass jemand der Königin zu Hilfe kommen würde. Vorsichtig nahm Krak das rote Band in seinen Schnabel und hob es nach oben. Der Diener bewegte sich schnaubend. Krak hielt inne. Der Diener sank wieder in seinen Dämmer zurück. Mit einem Ruck zog Krak dem Mann das Band über den Kopf und flog schleunigst davon. Der Diener war nicht einmal erwacht, er hatte nur mit der Hand vor seinem Gesicht herum gefuchtelt, als wollte er eine Fliege verscheuchen. 

„Du bist zurück gekommen!“, rief Sepora voller Freude aus, als Krak wieder auf dem Fenstersims vor ihrem Schlafgemach landete.

Krak legte den Schlüssel vor sie hin und blickte mit schräg gestelltem Kopf zu ihr hoch. 

„Das hab’ ich doch versprochen“, sagte er. Ungläubig schüttelte Sepora den Kopf. Ihre Augen schwammen in Tränen.

„Wie ist das möglich?“ Sie lachte und nahm den Schlüssel in ihre Hände. 

„Du wundervoller, kluger Vogel! Hast du etwa verstanden, was ich dir erzählt habe?“

Krak nickte deutlich mit dem Kopf. Sepora schluckte und fasste sich ans Herz.

„Aber natürlich! Die Legenden berichten davon, dass in den frühen Zeitaltern Melindors die Menschen und die Tiere miteinander sprechen konnten. Und die Leute aus Narlingard sollen diese Fähigkeit noch heute besitzen.“

Sepora stand vom Fenstersims auf und hockte sich hin, um mit Krak auf Augenhöhe zu sein. Sie lächelte ihn an.

„Ich danke dir von ganzem Herzen, mein lieber, wundervoller Freund. Und ich muss dich um einen weiteren Gefallen bitten. Sie nahm den Brief, den sie eng zusammen gerollt hatte und hielt ihn vor Kraks Schnabel. Bitte, flieg in den Zauberwald und bringe diesen Brief zu König Abagindel. Die Elben müssen gewarnt werden über den Angriff, den mein Gemahl und mein Bruder planen.“

Krak wollte Sepora gerne sagen, dass sie bereits davon wussten, aber sie würde ihn nicht verstehen. Also nickte er nur und hielt ihr den Kopf hin. Sepora löste das rote Band vom Schlüssel und befestigte damit den Brief um Kraks Hals. Dann strich sie ihm zärtlich über den Kopf.

„Flieg mein Freund, flieg so schnell du kannst!“

Krak blickte Sepora kurz in die Augen, nickte und flog davon. Nach einer Weile drehte er sich um. Sepora stand noch immer am Fenster und schaute ihm nach.

 

 

8. Die verborgene Bucht

Vorsichtig spähte Harak hinter einer Zinne hervor.

Von seinem Versteck auf dem Wehrgang konnte er durch das Fenster im untersten Raum des Alchemistenturmes schauen. Zwar nur aus der Ferne; er wagte sich nicht näher heran.

Vor einigen Tagen hatte er gehört, wie König Revda zu Semadar gesagte hatte:

„Da ist schon wieder dieser Rabe mit den hellen Augen. Sonderbar, dass sich ein Rabe alleine herumtreibt.“

Semadar hatte zu Harak hingesehen. Für einen kurzen Moment hatten sich ihre Blicke getroffen. In den Augen des Zauberers lagen gleichermassen Neugier und eine glühendheisse Wut, die tief in ihm verankert schien. Harak war wie gelähmt gewesen. Dann hatte er sich schleunigst davongemacht und sich seither nicht mehr blicken lassen: weder in der Stadt noch auf der Burg. Er war ein Stück den Namur hinab geflogen, um seine Nerven zu beruhigen.

Hatten die beiden Verdacht geschöpft? Konnte der Zauberer am Ende seine Gedanken lesen?

Grosser Rabe! Er war zu leichtsinnig gewesen. Er hatte überlegt, ob er gleich nach Merilsilivren zurückfliegen sollte, doch das war undenkbar. Er konnte die Elben und Borax nicht dermassen enttäuschen. Nein! Ohne irgendeinen brauchbaren Bericht würde er nicht aus Usa verschwinden. Also hatte er all seinen Mut zusammengenommen und war zurückgeflogen. Aber er musste mit äusserster Vorsicht vorgehen. Revda und dieser unheimliche Zauberer durften ihn auf keinen Fall entdecken. Harak wollte sich lieber nicht vorstellen, welche Methoden Semadar anwenden würde, um einen Vogel zum Sprechen zu bringen. Konnten Menschen überhaupt mit Vögeln sprechen? Harak traute Semadar mittlerweile alles zu. Er dachte an den in einem Einmachglas konservierten Raben, den er bei einem Erkundungsflug durch die oberen Räume des Alchemistenturmes einmal entdeckt hatte. Harak erschauderte. 

Die Türe zum untersten Gemach des Zauberers öffnete sich und Revda betrat, gefolgt von Semadar, den Raum. Revda zog eine lange Pergamentrolle unter seinen Arm hervor und rollte sie auf dem grossen Tisch auseinander.

Die beiden Männer beugten sich darüber, zeichneten mit den Fingern Linien darauf und diskutierten und gestikulierten heftig dazu. Revda zeigte auf eine bestimmte Stelle auf der Karte. Er grinste verschlagen und schlug Semadar lachend auf die Schulter. Es klopfte an der Türe. Revda ging hin und riss sie sichtlich ungehalten über die Störung auf.

Ein eingeschüchterter Diener stammelte etwas, woraufhin Revda und Semadar den Raum verliessen. Die Pergamentrolle liessen sie auf dem Tisch liegen. Harak zögerte einen Moment. Sollte er es wagen? Die beiden konnten jeden Augenblick zurückkommen. Es war riskant, aber Harak musste es versuchen. Er musste herausfinden, worüber die beiden verhandelt hatten.

Von seinem Versteck aus hatte Harak kein Wort ihrer Unterhaltung gehört. Schnell flog er durch das offene Fenster und landete auf der ausgebreiteten Landkarte. Sie zeigte die nördliche Hälfte Melindors. Harak suchte die Karte fieberhaft nach einem Zeichen, nach irgendeiner Markierung ab. Er fand nichts. Die Karte lag jungfräulich vor ihm. Harak drehte sich im Kreis. Irgendeinen Hinweis musste es doch geben. Auf welche Stelle hatte König Revda eben gezeigt? Es war nichts zu sehen. Nicht einmal ein Kratzer. 

Die Türe zum Turmgemach knarzte. Harak zuckte zusammen. Er sauste unter den massiven Eichentisch und krallte sich mit den Füssen in das rohe Holz an der Unterseite der Tischplatte. Mit dem Schnabel hakte er sich in einem kleinen Astloch fest. Das weisse Gewand des Zauberers quoll durch die offene Türe, die Sohlen seiner Ledersandalen klatschten auf den Steinboden. Semadar trat an den Tisch. Er war allein. Haraks Herz raste. Er wagte kaum zu atmen und krallte sich so fest an die Tischplatte, dass seine Füsse verkrampften.

Semadar rollte die Karte zusammen. Plötzlich hielt er inne. Er blickte sich um, dann schritt er zum Fenster, blickte hinaus, drehte sich nach links, drehte sich nach rechts. Er kam zum Tisch zurück. Harak konnte sich kaum noch festhalten und er glaubte, seine Brust müsste explodieren, so heftig schlug sein Herz dagegen. Semadar ging in die Hocke und spähte unter den Tisch. Harak presste seinen Körper gegen die Tischplatte und hielt den Atem an. Er rührte sich nicht. Er dachte an Borax, an die Elben und den Zauberwald. Es war vorbei. Er dachte an Herenya. Gleich würde der Zauberer ihn entdecken. Harak schloss die Augen. Er dachte an Deborah. Wie gerne hätte er sie wiedergesehen.

Semadar erhob sich kopfschüttelnd, rollte die Karte zusammen und stieg die Wendeltreppe an der Turmmauer empor. 

Die Luft entwich aus Haraks Lungen. Er schoss unter dem Tisch hervor, aus dem Fenster hinaus und flog so schnell ihn seine Flügel trugen weg von diesem verwunschenen Turm. Weg vom Zauberer. Weg von der unglückseligen Stadt. Er konnte sein Glück nicht fassen. Semadar hatte ihn nicht gesehen. Als Harak schliesslich auf einem Feld am Stadtrand landete, zitterte er am ganzen Körper. Was hatte das zu bedeuten? Wenn er nur wüsste, worüber sich die beiden unterhalten hatten. Worauf hatte Revda gezeigt? Vielleicht auf das Namurdelta, wo Usas Flotte vor Anker lag? Das hatte Harak auf einem seiner Erkundungsflüge herausgefunden. Und es hatte ihm einen ungeheuren Schrecken eingejagt. So viele Schiffe lagen dort und warteten darauf, die Soldaten in ihren Bäuchen aufzunehmen und sie auf dem grossen Fluss Richtung Zauberwald zu tragen. Zwölf Schiffe hatte Harak gezählt. Sollte es etwa bedeuten, dass die Armee startklar war? Aber das erschien ihm unwahrscheinlich. An den Schiffen wurde immer noch fleissig gearbeitet. Planken wurden ausgewechselt und neu gestrichen, Segel geflickt, die Schiffsdecks geschrubbt und Seile aufgerollt.

Harak flog zurück in die Stadt. Vielleicht konnte er dort etwas erfahren. Zum Palast wagte er sich noch nicht zurück. Er zitterte noch immer bei der Erinnerung daran, wie knapp er Semadar entkommen war. Harak landete auf dem Dach eines Hauses am Stadtrand und liess seinen Blick über die verwinkelten Gassen schweifen. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. An einer Strassenkreuzung standen zwei Frauen beieinander und unterhielten sich. Ihre voll mit Kartoffeln und Gemüse beladenen Körbe hatten sie auf dem Boden abgestellt. Harak stiess sich vom Hausdach ab und segelte an den beiden Frauen vorbei. 

„Mein Jüngster muss auch zu diesen Übungen. Er ist doch erst vierzehn! Wozu soll das gut sein? Bisher war der Armeedienst erst ab achtzehn Jahren. Was soll das bedeuten, dass der König plötzlich Halbwüchsige rekrutiert?“

Die andere Frau streckte stolz ihre dicken Brüste vor und ihre apfelroten Wangen leuchteten.

„Mein Torin ist auch dabei. Und er wird erst im Winter vierzehn. Du solltest stolz sein, Gwelda, anstatt die weisen Entscheidungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Das geziemt sich wirklich nicht.“

Gwelda schaute verdattert. „Ich versteh’s halt nicht, Berte, das ist alles. Aber der König wird schon wissen, was er tut, nicht wahr?“

„Natürlich tut er das, und nur das Beste für uns, da kannst du sicher sein, meine Liebe. Ganz der Vater, der gute Revda. Und unsere Jungs sollen ja nur für ein paar Wochen in der Armee dienen. Es ist nur eine Übung. Damit wir gewappnet sind, sollte uns mal ein Feind angreifen. Sehr vorausschauend, der junge König, jawohl, der kümmert sich um sein Volk. Der Dienst soll den Charakter der Jungs stärken, hat er gesagt. Das kommt uns Müttern dann ja auch zugute.“

„Hast ja recht, Berte, hast ja recht.“ 

Die dicke Frau rückte näher an Gwelda heran. Ihre Augen glänzten.

„Ist er nicht ein Bild von einem Mann, unser König Revda?“

Harak flog angewidert weiter. Wie dumm diese Frauen waren. Begriffen sie nicht, was für ein Mensch der König wirklich war? 

Weiter vorne in derselben Strasse quoll Lärm aus dem Fenster einer Taverne. Harak setzte sich auf das Fenstersims und schaute in die schummrige Schankstube hinein. An einem Tisch nahe dem Fenster, der mit einer Patina aus Wein, Bier und Fett überzogen war, steckten drei Männer ihre geröteten Köpfe zusammen.

„Dem jungen König liegt was an seinem Volk. Er will starke Männer aus unseren Jungs machen.“

„Ja, mein junger Olfred freut sich schon mächtig auf den Dienst. Es ist eine Ehre, so einem schneidigen König dienen zu dürfen.“

„Auf König Revda!“ 

Die Männer hoben ihre Bierkrüge, stiessen grölend an und tranken auf das Wohl und ein langes Leben ihres neuen Königs. 

„Er ist ein guter König. Da haben wir wirklich Glück gehabt. Auch der alte König Siklos war gut, ein ganz feiner Herr war das, sehr vornehm, sehr anständig.“ 

Einer der Männer wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Wieder krachten die Bierkrüge aneinander und die Männer tranken auf das Seelenheil ihres verstorbenen alten Königs.

„Aber der junge König Revda hat mehr Schneid. Er wird der Stadt noch mehr Wohlstand bringen.“

„Und Fortschritt.“ Sie hoben erneut ihre Bierkrüge. „Auf den jungen König. Lang soll er leben. Prost!“

Erschüttert flog Harak davon. Merkten diese Leute nicht, was hier lief? Revda belog sein Volk und sie feierten ihn dafür? Im Lügen und Betrügen war er wahrlich ein Meister. Kein Wunder glaubte Revda an die Ahnungslosigkeit der Elben im Zauberwald, wenn er sein eigenes Volk so leicht hinters Licht führen konnte. Das war sein schwacher Punkt. Doch würde das Wissen um diese Schwäche ausreichen, den König von Usa zu besiegen? Harak war verzweifelt. Wie sollte er herausfinden, was Semadar und Revda im Turm besprochen hatten? Ihn quälte ein starkes Gefühl, dass es sich dabei um etwas ausserordentlich Wichtiges handelte. Er musste es unbedingt herausfinden. Er konnte unmöglich nur mit Vermutungen zurück in den Zauberwald fliegen. Also nahm er all seinen Mut zusammen und flog noch einmal zum Schloss hinauf. 

Die bunten Mauern und Türme leuchteten fröhlich in der Sonne und ein unbedarfter Beobachter hätte sich über die verspielte Schönheit des Palastes von Usa gefreut. Aber Harak fühlte sich, als flöge er zu seiner Hinrichtung. Er hielt so grossen Abstand zu den Fenstern des Schlosses, dass er gerade noch erkennen konnte, wer sich in den Räumen befand. Den König und seinen Alchemisten konnte er nirgends entdecken. Harak bog um die Ecke der nordöstlichen Wehrmauer. Der violette Turm ragte hoch über dem schäumenden Meer auf. Harak erschauderte wie jedes Mal bei diesem Anblick. Dieses Mal war es noch schlimmer. Er schloss die Augen und holte tief Luft.

„Es muss sein!“

Harak dachte an Deborah. Wie mutig sie war. Was würde sie von ihm denken, wenn er sich wie ein Feigling aufführte? Entschlossen schlug er seine Flügel und flog näher an das unterste Turmfenster heran. Der Raum schien leer zu sein. Angestrengt lauschte Harak auf ein Zeichen der Anwesenheit des Zauberers und vielleicht auch des Königs. Es war nichts zu hören.

Harak flog zum Fenster der nächsthöheren Etage. Auch sie war leer. Ebenso das Stockwerk darüber. Auch in der Bibliothek war der Zauberer nicht. Schliesslich schraubte sich Harak hoch in den Himmel, um aus sicherer Entfernung den Dachgarten des Zauberers zu inspizieren. Aber auch da war niemand. Erleichtert liess sich Harak auf einer Zinne der westlichen Wehrmauer nieder und blickte auf die Gischt, die weit unten an die weissen Felsen spritze. Er hatte nichts Neues erfahren. Was sollte er jetzt tun? Er beschloss, es für heute dabei zu belassen. Seine Gedanken schwirrten wie nervöse Fliegen durch seinen Kopf. Er war verwirrt. Und er war müde. Er schwang sich wieder in die Luft und drehte nach Süden ab. Die Nacht würde er ausserhalb der Stadt verbringen.

 

Vom Gipfel einer mächtigen Silberpappel blickte Harak über die Dächer von Usa. Die Sonne stieg gerade über der östlichen Ebene herauf und bestrahlte die vielen bunten Mauern und Türme der Burg.

„Wie schön dieser Ort ist. Wenn da nur nicht dieser verfluchte König und sein Zauberer wären.“ Harak überlegte, ob er noch einmal zum violetten Turm hinauf fliegen sollte. Irgendetwas hielt ihn davon ab. Es war nicht nur der Schrecken seines letzten Abenteuers, der ihm noch immer in den Federn steckte, sondern eine seltsame Unruhe, die ihn schon früh am Morgen geweckt hatte. Sie wollte nicht von ihm ablassen. Harak schüttelte sich.

„Es hat keinen Sinn“, sagte er zu sich selbst, „ich muss einen klaren Kopf bekommen.“

Er schwang sich in die Luft und drehte nach Norden ab. Mit kräftigen Flügelschlägen flog er zum Fischerhafen. Sein Frühstück schnappte er sich unterwegs von einem Haufen kleiner Fische, die ein alter Fischer gerade aus seinem Netz auf die Mole schüttete. Der Fischer zeterte, aber es kümmerte Harak nicht. Er folgte dem langen weissen Sandstrand, der in der Sonne dieses strahlenden Herbsttages glitzerte. Harak flog tief und genoss es, sich von der Gischt der Wellen bespritzen zu lassen.

Nach einiger Zeit sah er in der Ferne vor sich eine Felsformation, die den Strand begrenzte. Das wäre ein idealer Ort, eine Pause einzulegen und über die Geschehnisse der letzten Tage nachzusinnen. Harak liess sich auf dem höchsten Punkt des Felsens nieder und schüttelte sich die letzten Wassertropfen aus den Federn. Die Sonne liebkoste seinen Rücken. Er blinzelte ihr dankbar zu. Für einen Moment schloss er die Augen und gab sich ganz ihrer wärmenden Umarmung hin. Dann wandte er sich neugierig nach Norden, um zu sehen, was sich hinter der Felsformation verbarg. Seine Federn sträubten sich vor Entsetzen.

In einer kleinen Bucht lagen drei Karavellen vor Anker. Am Strand wimmelte es von Menschen und Tieren. Männer luden Kisten von Ochsenwagen ab und schleppten sie über schwindelerregende Stege auf die offenen Decks der Schiffe. Andere Männer entrollten Segel und befestigten sie an den Masten, schrubbten Planken und erledigten letzte Reparaturen. Sie rollten Fässer auf die Schiffe und schleppten grosse Körbe voller Lebensmittel heran. Mitten in diesem Gewühl und Gedränge stand Semadar. Sein weisses Gewand leuchtete in der Sonne. Er schrie mit unnatürlich lauter Stimme, die der Wind zu Harak hinauf trug:

„Bewegt euch, ihr Lumpenpack! Oder muss ich euch Beine machen?“

Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, knallte er mit einer Peitsche durch die Luft. „Morgen setzen wir die Segel Richtung Westen. Vorwärts!“

Wieder zischte die Peitsche durch die salzige Luft und traf hart auf die Ladefläche eines Ochsenkarrens. Die Tiere brüllten erschrocken auf. Harak zuckte zusammen, als hätte die Peitsche ihn selbst getroffen. Fassungslos starrte er auf das Treiben am Strand. Für eine Weile war Harak unfähig, sich zu rühren. Ein Schauder durchlief ihn und rüttelte ihn aus seiner Starre. Harak stiess sich vom Felsen ab und flog davon. Er würde nicht ruhen, ehe er den Zauberwald erreicht hatte. 

 

9. Ka-amat

Melam legte die Handkante an ihre Stirn, um die Augen vor der Sonne zu schützen. Meter um Meter tastete ihr scharfer Blick die Umgebung ab. Plötzlich hielt sie inne und fixierte einen einzigen Punkt. 

„Da vorne ist etwas!“

Ihr Gefährte Akálem schaute auf die Stelle, auf die Melams ausgestreckter Arm zeigte. In weiter Ferne erhoben sich, kaum wahrnehmbar, zwei winzige Hügel aus den sanften Wellen des Sandes. Akálem nickte Melam zu, und die beiden rannten leichtfüssig über den Sand. Vor den kleinen Hügeln gingen sie in die Hocke und schaufelten den Sand mit den Händen beiseite. Melam stiess einen spitzen Schrei aus. Sie legte ihr Ohr auf den Körper, den sie halb frei geschaufelt hatte und lauschte. Dabei sah sie aus dem Augenwinkel, wie Akálem etwas Schwarzes aus dem Sand hob.

„Es ist noch Leben in ihm, aber es schwindet“, sagte sie. „Schnell, hilf mir.“

„Bei der Krähe ist es ebenso“, stellte Akálem fest. Er nahm eine Feldflasche von seinem Gürtel, entstöpselte sie und träufelte Deborah einige Tropfen in den Schnabel. Dann legte er sie behutsam in den Sand und half Melam beim Graben.

„Ist dir klar, was wir hier gefunden haben?“

Melam nickte. „Ein Fliegendes Schwein.“ 

Sie schauten sich in die Augen und lächelten.

„Was hat das zu bedeuten? Ein Fliegendes Schwein und eine Krähe mitten in der Gharwali?“

„Wir werden es erfahren. Aber nur, wenn sie leben.“

Akálem reichte Melam seine Feldflasche und hob Geronimos Kopf leicht an, während Melam ihm vorsichtig einen Schluck daraus ins Maul goss. Akálem hievte sich Geronimo auf die Schultern und Melam hob Deborah auf.

„Wie schön sie ist“, sagte Melam und streichelte sanft über die staubigen Federn. Dann rannten sie los.

 

Geronimos Augenlider flackerten. Er schaukelte sanft über dem Wüstenboden. Seinen Körper spürte er nicht. Zu seiner Linken erhob sich eine imposante Felsformation wie eine trutzige Mauer, die entschlossen war, Eindringlinge abzuwehren. Sie leuchtete rot in der Sonne, als stünde sie in Flammen. Geronimo fragte sich nicht, wo er war oder was mit ihm geschah. Er war weder wach noch schlief er. Es war ihm, als schwebte er durch einen Traum.

Eine hochgewachsene schlanke Gestalt trat in sein Blickfeld. Sie trug enge Hosen und eine sandfarbene Tunika mit einer grossen Kapuze. Ihre rotgoldenen Haare flatterten im Wind. Sie rannte. In ihren Armen hielt sie Deborah. Alles war gut.

 

Geronimo öffnete die Augen. Weisse und silberne Linien zeichneten filigrane Muster in den roten Fels, der sich über ihn wölbte. Er lag in einer Höhle, gebettet auf ein weiches Polster aus duftendem Heu. Getrocknetes Gras? Wo war er? Ein Gesicht schob sich vor seinen Blick. Schiefergraue Augen schauten ihn liebevoll an. Geronimo erkannte die Frau aus seinem Traum. Jenes elbengleiche Wesen, das Deborah in seinen Armen getragen hatte. Träumte er schon wieder? Er schrak hoch.  

„Sch, sch“, mahnte die Frau und strich Geronimo zärtlich über den Kopf. „Hab keine Angst. Du bist in Sicherheit.“

„Wo ist Deborah?“

„Ah, Deborah. Was für ein schöner Name. Sie liegt hier, gleich neben dir. Und es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sie wird wieder, sorge dich nicht. Es stand schlecht um sie, aber sie ist über den Berg. Sie ist wahrlich eine Kämpferin.“

Geronimo atmete erleichtert aus. „Ja, das ist sie.“

Ich bin Melam. Und wie heisst du?“

„Geronimo. Wo sind wir?“

Die Frau lächelte, und es war, als ginge die Sonne auf. 

„Fühlst du dich schon stark genug, um aufzustehen?“

Geronimo nickte und erhob sich. Er fühlte sich noch ein wenig wackelig in den Knien, aber er machte ein paar Schritte, um seine Glieder zu strecken. Nach ein paar unsicheren Schritten wurde ihm schwindelig und seine Beine versagten. Melam goss eine Flüssigkeit in eine Schüssel und schob sie Geronimo hin. 

„Hier, trink’ das. Es wird dich stärken.“

„Was ist das?“ Geronimo betrachtete die Flüssigkeit, die dicker war als Wasser und silbrig-grün schimmerte. 

„Ein Trank, den unsere Heilerinnen für euch zubereitet haben, damit ihr die Strapazen der Wüste schneller übersteht und rasch zu Kräften kommt. Wir haben euch die letzten beiden Tage immer wieder damit gefüttert. Und euch natürlich auch Wasser zu trinken gegeben.“ 

Geronimo schaute Melam mit grossen Augen an. „Ja, ich erinnere mich.“ Er lächelte. „Ich dachte, es wäre ein Traum gewesen.“

Melam nickte ihm auffordernd zu. Er schnupperte an der Medizin und trank. Sie schmeckte köstlich. Als die Schüssel leer war, sagte Melam:

„Komm, ich zeig’ dir, wo wir sind.“ Sie führte Geronimo zum Ausgang der Höhle und setzte sich hin. Ihre langen Beine liess sie über die Kante baumeln. Geronimo trat neben sie. Noch immer fühlte er sich schwach, aber von seinem Magen ging eine wohlige Wärme aus und er fühlte, wie neue Lebenskraft ihn langsam durchströmte. Er blickte in ein weites Oval, das von hohen roten Felsen umgeben war. Es war eine grosse Lichtung in einer engen Schlucht. An ihrem Grund schimmerte ein türkisfarbener See. Unzählige Löcher in den Felswänden blickten wie wachsame Augen auf die Lichtung. Alle Höhlen waren durch schmale, in den Fels gehauene Wege, oder durch Strickleitern miteinander verbunden.

„Das sind unsere Wohnungen“, erklärte Melam.

„So viele?“

„Geronimo?“, rief Deborahs Stimme aus der Tiefe der Höhle.

„Deborah!“ Er wollte aufstehen und zu ihr gehen, aber Melam hob die Hand und bedeutete Geronimo mit einem Blick, zu warten. Sie

erhob sich und ging zu Deborah, um auch ihr von dem Heiltrank zu geben. Dann trug sie Deborah zur Höhlenöffnung, und setzte sie behutsam neben Geronimo ab. Sie tauschten einen langen tiefen Blick. Sie brauchten keine Worte, um ihre Erleichterung und Dankbarkeit darüber, dass sie noch lebten, auszudrücken. 

Ein grosser Mann kam den Weg zu ihnen herauf. Sein langes Haar hatte die Farbe von Sand, wenn am Morgen die ersten Sonnenstrahlen darauffallen. Er trug beige Hosen und eine dunkelrote Tunika. Seine grünen Augen strahlten, als er Geronimo und Deborah sah. Melam erhob sich, ging auf ihn zu, küsste ihn und flüsterte ihm die Namen ihrer Gäste ins Ohr.

„Das ist Akálem, mein Gefährte.“

„Willkommen in Ka-amat, der Stadt der Wüstenelben“, sagte er mit einem Lachen im Gesicht. „Ich habe Frühstück mitgebracht.“ Er stellte einen Korb voller Datteln, Orangen, Bananen und Fladenbrot auf den Boden und lud seine Gäste mit einer Geste ein, sich zu bedienen. Geronimo und Deborah sahen sich mit einem Blick an, der sagte: Wir haben es geschafft.

„Ja, ihr habt es geschafft“, sagte Melam.

„Wie sind wir hierher gekommen?“, fragte Deborah.

„Melam hat euch entdeckt, als wir auf einem Routinerundgang vor der Stadt waren“, erklärte Akálem. „Wir haben euch aus dem Sand gegraben und hierher gebracht. Und weil wir euch gefunden haben, hat uns das Königspaar zu euren Paten erklärt.“

„Das heisst, ihr wohnt in unserer Höhle und wir haben das Privileg, uns um euch kümmern zu dürfen und euch unsere schöne Stadt zu zeigen“, sagte Melam.

Akálems Miene verdüsterte sich.

„Geronimo, ich habe den Brief aus der Rolle um deinen Hals genommen und ihn gelesen. Ich hoffe, du vergibst mir diese Unhöflichkeit? Wir hatten uns sehr gewundert, was ein Fliegendes Schwein und eine Krähendame so weit in der Gharwaliwüste zu schaffen haben. Als wir die Rolle an deinem Hals entdeckten, dachten wir, es müsste sich um eine dringliche Angelegenheit handeln und lasen den Brief, der darin steckte. Die Nachricht, die ihr bringt, ist tatsächlich sehr dringend. Sie brachte uns Klarheit in die Übermittlungen der Gnome vom Grossen Atelier über sterbende Bäume. Wir waren darüber sehr beunruhigt, aber wir hatten nicht verstanden, was die Ursache für das Sterben des Waldes, das sie uns zeigten, war. Ich habe König Abagindels Brief sogleich an unser Königspaar weitergegeben. Sie kümmern sich bereits um die Vorbereitungen. Und sie möchten euch begrüssen und bitten um euren ausführlichen Bericht, sobald ihr euch dazu in der Lage fühlt.“ 

Geronimo schaute Akálem verblüfft an. 

„Das ist gut. Sehr gut. Ich bin froh, dass du das getan hast. Wir haben auf dem Weg hierher schon viel zu viel Zeit verloren.“

 

Später am Tag, nachdem Geronimo und Deborah ausgiebig gegessen, getrunken und geruht hatten, stiegen die Vier gemeinsam den schmalen Pfad von der Höhle hinunter. Deborah ritt auf Geronimos Rücken.

„Mein Bein tut gar nicht mehr weh. Wie ist das möglich?“, sagte Geronimo.

Melam, die die kleine Karawane anführte, drehte sich zu Geronimo um und lächelte: „Wir haben uns auch darum gekümmert, als du schliefst.“

Diese Elben waren wirklich sehr freundlich, dachte Geronimo. Und sie schienen richtige Frohnaturen zu sein. Zumindest diese beiden. Vielleicht lag es daran, dass hier immer die Sonne schien.

Der Pfad wand sich schwindelerregend ins Tal hinunter und führte an vielen anderen Wohnungen vorbei. Sie standen leer.

„Wo sind alle?“, wunderte sich Deborah.

„Bei der Musterung. Das Königspaar stellt unser Heer auf“, sagte Akálem.

„Wie lange sind wir eigentlich schon hier?“, fragte Geronimo.

„Einen Tag und eine Nacht. Und wie du schon sagtest, haben wir keine Zeit zu verlieren. Deshalb haben wir schon mit den Vorbereitungen begonnen.“

„Ihr werdet uns also helfen?“

Akálem und Melam blieben abrupt stehen und schauten Geronimo verblüfft an.

„Habt ihr etwa daran gezweifelt? Wie könnten wir unseren Schwestern und Brüdern im Westen unsere Hilfe verweigern? Und all den anderen magischen Wesen, den Tieren und Pflanzen? Wir sind ein Teil des Ganzen. Wir sind alle miteinander verbunden. Was in Melindor geschieht, betrifft uns alle gleich.“

„Entschuldigung“, sagte Geronimo. „Ich bin einfach erleichtert und froh, dass wir euch überhaupt gefunden haben. Meine Zweifel lagen eher in mir selbst. Ob wir den Weg zu euch finden werden, und ob wir es durch die Wüste schaffen.“

Der Pfad wand sich weiter dem Talgrund entgegen und als sie unten angekommen waren, leuchtete ein Gedanke so klar in Geronimos Gehirn auf, dass er erstarrte. Deborah fiel beinahe von seinem Rücken.

„Was ist los?“

Er antwortete nicht, sondern ging gedankenverloren weiter. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er Deborah fast abgeworfen hätte. Die kleine Gruppe folgte der Schlucht, die in einer Rechtskurve vom See wegführte. Deborah blickte ehrfurchtsvoll die steilen Felswände empor. Sie waren glatt, als hätte einst ein mächtiger Fluss ihre Wände abgeschliffen. Überall durchzogen glitzernde Adern das rote Gestein. Als Deborah ihren Blick wieder nach vorne richtete, schnappte sie nach Luft. Geronimo grunzte überrascht. Vor ihnen öffnete sich die Schlucht und gab den Blick frei auf ein Meer von sich im Wind wiegenden Palmen. Es war, als winkten die Bäume ihnen fröhlich zu und luden sie ein, sich in ihrem Schatten auszuruhen.

„Das hier“, erklärte Akálem, „ist unser Garten. Die Oase Ka-wab.“

Melam lachte, als sie die beiden Freunde mit offenem Maul und Schnabel und grossen Augen dastehen sah.

„Habt ihr geglaubt, dass wir uns von Sand ernähren?“

Geronimo fasste sich. „Nein, nein, König Abagindel hat uns erzählt, dass ihr in einer Oase lebt. Es ist nur …“, er suchte nach den passenden Worten.

„So überwältigend nach so viel Sand und Stein“, half Deborah aus. Geronimo nickte.

„Ja. Es tut so gut, dieses Grün zu sehen.“

„Dann kommt“, sagte Akálem und lachte ebenfalls, „es gibt noch mehr zu entdecken.“

Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung und folgte dem Pfad, der sie mitten durch den Palmenwald führte.

„Wie lange lebt ihr hier schon?“, fragte Deborah.

„Schon viele Zeitalter. Die Drachen haben uns vor Urzeiten hierher gesetzt. Einen Teil von uns in den Zauberwald und einen Teil von uns hierher in die Gharwali, erklärte Melam. „Aber daran haben wir beide keine eigene Erinnerung. Akálem und ich sind hier in Ka-amat geboren.“

„Unser Königspaar, Menhankor und Nicotris, kamen damals mit den Drachen hierher. Inzwischen gibt es hier viele Generationen von Elben, die nie einen anderen Teil von Melindor gesehen haben.“

„Ihr habt die Oase nie verlassen?“, fragte Geronimo.

„Die Oase schon“, sagte Akálem. „Wir kennen die gesamte Gharwali. Über die Grenzen der Wüste hinaus sind wir noch nicht gereist.“

„Aber so wie die Dinge liegen, werden wir bald den Zauberwald zu sehen bekommen“, sagte Melam mit einem traurigen Lächeln. 

„Ist es nicht oft so im Leben, dass uns schlimme Ereignisse zusammenführen, um uns die tiefsten Weisheiten des Lebens zu lehren? Das sagt zumindest die Königin. Sie ist sehr weise und hat schon so viel erlebt. Akálem und ich sind noch jung, verglichen mit ihr und König Menhankor. Wir haben noch nicht diese Vielfalt an Erfahrungen gesammelt. Königin Nicotris sagt zwar, es komme weniger auf die Zahl der Lebensjahre an, als auf deren gelebte Intensität.“

Geronimo und Deborah wechselten einen vielsagenden Blick.

„Was tut ihr hier eigentlich?“, fragte Geronimo. „Ich meine, König Abagindel hat uns erklärt, dass ihr das Gleichgewicht zum Zauberwald haltet, aber wie macht ihr das?“

“Wir sind die Hüter und Bewahrer der Wüste und allen Lebens in ihr, genauso wie es unsere Schwestern und Brüder im Zauberwald für den Wald und die grüne Welt sind. Und indem wir das Leben in der Wüste bewahren, schaffen wir den Ausgleich“, sagte Melam.

„Wieso müsst ihr die Wüste bewahren? Wäre es nicht besser, wenn die ganze Welt grün und bewaldet wäre?“, fragte Deborah.

Melam lächelte nachsichtig. 

„Eines fernen Tages wird es wieder so sein, ja. Aber noch sind beide nötig. Alles in Melindor und der ganzen Welt hat zwei Seiten, Genauso wie Tag und Nacht, männlich und weiblich, innen und aussen. Sie halten die Welt im Gleichgewicht. Nimmt eines von beiden Überhand, gerät die natürliche Ordnung durcheinander. Indem wir hier in der Wüste, und die Elben und Gnome im Zauberwald, unsere Aufgaben erfüllen, halten wir die Balance zwischen den Kräften in Melindor aufrecht, bis alle Bewohner Melindors, ob Menschen, Tiere oder magische Wesen in ihre Mitte finden. Denn nur in ihr liegt die direkte Verbindung zum grossen Schöpfergeist, die wahre Freiheit und Harmonie. Bis es soweit ist, hindern wir die Wüste daran, sich über ihre Grenzen auszubreiten und den grünen Teil Melindors zu verschlingen.“

„Ist denn die Wüste stärker als der Wald?“, fragte Geronimo.

„Nur solange nicht alle Wesen ihre Herzen für die Natur und einander geöffnet haben. Das betrifft in Melindor vor allem die Menschen“, erklärte Melam.

Geronimo und Deborah schauten Melam staunend an, und Geronimo freute sich ein bisschen darüber, dass Deborah einmal etwas nicht gewusst hatte.

„Trotzdem ist die Wiege allen Lebens im Zauberwald, nicht wahr? Im Grossen Atelier“, sagte Deborah. „Das hat uns König Abagindel erklärt.“

„So ist es“, bestätigte Akálem mit träumerischem Blick. „Ach, wie gerne würden wir das einmal sehen.“

Melam nickte. „Das wäre wundervoll. Aber wir haben auch hier ein Atelier. Es ist etwas kleiner, eine Filiale nur, wo die Vorgaben des Grossen Ateliers ausgeführt werden.

„Gibt es eine Wüstenabteilung im Grossen Atelier? Wir haben ja längst nicht alle Abteilungen gesehen“, sagte Geronimo.

„Ihr wart im grossen Atelier?“, fragte Melam. „Ich will alles ganz genau wissen.“ 

Während sie weiter gingen, erzählten Geronimo und Deborah Melam und Akálem von ihrer Führung durch das Grosse Atelier der Gnome im Zauberwald. Schliesslich erreichten sie das Ende des Palmenwaldes und standen am Ufer eines grossen Sees. Die Palmen spiegelten sich auf seiner tiefblauen Oberfläche, die sich am anderen Ende leicht in einer Böe kräuselte. Dahinter glänzten Getreidefelder golden in der Sonne, und in der Ferne reckten Obstbäume ihre Äste in den Himmel.

„Heilige Mutterkrähe, ist das schön hier!“, rief Deborah überwältigt aus.

Der Pfad führte direkt am Ufer des Sees entlang. Auf der anderen Seite, zwischen See und Fels, hatten die Wüstenelben Gärten angelegt, die in Terrassen weit den Felshang hinaufkletterten. Über die Treppenabsätze hingen dichte Blumenteppiche in leuchtenden Farben herab. Auf manchen der Terrassen arbeiteten Elben.

„Wie kommt es, dass ihr immer paarweise zusammen seid?“, fragte Deborah. „Ist das hier Brauch oder gerade nur Zufall?“

„Das hast du ganz richtig beobachtet“, antwortete Melam. „Es ist keineswegs Zufall. Unsere Gesellschaft ist auf dem Paarprinzip aufgebaut. Wir arbeiten immer so. Das heisst natürlich nicht, dass ein Elb oder eine Elbe nicht auch einmal alleine oder mit anderen Geschlechtsgenossen etwas unternimmt. Aber grundsätzlich geht es uns darum, die männlichen und die weiblichen Kräfte in Harmonie zu halten und sie gemeinsam zu nutzen. Wir glauben, dass eine Gesellschaft, und die Welt überhaupt, nur dann langfristig funktionieren können.“

Melam lächelte. „Versteht ihr, es ist genauso, wie es sich mit der Wüste und dem Zauberwald verhält. Alles muss im Gleichgewicht sein.“

„Das klingt wundervoll“, sagte Deborah mit verträumtem Blick. Bestimmt dachte sie gerade an Harak, überlegte Geronimo.

„Wie ist das bei euch Fliegenden Schweinen?“, fragte Akálem.

„Oh! Wir haben einen Leiteber. Ich weiss von keiner Bache, die einmal die Fliegenden Schweine angeführt hat. Oder einem Paar zusammen.“ Geronimo legte ein wenig verlegen die Ohren an.

„Ja, aber ihr habt Oraklingard“, sagte Deborah. „Das ist die Seherin der Fliegenden Schweine und sie berät den Leiteber und führt eigentlich zusammen mit ihm die Sippe an. Auf ihre Visionen und Ratschläge hört der Anführer immer.“

„Fast immer“, berichtigte Geronimo grinsend.

„Das ist ja interessant“, sagte Akálem. „Darüber würde ich gerne mehr erfahren.“

Melam musterte Deborah, die sich plötzlich abgewandt hatte, als hätte sie etwas Interessantes in der Ferne erblickt. Geronimo befürchtete, Melam würde sie nach ihrer Familie befragen. Aber Melam schien zu spüren, was in Deborah vorging und liess sie in Ruhe. 

 

In weiter Ferne konnten sie die hohen Dünen der Wüste sehen. Zwischen der Oase und dem ewigen Sand lag eine weite steppenartige Ebene. An ihrem Rand hatten sich die Wüstenelben in verschiedenen Gruppen versammelt. Manche von ihnen sassen auf grossen Tieren, die einen Buckel auf dem Rücken hatten. Ihre dunklen Augen blickten gelangweilt in die Gegend, und ihre Kiefer mahlten unsichtbare Nahrung.

„Kamele!“, rief Deborah begeistert aus. 

Geronimo hatte solche Tiere noch nie gesehen und sah seine Freundin verwundert an. 

„Ich hab’ auch noch nie welche gesehen, aber schon davon gehört.“

„Natürlich.“ Geronimo grinste.

Vor den versammelten Elben und ihren Kamelen stand eine kleine Gruppe Elben in sandfarbenen Hosen und Tuniken. Sie sprachen mit einem Paar, das sogar auf diese Entfernung Autorität und Würde ausstrahlte.

„Das sind unser König Menhankor und unsere Königin Nicotris“, sagte Melam stolz.

Fasziniert betrachtete Geronimo das Königspaar der Wüstenelben. Im Gegensatz zu den anderen Elben waren sie in leuchtende Farben gekleidet. Als Geronimo das orange Gewand des Königs und das türkisfarbene der Königin nebeneinander betrachtete, erschien es ihm, als würden sie ineinanderfliessen. Irritiert zwinkerte er mit den Augen, doch der Effekt blieb. Menhankor und Nicotris lächelten ihre Gäste an, und Geronimo überkam das sonderbare Gefühl, als gingen die Sonne und der Mond gleichzeitig am Himmel auf.

„Willkommen in Ka-amat“, sagte Königin Nicotris und breitete ihre Arme aus. 

„Ihr bringt eine ausserordentlich wichtige Nachricht“, sagte Menhankor. Sein saphirblauer Blick drang erbarmungslos wie die Wüstensonne in die geheimsten Winkel von Geronimos Seele ein und fühlte sich dennoch an wie eine zärtliche Umarmung. Geronimo erschauderte. Aber er hielt dem Blick des Königs stand. 

„Der Plan dieses Menschenkönigs, den Zauberwald anzugreifen, betrifft uns genauso wie alle anderen Wesen in Melindor. Den Grund dafür hat euch Melam bereits erklärt.“ Er tauschte einen Blick mit der Elbe und nickte ihr kurz zu. „Es ist für uns also keinesfalls nur ein Akt der Solidarität, ob wir unseren Elbengeschwistern beistehen oder nicht. Bitte, berichtet uns ausführlich.“

Geronimo und Deborah erzählten alles, was beim Kriegsrat in Merilsilivren besprochen worden war.

Die Sonne war zwar schon weit nach Westen gewandert, aber sie brannte noch immer heiss auf Geronimos Rücken. Er versuchte, sich mit seinen Flügeln ein wenig frische Luft zuzufächeln. Den Elben und den Kamelen schien die Hitze nichts auszumachen.

„Ihr solltet den Rest des Tages im Park verbringen“, sagte Königin Nicotris.

Melam reichte Geronimo ihren Wasserschlauch und liess danach auch Deborah daraus trinken.

„Wir werden noch einen weiteren Tag für die Vorbereitungen brauchen. Morgen bei Sonnenuntergang brechen wir auf. Geniesst bis dahin unsere Oase, ruht euch aus und sammelt neue Kräfte für die Rückreise,“ sagte Menhankor und schenkte Geronimo und Deborah ein warmherziges Lächeln.

„Danke, Majestät“, sagte Geronimo. „Es ist nur.“ Er zögerte.

Königin Nicotris betrachtete ihn forschend und sagte:

„Ihr werdet nicht mit uns zum Zauberwald zurückreisen.“

„Was? Wieso nicht?“, rief Deborah.

Geronimo sah sie flehend an, dann trafen seine Augen wieder jene der Königin. Er ertrank in ihrem türkisfarbenen Blick als sänke er auf den Grund des Sees von Ka-amat.

„Tu, was dein Herz dir befiehlt“, sagte Nicotris. „Es ist gut.“ Sie wandte sich an Deborah. „Du weisst, dass du deinem Freund vertrauen kannst. Zweifle nicht.“

Deborah starrte die Elbenkönigin an, öffnete den Schnabel und schloss ihn wieder. Sie brachte keinen Laut hervor. Also nickte sie nur und sah verwirrt zu Geronimo.

 

Später, als Geronimo und Deborah im Park der Oase Ka-wab unter einem riesigen Magnolienbaum sassen, wandte sich Deborah an Geronimo. 

„Was hatte das vorhin bei der Königin zu bedeuten? Warum willst du nicht mit den Elben zum Zauberwald zurückkehren? Und warum hast du nicht vorher mit mir darüber gesprochen?“

„Verzeih, Deborah. Ich hab’ es bis vor kurzem selbst nicht gewusst und war mir nicht sicher, ob ich dem Gedanken weitere Aufmerksamkeit schenken sollte, bis Nicotris mir vorhin bestätigte, dass es gut ist. Als wir von der Höhle in die Schlucht hinuntergestiegen sind, hat es mich plötzlich durchzuckt. Es war wie ein Blitzschlag, und dann stand es mir kristallklar vor Augen.“ 

Geronimo blickte Deborah eindringlich an.

„Wir müssen zu den Drachen fliegen.“

Sie sagte nichts, sondern schaute ihn nur mit grossen Augen an. Geronimo wartete. Als Deborah immer noch nicht reagierte, sagte er.

„Deborah, überleg doch.“ 

„Naja, ich muss gestehen, dass mich die Aussicht noch länger alleine durch diese Wüste zu fliegen nicht besonders begeistert. Und auch nicht die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Horgur*. Wobei ich ihn eigentlich trotz allem ganz gern mochte. Aber wenn ich mir vorstelle, gleich mehreren solcher reizenden Gesellen wie ihm gegenüberzustehen, erhebt dieser Gedanke nicht unbedingt mein Gemüt.“ Deborah grinste schief und seufzte ausgiebig. „Aber natürlich fliegen wir trotzdem zu den Drachen. Heilige Mutterkrähe! Die Idee ist gut. Das hätte mir auch selbst einfallen können. Es wäre grossartig, wenn wir sie dazu überreden könnten, uns zu helfen.“

„Ja, wenn. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Weg einschlagen müssen. Trotzdem habe ich Zweifel.“

„Königin Nicotris hat gesagt, ich soll dir vertrauen, und du weisst, dass ich das tue. Aber vertraue auch du dir selbst, Geronimo.“

„Ich versuche es. Immerhin sind die Drachen die mächtigsten magischen Wesen, nicht wahr? Auch ihre Existenz ist bedroht, wenn der Zauberwald in die Hände dieses skrupellosen Menschenkönigs gelangt. Sie werden uns bestimmt helfen, nicht wahr?“

„Das werden wir herausfinden, wenn wir sie fragen. Wann willst du losfliegen?“

„Morgen bei Sonnenaufgang. Heute fressen wir uns noch einmal satt und schlafen ausgiebig. Es wird ein weiter Weg werden.“

„Ja, das klingt vernünftig. Obwohl wir nicht viel Zeit hatten, uns zu erholen. Aber Zeit ist es gerade, die uns fehlt. Wir können es uns nicht leisten, hier noch länger herumzutrödeln. Akálem und Melam sind uns bestimmt dabei behilflich, die schnellste und sicherste Route zu wählen.“

Deborah hatte kaum den Satz zu Ende gesprochen, als die beiden Elben auf dem Weg, der zu ihrem Ruheplätzchen führte, auftauchten. 

„Na, ihr beiden, wie gefällt euch unser Park?“, fragte Melam gut gelaunt.

„Er ist wunderschön. Solche Blumen habe ich noch nie gesehen“, sagte Geronimo und wies auf eine Gruppe weisser und gelb-orangefarbener Blumen, deren Blütenblätter sich zur Mitte hin zu einem Mund formten.

„Nicht einmal im Zauberwald. Sie sehen aus, als wollten sie singen.“

„Oh, das tun sie auch“, sagte Akálem. „Aber meistens nur nachts. Von welcher Route habt ihr gerade gesprochen?“

Geronimo holte tief Luft. Dann erzählte er dem Elbenpaar sein Vorhaben, zu den Drachen in den Feuerbergen zu fliegen, um auch sie um Hilfe zu bitten. Geronimo und Deborah erzählten ihnen ihr Abenteuer mit Horgur. Melam und Akálem hatten dem Bericht fasziniert gelauscht. Sie erhoben sich aus ihrem Schneidersitz und Akálem sagte mit einer kleinen Verbeugung:

„Wir bewundern euren Mut und eure Klugheit. König Abagindel hat gut daran getan, euch beiden diese Mission anzuvertrauen. Wir sollten zu unserer Höhle zurückkehren. Dort haben wir eine Karte der Gharwali und von ganz Melindor. Und dem Knurren deines Magens zufolge, Geronimo, ist es auch höchste Zeit für das Abendessen.“

 

Nach einem ausgiebigen Mahl sassen die Vier um die Karte von Melindor, die am Boden der Höhlenwohnung ausgebreitet lag.

„Hier“, sagte Akálem und tippte mit dem Finger auf die Karte. „Ihr fliegt immer in südwestlicher Richtung bis zum grossen Salzsee. In drei Tagen müsstet ihr das schaffen, denke ich. Dort enden die Dünen. Ihr folgt dem Salzsee an seinem östlichen Ufer. Dort gelangt ihr zu einer kleinen Oase, wo ihr euch mit frischem Wasser und Datteln versorgen könnt. Dann überquert ihr den Salzsee an seiner schmalsten Stelle. Danach habt ihr den schlimmsten Teil hinter euch.“ Er lächelte Geronimo und Deborah aufmunternd zu.

„Das ist genau hier“, sagte Melam. Sie fuhr mit ihrem langen schlanken Zeigefinger dem Ufer des Salzsees auf der Karte entlang. „Wenn ihr das Ufer erreicht habt, solltet ihr unbedingt noch einmal ein Stück nach Nordwesten fliegen, bis zur Mündung des Ninsère. Der Ninsère ist ein ausgetrockneter Fluss, aber sein Bett ist noch gut zu erkennen. Er mündet genau in die südwestliche Spitze des Salzsees. Er wird euch den Weg zu den Feuerbergen weisen. Folgt einfach seinem Lauf, dann gelangt ihr direkt an den Feuersee. Und obwohl der Fluss ausgetrocknet ist, gibt es doch noch eine kleine Oase etwa auf der Hälfte des Weges. Vom Feuersee aus folgt ihr dann dem Lauf des Cullo, der euch geradewegs zum Damnorpass führt.“

Melam lächelte. „Es ist ganz einfach.“

Geronimo und Deborah schauten die Elbe verdattert an. Sie lachte.

„Das war ein Scherz. Auf der Karte sieht es einfach aus. Die Wirklichkeit wird ein wenig anstrengender werden, fürchte ich. Wenn ihr euch an diese Route haltet, könnt ihr euch nicht verirren. Und ihr werdet Nahrung und Wasser finden.“

„Aber trinkt auf gar keinen Fall aus dem Feuersee“, sagte Akálem. „Sein Wasser ist giftig. Auch von den Pflanzen, die an seinem Ufer wachsen, dürft ihr nicht fressen. Sie sind ebenso verseucht, weil sie sich vom giftigen Wasser des Sees nähren. Das Wasser des Cullo jedoch ist rein.“

Geronimo und Deborah studierten die Karte für lange Zeit und prägten sich genau jedes Detail der vor ihnen liegenden Route ein. 

„Wenn alles gut geht, sollten wir den Damnorpass in etwa sieben bis acht Tagen erreichen.“

Geronimo liess den Kopf hängen. „Ja, ich glaube nicht, dass wir es schneller schaffen können. Ich hoffe nur, dass das schnell genug ist.“

„Ihr müsst es einfach versuchen“, sagte Akálem. „Niemand kann voraussagen, was geschehen wird. Aber die Armeen der Menschen bewegen sich sehr langsam und schwerfällig. Sie haben weder unsere Leichtigkeit und Ausdauer, noch haben sie eure Flügel. Also seid guten Mutes. Folgt eurer Bestimmung und überlasst den Rest den anderen.“

 

Geronimo wälzte sich auf seinem Lager hin und her. Er hatte gut und tief geschlafen. Das Gespräch mit Melam und Akálem hatte ihm Mut gemacht. Doch jetzt starrte er auf die glitzernden Ornamente in der sonst dunklen Höhle und Zweifel quälten ihn. Was, wenn sie wieder in einen Sandsturm gerieten und sich erneut verirrten? Was, wenn sie als erstes nicht Horgur, sondern einem anderen Drachen begegneten, der sie auffrass, bevor sie die Gelegenheit hatten, ihre Lage mit einem einzigen Wort zu erklären? Was, wenn Horgur gar nicht mehr am Damnorpass lebte? Oder wenn er die Gelegenheit nutzen würde, sie diesmal wirklich zu fressen? Wie konnte Geronimo davon ausgehen, dass Horgur ihnen diesmal freundlich gesinnt war? Die Drachen interessierten sich doch nicht dafür, was ausserhalb der Feuerberge geschah. Was, wenn die ganze Mühe umsonst sein würde und sie kostbare Zeit vergeudeten? Was, wenn König Abagindel schon mit einer neuen dringenden Mission auf ihn und Deborah wartete? Was, wenn Deborah seinetwegen Harak und ihren Vater nie mehr wiedersehen würde? Die Zweifel spukten noch eine Weile durch Geronimos Kopf, bis er schliesslich unwillig grunzte und sich erhob.

„Diese Schwarzmalerei bringt mich nicht weiter“, sagte er zu sich selbst. „Meine innere Stimme war sehr deutlich und Königin Nicotris hat sie bestätigt. Das genügt!“

Er stupste Deborah sachte mit seiner Schnauze an.

„Wach’ auf.“

Deborah schreckte hoch und rief: „Ist die Sonne schon aufgegangen?“

„Nein, aber lass uns aufbrechen, bevor mich der Mut verlässt.“ 

Er schaute Deborah flehend an. 

„Ja, du hast Recht. Lass uns aufbrechen. Wir wollen ja nicht wieder unnötig Zeit verlieren.“ Sie lächelte Geronimo aufmunternd zu.

Akálem kam, eine Lampe in der Hand und gefolgt von Melam, aus dem anderen Ende der Höhlenwohnung zu den beiden hin. 

„Die Sonne wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Melam kniete sich neben Geronimo hin und sagte zu ihm: „Denk immer an unsere Königin, wenn die Zweifel wieder dein Herz besetzen. Sieh ihr im Geiste in die Augen. Dann werden ihr Licht und ihre Weisheit in dich fliessen und dich wieder stärken.“

Die beiden Elben führten Geronimo und Deborah an den See hinunter und durch die lange Schlucht, die aus Ka-amat hinaus führte. Als sie das Felsentor erreichten, dämmerte es bereits. Melam kniete vor Geronimo hin und band ihm eine mit Datteln gefüllte Tasche auf den Rücken. Dann küsste sie ihn zwischen die Ohren und drückte ihn an sich. 

„Viel Glück, ihr beiden. Und möge auch die Weisheit mit euch sein.“ Melam wandte sich an Deborah und strich ihr liebevoll über die Federn. Akálem hängte Geronimo einen Wasserschlauch um den Hals. „Das müsste reichen, bis ihr die Oase am Salzsee erreicht.“ Er hob Deborah auf seine Hand und küsste sie.

„Wir sehen uns im Zauberwald, meine Schöne.“ Dann legte er seine Hand auf Geronimos Schulter.

„Wir sind in unseren Gedanken bei euch.“

 

Melam und Akálem schenkten den beiden ein letztes Lächeln, dann verschwanden sie wieder in der dunklen Schlucht. Geronimo und Deborah drehten sich um. Vor ihnen lag die Wüste Gharwali:  gleissend schön und feindselig.

 

*Die Geschichte mit Horgur dem Drachen ist nachzulesen in "Der lange Weg nach Orbadoc".

10. Das Zeichen

Zwei Stufen auf einmal nehmend eilte Revda die Wendeltreppe im roten Turm hinauf.

Oben angekommen stiess er ungeduldig die schwere Eichentüre auf, betrat sein Gemach und versetzte der Türe einen Tritt mit dem Fuss, so dass sie krachend ins Schloss fiel.

Er war nicht einmal ausser Atem. Mit langen Schritten durchquerte er den grossen Raum und trat an das Stehpult, das vor einem der hohen Fenster stand.

Er beugte sich über eine flache quadratische Schale, die mit feinem Quarzsand gefüllt war. Der Sand war sorgfältig glatt gestrichen, keine Linie störte das ebenmässige Bild. Revda zog seine Stirne kraus. Er starrte gebannt auf den weiss schimmernden Sand. Nichts geschah. Revda fuhr sich mit der Hand durchs Haar, richtete sich auf und zog die Vorhänge auf, gerade genug, damit die Sandschale in Tageslicht getaucht wurde. Wieder widmete er sich mit voller Konzentration der makellosen Oberfläche.

„Verflucht, was soll das?“, rief er aus, wirbelte auf dem Absatz herum und zerrte die Vorhänge ganz auf. Die Sonne stand im Zenit und liess glitzernde Funken über das Meer tanzen. Revda blickte in die Ferne. Sein Blick verschwamm mit dem Horizont, wo Himmel und Meer im Dunst miteinander verschmolzen.

Semadar hatte sich noch nie verspätet. Auf ihn war bisher immer hundertprozentig Verlass gewesen. Was war geschehen? Mittag war die vereinbarte Zeit für das Zeichen. Revda stutzte. Gab es eine Zeitverschiebung zwischen Usa und den nördlichen Gestaden von Narlio? War das Zeichen deswegen noch nicht in den Quarzsand geschrieben? Revda drehte sich um und fixierte den Sand abermals. Nichts.

„Unsinn“, schalt er sich selbst.

„So weit entfernt ist Narlio auch wieder nicht.“

Das Ausbleiben des vereinbarten Zeichens musste einen anderen Grund haben. Aber welchen? Rastlos schritt Revda in dem grossen Zimmer hin und her. Es war dasselbe, in welchem sein Vater gestorben war. Aber Revda hatte es gleich nach der vorgeschriebenen Trauerzeit umgestaltet. Sogar die mit edlem Holz des weissen Bergahorns getäfelten Wände hatte er herausgerissen und auch sonst sämtlichen Schnickschnack seines Vaters hinaus geworfen oder gleich im Feuer des grossen Kamins verbrannt. Ruhe, Gelassenheit und Harmonie habe das Holz verströmt, hatte sein Vater ihm erklärt. Und dass es böse Geister vertreiben würde.

„Was für ein Schwachsinn“, dachte Revda und verzog angewidert das Gesicht. Dann musste er grinsen. Die Sache entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Es war nicht das Holz, das die bösen Geister vertrieb, sondern er, der böse Geist Usas, wie sein Vater ihn im Streit einmal genannt hatte, warf das Holz hinaus. Seines Vaters bevorzugte Farbe war blau gewesen.

„Blau wie der Himmel über der Bucht seines innig geliebten Usas“, äffte Revda seinen Vater in Gedanken nach.

Blau und Silber, die Farben eines Versagers und weibisch obendrein. Revda trat vor den raumhohen Kamin und spuckte bei den Gedanken an seinen Vater verächtlich in die kalte Asche. Ein selbstgefälliges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er seinen Blick durch den Raum gleiten liess. Jetzt war er einem wahren König angemessen. Anthrazitfarbener Marmor glänzte an Wänden und Boden. Die raumhohen Fenster waren mit schweren schwarzen Samtvorhängen verhüllt.

Sein Vater liebte das Licht und den Panoramablick über das Meer, die Bucht, das Land und seine geliebte Stadt. Revda hingegen zog die Dunkelheit vor. Er wusste ja, wie die Umgebung aussah, wozu sollte er sie sich jeden Tag aufs Neue ansehen? Er fand die Sentimentalität und Naturliebe seines Vaters lächerlich. Zwar liebte auch Revda das Meer, aber er zog es vor, auf einem Schiff durch die Wellen zu pflügen oder von seinem Lieblingsplatz auf den Klippen dem Tanz der Wellen zuzusehen und sich dabei gegen den Wind zu stemmen. Es war die Stelle, wo seine Mutter zu Tode gestürzt war, als er ein kleiner Junge war und hier mit ihr Fangen gespielt hatte.

Und obwohl ihn die Erinnerung daran jedesmal schmerzte, zog es Revda immer wieder an den Ort. Vielleicht, um Busse zu tun oder um den Wind zu fragen, ob es wirklich seine Schuld gewesen war, so wie sein Vater es ihn niemals hatte vergessen lassen. Revda wischte die trüben Gedanken beiseite. Hier, in seinem Gemach, duldete er keine Erinnerung an seinen Vater. Und doch drängte sie sich immer wieder in Revdas Herz. 

„Da hast du’s, Vater“, sagte er, „an meinen Händen klebt Blut, hast du gesagt, meine Seele ist schwarz, hast du gesagt. Damals, als Mutter starb. Du hast dich bemüht, mich deinen Hass nicht spüren zu lassen, aber es ist dir nicht gelungen. Zu laut schrie er aus all deinen Poren, zu deutlich sprachen deine Blicke. Bitte, dann soll es so sein. Dann sollst du sehen, was du und dein geliebtes Usa davon haben. Bestimmt gewähren sie dir in der Hölle einen Logenplatz, damit du dem Schauspiel, das ich inszenieren werde, aus erster Reihe zusehen kannst. Schwarz und rot, wie innen so aussen.“ Nicht ohne Trotz hatte Revda diese Farben für sein privates Reich gewählt. Dennoch war er gerne in diesem Raum. Er fühlte sich geborgen in dessen samtiger Dunkelheit. Ausserdem wurden allein in ihr grosse Ideen geboren. Das hatte Semadar ihn gelehrt. Nur wenn man sich ihr hingab, konnte Neues entstehen. Nur wenn man sie mutig durchschritt, empfing einen danach die Erlösung.

Die Vorhänge und Laken des Bettes leuchteten blutrot im Mittagslicht. Im Vorbeigehen strich Revda über die kühle Marmorplatte des grossen Tisches, der in der Mitte des Raumes stand und warf einen Blick in den riesigen goldgerahmten Spiegel, der als einziges Element eine der dunklen Wände zierte. Revda rückte einen der Stühle zurecht und schritt zurück zum Stehpult.

Er beobachtete den Quarzsand. Nichts rührte sich. Lange blieb Revda stehen, den Blick unverwandt auf die Schale gerichtet, aber der Sand rührte sich nicht. Revda wandte sich mit einem Fluch ab und verliess, die Türe hinter sich zuschlagend, das oberste Gemach des Roten Turmes.

Auch spät in der Nacht, als Revda sich zur Ruhe legte, hatte sich der glatte Spiegel des Quarzsandes nicht verändert und auch nicht am Morgen, als der neue Tag begann. Revda machte sich ernsthaft Sorgen. Was war geschehen? Hatte Semadar ihn verraten? Nein. Er brauchte Revda genauso wie umgekehrt. Was konnte Semadar im Alleingang schon ausrichten? Er war zwar ein mächtiger Zauberer, aber Revda war der König. Und sie waren sich in inniger Freundschaft verbunden. Nein, es musste etwas geschehen sein. Um sich abzulenken, verbrachte Revda den Vormittag damit, seine Truppen noch einmal zu überprüfen. Alles stand bereit. 

Am Mittag stürmte er voller Hoffnung die Treppen zu seinem Turmgemach hinauf und fand den Sand immer noch unverändert vor. Wieder starrte er auf die makellose Fläche bis seine Augen brannten. Da! Da war doch etwas! Revda rieb sich die Augen und streckte seinen Rücken durch. Unter dem Sand bildeten sich Blasen, warfen sich auf und hinterliessen verschieden grosse Ringe auf dem feinen Sand. Dann ging ein Beben durch die Schale, der Sand bewegte sich in Wellen von einer Seite zur anderen. Dann war alles wieder still, ein sanftes Zucken ging durch die Schale und der Sand lag wieder jungfräulich glatt in der Mittagssonne.

Was sollte das bedeuten?

Semadar hatte ausdrücklich betont, dass er ihm eine Botschaft in den Sand schreiben würde, mit richtigen Worten, nicht mit rätselhaften Bildern. Hatte der Zauberer sich überschätzt, war er gar nicht in der Lage auf diesem Weg eine Botschaft zu übermitteln? Unsinn. Semadar hatte schon ganz andere Kunststücke vollbracht. Revda ging zum Kamin. Er hob ein Scheit aus dem grossen Korb, schmetterte es mit voller Kraft ins Feuer und schrie seinen Missmut hinterher. Was sollte er tun? Die Zeit drängte, er konnte nicht noch länger tatenlos herumsitzen. Die Soldaten wurden bereits unruhig. Revda liess sich auf den Sessel neben dem Kamin sinken und strich mit seiner Hand über den Kopf des weissen Tigers, dessen Fell neben dem Sessel ausgebreitet lag. Der Tiger war sein ganzer Stolz. Er hatte ihn, als er erst fünfzehn Jahre alt gewesen war, auf der Jagd im Calargebirge erlegt.

Revda dachte nach. Er würde noch warten. Aber nur einen Tag. Wenn bis dahin keine Nachricht kam, würde er alleine losmarschieren. Aber was war mit Mokrin? Revda verliess sein Zimmer. Er würde unverzüglich einen Boten zu Mokrin senden. Nur für den Fall, dass jener die Nachricht auch nicht erhalten hatte. Er konnte nicht riskieren zuviel Zeit zu verlieren, denn die Wirkung von Semadars Zaubertrank würde nicht ewig anhalten. 

Am nächsten Mittag stand Revda wieder vor der Sandschale. Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuss auf den anderen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Dann kratzte er sich am Nacken, rieb sich die Oberarme und stiess hart die Luft aus. Der Sand vibrierte. Revda erstarrte. Immer stärker wurde die Vibration, dann bildeten sich langsam gewundene Linien im Sand. Sie wurden immer klarer, bis sie deutlich als Worte zu erkennen waren. „Endlich“, seufzte Revda und las:

 

„In schweren Sturm geraten. Das Schlimmste abgewendet. Verluste erlitten. Musste einen Tag ruhen, um Kräfte neu aufzubauen. Sind jetzt an Küste bereit. Marschieren morgen bei Sonnenaufgang los.“

11. Am Feuersee

Oraklingard ist die Seherin der Fliegenden Schweine. (siehe "Der lange Weg nach Orbadoc")

 

 

Tausend spitze Nadeln stachen in Geronimos Hirn. Die Welt um ihn drehte sich. Stöhnend hob er seine Augenlider ein wenig an und blinzelte. 

„Hallo, mein Lieber“, krächzte Deborah, die gerade erst unter seinem Flügel hervor gekrochen war.

„Nimm einen Schluck!“ Sie tippte mit dem Schnabel auf den Wasserschlauch, der um Geronimos Hals befestigt war und ihm als Kissen gedient hatte. 

„Es hilft ja nichts, wenn du hier krepierst während wir versuchen, unsere Vorräte zu rationieren.“

Geronimo seufzte ergeben und zog mit der Schnauze den Stöpsel vom Wasserschlauch. Er nahm einen kräftigen Schluck. Dann neigte er den Schlauch so zur Seite, dass auch Deborah trinken konnte.

„Wie fühlst du dich, Deborah?“

„Mein Schädel platzt gleich und mir ist schwindelig.“ Sie stützte sich mit dem Flügel an Geronimo ab.

„Geht mir genauso. Was ist los mit uns?“ Geronimo liess seinen Blick umherwandern. Der Himmel lag wie ein Leichentuch über der Landschaft. Kahle schwarze Bäume trauerten stumm um das Leben, das einst in ihren Stämmen zirkulierte. Kein einziges Blatt zierte mehr ihre Zweige. Nur Flechten hingen daran wie die schütteren Haare einer alten Hexe. Sandiger Boden fiel sanft zu den Ufern der beiden Seen ab. Über den Feuersee, der nach Westen lag, waberten schmutzige Nebelschwaden. Blasen wölbten sich, platzten auf der rötlich-gelben Wasseroberfläche auf und entliessen einen schwefligen Gestank. Ein wenig weiter östlich lag der Eissee, der vom Feuersee nur durch eine schmale Landbrücke getrennt war. Sein Wasser schimmerte in metallischem Grün und Türkis. In der Ferne, am gegenüberliegenden Ufer, ragten die Felswände der Feuerberge empor. Geronimo stöhnte und liess seinen Blick wieder zu Boden gleiten.

„Sieh nur, Deborah. Was für seltsame Pflanzen hier wachsen.“ 

Er deutete zum Ufer hin, wo silbrig und blassgrün irisierende Gewächse ihre ledrigen Blätter wie Zungen ins Wasser hängen liessen.

„Als ob sie diese stinkende Brühe auflecken würden“, sagte Deborah und spie angewidert auf einen Stein. Es zischte.

„Heilige Mutterkrähe! Hier ist es ja noch heisser als in der Wüste. Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden.“

„Geronimo?“ Deborah schaute zu ihrem Freund, aber er war schon wieder eingenickt.

„Na gut, dann eben so. Schlafen wir noch ein Weilchen. Schliesslich haben wir eine anstrengende Reise hinter uns.“

Deborah war nicht weniger erschöpft als Geronimo, deshalb kuschelte sie sich an seine Seite und schloss die Augen. Im Halbschlaf zog die Reise von Ka-amat bis zum Feuersee noch einmal an ihrem inneren Auge vorbei. Es war heiss gewesen und anstrengend. Aber dank der Wegbeschreibung die Akálem und Melam ihnen gegeben hatten, war es leicht gewesen, den Weg zu finden. Nur einmal, am südlichen Ende des riesigen Salzsees, waren sie in Bedrängnis geraten, weil ihre Vorräte ausgegangen waren. Zudem hatte Geronimo am ganzen Körper einen fürchterlichen Sonnenbrand gehabt. Die salzige Luft hatte ihm noch den Rest gegeben und er hatte sehr gelitten. Seine Flügel schmerzten so heftig, dass er nicht mehr imstande gewesen war zu fliegen.

Einen Tag lang hatten sie sich deshalb zu Fuss und ohne Wasser durch den Sand geschleppt, der in diesem Abschnitt der Wüste noch mit Salz vom See durchmischt war. Das war eine Folter für ihre Füsse gewesen. Deborah konnte fliegen und sich Erleichterung verschaffen, aber Geronimo wurde von oben und von unten gebraten. Deborah hatte grosse Angst um ihn gehabt. Aber wieder einmal hatte Geronimo sie mit ungeheurer Tapferkeit und Zähigkeit überrascht.

Sogar jetzt noch, als sie daran zurückdachte, wie er leuchtend rot, mit Blasen auf Kopf und Rücken, tränenden Augen und geschwollenen Beinen durch den Sand gehumpelt war, musste sie vor Mitgefühl und Rührung weinen. Und sie hatte nichts für ihn tun können, ausser ihm Mut zuzusprechen. Wenigstens war der Weg leicht zu finden gewesen. Sie brauchten nur dem ausgetrockneten Flussbett des Ninsère zu folgen.

Als sie endlich die Oase gleichen Namens erreicht hatten, war Geronimo in den kleinen See zwischen den Dattelpalmen getaucht und einen Tag nicht mehr herausgekommen. Selig hatte er am Ufer gedöst und seiner brennenden Haut Linderung verschafft. Deborah war in die Baumkronen hinaufgeflogen und hatte köstliche Datteln für sie beide gepflückt. Sie hatte sogar ein paar Aloe Vera Pflanzen entdeckt und mit dem heilenden Saft den wunden Körper ihres Freundes behandelt. Deborah musste in Erinnerung daran grinsen, wie Geronimo dabei vor Wonne gebrummt hatte. Schliesslich waren sie, einigermassen erholt, hierher an diesen beängstigenden Ort geflogen. Deborah fiel noch auf, dass die Luft seltsam säuerlich schmeckte, dann liess auch sie sich in die Arme des Schlafes fallen.

Geronimo erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen. Seine Augen brannten, und als er versuchte aufzustehen, wankte der Boden unter ihm. Stöhnend sank er zurück auf seinen Bauch.

„Das müssen die Nachwirkungen des Sonnenbrands sein“, dachte er. Deborah schlief noch an seiner Seite und war nicht einmal erwacht, als er aufgestanden und sie damit von sich geschoben hatte. Geronimo liess seinen Blick wieder über die beiden Seen schweifen und stutzte. Ganz anders als zuvor, schimmerte das Wasser des Feuersees in einem warmen Rotton. Ein lauer Wind streichelte über seine seidige Oberfläche und liebkoste Geronimos Nacken. Die vorher schlaffen Blätter der Pflanzen am Ufer waren prall und strotzten vor Leben. Wo vorher Dornen und Stacheln aus der Mitte des Blätterkranzes gewuchert waren, nickten Geronimo jetzt grosse Blüten zu. Aus der Tiefe ihrer bläulich-violetten Mitte strömte ein süsser Duft und umschmeichelte Geronimos Nase. Das Wasser lief ihm im Maul zusammen und er bekam Appetit auf die saftigen Blätter. 

Er schüttelte Deborah. “Wach auf und sieh dir das an!“

Deborah atmete in einem schnellen Rhythmus. Sie reagierte nicht auf Geronimos Rufe. 

„Deborah! Was ist mit dir? Wach auf! Lass uns das Wasser im Schlauch sparen für die Heimreise und unseren Durst am Wasser des Sees stillen. Komm schon!“

Er rüttelte etwas heftiger an Deborah. Sie öffnete die Augen und sah, dass Geronimo verwirrt schaute.

„Was ist?“

„Wir müssen weiter, Deborah! Zurück in den Zauberwald. Komm. Trink was und sieh die wunderbaren Pflanzen. Friss was! Dann fliegen wir auf dem kürzesten Weg zum Zauberwald. Am besten über Tarugard. Wir sind schon viel zu weit von unserem Weg abgekommen!“

Deborah blinzelte ihn aus tränenden Augen an.

„Tarugard? Was redest du da?“

Ihr Atem ging immer schneller. Sie schloss die Augen und stöhnte. Geronimo hob Deborah hoch und trug sie zum Wasser des Eissees. Sein Wasser glitzerte so schön frisch und blau in der Sonne. Es würde ihr gut tun. Sie sollte darin baden, ihre von der sengenden Sonne erhitzten Feder abkühlen und trinken. Dann würde sie schnell wieder zu Kräften kommen. Geronimo bettete seine Freundin in seine Flügelspitze und wollte sie schon langsam ins türkisfarbene Wasser senken, als eine laute Stimme befahl:

„Halte ein!“

Geronimo zuckte zusammen und barg Deborah an seiner Brust. Er schaute sich um, aber da war niemand. Angestrengt spähte er in den Wald der toten Bäume. Nichts regte sich. Auch an den Ufern der beiden Seen konnte er keine Gestalt erkennen. Irritiert schüttelte er den Kopf und liess Deborah wieder langsam zur Oberfläche des Wassers hinab.

„Halte ein, Geronimo!“, rief die Stimme wieder. „Das Wasser ist giftig. Du wirst Deborah töten!“

Mit einem Schrei sprang Geronimo vom Wasser zurück.

„Wer ist da?“ 

„Ihr müsst schnellstens weg von diesem Ort“, sagte die Stimme eindringlich. Sie kam Geronimo irgendwie bekannt vor.

„Wer spricht hier? Und wo bist du? Zeige dich!“

Geronimos Atem ging flach und schnell. Hecktisch blickte er sich nach allen Seiten um, drehte sich um sich selbst und plumpste dann auf seine Hinterbacken. Ein krampfartiges Lachen schüttelte ihn, sein Kopf fühlte sich an, als wäre er in eine enge Felsspalte gepresst und die Welt um ihn herum drehte sich im Kreis.

„Geronimo, ich bin’s, Oraklingard. Erkennst du mich nicht?“

Geronimos Lachen erstarb in einem kläglichen Wimmern. Ihm war speiübel.

„Steh auf, Geronimo. Lauf nach Westen. Geh weg vom Ufer, ein Stück in den Wald hinein. Folge dem Feuersee bis zur Mündung des Cullo. Er führt frisches gesundes Wasser. Das Wasser in den Seen ist giftig. Ebenso die Gase, die ihnen entweichen.“

„Deborah muss trinken“, beharrte Geronimo.

„Dann gib ihr Wasser aus dem Schlauch!“

„Sparen… langer Weg…..Tarugard“.

„Geronimo!“ Oraklingards Stimme explodierte wie ein Donnerschlag in seinem Schädel.

„Ich befehle dir, aufzustehen und dich selbst und Deborah aus dieser verfluchten Hölle wegzubringen. Auf der Stelle!“

Geronimo qrunzte gequält.

„Wieso bist du hier? Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.“ Er blieb sitzen und stöhnte vor Schmerzen.

„Ich habe von euch geträumt. Ihr seid in grösster Gefahr! Ihr werdet sterben, wenn du nicht bald deinen Hintern bewegst. Und ich bin in deinen Gedanken. Nur mein Geist ist hier bei dir, um dir zu helfen. Um euch hier heraus zu führen. Bitte Geronimo! Ich flehe dich an! Geh jetzt! Deborah ist schon bewusstlos. Geh, sonst ist es zu spät für euch beide.“

Geronimo starrte ins Leere. Er blieb bewegungslos sitzen.

„Geronimo! Ich bin’s, Oraklingard. Ich bin bei dir. Vertraust du mir?“

Es dauerte einen Moment, dann nickte Geronimo.

„Dann bitte, steh jetzt auf und folge mir.“

Langsam erhob sich Geronimo. Wie in Trance hob er Deborah mit einem Flügel vom Boden auf, drückte sie behutsam an seine Seite und trottete vorwärts. Den anderen Flügel zog er schlaff hinter sich her.

 

Ein Blutmond kroch hinter den toten Baumstämmen empor und hing drohend über dem Wald. Oraklingard hatte Geronimo weg vom See in die abgestorbenen Bäume hineingeführt. Zwar drangen die giftigen Gase weit ins Land hinein, aber zumindest war Geronimo so nicht in Versuchung, vom Wasser des Sees zu trinken. Träge trottete Geronimo Meter um Meter voran, die brennenden Augen fast geschlossen. Seine Ohren und der linke Flügel hingen an ihm herab wie welke Blätter. Nur die bewusstlose Deborah drückte er fest an seine Brust. Sein Atem ging schnell. Plötzlich schreckte er hoch und schrie. Ein Krampfanfall schüttelte seinen Körper. Geronimo riss in Panik die Augen auf, dann brach er schluchzend zusammen. 

„Geronimo, was ist mir dir?“, fragte Oraklingard in seinem Geist.

„Hast du es nicht gesehen? Die Schlacht! Sie sterben. Einer nach dem anderen.“ Geronimo vergrub seinen Kopf unter seinem Flügel. Sein Körper zitterte. Plötzlich riss er seinen Kopf hoch und schrie: „Der König kommt! So viele Soldaten. Sie machen alles nieder. Nein! Nicht Adaphila, nein!“

„Geronimo, du fantasierst. Das sind nur die Gase, die deinem Gehirn Streiche spielen. Nichts von dem, was du gesehen hast, ist wahr!“

„Woher willst du das wissen?“, schrie er. „Du hockst doch sicher in Orbadoc.“

„Ja, ich bin in Orbadoc, Geronimo. Dennoch weiss ich, was ich weiss. Vertrau mir!“

„Du hast dich schon einmal geirrt. Bei mir. Damals. Du könntest dich wieder irren.“

„Ich habe mich damals nicht geirrt, Geronimo, denk darüber nach. Und bitte glaube mir. Die giftigen Gase des Sees lassen dich halluzinieren.“

„Ja, vielleicht bilde ich mir dich auch bloss ein.“

Oraklingards Stimme in seinem Kopf seufzte. „Ach, Geronimo. Du kennst doch meine telepathischen Fähigkeiten. Ich bin bei dir, weil ich von dir und Deborah geträumt habe. Ich habe die Gefahr gesehen, in der ihr schwebt. Deshalb bin ich hier, um euch zu retten. Ihr werdet gebraucht. Ihr habt eine Mission zu erfüllen.“

„Ich muss zurück zum Zauberwald, sofort!“

„Nein, Geronimo! Noch nicht. Die Schlacht hat noch nicht begonnen. Du und Deborah, ihr müsst zu den Drachen. Es ist von äusserster Wichtigkeit.“

Geronimo weinte. „Ich lasse sie im Stich. Vater. Die Elben. Higor und Higar. Alle.“ Deborah bewegte sich an seiner Brust und stöhnte.

„Gib ihr Wasser aus dem Schlauch“, befahl Oraklingard.

Gehorsam entstöpselte Geronimo den Wasserschlauch mit seinen Zähnen und goss so vorsichtig er konnte Wasser in Deborahs Schnabel. Sie schluckte. 

„Du auch“, sagte Oraklingard. Geronimo nahm einen kräftigen Schluck.

„So, und jetzt geh weiter!“

„Ich kann nicht mehr, Oraklingard. Ich bin so müde.“

„Wenn du hierbleibst, werdet ihr beide sterben. Die Zeit drängt. Deborah wird nicht mehr lange durchhalten. Willst du, das sie stirbt?“

„Nein!“

„Dann beweg dich! Ich zeige dir den Weg!“

 

Die ganze Nacht war Geronimo durch den Wald der toten Bäume gestapft. Es war still. Kein Leben regte sich. Nur der Mond begleitete Geronimo mit seinem gespenstischen Licht. Oraklingards Stimme hielt ihn wach. Jedes ihrer Worte dröhnte schmerzhaft in seinem gemarterten Schädel. Trotzdem war es vielmehr ihre Kraft, die Geronimo vorantrieb, als seine eigene. Ohne die Hilfe der Seherin wäre er längst zusammengebrochen und den giftigen Gasen erlegen, die den Seen entströmten und alles Leben ringsum erstickten. Oraklingard trieb Geronimo an. Unaufhörlich sprach sie ihm Mut zu, flehte ihn an, die Füsse zu bewegen, die inzwischen so dick geschwollen waren wie Kürbisse. Bei jeder Berührung mit dem Boden schossen Blitze durch Geronimos Körper. Seine Augen und seine Haut fühlten sich an, als stünden sie in Flammen. Sein Hirn wurde von Steinen zermalmt und sein rechter Flügel war taub von der immer gleichen Stellung, mit der er Deborah an sich drückte. Geronimo konnte nicht mehr denken, nicht fühlen und er nahm nichts um sich herum wahr. Das Einzige was er spürte waren seine Schmerzen und die bleierne Müdigkeit, die ihn immer mehr zu Boden drückte. Sein Atem ging flach und schnell. Tränen liefen über seine Wangen, aber er merkte auch das nicht.

Oraklingard lag in Orbadoc am Ritualstein. Sie war in tiefe Trance versunken. Alle Bachen der Sippe waren um sie versammelt. In tiefe Meditation versunken bildeten sie einen Kreis um ihre Seherin, um sie darin zu unterstützen, ihre Lebenskraft an Geronimo und Deborah weiterzuleiten.

„Du hast es bald geschafft“, sagte Oraklingard. „Es ist nicht mehr weit.“

 

Die Schönheit dieses Morgens hätte Geronimo neue Zuversicht schenken können, aber er sah nicht, wie die Gipfel der Feuerberge als rosa Flammen in den stahlblauen Himmel züngelten. Genauso wenig wie er das verheissungsvolle Rauschen des Cullo hörte. Geronimo wankte am Abgrund der Bewusstlosigkeit. Vor einer Weile hatte er die schwarzen Baumskelette hinter sich gelassen und sich mit letzter Kraft über den sandigen Boden geschleppt, der nur von einzelnen Grasbüscheln bewachsen war.

„Komm, Geronimo, noch ein paar Schweinelängen, dann hast du es geschafft“, sagte Oraklingard.

Geronimo wimmerte. Er schob sich bäuchlings durch den Sand; seine Beine trugen ihn nicht mehr. Deborah hing leblos in seinem Flügel, der zu einem einzigen stechenden Schmerz erstarrt war. Die Luft wurde frischer und der sandige Grund ging in einen Teppich aus Grün über. Sogar kleine Blumen begrüssten hie und da die Sonne, die allmählich mit warmen Fingern über die Erde strich. 

„Weiter, weiter, weiter“, echoten Oraklingards Kommandos in Geronimos Kopf.

„Nur noch ein kleines Stück! Komm schon. Für Orbadoc. Für den Zauberwald. Für die Elben. Für Deborah.“

„Deborah. Deborah. Muss. Leben. Leben“, dachte Geronimo und robbte  durchs Gras. Gischt spritzte ihm ins Gesicht. Er erschrak. 

„Du hast es geschafft, mein tapferer, lieber Geronimo!“, rief Oraklingards Stimme. „Du bist am Fluss. Geh hinein, leg dich und Deborah ins Wasser. Es wird euch reinigen und die Gifte aus euch herauswaschen.“

Gehorsam liess sich Geronimo ins kühle prickelnde Nass gleiten. Er schrie auf vor Schmerz. Das Flusswasser fühlte sich auf seiner geschundenen Haut an wie ein Bett aus spitzen Steinen.

„Es wird gleich besser“, sagte Oraklingard. Und tatsächlich war es nur der erste Moment, dann durchströmte eine unsägliche Wonne seinen malträtierten Leib. Geronimo bettete Deborah vorsichtig ins Wasser, so dass ihr Kopf auf dem Ufer lag. Zur Sicherheit hielt er sie fest.

„Trink, Geronimo“, sagte Oraklingard. „Das Wasser des Cullo ist rein und klar. Es wird euch heilen.“

Geronimo trank. Aber trotz des erfrischenden Wassers, erlag er immer mehr den Strapazen der vergangenen Nacht. 

„Komm aus dem Wasser heraus und schlaf dich erst einmal aus. Ich bleibe noch bei euch.“

Geronimo schob Deborah sanft auf festen Grund und hievte sich neben sie. Beschützend legte er seinen Flügel über sie und schlief sofort ein.

 

Ein neuer Morgen reckte sich aus der Nacht hervor, als Geronimo das nächste Mal seine Augen öffnete. Der Fluss und das Gras lagen noch in bläulichem Dämmerlicht. Die Luft war kühl und frisch. Geronimo nahm einen tiefen Atemzug. Es schmerzte noch, zu sehr hatten die giftigen Gase seine Atemwege angegriffen. Aber die würzige Luft tat gut. Geronimo hob seinen Flügel an, um nach Deborah zu sehen. Sie blickte ihn aus angstgeweiteten Augen an.

„Deborah, du bist bei Bewusstsein“, rief er glücklich.

„Der Krieg hat begonnen, Geronimo. Ich hab’s gesehen.“ Sie hustete und spuckte Blut.

„Deborah!“ Geronimo starrte entsetzt auf das Blut.

„Sie soll vom Flusswasser trinken“, sagte Oraklingard. „Und du auch. Trinkt so viel ihr könnt. Immer wieder. Und badet darin.“

Geronimo nickte und gab den Befehl an Deborah weiter.

„Du hast geträumt, Deborah“, versuchte er sie zu beruhigen.

„Ich habe sie gesehen!“, schrie sie. „Sie sterben!“

„Deborah, du musst trinken, sonst bist du diejenige, die stirbt.“

Deborah gehorchte weinend, dann tauchte sie ins Wasser ein und liess ihre Federn von den Wellen umspülen.

„Ach, tut das gut“, seufzte sie und trank noch mehr von dem heilenden Wasser. 

„Geronimo, wir können nicht hier herumtrödeln und baden, während unsere Freunde niedergemetzelt werden. Wir müssen zurück so schnell wir können. Sie brauchen unsere Hilfe. Lass uns sofort losfliegen.“ Sie kletterte aus dem Fluss und schüttelte sich.

„Deborah, es war nur ein Traum. Ich hatte denselben. Daran sind die Gase schuld. Die Schlacht hat noch nicht begonnen. Beruhige dich.“

„Woher willst du das wissen? Das war kein normaler Traum, Geronimo. Es schien so wirklich. Als wäre ich selbst dort gewesen. Ich habe es gesehen. Ich habe es gefühlt.“ Sie schluchzte herzzerreissend.

„Harak. Die Elben. Higor und Higar. Die Fliegenden Schweine. Borax.“ 

Den letzten Namen flüsterte sie nur, aber Geronimo verstand ihn trotzdem und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verwehren. Er bedeutete ihr etwas, auch wenn sie es noch immer hartnäckig leugnete. 

„Wie sind wir überhaupt hierher gekommen? Wo sind die Seen? Und diese toten Bäume? Was ist geschehen, Geronimo?“

Er erzählte Deborah von den giftigen Gasen, die den Seen entstiegen und alles Leben in ihrem Umkreis abtöteten. Und von der Gefahr, in der auch ihre beiden Leben gewesen waren. Wie Deborah das Bewusstsein verloren und wie er selbst halluziniert und denselben schrecklichen Traum vom Krieg im Zauberwald geträumt hatte. Und wie auch ihn die Kraft allmählich verlassen hatte. 

„Und wie sind wir hierher gelangt?“

„Oraklingard hat uns geführt. Sie hat uns gerettet, Deborah. Ohne sie wären wir beide tot!“

Deborah fielen beinahe die Augen aus dem Kopf.

„Heilige Mutterkrähe! Oraklingard ist hier? Wo ist sie? Und wie ist sie so schnell hierher gekommen? Wo sind wir überhaupt?“

„Sie ist in meinem Kopf, Deborah. Sie spricht zu mir. Und sie gibt ihre Kraft an mich weiter.“

Deborah starrte Geronimo an. 

„Wir sind am Cullo, ein Stück westwärts des Feuersees“, sagte Geronimo. „Oraklingard hat mich in einem Bogen durch den toten Wald hierher geführt. Sie hat mir die Kraft gegeben, durchzuhalten. Die ganze Nacht lang. Und sie hat mir versichert, dass die Schlacht noch nicht begonnen hat. Aber sie wird beginnen. Darum müssen wir zu den Drachen.“

Deborah schnappte nach Luft.

„Heilige Mutterkrähe!“, flüsterte sie noch einmal und starrte angestrengt auf Geronimos Schädel, als erwarte sie, die Seherin der Fliegenden Schweine jeden Moment daraus hervortreten zu sehen. 

„Und du bist sicher, dass das nicht auch eine Halluzination war?“

„Deborah! Wie kannst du so etwas sagen. Sie hat uns das Leben gerettet.“

„Tut mir leid“, sagte Deborah kleinlaut. „War nicht so gemeint. Aber wie ist das möglich?“

„Sie sagt, sie hat von uns geträumt. Sie hat gesehen, dass wir in grosser Gefahr sind und hat ihren Geist zu uns, zu mir, geschickt und mich geführt. Sie ist noch bei mir. Sie hat auch gesagt, wir sollen viel von dem Flusswasser trinken. Um uns von den Schäden zu heilen, die die Giftgase in unseren Körpern angerichtet haben.“

„Danke, Oraklingard“, sagte Deborah ehrfürchtig. Geronimo nickte mit einem Lächeln.

„Wir müssen weiter, Geronimo.“ Sie dachte an Harak, an die Fliegenden Schweine, die ihr zur Familie geworden waren und an die Bewohner des Zauberwaldes. Sie dachte an Borax, ihren Vater und obwohl sie dieses Gefühl immer noch nicht ganz wahrhaben wollte, hatte sie Angst um ihn, und sie erkannte, dass die Mauer, die sie um ihr Herz gebaut hatte, in den langen Tagen, die sie durch die Wüste geflogen waren, allmählich Risse bekommen hatte und zerbröckelte.

„Wir müssen zurück zum Zauberwald, Geronimo. So schnell wie möglich.“

„Sieh‘ uns an, Deborah.“ Er streckte ihr seine geschwollenen, wundgelaufenen Füsse hin. 

„Und du hustest Blut. Es wäre nicht klug, jetzt schon aufzubrechen. Wir müssen uns erst erholen. Ich kann mit diesen Füssen keinen Schritt mehr tun, und zum Fliegen fehlt mir die Kraft.“

Deborah nickte resigniert.

Zwei Tage später waren sie endlich wieder soweit hergestellt, dass sie an die Weiterreise denken konnten.

„Ich werde euch jetzt verlassen“, sagte Oraklingard zu Geronimo. „Ihr seid ausser Gefahr, und ich muss meine Kräfte regenerieren. Ich werde weiterhin ein wachsames Auge auf euch haben. Viel Glück.“

„Oraklingard, ich weiss nicht, wie ich dir danken kann.“

„Indem du deine Mission erfolgreich ausführst.“

Geronimo spürte ein leichtes Ziehen im Kopf, dann war Oraklingard verschwunden.

 

„Du bist undankbar“, fauchte Geronimo.

„Nein, ich bin Oraklingard aus tiefstem Herzen dankbar dafür, dass sie uns das Leben gerettet hat“, sagte Deborah. „Ich frage mich nur, ob sie es auch für mich alleine getan hätte.“

„Natürlich hätte sie das getan. Wieso sagst du sowas?“

„Weil ich kein Fliegendes Schwein bin.“

„Hier geht es doch nicht um unsere Sippe, sondern um ganz Melindor! Darf ich dich ausserdem daran erinnern, dass sie diejenige war, die dich damals beim Ritual dabei sein liess und dadurch in unsere Sippe aufgenommen hat?“ Geronimo schnaubte. „Was ist los mit dir? Warum hackst du so auf Oraklingard herum?

Deborah krächzte etwas Unverständliches und flog ein Stück von Geronimo weg. Aus Erfahrung wusste Geronimo, dass es in einer solchen Situation besser war, Deborah in Ruhe zu lassen. Sie würde sich schon wieder beruhigen und ihm sagen, was sie wirklich bedrückte. Er folgte ihr in sicherem Abstand und beschloss, sie nicht weiter zu beachten. Ihm war nicht nach streiten zumute. Dafür war das Cullotal viel zu schön. Der Fluss wälzte sich durch sein Bett, ein freundlicher Wind tanzte mit den mächtigen Platanen, die sich am Ufer versammelt hatten und hüpfte die Hänge über Kastanien und Buschwerk hinauf, um schliesslich Geronimos Flügel zu liebkosen. Es war wunderbar, wieder zu fliegen. Und dieses Grün. Es legte sich wie eine kühlende Salbe auf seine Seele. Er atmete es tief ein. 

Deborah schoss direkt auf ihn zu. 

„Was soll diese unnütze Sache mit den Drachen? Während wir hier kostbare Zeit vergeuden, bereiten sich unsere Lieben auf den Krieg vor. Oder sie stecken bereits mitten in der Schlacht.“ Deborahs Stimme überschlug sich. Sie flatterte wild mit ihren Flügeln, als müsste sie ihr Leben gegen den Wind verteidigen.

„Wir haben unsere Mission erfüllt. Wir haben die Wüstenelben alarmiert und sie werden kommen. Reicht das nicht? Wir sind mehrmals beinahe draufgegangen, Geronimo! Und jetzt willst du uns einfach so den Drachen zum Frass vorwerfen? Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass sie uns helfen werden. Auslachen werden sie uns. Und dann – schnapp – sind wir weg. Gefressen als kleines Appetithäppchen zwischendurch. Horgur war alleine, er hatte Zahnschmerzen und war müde und zermürbt. Was glaubst du, kümmern wir ihn und die anderen Drachen, die vermutlich noch grösser und wütender sind als er, wenn er keine Schmerzen mehr hat? Wenn es nichts gibt, wogegen wir unser Leben eintauschen können?“ 

Sie ergab sich dem Wind und liess sich von ihm ein Stück von Geronimo forttragen. Als sie zurück an seine Seite kam, fügte sie hinzu: „Lass uns zum Zauberwald zurückfliegen, ich bitte dich. Ich möchte unseren Freunden beistehen, wenn die Schlacht beginnt. Ich will mich nicht wie ein Feigling in den Bergen verstecken, während sie um ihre Leben kämpfen. Ich komme mir vor wie eine Verräterin.“

Geronimo schwieg. Ihre Worte hatten ihn an einem empfindlichen Punkt getroffen. Jetzt verstand er ihren Ausbruch gegen Oraklingard. Sie war nicht der Grund von Deborahs Gefühlsaufruhr, sie war nur der Sündenbock, auf den Deborah ihren Frust und ihre Sorgen umlenkte.

„Du hast Angst, Deborah.“

„Natürlich habe ich Angst“, schrie sie. „Ich habe Angst, sie alle sterben, und wir sind hier und vertun unsere Zeit, anstatt ihnen beizustehen, oder gemeinsam mit ihnen unterzugehen.“

„Und du hast Angst, Harak und deinen Vater nicht wiederzusehen.“

„Lenk jetzt nicht vom Thema ab“, keifte Deborah.

Geronimo grunzte verärgert.

„Glaubst du, ich würde nicht auch lieber zurückfliegen? Meinst du, ich würde nicht auch lieber Seite an Seite mit unseren Freunden kämpfen? Mit meinem Vater und den anderen Fliegenden Schweinen? Glaubst du wirklich, mir macht das alles hier Spass? Alleine, ständig dem Tode nah durch die Gegend zu ziehen? Glaubst du, ich mach mir nicht auch Sorgen um unsere Lieben? Ich will auch helfen. Ich will auch meinen Beitrag leisten. Und genau das tun wir hier, Deborah.“

„Ha, der zweifelhaften Vision einer alten Seherin folgen, die schon einmal bewiesen hat, dass ihre Prophezeiung unzutreffend war?“

„Du bist ungerecht, Deborah. Und ich war es auch vor ein paar Tagen. Aber Oraklingard hat sich noch nie getäuscht. Sie sagte, ich solle darüber nachdenken. Das habe ich getan. Und sie hatte recht, als sie damals sagte, es würde Unglück über die Sippe hereinbrechen, wenn ich das Amulett trage. Genau so war es. Sie sagte nie, dass wir untergehen würden, nur dass Unheil über uns kommt.“ 

Deborah schnaubte verächtlich.

„Du tust ihr unrecht, Deborah, und du weisst es. Ausserdem ist es nicht Oraklingards Idee, zu den Drachen zu gehen. Sie hat es nur bestätigt. Ich hatte die Eingebung als wir in Ka-amat waren, erinnerst du dich? Und Königin Nicotris hat mir darin eindringlich zugestimmt und dir, Deborah, ans Herz gelegt, dass du mir vertrauen sollst. Auch und insbesondere in dieser Sache. Vertraust du mir nicht mehr?“

„Quatsch, natürlich vertraue ich dir, Geronimo. Aber diese Idee, dass die Drachen uns helfen werden ist einfach absurd. Ja, ich habe anfangs auch gedacht, es könnte klappen, aber mal ehrlich, wir haben nach einem Strohhalm gegriffen. Erinnerst du dich nicht, wie gleichgültig Horgur damals gegenüber der Welt war?“

„Ich erinnere mich. Und auch mich plagen Zweifel und Ängste, Deborah. Wenn es nur meine eigene innere Stimme wäre, würde ich ihr wahrscheinlich misstrauen. Aber ich vertraue auf die Weisheit der Elbenkönigin und auch jener Oraklingards. Wenn beide mich dazu drängen, zu den Drachen zu gehen, wird es schon seine Richtigkeit haben. Wer sind wir, dass wir die Ratschlüsse weiser Frauen infrage stellen?“

„Ha, willst du mir etwa sämtliche Weisheit absprechen?“, sagte Deborah beleidigt.

„Ach, du liebe Güte, Deborah, bestimmt nicht. Du bist die klügste Freundin, die ich habe. Und ich verdanke dir und deiner Intelligenz unendlich viel. Nur manchmal reicht das Wissen des Verstandes nicht so weit wie die Weisheit des Herzens.“

„Hat das auch Oraklingard gesagt?“ 

„Ja, das hat sie in der Tat.“

Deborah wandte den Kopf ab und flog davon.

 

Am nächsten Morgen kitzelte die Sonne Geronimo an der Nase und hob sanft seine Augenlider an. Goldgrün wiegten sich die Kronen der Platanen hoch über ihm, und ab und zu liessen sie ein Stück blauen Himmel zwischen ihren Zweigen hindurch blitzen. Ein lauer Wind streichelte über Geronimos Bauch. Er streckte sich und ging zum Bach, der zufrieden gurgelnd sein klares Wasser in den Cullo leitete, um ihn kurz darauf wieder als Tarulo zu verlassen und an Tarugard vorbei nach Norden zu fliessen. Geronimo reiste in Gedanken ein Stück mit dem Fluss, dann tauchte er seinen Kopf in das kühle Wasser, schüttelte sich und schaute sich nach Deborah um. Sie stand reglos an den Wurzeln einer Platane, wo sie ihr Nachtlager gehabt hatten, und starrte ins Leere. 

„Guten Morgen, Deborah.“

Sie reagierte nicht.

„Deborah?“

Sie starrte weiter vor sich hin.

„Was ist mit dir? Bist du mir immer noch böse?“ Geronimo ging nahe zu ihr hin und hielt seine Schnauze vor ihren Schnabel.

„Hallo!“

Deborah sah ihn nicht. Plötzlich erschauderte sie und fixierte Geronimo. „Sie war da, Geronimo. Ganz drinnen. Tief.“ Deborah zog das letzte Wort in die Länge. „Sie hat meine Seele mit ihren Händen berührt.“ Deborah schnappte nach Luft. „Es war als flösse Mondlicht durch mich hindurch. Und sie hat zu mir gesprochen. Ihre Stimme vibrierte in mir wie das Echo eines Sandsturms.“

Deborahs Augen weiteten sich. 

„Von wem sprichst du? Von Oraklingard?“

„Nein, Geronimo. Sie war da, höchstpersönlich. Nicotris, die Königin der Wüstenelben.“

Geronimo riss die Augen auf.

„Nicotris? Was hat sie gesagt?“

Deborah atmete tief aus. „Sie hat nur einen Satz zu mir gesagt. Nur einen Satz.“

„Und welchen?“

„Folge Geronimo zu den Drachen.“

 

12. Auf geheimen Wegen

zur Erinnerung: Herenya = Älteste der Isthuini, einer Elbenart vom Zauberwald, Isthuini heisst 'weise Frauen'

                Halcyor = der König von Narlingard (siehe Karte)

                Minhorvir = ein Elb aus Merilsilivren (der Hauptstadt der Elben im Zauberwald)Er ist ein Offizier

                von König Abagindel - siehe Kapitel "der Rat".

 

Harak schaukelte auf dem Wind über den tiefblauen Wogen der Cûnduinbucht.

Diesmal war er nicht alleine auf Erkundungstour. Seine Freunde Xaxa und Kravo begleiteten ihn. Die Neuigkeiten, die sie erwarteten, mussten so schnell wie möglich an verschiedene Orte im Zauberwald getragen werden. Deshalb hatten die Raben eine Stafette eingerichtet.

Kleinere Gruppen von Raben waren an verschiedenen Orten stationiert, um Botschaften so schnell wie möglich an die Bestimmungsorte zu bringen. So musste nicht mehr ein Rabe eine weite Strecke alleine bis zur Erschöpfung fliegen, sondern mehrere konnten sich die Aufgabe teilen und dabei kostbare Zeit einsparen. Das war Borax’ Idee gewesen. Nicht umsonst war er der Fürst der Raben. Er war der Klügste von ihnen. Haraks Gedanken wanderten zu Deborah. Wenn sie sich doch mit ihrem Vater versöhnen würde. Das würde ihre Beziehung um einiges vereinfachen.

Harak seufzte. Für solche Gedanken war jetzt nicht die Zeit. Er schüttelte sie ab und spähte über das Meer auf die kleinen Punkte in der Ferne. Das mussten sie sein: Die Schiffe des Zauberers Semadar. Harak erschauderte. Ob sie wirklich den Cûnduin hinabsegeln würden, um Merilsilivren von Norden her anzugreifen, während Revda vom östlichen Waldrand her kommen würde? Aber wo blieb Revda? Gemäss den Spionen aus Usa war er noch nicht aufgebrochen. Das ergab doch alles keinen Sinn

„Wo bleiben sie nur?“, fragte Xaxa.

„Da. Das könnten sie sein“, sagte Kravo und zeigte mit dem Flügel auf eine Gruppe kleiner Pünktchen am Himmel.

Harak kniff die Augen zusammen. „Ja, ich denke das sind sie.“ 

Die Punkte wuchsen allmählich zu einem Schwarm Möwen heran, der direkt auf die drei Raben zuflog. Harak war seit vielen Jahren mit ihrer Anführerin Myriam befreundet. Er hatte sie gebeten, die Schiffe des Zauberers zu begleiten und herauszufinden, was seine Pläne waren. Drei Raben so weit draussen auf dem Meer wären auffällig gewesen, und Semadar war kein Narr. Er hätte schnell begriffen, dass sie Spione des Zauberwalds waren. Sie konnten sich keine Fehler leisten. Ein Schwarm Möwen, der ein paar Schiffe begleitet, war jedoch nicht ungewöhnlich. 

„Myriam, was habt ihr herausgefunden?“

Die Möwen hatten die drei Raben eingekreist.

„Hallo Harak. Xaxa, Kravo.“ Sie nickte den beiden zu. „Ich freue mich auch, dich wiederzusehen.“

„Entschuldige, ich hab’ vor lauter Sorgen meine Manieren vergessen.“

„Ist schon gut, du hast auch allen Grund dazu. Der Zauberer will nicht den Cûnduin hinuntersegeln.“

„Was?“, rief Kravo. „Wohin will er dann?“

„Vielleicht haut er ab und lässt den König von Usa im Stich?“, sagte Xaxa.

„Lasst Myriam sprechen“, sagte Harak.

„Sein Ziel ist die Küste von Narlio. Er will zum Agalsee. Ich habe ihn belauscht, als er mit seinem ersten Offizier in seiner Kapitänskajüte gesprochen hat. Sie hatten die Pläne auf dem Tisch ausgebreitet. Der Zauberer hat mit seinem Finger auf die Stelle gezeigt und gelacht. Noch nie hat mir etwas so viel Furcht eingeflösst wie dieses Lachen, Harak. Dieser Zauberer ist gefährlich. Gefährlicher als alles, was ich kenne oder wovon ich je gehört habe.“

„Aber was will er am Strand von Narlio?“, fragte Kravo.

„Er hat kleine Boote dabei, die in den Bäuchen der Schiffe verstaut sind. Sie werden erst an Land zusammengebaut. Sie sind lang und schmal. Und an der Seite kann man Räder dranstecken. Davon haben die Männer voller Stolz gesprochen. Wie gut, dass die so eine Einbildung auf sich haben. Sonst hätten wir davon nichts erfahren. Ausserdem bringen sie auf ihren Schiffen Pferde mit, aber das weisst du ja bereits, Harak. Die sollen die Schiffe übers Land bis zum Agalsee ziehen.“

Harak krächzte gequält. Seine Federn sträubten sich, und ihm war eiskalt. Er verstand, was Semadar vorhatte.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Xaxa.

Harak gebot ihm mit einem Blick zu warten und wandte sich an die Möwe.

„Danke Myriam. Ich danke dir von Herzen. Du hast uns einen riesengrossen Dienst erwiesen. Wir müssen sofort los, die Zeit drängt.“

„Gern geschehen, wir sind froh, wenn auch wir einen Beitrag leisten können zur Verteidigung des Zauberwalds. Wir werden zu Semadars Schiffen zurückfliegen und den Matrosen ihr Tagwerk so beschwerlich machen wie möglich.“ Sie zwinkerte Harak zu und flog mit ihren Möwen davon.

Harak wandte sich an seine Begleiter.

„Semadar reist mit seiner Truppe an den nordwestlichen Rand des Zauberwalds. Das kann nur eines bedeuten: Sein Ziel ist das Grosse Atelier!“

Kravo und Xaxa schnappten nach Luft. Mit panikgeweiteten Augen starrten sie Harak an.

„Kravo, du fliegst nach Merilsilivren, Xaxa, du nach Narlingard. Halcyor muss so schnell wie möglich zu Herenya in den Zauberwald kommen. Sie wartet am Knie des Narlio auf ihn und seine Männer. Ich fliege zu Herenya. Los, und gebt die Nachricht genau an die anderen Raben weiter. Drängt zu äusserster Eile. Wir müssen schneller sein als Semadar, sonst ist alles verloren.“

 

Die Sonne berührte bereits die Wipfel der Bäume, als endlich das erste Boot der Narlingarder unter den tief in den Fluss hängenden Zweigen erschien. Harak sass auf Herenyas Schulter. Er war erst vor ein paar Minuten von einem Erkundungsflug nach Norden zurückgekehrt, um zu sehen, wie weit Semadar bereits vorgerückt war. Das erste Boot hatte noch nicht ganz am Ufer des Narlio angelegt, als Halcyor bereits heraussprang und auf Herenya zueilte. Er drückte ihre Hände zur Begrüssung. Harak schenkte er ein freundliches Lächeln und neigte zum Gruss seinen Kopf. 

„Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät?“

Herenya schüttelte den Kopf. „Semadar ist noch nicht am Waldrand angelangt. Aber er wird natürlich bemerkt haben, dass der Fluss in die falsche Richtung fliesst. Das liess sich nicht vermeiden. Er weiss jetzt, dass wir gewarnt sind. Vielleicht war es keine gute Idee, aber wir brauchen jeden Mann, um gegen ihn zu bestehen. Und das war die beste Lösung, um euch schnell hierher zu bringen.“

„Vielleicht denkt er auch, dass das Rückwärtsfliessen des Narlio eines der vielen Hindernisse ist, die es ohnehin gibt, um Unbefugte am Eintritt in den Zauberwald zu hindern“, sagte Halcyor.

„Das können wir nur hoffen. Wie auch immer. Wir müssen mit allem rechnen. Meine Isthuini haben ein Lager und ein Mahl für euch bereitet. Kommt und stärkt euch erst einmal nach eurer wilden Bootsfahrt.“ 

„Es hat durchaus Spass gemacht“, sagte Halcyor und grinste. 

Harak war fasziniert von diesem Menschen, der mit den Tieren umging als wären sie seinesgleichen. Das war sehr ungewöhnlich. Er mochte Halcyor. Wenn dieser Krieg vorüber war, wenn alles gut ging, würde er einmal nach Narlingard fliegen. Da war er noch nie gewesen. Vielleicht würde Deborah ihn begleiten. Wie es ihr jetzt wohl erging? Und Geronimo? Wo mochten sie sein? Lebten sie überhaupt noch? Oder hatte die Wüste sie verschlungen? Nein, das durfte er nicht einmal denken! Harak schüttelte den Gedanken schnell ab.

Herenya hatte sich neben Halcyor an eines der vielen Feuer gesetzt, die die Lichtung erhellten, auf der die Elben und Isthuini ihr Lager aufgeschlagen hatten. Harak hatte es nicht bemerkt, so sehr war er in Gedanken versunken gewesen. Sie waren nahe am Waldrand, wo der Narlio den Wald verliess, aber weit genug im Wald, dass ihre Lagerfeuer nicht gesehen werden konnten. Die Bäume liessen ihre Zweige tief um die Feuer hängen ohne daran Schaden zu nehmen. Die Isthuini, allen voran Herenya, waren Meisterinnen über das Feuer und hatten es so verzaubert, dass es zwar wärmte und Licht spendete aber nichts verbrannte. Harak liess seinen Blick über das Heerlager schweifen. Einige sehr alte dicke Eichen und ein paar schlanke Lärchen bildeten einen grossen Kreis. In ihrer Mitte wuchs ein Teppich aus Moos. Minhorvirs Elben sassen zusammen mit den Isthuini und den Männern aus Narlingard in kleinen und grösseren Gruppen um die vielen Feuer beisammen.  

„Schade, dass uns nur leidvolle Ereignisse zu solch vertrauter Runde zusammenführen“, sagte Halcyor, der Haraks Blick gefolgt war.

„Es ist ein Anfang“, sagte Herenya. Die Verständigung zwischen Elben und Isthuini hat sich sehr verbessert seit Adaphilas Heirat mit Alamel.“

„Nur die Menschen passen nicht so recht ins Bild“, sagte Halcyor und lächelte wehmütig.

„Wären alle Menschen wie ihr Narlingarder, mit so viel Liebe zu allen Lebewesen, dann gäbe es keinen Grund, unsere Grenzen zu schützen.“

Halcyor blickte nachdenklich in die Bäume Richtung Norden.

„Glaubst du, die Schutzwälle und die anderen Zauber, die Unbefugten den Eintritt in den Zauberwald verwehren, werden Semadar standhalten?“

„Wir haben sie mit unserer ganzen vereinten Kraft verstärkt. Ich hoffe, es wird reichen. Semadar ist ein überaus mächtiger Zauberer. Wir dürfen auf keinen Fall den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen. Ich kann nicht sagen, wie leicht es ihm fallen wird, die Zauber zu durchbrechen, aber ich fürchte, es wird ihm gelingen. Aber auch wir sind stark. Minhorvir ist neben Alamel der Elb mit der stärksten Macht über Luft und Wasser und mir gehorchen Erde und Feuer. Und wir sind viele. Mehr als Semadar an Männern mitbringt. Wir werden ihn aufhalten.“ 

„Glaubst du wirklich, er weiss vom Grossen Atelier? Glaubst du, das ist sein Ziel?“

„Es sieht ganz danach aus, nicht wahr?“, sagte Harak. „Wenn es nur darum ginge, Revda den Rücken zu stärken beim Angriff auf Merilsilivren, würde er doch eher den Cûnduin hinabsegeln. Der bringt ihn direkt in die Elbenstadt. Wieso sollte er einen so grossen Umweg wählen, wenn er nicht ein anderes Ziel hat?“

„Ja, das ergibt Sinn. Aber warum ist er dann nicht weiter nach Süden gesegelt? Es wäre einfacher gewesen, als den langen Weg über das Land zu nehmen.“

„Dann müsste er an Narlingard vorbeisegeln und würde Aufmerksamkeit erregen. Er denkt wahrscheinlich, dass wir nichts von seinen Plänen wissen und wollte, dass es auch dabei bleibt. Bis vor kurzem, nehme ich an, als er bemerkt hat, dass der Narlio in die falsche Richtung fliesst“, sagte Herenya.

„Vorausgesetzt, dass er dieses Zeichen richtig deutet“, sagte Halcyor noch einmal.

Herenya nickte.

„Es könnte unser Vorteil sein, dass er sich überlegen fühlt und nicht weiss, dass wir auf seinen und Revdas Angriff vorbereitet sind“, sagte Harak.

„Das können wir nur hoffen. Aber wenn dem so ist, woher weiss er vom Grossen Atelier? Ich dachte, ausser uns Narlingardern wüssten die Menschen nichts über die Geheimnisse des Zauberwalds?“

Herenya hob ein Eichenblatt vom Boden auf und streichelte es liebevoll. 

„Semadar weiss vieles, Halcyor. Er ist weit in Melindor herum gekommen.“

Halcyor zog die Augenbrauen hoch. „Wieso überrascht es mich immer wieder, dass du mich überraschst? Du kennst Semadar?“

Herenya lächelte und kniff ihm neckisch in die Wange. 

„Weil du ein Mensch bist, mein lieber Freund. Ich bin Semadar nie begegnet. Aber ich habe einiges von ihm gehört. Es ist gut, über seine Feinde Bescheid zu wissen. Sie werden ein bisschen berechenbarer, wenn man ihre Geschichte kennt.“

„Erzähl’ sie uns“, bat Harak. 

„Semadar war der einzige Sohn eines Landadligen in der Nähe von Usa. Sein Vater verliess Mutter und Sohn als Semadar noch ein Kleinkind war. Er ekelte sich vor seiner weissen Haut und seinen farblosen Augen und beschuldigte seine Frau, eine Hexe zu sein und ein Monster geboren zu haben. Auch die Mutter liebte Semadar nicht. Sie nahm es ihm übel, dass er ihren Gatten vertrieben hatte. Semadar wuchs ohne Liebe auf und noch als Junge verliess er seine Mutter und zog allein durch Melindor. Irgendwann entdeckte er wohl, dass er Zauberkräfte hatte und lernte sie zu beherrschen. Wie er das getan hat, weiss nur er allein. Er verbrachte einige Jahre bei einer weisen Frau irgendwo in Börlingar. Sie hatte Mitleid mit dem Albinojungen und nahm ihn auf. Sie lehrte ihn alles über Pflanzen, Pilze, Steine, ihre Heilkräfte und ihre Gifte. Vermutlich war das die einzige Zeit seines Lebens, in der er so etwas Ähnliches wie Liebe bekommen hat. Auch die alte Frau ekelte sich insgeheim vor ihm. Armer Semadar. Als sie starb, zog er weiter durch das Land. Niemand weiss genau, wo er war und was er tat. Es gibt Gerüchte, dass er einige Zeit in der Ruinenstadt am Silberfluss verbrachte. Ich vermute, dass er dort alte Schriften in den Trümmern der einstmals grossen Bibliothek fand und studierte.“

„Die Bibliothek von Silberstadt soll ja sehr berühmt gewesen sein für ihre umfassende Sammlung von Wissen aus aller Welt“, sagte Halcyor.

„Kann es sein, dass er dort etwas über den Zauberwald und das Grosse Atelier las?“, fragte Harak. „Gab es früher Aufzeichnungen darüber bei den Menschen?“

„Das ist durchaus möglich“, sagte Herenya. „Die Menschen haben die Angewohnheit, alles aufzuschreiben. Und in den alten Zeiten waren die Menschen noch verbunden mit den Tieren und der gesamten Natur und hatten regen Kontakt zu uns Elben. Sie gingen ein und aus im Zauberwald.“

„Wie ging es weiter mit Semadar?“, fragte Harak.

„Irgendwann kam er als Heiler nach Usa, an den Hof von König Siklos, Revdas Vater. Er schmeichelte sich bei ihm ein und erlangte bald einen ausgezeichneten Ruf.“

„Ja, und Revda hat bald Interesse an ihm gefunden und sich mit ihm angefreundet. Er war etwas Besonderes. Und da Revda bei seinem Vater immer im Schatten seiner Schwester Sepora stand, die das Lieblingskind des alten Königs war, schloss er sich Semadar an, um mit dem Heiler und Zauberer als Freund seinen eigenen Wert aufzubessern.“

„Das hast du ganz richtig erkannt, Harak.“

„Seitdem sind die beiden unzertrennlich. Semadar ist Revda treu ergeben, weil Revda der einzige Mensch in Semadars Leben ist und war, der ihm Anerkennung, Interesse und Respekt erwiesen hat. Das was Liebe am nächsten kommt. Ausser der alten Frau, wie du erzählt hast, Herenya, aber sie ekelte sich wohl auch vor ihm. Revda ekelt sich nicht vor Semadar. Im Gegenteil. Er ist fasziniert von Semadars Aussehen und er bewundert seine Andersartigkeit. Und Semadar liebt ihn dafür, oder ist es eher Dankbarkeit?“

„Ich denke, er liebt Revda, aber das gesteht er sich nicht ein, weil er Angst davor hat, wieder abgelehnt zu werden, wie damals von seinem Vater“, sagte Herenya. „Und diese Angst lebt er als geheimen Konkurrenzkampf aus. Er will Revda als Verbündeten, Gefährten, Freund, will aber gleichzeitig mächtiger sein als er, um seinen Gefühlen nicht zu unterliegen. Und Revda geht es umgekehrt genauso. Das schweisst die beiden zusammen. Sie sind beide ungeliebte Söhne.“

„Woher weisst du das alles?“, fragte Halcyor.

„Der Wind erzählt es mir, die Bäume und die Vögel.“ Sie lächelte Harak zu uns strich zärtlich über seine Federn. „Und den Rest kann ich mit meinem Herzen sehen.“

Die drei schauten eine Weile schweigend ins Feuer, dann sagte Herenya.

„Harak, möchtest du darüber sprechen, was dein Herz beschwert? Du weisst, dass du Halcyor vertrauen kannst.“

Harak seufzte. 

„Vor dir kann man auch gar nichts verbergen.“

„Raus damit“, ermunterte ihn Herenya. „Wenn man darüber spricht, wird die Last leichter.“

„Ich mache mir solche Sorgen um Deborah. Wo ist sie? Wie geht es ihr? Lebt sie noch? Und was ist mit Geronimo?“ 

„Du vermisst sie sehr“, sagte Herenya mitfühlend.

Harak nickte. „Aber wie kann ich?“ Er lehnte sich an Herenyas Hals.

„Borax ist mein bester Freund, mein Fürst, er war für mich immer wie ein Vater. Ihm gehört meine absolute Loyalität und Treue. Und Deborah hasst ihn. Sie will nicht einmal mit ihm sprechen. Wie kann ich da mit ihr zusammen sein? Alle meine Versuche, zwischen den beiden zu vermitteln, hat sie abgeblockt und mir zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht einmischen soll und sie nichts mit ihrem Vater zu tun haben will. Sie hatte zwar eingewilligt, ihm zuzuhören, weil Higor und Higar sie dazu überredet haben, aber so richtig von Herzen kam das bei ihr nicht. Und es ist auch nicht dazu gekommen. Ich glaube, es war ihr ganz recht, dass Abagindel Geronimo und sie so zur Abreise auf ihre Mission gedrängt hat. Jedenfalls ist das Gespräch zwischen Borax und Deborah noch nicht zustande gekommen. Und wer weiss, ob es das jemals tun wird.“

Halcyor schaute erstaunt von Herenya zu Harak.

„Ich wusste nicht, dass Borax eine Tochter hat. Deborah. Das ist diese hübsche Kräbe, die mit dem Fliegenden Schwein am Kriegsrat war, nicht wahr?“

Harak nickte. „Borax wusste selbst bis vor kurzem nicht, dass sie noch lebt und wo. Er hat schon lange nach ihr gesucht, sie aber nicht gefunden. Deborah glaubt mir das nicht. Sie hält stur an ihrem Bild von Borax als dem bösen Vater fest, der sie und ihre Mutter verstossen hat.“

„Du irrst dich, Harak“, sagte Herenya. „Deborah hasst ihren Vater nicht. Sie hat sich ihren Hass als Schutz gegen ihren Schmerz aufgebaut, all die Jahre. Aber er galt dem Bild, das sie von Borax hatte, bevor sie ihn getroffen hat. Jetzt hat sie einen anderen Borax kennengelernt und das hat sie in ein arges Dilemma gestürzt. Sie hat nämlich nicht damit gerechnet, dass sie ihn mögen würde.“

„Sie mag ihn?“

„Ja, nur gesteht sie es sich noch nicht ein. Sie kämpft noch gegen ihre Gefühle. Sie bedrohen das Bild, das sie von sich selbst und von ihrem Vater hat.“

„Deine Fähigkeit, die Gefühle anderer zu lesen ist manchmal richtig unheimlich, Herenya“, sagte Halcyor.

Herenya lachte und schaute Halcyor tief in die Augen. 

„Ich weiss auch, dass du seit Jahren heimlich, wie du glaubst, in mich verliebt bist.“

Halcyor erstarrte und war froh, dass die Nacht sein heftiges Erröten verbarg. Er stammelte etwas Unverständliches und knetete seine Finger. Herenya küsste ihn auf die Wange. 

„Wir sprechen ein anderes Mal darüber, heute geht es um Harak und Deborah. Und darum, das Grosse Atelier zu beschützen.“

„Ach, Herenya, es tut mir leid“, sagte Halcyor mit einem scheuen Blick zu ihr.

„Dafür gibt es nicht den geringsten Grund, mein Lieber.“ Sie schenkte ihm ein zärtliches Lächeln.

Harak schaute verwundert zwischen den beiden hin und her. Nach einer kurzen Pause wandte sich Herenya wieder Harak zu. 

„Hab’ Vertrauen, Harak, und lass Deborah Zeit. Ihre Gefühle sind völlig auf den Kopf gestellt. Es ist gut, dass sie auf diese Mission mit Geronimo gegangen ist. Das gibt ihr Zeit, ihre Gefühle neu zu ordnen, ohne ständig mit der Anwesenheit ihres Vaters konfrontiert zu sein.“

Harak nickte. Er war auf Herenyas Knie geflogen. 

„Wenn sie nur heil wieder zurückkommt.“

„Da mach’ dir mal keine Sorgen“, sagte Halcyor. „Sie ist mit einem Fliegenden Schwein zusammen. Die bringen Glück. Und dieser Geronimo ist ein ganz besonders mutiges, kluges und von Glück gesegnetes Exemplar, und er scheint auch das Herz am rechten Fleck zu haben. Wenn Deborah irgendwo sicher ist, dann bei Geronimo.“

 

13. Am Damnorpass

Wie die Zähne eines Raubtieres bissen die Gipfel der Feuerberge in den knochenbleichen Himmel. Geronimo keuchte. 

„Lass uns hier rasten. Wenn wir am Damnorpass ankommen, ist es besser, wenn wir bei Kräften sind.“

„Ja, wer weiss in welcher Laune wir Horgur diesmal antreffen.“

Unter einem überhängenden Felsen fanden sie ein schattiges Plätzchen.

„Hast du einen Plan?“, fragte Deborah.

Geronimo schaute sie mit grossen Augen an.

„Du hast also keinen Plan. Wir fliegen einfach da rauf und sagen hallo, hier sind wir. Im Zauberwald ist Krieg, bitte helft uns.“

Geronimo scharrte mit seinem Vorderfuss auf dem Fels herum und blickte zu Boden. Seine Ohrenspitzen glühten.

„Naja, ein bisschen detaillierter werden wir unser Anliegen schon formulieren.“

„Heilige Mutterkrähe!“ Deborah fuchtelte mit ihren Flügeln in der Luft herum. „Welchen Grund sollte Horgur haben, uns nicht gleich zu fressen oder zu verbrennen, ausser er hat durch eine glückliche Fügung gerade wieder einmal Zahnschmerzen?“

„Hast du eine bessere Idee?“

Deborah lief auf dem kleinen Felsplateau ein paar Mal hin und her.

„Nein, hab’ ich nicht“, spie sie übel gelaunt aus.

„Lass uns einfach auf unser Glück vertrauen“, sagte Geronimo. „Bisher war es immer an unserer Seite.“

Deborah krächzte missbilligend und liess die Flügel hängen. 

 

Einige Zeit später hatten Geronimo und Deborah den Damnorpass erreicht. Sie versteckten sich hinter einem grossen Felsbrocken. Vorsichtig spähte Deborah um die Ecke. Sie kniff die Augen zusammen und suchte das Gelände des Damnorpasses ab. Am Boden lagen mehrere grosse und kleinere Felsbrocken verstreut, die von den Bergen heruntergebrochen waren. Die meisten von ihnen leuchteten in einem warmen Rostrot, manche von ihnen waren von grauen Granitadern durchzogen. Ausser ein paar vertrockneten Büschen, die sich an Felsspalten klammerten, wuchs hier nichts.

„Kannst du ihn sehen?“, fragte Geronimo.

„Nein, keine Spur von ihm.“

„Sollen wir ihn rufen?“

Deborah legte den Kopf zur Seite und überlegte.

„Ja, ich glaube, das ist das Beste. Wir gehen hier in Deckung, sollte er uns nicht freundlich gesinnt sein, was wohl zu erwarten ist.“

Geronimo nickte. „Also dann, auf drei.“

Er zählte, und gemeinsam riefen sie so laut sie konnten.

„Horgur! Bist du da?“

Nichts rührte sich.

Noch einmal riefen sie den Namen des Drachens. Ein zorniges Brüllen echote als Antwort zwischen den steil aufragenden Felswänden hin- und her. Geronimo und Deborah kauerten sich eng in ihr Versteck. Eine Welle aus Feuer schlug über ihnen zusammen.

„Wer sucht mich?“, grollte Horgurs Stimme. „Wer kennt hier meinen Namen?“

Geronimo und Deborah sahen sich bange an, dann nahmen sie ihren Mut zusammen und traten hinter ihrem Felsen hervor. Horgur starrte die beiden eine Weile lang mit offenem Maul und geweiteten Augen an. 

„Na, wen haben wir denn da?“, sagte er schliesslich und verzog sein mächtiges Maul zu einem schiefen Grinsen.

„Die Schweinebacke und das Vögelchen. Wer hätte das gedacht? Ihr hattet wohl Sehnsucht nach meiner reizenden Gesellschaft?“

„Wir besuchen immer wieder gerne gute Freunde“, sagte Deborah.

Horgur beugte sich tief zu ihr hinab und fixierte sie mit seinen blutroten Augen.

„Du willst mich verscheissern, Vögelchen.“

„Keineswegs. Nichts schweisst Freunde mehr zusammen als gemeinsam durchgestandene Schwierigkeiten. Und das war es doch damals, als wir deinen wehen Zahn gezogen haben, nicht wahr?“

Horgur grinste.

„Ja, das war schon ‚ne Nummer. Hab’s sogar unserem König Asor erzählt damals. Der hat sich köstlich amüsiert.“

Horgur kam mit seiner Schnauze ganz nah an Geronimo und Deborah heran.

„Und ein bisschen beeindruckt war er auch.“ Horgur zwinkerte den beiden zu. Geronimo holte tief Luft.

„Horgur, diesmal brauchen wir deine Hilfe.“

Horgur zog seinen Kopf zurück und richtete sich zu voller Grösse auf. Er musterte Geronimo und Deborah einige Momente lang.

„Wofür braucht ihr wohl meine Hilfe? Soll ich ein paar Feinde von euch erschrecken? Ach, wenn schon, dann fress‘ ich sie lieber gleich auf.“

Horgur lachte, und es klang als donnerte eine Steinlawine ins Tal hinunter. 

„Wieso sollte ich euch überhaupt helfen?“

„Weil wir Freunde sind“, sagte Deborah.

Horgur stiess einen Schwall Feuer aus. 

„Wusst’ ich’s doch, dass die Sache einen Haken hat. Du bist ganz schön gewitzt, Vögelchen.“

Er drehte ihr den Rücken zu und ging vor sich hin grummelnd und fluchend ein Stück davon. Hin und wieder sahen Geronimo und Deborah zwischen den Felsen Feuer aufstieben.

„Er scheint ziemlich wütend zu sein“, sagte Geronimo.

Deborah liess Horgur, oder vielmehr die Rauchzeichen, die er hinterliess, nicht aus den Augen. Endlich tauchte Horgurs mächtiger Schädel hinter einem Felsen hervor. Aus seinen Augen sprühten Blitze.

„Dann lass mal hören, Schweinebacke.“

Geronimo und Deborah wechselten einen erleichterten Blick, und Geronimo erzählte Horgur vom drohenden Krieg im Zauberwald, vom König von Usa, vom Zauberer Semadar, von seiner und Deborahs Mission und ihrer Reise durch die Wüste, und was für Melindor auf dem Spiel stand, sollte der Menschenkönig als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen.

Horgur schwieg. Er kniff seine Augen zusammen und stiess ein paar Rauchwolken aus seinen Nüstern aus. Mit seiner Vorderpranke kratzte er sich am Fell seines Bauches.

„Hm. Ist ja ’ne ganz nette Geschichte und durchaus kurzweilig anzuhören.“ Er berührte Geronimos Schnauze mit seiner eigenen und schaute ihm tief in die Augen. „Aber du glaubst doch nicht wirklich, dass uns Drachen die Streitigkeiten der Menschen und Elben interessieren?“ Er lachte, dass die Felsen bebten und steckte einen dürren Busch in Brand. „Ihr beiden seid wirklich zu drollig!“

„Du hast wohl nicht richtig zugehört“, sagte Deborah.

„Es geht nicht um den Streit zwischen Menschen und Elben, sondern um den Fortbestand der magischen Geschöpfe, der Natur, um ganz Melindor. Und da gehört ihr Drachen auch dazu!“

Sie stemmte ihre Flügel in die Hüften und funkelte den riesigen Drachen aus wilden Augen an.

Horgur stutzte. „Alle Achtung, Vögelchen. Mut hast du, das muss man dir lassen.“

Geronimo räusperte sich. Obwohl er mächtig stolz auf Deborah war, fürchtete er auch, dass sie Horgur zu sehr provoziert hatte und er Deborah genauso wie eben den dürren Busch, kurzerhand abfackeln würde. Deshalb wollte er lieber seine Aufmerksamkeit von ihr ablenken.

„Horgur, würdest du uns vielleicht die grosse Gunst erweisen, und uns zu eurem König bringen, damit wir ihm unsere Bitte vortragen können?“

Horgur fuhr zu Geronimo herum und schnaubte.

„Du zweifelst an meinem Urteil, Schweinebacke?“

Geronimos Ohren liefen dunkelrot an. Er stotterte.

„Nein, entschuldige. So war das nicht gemeint. Ich respektiere und achte deine Klugheit, Horgur. Ich dachte nur, bei einer Entscheidung von solcher Tragweite, möchte euer König auch ein Wort mitreden. Und wenn er dir zustimmt, wird deine Klugheit vor allen anderen Drachen bestätigt.“

Geronimo blickte bang zu Horgur auf. Er hielt den Atem an und versuchte sich mit dem Gedanken auszusöhnen, gleich geröstet zu werden. Horgur streckte den Kopf nach vorne und spiesste Geronimo mit seinem Blick auf.

„Der König weiss sehr wohl wie klug ich bin.“ Horgur brüllte diese Worte so laut heraus, dass die Felsen vibrierten. Deborah schaute ihn mit glänzenden Augen an. Dann sagte sie zu Geronimo.

„Ist dir nicht klar, dass Horgur in der Gunst des Königs steht?“

Geronimo starrte Deborah mit offener Schnauze an. Was führte sie jetzt wieder im Schilde?

„Mir war das sofort klar“, fuhr sie fort. „Schau ihn dir doch an. Er ist etwas ganz Besonderes. Was glaubst du wohl, weshalb gerade er den Damnorpass bewachen darf? Das ist schliesslich nicht irgendein Ort.“

Geronimo verstand. Er nickte.

„Ja, bestimmt kann kein anderer Drache so grimmig und furchteinflössend schauen und brüllen. Ich hatte noch nie zuvor solche Angst.“ Er versuchte, ein besonders ängstliches Gesicht zu machen und zog den Kopf ein.

„Ja, und verzeih’ mir Horgur, ich weiss du siehst es als Makel, aber was mich betrifft, und ich bin sicher, vielen anderen ginge es ebenso, wenn sie dich sehen würden: Ich finde dein Fell einfach todchic“, sagte Deborah.

Geronimo nickte eifrig. „Schuppen haben schliesslich alle Drachen. Was ist daran schon besonders? Aber ein echtes Grizzlydrachenfell. Das macht ungeheuer Eindruck.“

Horgur verfolgte die Unterhaltung der beiden mit zusammen gezogenen Augenbrauen.

„Ihr macht euch über mich lustig.“ Rauch stieg aus seinen Nüstern auf.

„Glaubst du wirklich, das würden wir wagen?“, sagte Deborah. „Wo du uns mit einem Atemstoss verbrennen kannst? Glaubst du, wir würden unser Leben so leichtfertig verspielen, wo wir doch gekommen sind, um viele Leben zu retten?“

Horgur musterte Deborah lange.

„Du hältst dich für sehr schlau, was, Vögelchen? Denkst, du kannst mich bei meiner Eitelkeit packen? Aber das habe ich nicht nötig. Sowohl ich selbst, als auch König Asor wissen um meine Qualitäten. Ich brauche niemandem was zu beweisen.“

Geronimo und Deborah tauschten einen Blick. Geronimo weitete die Augen und zog seine Stirn zusammen, wie um zu fragen, was sollen wir jetzt bloss machen? Deborah liess die Flügel hängen und scharrte mit dem Fuss im Staub.

„Tut mir leid“, murmelte sie und wagte nicht, den Drachen anzusehen.

Horgur lachte.

„Dein Mut und dein Witz gefallen mir, Vögelchen. Ich bin neugierig, wie der König auf euch reagieren wird. Die anderen Drachen werden vor Neid ganz feucht im Rachen werden, wenn sie sehen, wen ich dem König bringe und dazu eine gute Geschichte erzählen kann. Der König mag gute Geschichten.“

„Feucht im Rachen?“, fragte Deborah.

„Na, dann können sie kein Feuer mehr speien“, erklärte Horgur und grinste teuflisch.

„Dann bringst du uns zum König?“, rief Geronimo. 

Horgur grinste.

„Folgt mir!“

 

 

14. Am Namur

Revda führte seinen schwarzen Hengst über die Bootsplanke ans Ufer des Namur.

Als seine Füsse das Gras berührten, durchfuhr ihn ein elektrisierendes Kribbeln, das bis unter seine Schädeldecke kroch. Er lachte in sich hinein. Der süsse Moment seines Sieges, der seine Macht vollkommen machen würde, strich bereits wie der Duft eines Festmahls um seine Nase. Revda sog die Luft tief in seine Lungen ein. Er schmeckte den Fluss und das trockene Gras, den Wind, der ihm zujubelte. Es war der Geschmack des Triumphes, und er liess ihn genüsslich auf seiner Zunge zergehen.

Revda liess seinen Blick über seine Flotte schweifen. Zwölf stattliche Karavellen schaukelten sanft auf dem graugrünen Band des Namurs. Schwarze Segel mit einem grossen roten „R“ blähten sich im Wind, und darüber flatterte das Wappen von Usa. Im oberen Teil zeigte es die Burg mit ihren vielen bunten Türmen. Unten links die Farben seines Vaters: blau und silber. Revda hatte sie nur auf dem Wappen gelassen, um das Volk nicht zu erzürnen, denn sie hatten den alten König geliebt. Daneben hatte Revda seine eigenen Farben, schwarz und rot, gestellt. Und mit der Zeit würden sie die Farben seines Vaters verdrängen. 

Der Wind war ihnen auf der ganzen Fahrt wohlgesinnt gewesen und hatte stetig von Norden her geblasen. Sie waren schneller vorangekommen, als geplant. Revda hatte es als ein günstiges Omen betrachtet, ein Zeichen, dass die alten Götter mit ihm waren. Sein Schiff war natürlich das Schönste von allen. Es war grösser als die anderen, und den Bug schmückte der kunstvoll geschnitzte Kopf eines Krokodils. Nur sein Schiff hatte ein Heckkastell. Schliesslich war er der König und es geziemte sich nicht, dass er wie das gewöhnliche Volk auf den Schiffsplanken schlief. 

Es war bereits ein reges Treiben im Gange. Die Adligen, die Revda auf die Schiffe verteilt hatte, schrieen ihre Befehle, um Pferde, Waffen, Proviant und Zelte abzuladen. Wie willig seine Untertanen ihm alle seine schönen Lügen glaubten. Sie hatten sie wie Honig von seinen Lippen geleckt. Er war der König, und er hatte nur ihr Wohl und das Wohl von Usa und Melindor im Sinn. Wie konnten sie da an seinen Worten und an seiner Gesinnung zweifeln? Er spielte seine Rolle perfekt. Revda legte seinen Kopf in den Nacken und lachte. Ein Adliger, der das Abladen seines Schiffes befehligte, schaute verwundert zu ihm herüber. Revda nickte ihm zu und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln:

„Welch’ herrlicher Tag, nicht wahr, Sir Hondart? Die Götter sind uns wohlgesinnt.“ Er zeigte mit einer ausladenden Geste in den blauen Himmel. Der Adlige neigte das Haupt und nickte:

„In der Tat, Sire.“

Wie er sie hasste, diese Adligen, diese aufgeblasenen Tölpel. Viele von ihnen hatte sein Vater vor Jahrzehnten eingeladen, in der Burg von Usa zu leben. Da hockten sie mit ihren Familien wie Parasiten und saugten dem König das Blut aus den Adern, anstatt sich mit ehrlicher Arbeit selbst ihr Brot zu verdienen. Diejenigen, welche auf ihren Gehöften und kleinen Burgen auf dem Land geblieben waren, taten auch nicht mehr, als dem Volk die Steuern abzupressen. Und wer konnte sagen, wieviel sie davon in die eigene Tasche steckten?

Jetzt sollten sie zur Abwechslung einmal etwas tun für ihren Unterhalt. Und wenn ein paar von ihnen den Krieg nicht überleben sollten, war es umso besser. Im Moment waren sie nützlich. Aber Revda hatte es satt, immer den wohlmeinenden freundlichen König zu spielen, nur um sie sich gefügig zu machen. Die Scharade war ja bald zu Ende und dann würde ein anderer Wind durch Usa pfeifen. Wenn die Macht über ganz Melindor in seinen Händen lag, bestand keine Notwendigkeit mehr, dem Volk den liebenden König vorzuspielen.

Die einzigen zwei Menschen, die wirklich zählten, waren Sepora und Semadar. Der Rest waren Arbeiter. Sklaven. Seine Ameisen, wie er sie insgeheim nannte. Sepora. Wie schade, dass sie so dickköpfig war und so klug. Aber andererseits war es genau das, was er so an ihr liebte. Sie war die einzige, die feine Risse in seiner glatten Fassade fand, obwohl es ihr noch nicht gelungen war, durch sie hindurch zu blicken. Sie liebte ihn, und sie würde ihn immer lieben, dessen war er sich sicher. Er war der kleine Bruder. Sie hatte ihn schon immer beschützt. Sie hatte ihm schon immer seine Streiche vergeben. Und sie würde ihm auch diesen letzten, seinen grössten Streich vergeben. Wenn sie erst einmal sah, was sie an Macht und Wissen durch den Sieg über die Elben gewannen, würden sie schon einlenken. Er würde ihr Tarugard überlassen. Als Versöhnungsgeschenk. Frauen liebten Geschenke. Das würde sie bestimmt besänftigen.

Diesen trotteligen Mokrin würde er schon loswerden, und darüber würde Sepora auch erleichtert sein. Oh ja, seine stolze Schwester würde ihm noch danken. Mokrin würden die Elben für ihn erledigen. Und notfalls würde er es selbst tun.

Wie es wohl Semadar erging? Er vermisste die Gespräche mit seinem Freund. Sie waren eines Geistes und niemand verstand ihn so wie der Zauberer. Er war der einzige, mit dem er die Macht teilen würde. Er war der einzige, dem er vertraute. Bald würde Semadar wieder zu ihnen stossen, mit dem Rest seiner Sondertruppe.

Revda dachte an die netten kleinen Spielereien, die Semadar sich für seine Truppe ausgedacht hatte und stellte sich die erschreckten Elben vor. Er wünschte, er könnte dem Schauspiel beiwohnen, und er freute sich schon auf die Erzählungen seines Freundes bei einer guten Flasche Tarugarder Wein. Er zweifelte nicht daran, dass es Semadar gelingen würde, den Stein an sich zu nehmen. Mit ihm würde ihre Macht vollkommen sein.

Revda liess seinen Blick nach Westen schweifen. Der Zauberwald ragte wie eine süsse Verheissung aus der Ebene heraus. Revda stellte sich vor, wie die Bäume sich im Wind wiegten, als winkten sie ihm ein sehnsüchtiges Willkommen zu. Es würde leicht sein, die Elben zu besiegen. Er wusste nicht genau, wieviele Elben im Zauberwald lebten, aber es waren weit weniger als seine und Mokrins Männer. Ein Bruchteil davon. Revda lachte. Semadar und er würden sie in die Zange nehmen. Der Sieg über die Elben erschien Revda so leicht wie ein Fingerschnippen. Er musste praktisch nur noch in diese lächerliche Elbenstadt hineinspazieren und sie beanspruchen. Revda, König von Usa. Revda, König des Zauberwalds. Es klang gut. Aber das waren nur Kleinigkeiten. Revda, Grosskönig von Melindor. Das war der Titel, der ihm gebührte. Er schloss für einen Moment die Augen und hielt das Bild vor seinem inneren Auge fest. 

Er würde die Elben mit grosser Wahrscheinlichkeit unvorbereitet treffen. Woher sollten sie auch wissen, dass er kam? Und selbst wenn, was konnte eine Hand voll Elben schon gegen seine Armeen ausrichten? Ein paar Pfeile auf sie abschiessen? Ha! Sie würden an den Rüstungen seiner Soldaten abprallen. Ein kleiner Sondertrupp wie der von Semadar hätte vollauf genügt. Er brauchte eigentlich keine grosse Armee und schon gar nicht diese dummen Zwerge aus Tarugard. Aber es war schon als Junge sein Traum gewesen, mit einer Flotte prächtiger Schiffe die Küsten oder grossen Flüsse Melindors entlang zu segeln, eine grosse stolze Armee anzuführen, zu kämpfen und zu siegen. Dieser Traum ging gerade in Erfüllung. Es würde herrlich werden. Er an der Spitze in seiner prachtvollen neuen Rüstung, gefolgt von seinen Rittern und den Fusssoldaten.

Für sie hatte er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Seine Armee war schöner und eindrucksvoller, als er sie sich jemals in seinen Knabenträumen ausgedacht hatte. Und er konnte es kaum erwarten, seine Regina einzusetzen. 

Von Westen her zogen Wolken auf. Es würde Regen geben. Aber hier war der Himmel noch makellos blau. Nur ein paar Raben flogen über ihm hinweg. Es blieb genügend Zeit für seine Männer, die Zelte für das Heerlager aufzustellen. Revda blickte zum Fluss, Richtung Südosten. Von Mokrins Armee war noch nichts zu sehen. Sie würden ihre Zelte wohl im Regen aufbauen müssen. Revda grinste schadenfroh. 

 

Mokrin trieb seine Männer zur Eile an. Er hatte keine Lust, nass zu werden. Überhaupt war seine Begeisterung für diese ganze Unternehmung in den letzten Tagen auf ein jämmerliches Häufchen zusammengeschrumpft. Was hatte er sich nur dabei gedacht, mit Revda in den Krieg gegen die Elben zu ziehen? Diese Geschichte, dass die Wüste näher rückte, erschien ihm zunehmend unwahrscheinlich. Ausserdem hatte er einen Friedensvertrag mit den Elben geschlossen. Er konnte doch nicht einfach einen Vertrag brechen. Hatte Sepora recht gehabt? Es hatte so schön begonnen. Das erste Mal seit er König war, hatte er seine gesamte Armee gemustert.

Tief in seinem Herzen musste er sich eingestehen, dass er mächtig stolz darauf war. Alle Männer aus Tarugard ab achtzehn Jahren und alle aus den Dörfern in den Tarubergen waren seinem Ruf gefolgt, und ein jeder von ihnen war ein Mosaikstein in dem prächtigen Bild, das seine Armee darbot. Dreitausend Mann stark und dreihundert Pferde für seine Kavallerie. Graue Tuniken über braunen Pluderhosen. Weisse Helme, schwarze Lederharnische. Die Farben der Taruberge.

Mokrin lächelte und seine Zuversicht wuchs wieder. Es war richtig was er tat. Er verscheuchte seine Zweifel, hob sein Kinn und schob seine Brust vor. So fühlte er sich schon besser.

Er hatte keine Wahl. Das Überleben dieser braven Leute stand auf dem Spiel. Revda hatte ihm deutlich genug geschildert, wie würdelos die Elben sie alle hintergangen hatten. Was konnte man von Elben anderes erwarten? Sie hatten ihm Freundschaft und Frieden vorgegaukelt, dabei galt ihre Verachtung seit alters her den Zwergen, seinen Ahnen.

Die Elben empfanden sich als die edelste Rasse in Melindor. Menschen waren Wesen zweiter Klasse, Zwerge für sie das Letzte. Dabei lebten die Zwerge schon viel länger in Melindor als die Elben. Mokrins Grossvater war ein reinblütiger Zwerg gewesen. Er hatte eine Halbzwergin geheiratet.

Ihr Sohn, sein Vater hatte eine Menschenfrau geehelicht. Also floss in ihm, Mokrin, mehr Zwergen- als Menschenblut. Selbst die Menschen schauten mit Geringschätzung auf die Zwerge. Vermutlich war es auch Neid. Nicht einmal die Elben konnten den Zwergen das Wasser reichen, wenn es um feines Kunsthandwerk und Schmiedekunst ging.

Aber es gab auch Menschen, die die Zwerge mochten, die ihre Talente und ihre Charakterstärke zu schätzen wussten. Und so hatte es im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Mischehen zwischen Zwergen und Menschen gegeben und daraus war eine neue Rasse gewachsen, die jetzt in Tarugard lebte. Mokrin war stolz, ihr König zu sein, und er würde sein Volk stolz auf sich machen.

Dieser Feldzug gab ihm dazu Gelegenheit. Er würde sein Volk vor dem Hungertod retten. Niemand schien bemerkt zu haben, dass die Wüste näher rückte, nicht einmal seine Bauern. Dabei verstanden sie ihr Handwerk und wussten vieles über die Natur und ihre Launen. Sie waren fleissig und brachten gute Ernte ein, aber sie waren Bauern und nicht so gebildet und klug wie die Wissenschaftler, die Revda an seinem Hof beschäftigte.

Revda war sein Freund, war es immer gewesen. Er hatte ihn immer wie einen Bruder behandelt. Warum also sollte er ihm nicht vertrauen? Warum nur misstraute Sepora ihm auf einmal? Was war nur in sie gefahren? Er war in ihre Gemächer gegangen, um sich von ihr zu verabschieden. Und um sie zur Vernunft zu bringen. Aber sie war stur und hysterisch gewesen. Hatte ihn angeklagt, ihr Volk in den Untergang zu führen. Hatte ihren Bruder einen Heuchler und Lügner genannt. Sie war ausser sich gewesen. Sie hatte ihn auf Knien angefleht, gebettelt, und ihn angebrüllt, den Friedensvertrag mit den Elben nicht zu brechen. Aber wie konnte er? Ihre Welt war in Gefahr. Wieso konnte sie das nicht erkennen? Revda hatte es doch ihnen beiden erklärt.

Dass die Wüste das Land fressen würde, dass sein Volk verhungern würde, wenn sie nichts unternehmen würden. Dass ihre schöne Stadt unter Sand begraben werden würde wenn sie nichts taten. Und dass die Elben trotz mehrmaligem Bitten und Flehen jegliche Hilfe verweigert hatten. Die Elben scherten sich einen Dreck um den Rest von Melindor. So hatte es Revda gesagt. Und er glaubte ihm. Wieso auch nicht? Schliesslich war er mehrmals mit verschiedenen Delegationen zum Zauberwald gereist und hatte um Hilfe gebeten. Aber die Elben in ihrem Hochmut, in ihrer Überheblichkeit hatten sie abgewiesen. Weshalb sollte er also einen Friedensvertrag respektieren?

Die Elben hatten mit ihrem Verhalten auf diesen Vertrag gespuckt. Ihre Weigerung, den Menschen in Melindor im Kampf gegen die Wüste zu helfen, kam einer Kriegserklärung gleich. Revda hatte ihm die Augen geöffnet. Und er hatte alles versucht, seine Frau umzustimmen. Vergebens. Schliesslich hatte er sie angeschrieen, sie solle den Mund halten. Er hatte sich gerade noch beherrschen können, sie nicht zu schlagen, so wütend war er gewesen. Sie hatte ihn mit grossen traurigen Augen angestarrt. Kein Wort war mehr über ihre Lippen gekommen, aber mit ihrem Blick hatte sie ihn noch einmal mit aller Macht angefleht. Damals hatte er Abscheu empfunden und Wut. Jetzt verfolgte ihn dieser Blick. Er bohrte Löcher in sein Herz und liess es bluten.

Was, wenn sie doch recht gehabt hatte? Was, wenn er sein Volk ins Verderben führte? Wenn die Wüste doch nicht kam? Aber war es nicht im letzten Sommer ungewöhnlich heiss gewesen? Weshalb zweifelte Sepora plötzlich an ihrem Bruder? Sie war doch eine aussergewöhnlich kluge Frau. Sie musste doch seine Argumente verstehen. Wusste sie etwas über Revda, das er nicht wusste? Wie auch immer, es gab kein Zurück. Er würde sein Gesicht vor seinem Volk verlieren, wenn er umkehren würde. Und sein Vertrauen. Sie würden ihn für schwach und labil halten.

Und er würde die Achtung und Freundschaft von Revda verlieren. Und das konnte er, das konnte Tarugard, sich nicht leisten. Sepora würde eine Weile schmollen, vielleicht würde sie ihn auch hassen. Bei diesem Gedanken zog sich Mokrins Herz zusammen. Er vergötterte seine Gemahlin. Aber in erster Linie war er König und seinem Volk verpflichtet. Er konnte auf seine persönlichen Gefühle keine Rücksicht nehmen, wenn es darum ging, sein Volk und seine Stadt zu retten. Sepora würde das verstehen, wenn sich die Wogen ihres seelischen Aufruhrs erst einmal gelegt haben würden. Eine Zeit lang würde sie ihm noch zürnen, weil er sie in ihre Gemächer eingesperrt zurück gelassen hatte. Streng bewacht von einigen ihm treu ergebenen Soldaten. Es waren Zwerge. Sie würden sich nicht vom Weinen und Flehen einer Frau erweichen lassen. Sein Herz hatte geblutet, ihr das anzutun, aber er hatte keinen anderen Ausweg gesehen. Sie wäre imstande, selbst in den Zauberwald zu reiten und die Elben zu warnen. Für ihr Wohl war gesorgt und sollte ihm etwas zustossen in dieser Schlacht, hatten die Zwerge Anweisung, seine Frau freizulassen.

„Sire, wir sind bald am Fluss“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. Mokrin blickte auf. Er brauchte einen Moment um in der Gegenwart anzukommen. Dann nickte er dem Ritter zu.

„Gut. Bereitet das Heer für das Übersetzen vor. Die Usaer werden uns mit ihren Schiffen abholen.“

 

 

Revda schloss seinen Schwager in eine herzliche Umarmung. 

„Willkommen, Mokrin, mein Lieber. Eine prächtige Armee hast du da mitgebracht!“ Revda spürte, dass sich Mokrin in seiner Umarmung versteifte. Das war ungewöhnlich. Der Zwerg sog doch sonst jede Zuwendung von ihm auf wie ein Verdurstender. Revda schob Mokrin auf Armeslänge von sich weg und sah ihm prüfend ins Gesicht.

„Du siehst müde aus, mein Lieber. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich, nach dem langen Marsch, nicht wahr? Geht es dir gut?“

Mokrin nickte.

„Wie geht es meiner Schwester?“ Revda legte eine besorgte Miene auf.

„Sie zürnt dir. Uns. Ich habe versucht, sie zur Vernunft zu bringen, aber leider ohne Erfolg. Sie hat mich angefleht und angeschrieen und wollte mich zurück halten. Sepora ist davon überzeugt, dass wir einen grossen Fehler begehen.“

Revda schüttelte den Kopf. Dann schaute er seinem Schwager eindringlich in die Augen.

„Und du Mokrin? Glaubst du noch an unsere Sache?“

„Ich bin hier, nicht wahr? Und meine Armee mit mir.“ Mokrin lächelte, aber seine Augen blieben davon unberührt.

Er wankt, dachte Revda. Der Zaubertrank hat in seiner Wirkung nachgelassen. Was für ein jämmerlicher Wicht dieser Zwerg doch war. Es war ein Hohn, dass er die Königswürde trug.

„Ja, das bist du, Mokrin. Und ich bin sehr froh darüber. Und sehr dankbar, dass du zu mir stehst. Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Ich kann fühlen, wie sie dich quält, wie du dir eine friedliche Lösung wünschst. Es geht mir doch genauso. Ich wünschte, wir hätten eine andere Wahl, aber die haben wir nicht.“ Revda legte einen Arm um Mokrins Schultern. 

„Wir sind Könige, Mokrin. Wir sind die Diener unseres Volkes. So war es immer und so soll es auch in Zukunft sein. Es ist unsere Pflicht und unsere Verantwortung, das Beste für unsere Völker zu tun. Wir müssen sie retten. Und unsere Rettung liegt dort.“ 

Er zeigte auf den Zauberwald, dessen Silhouette einige Meilen westwärts aus der Ebene stieg. „Nur das Wissen, das die Elben besitzen, kann die Wüste aufhalten. Wir haben keine andere Wahl, glaub mir.“

Mokrin nickte. „Ja, du hast wohl recht, Revda. Es klingt alles sehr vernünftig was du sagst.“

„Du bist müde. Komm und sei mein Ehrengast und mach’ es dir in meinem Zelt bequem, solange deine Männer brauchen, um euer Lager aufzubauen. Meine Diener haben uns ein Mahl bereitet.“

Revda führte Mokrin zu seinem Zelt. Er hatte bereits geahnt, dass die Wirkung von Semadars Überzeugungstrank nachlassen würde. Deshalb hatte er eine Karaffe Wein mit neuem Zaubertrank präpariert, aus der er seinem Schwager einschenkte.

„Auf unseren Sieg, mein Lieber!“, sagte er fröhlich und stiess mit Mokrin an.

 

Seit Tagen war Borax mit ein paar seiner Raben unterwegs. Sie waren weit nach Osten geflogen. An der östlichsten Schleife des grossen Namur hatten sie sich aufgeteilt; einen Trupp hatte Borax nach Süden geschickt, er selbst war mit ein paar anderen Raben nach Norden geflogen. Nichts. Keine Spur von Deborah und Geronimo. Sie waren verschwunden. Borax Kehle wurde eng und trocken beim Gedanken an seine Tochter. Endlich war sie wieder in sein Leben getreten. Er konnte sein Glück kaum fassen. Dass sie ihn so vehement ablehnte tat zwar weh, aber er verstand es. Sie brauchte Zeit. Bestimmt würde sie ihm irgendwann die Chance geben, sich zu erklären. Er würde ihr die ganze Geschichte erzählen, so wie es wirklich geschehen war.

Dann, hoffte er inständig, würde sie ihm verzeihen. Wie wunderschön sie war. Und wie mutig. Er war so stolz auf sie. Er wünschte sich nichts mehr, als die Möglichkeit, ihr das sagen zu können. Und dass er sie liebte, dass er sie immer geliebt und jeden Tag an sie gedacht hatte und sie schmerzlich vermisste. Jetzt war sie wieder verschwunden. In diese erbarmungslose Wüste geschickt. Er hatte Abagindel davon abhalten wollen, aber er wusste selbst, wie dringend sie jede Hilfe brauchen würden. 

„Deborah, wo steckst du bloss?“, schrie Borax in den Wind. „Komm zu mir zurück, mein Kind!“ 

Dass sie gerade bei den Fliegenden Schweinen Zuflucht gefunden hatte. Wie seltsam. Aber Geronimo schien ein lieber und aufgeweckter Kerl zu sein. Borax war froh, dass sie einen so guten Freund gefunden hatte. Aber konnte er seine Tochter beschützen? Wie gross waren die Überlebenschancen, selbst für ein vom Glück gesegnetes Fliegendes Schwein, in dieser erbarmungslosen Gharwhali? Auch von den Wüstenelben war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hatten Deborah und Geronimo es gar nicht bis zu ihnen geschafft. Borax schüttelte den Kopf. Nein, diesen Gedanken wollte er nicht zulassen. Sie würde wieder kommen. An etwas anderes wollte er nicht glauben. Sie war stark. Schliesslich war sie seine Tochter. 

 

15. Die schwarzen Krieger

Im Osten öffnete sich der Himmel und entliess einen schmalen Streifen Grau und Orange in die sterbende Nacht. Gerade genug Licht, um die dunklen Schemen zu erkennen, die sich dem Waldrand näherten.

Sie waren gekommen. Die Krieger des Zauberers Semadar.

Halcyor mit seinen Narlingarder Männern, und Herenya mit ihren Isthuini, hatten sich am Waldrand hinter den Bäumen versteckt. Minhorvir sass mit seinen Elbenkriegern auf den mächtigen Bäumen, die den Waldrand vor Eindringlingen bewachten. Sie waren seit einer Stunde bereit, seit Xaxa ihnen die Kunde gebracht hatte, dass Semadar mit seinen Kriegern im Anmarsch war. Harak sass auf Herenyas Schulter und spähte über das vor ihm liegende Land. Er traute seinen Augen nicht! Wie konnte das möglich sein? Xaxa und er selbst hatten die Krieger mehrmals gezählt und beide waren sie auf die Zahl zweihundertundfünfzig gekommen. Aber was hier auf dem Feld vor dem Zauberwald auf sie zu marschierte, schienen mindestens doppelt so viele zu sein. Wo hatte Semadar die zusätzlichen Männer so plötzlich herbekommen? 

Xaxa, der auf einem Ast einer mit dicken Flechten bewachsenen Eiche sass, tauschte einen ungläubigen Blick mit Harak. Er schüttelte den Kopf und hob die Flügel in einer Geste der Ratlosigkeit. Harak blickte zu Herenya, die sich hinter derselben Eiche versteckt hielt.

„Da muss Zauberei dahinterstecken“, sagte sie. 

Es wurde langsam heller, aber keine Sonne ging über diesem Tag auf. Die Zauberwäldler fanden in den tief hängenden Wolken ihre eigene Bedrücktheit wieder. Harak fixierte die näher kommenden Krieger. Sie trugen schwarze, eng am Körper anliegende Anzüge, die auch ihre Köpfe und Gesichter umschlossen. Nur für die Augen war ein schmaler Schlitz vorhanden. Über Brust und Rücken trugen die Krieger dünne Panzer aus einem leicht schillernden Material, so dass die Männer Harak an Käfer erinnerten. Nur noch ein paar Schritte und sie würden in Schussweite sein.

Minhorvir sass mit unbewegter Miene auf einer Eiche rechts von Herenya. Er trug wie alle anderen eine kurze Tunika mit Kapuze über seinen Hosen. Ihr Graubraun verschmolz mit den Stämmen der Bäume, so dass die Zauberwäldler beinahe unsichtbar waren. Minhorvir hob seinen Bogen und nahm einen Pfeil aus dem Köcher, der über seinem Rücken hing.

„Wo ist Semadar?“, fragte Harak.

Der Zauberer war nirgends zu sehen. Hatte er sich wie seine Krieger gekleidet und sich zu einem von ihnen gemacht? Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich fand Harak. Er fürchtete sich. Ohne dass er es bemerkte, grub er seine Krallen in Herenyas Schulter.

„Au!“

„Entschuldigung.“

„Ist schon gut, mein Lieber. Wir alle haben Angst. Aber unser Mut ist grösser.“

Harak sog die frische Morgenluft ein, straffte sich und nickte. Von der Eiche, auf der Minhorvir sass, erscholl ein Schrei und beinahe gleichzeitig schwirrten die Pfeile der Zauberwäldler auf die schwarzen Krieger aus Usa zu.

Zur gleichen Zeit schleuderten die Isthuini Feuerbälle, die sie aus ihren Handflächen erschufen, auf die Angreifer. Die Feuerkugeln warfen ein gespenstisches Licht auf die dunklen Gestalten. Obwohl viele der Pfeile ihr Ziel getroffen hatten, sanken nur vereinzelte Krieger zu Boden. Deren Nachbarn lösten sich mit einem ‚Plopp‘ in Luft auf. Herenya wechselte einen Blick mit Halcyor, der in Sichtweite von ihr hinter einer grossen Buche in Stellung stand.

„Er hat Kopien von seinen Kriegern erschaffen“, rief sie ihm zu.

Halcyor starrte sie fassungslos an.

„Was? Bei allen Göttern!“ Sein Blick hetzte von einem Schwarzen Krieger zum nächsten.

„Wir müssen die Originale treffen, dann zerfallen auch die Kopien.“

„Aber wie können wir sie voneinander unterscheiden?“, schrie Halcyor über das laute Sirren der Pfeile hinweg, während seine Männer und die Elben ununterbrochen auf die Angreifer schossen. Sie  alle waren ausgezeichnete Schützen, aber ihre Pfeile prallten wirkungslos an den schwarzen Kriegern ab.

„Sie sehen alle gleich aus.“

„Zielt auf die Augen“, schrie Minhorvir. „Ihre Anzüge sind magisch imprägniert.“

Ein weiterer Schwall Pfeile pfiff durch den grauen Morgen. Diesmal sanken viele von Semadars Männern getroffen zu Boden. Kaum erholten  sich die Überlebenden von ihrem Schrecken, traf sie die nächste Flut von Pfeilen.

Die Zauberwäldler jubelten, aber ihre Freude währte nicht lange.

Aus der Mitte der schwarzen Krieger schoss ein wütender Schrei hervor. Eine graue Luftsäule schraubte sich in die Höhe und wirbelte zwischen den Reihen der Krieger hindurch. Lautes höhnisches Lachen dröhnte zum Wald, und aus der Lufthose materialisierte sich Semadar. Er trug einen weiten schwarzen Mantel über seinem weissen Gewand. Eine riesige Kapuze verdeckte sein Gesicht. Semadar hob die Arme seitwärts in einem Kreis über seinen Kopf und klatschte in die Hände. Die toten Krieger zu seinen Füssen erhoben sich und folgten mit schlurfenden Schritten ihren lebenden Kameraden. Den Zauberwäldlern blieb keine Zeit, diese Teufelei zu verkraften. Die schwarzen Krieger hatten den Waldrand erreicht. Ihre Schwerter schnitten die Luft in Stücke.

„Glaubt ihr wirklich, ihr könnt mich aufhalten?“, sagte Semadar und lachte. Sein Gelächter erinnerte Harak an das Heulen eines Wolfes und seine Nackenfedern sträubten sich.

Semadar streckte seine rechte Hand aus und machte eine schneidende Bewegung. Mit einem lauten Zischen barst der Schutzwall der den Zauberwald vor ungebetenen Gästen schützte. Minhorvir stiess hart die Luft aus seinen Lungen, Herenya schrie auf und Halcyor starrte für einen Moment mit heruntergeklapptem Kiefer zu dem Zauberer. Dann brüllte er seinen Männer Befehle zu: „Haltet die Stellung! Raus mit den Schwertern!“

„So schnell? Einfach so?“, sagte Herenya zu Minhorvir. Ihre Stimme war schrill und überschlug sich. Minhorvir war erstarrt. Harak hatte den grossen Elb noch nie so verstört und blass gesehen. Und das machte ihm beinahe noch mehr Angst, als der Zauberer selbst. Alles geschah so schnell. Die Schwerter der Narlingarder prallten an den Schutzanzügen der schwarzen Krieger ab, genauso wie die Schwerter der Isthuini. Auch ihre Feuerkugeln konnten nicht viel ausrichten. Aber immerhin hinderten sie die Krieger des Zauberers daran, weiter in den Wald einzudringen. Die Elben schossen ihre Pfeile von den Bäumen auf die Angreifer herab und versuchten, in ihre Sehschlitze zu treffen. Minhorvir hatte sich gefasst. Herenya und er tauschten einen Blick und nickten sich zu. Herenya murmelte einige Worte in der ältesten Sprache des Zauberwalds, die Harak nicht verstand, dann sprang sie blitzschnell hinter ihrem Baum hervor und streckte ihre Arme mit gespreizten Fingern vor sich aus. Im gleichen Augenblick stand Semadar in Flammen. Minhorvir sang in der gleichen seltsamen Sprache, und um das Feuer, das den Zauberer umfing, wuchs eine Luftsäule, die das Feuer speiste und einschloss.

Die Schwarzen Krieger, die Elben und Narlingarder hielten in ihren Kämpfen inne und starrten auf den lichterloh brennenden Zauberer. Ein Jubelschrei ging durch die Reihen der Zauberwäldler. Die Soldaten des Zauberers flohen.

Plötzlich explodierte die Feuersäule mit einem lauten Knall. Semadar stand unversehrt da. Augenblicklich erstarb das Jubelgeschrei. Mit einer lässigen Handbewegung zwang der Zauberer seine Krieger zurück in den Kampf. Minhorvir sprang neben Herenya auf den Boden und winkte Halcyor zu sich her.

„Er ist zu mächtig“, sagte Minhorvir. „Wir können ihn nur aufhalten. Halcyor, tötet so viele Krieger wie ihr könnt. Achtet auf ihre Augen. Diejenigen der Kopien sind starr und ausdruckslos. Aus den Augen der echten Männer blickt die Angst. So könnt ihr sie unterscheiden.“

Halcyor nickte und eilte davon. Minhorvir legte Herenya die Hand auf die Schulter. „Auf ein Neues, Schwester.“

Sie standen für einen Moment Rücken an Rücken, die Augen geschlossen und murmelten wieder Worte in der alten Sprache des Waldes. Dann wirbelten sie herum und schleuderten ihre Zauber auf Semadar, der auf dem Feld stand und mit gleichgültiger Miene seinen Kriegern beim Sterben zusah. Minhorvir zog die Luft aus Semadars Lungen heraus, als zöge er an einem unsichtbaren Seil.

Semadar würgte. Sein Gesicht lief blau an, er griff sich an die Kehle. Seine linke Hand wanderte zu der Kette, die um seinen Hals hing und umschloss ein grosses knöchernes Amulett. Mit der rechten  Hand machte er einen Schlenker uns streckte die Handfläche gegen Minhorvir aus. Der Elb krümmte sich, als hätte er einen heftigen Schlag in den Magen bekommen. Gleichzeitig flog er ein paar Meter rückwärts durch die Luft. Er schlug mit dem Rücken gegen den Stamm einer Buche und sank stöhnend zu Boden.

Herenya sprang auf die Beine und schleuderte einen Blitz gegen den Zauberer. Semadar schrie vor Schmerz. Er taumelte. Wieder griff er an seine Kette und murmelte etwas, dann stand er mit vor Zorn funkelnden Augen auf und machte eine Handbewegung, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Messerscharfe kurze Pfeile schossen auf Herenya zu. Sie duckte sich hinter ihren Baum, fixierte die Pfeile und liess sie als Sand zu Boden rieseln.

Semadar fluchte. Er führte erneut seine Arme in einem Bogen über dem Kopf zusammen, klatschte in die Hände und eine Feuerwalze rollte in rasender Geschwindigkeit auf den Wald zu. Harak stiess einen Schrei aus. Er wollte den Kriegern die Augen aushacken, er wollte dem Zauberer selbst die Augen aushacken, aber Herenya hatte ihm und Xaxa verboten, sich in den Kampf zu stürzen. Sie wurden als Boten gebraucht und durften deshalb nicht verletzt werden.

Minhorvir hatte sich am Stamm der Buche wieder auf die Beine gezogen. Er und Herenya reagierten schnell. Sie befahl der Erde, sich zu erheben und das Feuer zu ersticken. Gleichzeitig zog Minhorvir das Wasser des Narlio als grosse Welle über die tosende Feuerwalze. Erde und Wasser vermischten sich zu zähem Schlamm und begruben Semadar unter sich.

Es dauerte nur einen Augenblick und der Zauberer stand unversehrt auf trockenem Boden und lachte. Seine sonst so fahlen Augen glühten plötzlich. Er murmelte etwas vor sich hin. Herenya schrie auf. Sie stürzte zu Boden und ihr Körper zuckte. Ihre Augen quollen aus ihrem Gesicht und Speichel troff ihr aus dem Mund. Minhorvir sprang zu ihr, zog sie hinter die Eiche und schleuderte Wasser gegen den Zauberer. Für einen Moment war dessen Zauber unterbrochen. Herenyas Körper entspannte sich, aber sie lag reglos am Boden. Minhorvir hob sie hoch und schrie: „Rückzug! Zieht euch zurück. Schnell!“ Dann rannte er in den Wald hinein. 

„Xaxa“, rief er, und der Rabe flog, dicht gefolgt von Harak, zu Minhorvir. 

„Flieg nach Merilsilivren so schnell du kannst. Sag’, dass wir beim Grossen Atelier Verstärkung brauchen. Unverzüglich. Inadorel soll kommen. Sie ist die Einzige, die es mit Semadar aufnehmen kann.“

Xaxa nickte und schoss davon.

„Harak, flieg uns voraus zum Atelier und warne Adaphila und Vayobar!“ 

„Was ist mit Herenya?“ 

Für einen kurzen Moment öffnete sie ihre Augen und flüsterte: 

„Flieg!“

 

 

16. Der Dieb

*mehr zum Grossen Atelier findet ihr in "Der lange Weg nach Orbadoc".

 

Dichte graue Schwaden wogten zwischen den Baumstämmen, sogen das Tageslicht ein und tauchten den Wald in Dämmerlicht, obwohl die Sonne gerade ihre ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach schickte.

Harak krächzte erleichtert. Er hatte die Aschebäume erreicht, die Grenze zum Grossen Atelier*. Er stieg in die Höhe, um einen besseren Überblick über den schmalen Lichtungsstreifen zu haben, der den Wald von den Aschebäumen trennte. Elben und Isthuini standen in Gruppen zusammen, trainierten ihre Kampftechniken, unterhielten sich und pflegten ihre Waffen. Harak suchte nach Adaphila, aber er konnte sie nirgends entdecken. Er flog auf eine Elbe zu, die auf ihn aufmerksam geworden war. Wie alle anderen trug sie enge graue Hosen und eine kurze Tunika, die um die Taille mit silbernen Schnüren gegürtet war. Ihre silberblonden Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten und in ein langes Tuch gewickelt. Sie hob Harak die Hand entgegen, damit er darauf landen konnte. 

„Wo ist Adaphila? Ich habe eine dringende Nachricht für sie von Herenya und Minhorvir.“

„Der Zauberer ist auf dem Weg hierher?“

Harak nickte.

„Sie ist im Inneren des Ateliers.“ Die Elbe drehte sich zu der dichten Wand aus Aschebäumen um, murmelte leise vor sich hin, und vor Haraks Augen öffnete sich ein Kanal, gerade breit genug, damit er hindurch fliegen konnte. Konzentriert hielt er seinen Blick nach vorne gerichtet und achtete darauf, die Aschebäume nicht mit den Flügeln zu berühren. Er hatte keine Lust, sich die Federn an ihnen zu versengen.

Bald sah er wieder grün vor sich und er zwinkerte, um sich an das plötzliche Licht zu gewöhnen. Im Grossen Atelier war es sanfter und klarer als im restlichen Zauberwald. Oder kam es Harak nur so vor, nach dem erdrückenden Grau der Aschebäume? Er flog schneller.

Zu seiner Linken lag die Nuss- und Samenküche, die aussah wie eine riesige Haselnuss. Harak würdigte sie keines Blickes. Zu seiner Rechten erhob sich das wie ein gigantisches Ohr geformte Dach des Tonstudios. Harak hielt seinen Blick stur geradeaus. Er wollte sich nicht ablenken lassen von den vielen faszinierenden Dingen, die es hier zu sehen gab. Dafür war jetzt keine Zeit. Er passierte die Abteilung für Farne und Pilze und endlich sah er die dunkle Wand aus Eiben, die das Innerste des Grossen Ateliers als ringförmiger Schutzwall umgab. Harak schoss darauf zu. Einige Gnome standen davor Wache. Ihre sonst so lustigen Gesichter mit den Knollennasen und den kleinen Augen wirkten ängstlich, aber auch fest entschlossen. Harak wusste, sie würden ohne zu zögern ihr Leben geben für den Schutz des Ateliers und ihres Meisters Vayobar.

Harak dachte an Deborah und Geronimo, und sein Herz verkrampfte sich. Wo mochten sie sein? Waren sie noch am Leben? Womöglich waren sie bereits zurück in Merilsilivren und Harak würde Deborah bald wiedersehen. Er wollte keine andere Möglichkeit zulassen. Bestimmt waren sie schon da, oder zumindest auf dem Weg. „Deborah“, flüsterte er, dann verscheuchte er den Gedanken an sie. Er war über die Grenze geflogen, ins Innerste des Ateliers.

Von oben blickte er auf die Gruppe, die dort versammelt war: Vayobar, Gwendobar, Adaphila und ein dunkelhaariger Elb. Das musste Rhenior sein, dachte Harak. Herenya hatte ihm von dem Elbenoffizier erzählt, der für die Verteidigung des Ateliers zuständig war. Jetzt erinnerte sich Harak, dass er ihn beim Kriegsrat in Merilsilivren gesehen hatte. Ausserdem waren sämtliche Abteilungsleiter des Grossen Ateliers bei der Gruppe versammelt. Harak kannte einige von ihnen vom Sehen, aber er hatte nie die Gelegenheit gehabt, mit ihnen zu sprechen. Der Twintaure Litan und Litana, in dessen Zuständigkeitsgebiet das Grosse Atelier fiel, stand neben dem alten Olivenbaum, der die exakte Mitte des Ateliers markierte. In einer Öffnung seiner verdrehten knorrigen Äste, genau dort, wo sie den Stamm verliessen um in alle vier Himmelsrichtungen auseinanderzustreben, lag der Kristall Amargi geborgen. In ihm waren das gesamte Wissen von Melindor sowie die Kenntnisse der Gnome über die Natur und ihr Wirken im Grossen Atelier gespeichert. Er war der Hüter der Natur, die Wächterin der Weisheit, der kostbarste Schatz des Zauberwaldes und ganz Melindors. 

Harak bremste ab und krallte sich an einem der äusseren Äste des heiligen Baumes fest.

„Harak!“, rief Litana. Die Versammelten blickten überrascht zu ihm hinauf.

„Sie kommen“, keuchte er. „Semadar und seine schwarzen Krieger.“

Sechs Augenpaare starrten ihn an während er versuchte, seinen Atem zu beruhigen um weitersprechen zu können. Er sah Furcht in ihnen aufflackern. Gleichzeitig strahlten ihn Mut und Stärke an und halfen ihm zu sprechen. Er erzählte ihnen, was am Waldrand geschehen war. Vom Angriff Semadars und den aussergewöhnlichen Kräften des Zauberers, von den schwarzen Kriegern, vom Rückzug der Elben und der Narlingarder und von Semadars Angriff auf Herenya.

Adaphila schrie auf. „Wo ist sie? Wie geht es ihr?“

„Minhorvir kümmert sich um sie.“ 

Ein Kloss blieb in seinem Hals stecken, als er in die tränenverschleierten Augen Adaphilas schaute. Sie nickte. Litana legte einen Arm um sie und zog sie an sich. 

„Minhorvir hat Xaxa nach Merilsilivren geschickt. Für Verstärkung.

Und Königin Inadorel. Minhorvir sagt, sie ist die Einzige, die es mit Semadar aufnehmen kann.“

Nach einem Moment des Schweigens ergriff Rhenior das Wort.

„Danke Harak. Dann wollen wir hoffen, dass die Verstärkung rechtzeitig hier sein wird. Lasst uns keine Zeit verlieren und unverzüglich unsere Posten einnehmen.“ Er wandte sich an Gwendobar und den Twintauren. 

„Versammelt die Gnomen um den Eibenwall.“ Dann blickte er zu Vayobar.

„Ich bleibe hier“, sagte der Meister des Grossen Ateliers. „Meine Aufgabe ist es, Amargi zu beschützen. Mit meinem Leben, wenn es sein muss.“

Sein Blick liess keine Widerrede zu. Rhenior nickte. 

„Adaphila, wir gehen hinaus. Schnell.“ Rhenior blickte noch einmal in die versammelte Runde. Sein Blick war ein Strahl aus Kraft und unerschütterlicher Entschlossenheit.

„Wir werden siegen! Für den Zauberwald. Für Melindor.“ Dann rannte er los. Adaphila streckte Harak ihre Hand hin und setzte ihn sich auf die Schulter. 

„Ruh’ dich aus“, sagte sie, dann folgte sie dem Elben.

Die Sonne stach Harak in die müden Augen, als Adaphila mit ihm aus den Aschebäumen auf den Lichtungsstreifen vor dem Grossen Atelier trat. Das Gras war nass vom Morgennebel und die letzten Fetzen hingen noch an den schlanken Stämmen der Birken, Eschen und Buchen. Der Wald jenseits des Lichtungsstreifens strahlte soviel Frische und Freude aus mit seinem hellen Grün, den leuchtenden Vogelbeeren und dem dicht bemoosten Boden. Harak sog die Kraft des Waldes in sich auf. Es erschien ihm absurd, dass in diese heile Welt schon bald der Krieg einziehen würde. 

„Macht euch bereit!“, schrie Rhenior und rannte zu der Elbe, die für Harak den Durchgang durch die Aschebäume geöffnet hatte. 

„Vaiwa, du hast bereits mit der Aufstellung begonnen. Gut.“

„Der Rabe war so in Eile, da dachte ich, wir dürfen keine Zeit verschwenden.“

Die Elben waren emsig dabei, ihre Lager- und Übungsplätze aufzuräumen und sich am Rand der Aschebäume aufzustellen. Diejenigen, die schon dort standen, verschmolzen vollkommen mit dem Grau der Bäume. 

Adaphila war inzwischen zu einer Gruppe Isthuini gerannt, die sich bei einer stattlichen Silberpappel versammelt hatten. Es waren Heilerinnen. Sie wählte die drei besten unter ihnen aus und bat sie, sich für die Ankunft Herenyas bereitzuhalten. Die anderen wies sie an, sich zwischen den Elbenkriegern in den Aschebäumen zu verbergen. Die Isthuini trugen dieselbe Tarnkleidung aus grauen Hosen und Tunika wie die Elben. Und genau wie Vaiwa hatten sie sich graue Tücher um ihre Haare geschlungen. 

Plötzlich war es still. Die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern, niemand sprach ein Wort. Alle hatten ihre Plätze eingenommen. Selbst der Wind hatte aufgehört, die Blätter der Bäume zu streicheln. Die Stille war so vollkommen, dass Harak für einen Moment den Atem anhielt. Er schaute sich um. Nichts regte sich auf dem Lichtungsstreifen, selbst die Bäume schienen das Zirkulieren des Wassers in ihren Stämmen angehalten zu haben. 

Dann knackte ein Zweig. In der Tiefe des Waldes erschien Minhorvir. Herenya hing schlaff in seinen Armen. Dicht hinter ihm folgten seine Elben, die Isthuini und Halcyor mit seinen Männern. Rohes Entsetzen und Erschöpfung hatten sich in ihre Gesichter gegraben. Adaphila unterdrückte einen Schrei und stürzte auf sie zu. Harak flatterte von ihrer Schulter auf und folgte ihr. Rhenior pfiff und winkte einigen Elbenkriegern, ihm zu folgen, um den Ankömmlingen zu helfen. 

„Mutter!“, rief Adaphila und legte der bewusstlosen Herenya die Hand auf die Stirn.

„Schnell!“, schrie Minhorvir. „Wir haben kaum Vorsprung. Die schwarzen Krieger sind uns dicht auf den Fersen.“

„Bringt sie in die Aschebäume“, befahl Adaphila und rief nach den Heilerinnen. 

„Gebt den Narlingardern eine Stärkung“, befahl Rhenior, „sie können sich kaum noch auf den Beinen halten.“

Dankbar nahm Halcyor den Schlauch mit Wasser aus der Heilquelle in Merilsilivren von einem Elb entgegen, nahm einen kräftigen Schluck und reichte ihn weiter. Er spürte wie ihn eine sanfte Kraft von innen wärmte und fühlte sich, als wäre er gerade nach einem erholsamen Schlaf erwacht. 

 

Minhorvir bettete Herenya sanft auf den Boden und lehnte ihren Rücken an den dicken Stamm eines Aschebaums. Er erklärte Adaphila kurz was geschehen war, dann verabschiedete er sich, um Rhenior zu helfen. Die Heilerinnen machten sich an die Arbeit und auch Adaphila liess ihre Kraft in ihre Mutter fliessen.

Herenyas Augenlider flatterten. 

„Behalte deine Kraft bei dir“, sagte sie mit schwacher Stimme. „Du wirst sie noch brauchen.“

„Mutter!“ 

Herenya stemmte sich mit der rechten Hand am Boden ab, um bequemer sitzen zu können. Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Die drei machen das wunderbar. Bitte, Adaphila, hör auf mich.“

Adaphila nickte gehorsam und nahm die Hände ihrer Mutter. 

„Danke“, murmelte Herenya mit einem liebevollen Blick zu den Heilerinnen, die ununterbrochen Lebenskraft in ihren Körper fliessen liessen. „Es geht mir schon viel besser.“

„Mach dir keine Sorgen, Adaphila, ich werde mich bald erholen. Hoffentlich bevor dieser schreckliche Zauberer kommt. Wenn er nicht schon draussen ist.“ Ihr Gesicht verdunkelte sich bei diesen Worten. 

„Hör mir zu Adaphila. Er ist stark. Stärker als wir es uns je gedacht haben. Und er ist gerissen und sehr gefährlich. Versprich mir, dass du dich nicht auf einen Kampf mit ihm einlässt. Bitte! Du kannst nicht gegen ihn gewinnen.“

„Aber…“

„Nein! Er würde dich brechen wie einen trockenen Zweig. Versprich es mir! Nur mit vereinten Kräften haben wir vielleicht eine Chance. Und wenn Inadorel rechtzeitig kommt.“

Herenya packte ihre Tochter mit einem Blick, der ihr keine Wahl liess.

„Ich verspreche es, Mutter.“

Herenya stiess erleichtert die Luft aus. 

„Halte dich in sicherem Abstand zu ihm, bitte, sofern das möglich ist. Und jetzt geh’ und hilf Rhenior und Minhorvir. Ich komme nach, so schnell ich kann.“

 

Draussen, am Rande der Lichtung, berieten sich Rhenior, Minhorvir und Halcyor.

„Wir verteidigen die Lichtung“, sagte Halcyor „und versuchen so viele der schwarzen Krieger wie möglich in die Aschebäume zu locken.“ 

„Aber dann seid ihr ohne Schutz“, warf Rhenior ein.

„Wir bleiben bei ihnen“, sagte Minhorvir. „Die Idee ist gut. Wenn die Krieger niemanden sehen, kommen sie womöglich gar nicht auf die Idee, in die Aschebäume zu gehen. Und es würde ihnen vermutlich auch nicht gelingen, die Barriere zu überwinden. Aber es ist gut, wenn sie nicht gleich wissen, dass wir hier Verstärkung haben. Rhenior, bleib du mit deinen Elben verborgen und Halcyor und ich schleusen euch die Krieger zu.“

„Einverstanden. In den Aschebäumen haben wir bessere Chancen, sie zu bezwingen.“

Und an Halcyor gewandt sagte Rhenior: „Du und deine Männer, haltet euch je an einen Elben wenn ihr in die Aschebäume geht, dann geschieht euch nichts. Die Elben wissen Bescheid und werden euch schützen und den Weg frei machen.“

 

Im selben Moment als Adaphila zu der Gruppe trat, wurde es schwarz zischen den Bäumen. Sie waren da. Mit lautem Gebrüll und erhobenen Schwertern stürzten die schwarzen Krieger Semadars auf die Lichtung. Ein Schwall Pfeile aus den Reihen der Elben antwortete ihnen. Diesmal zielten sie gleich auf die Sehschlitze und die erste Reihe der Krieger stürzte tot zu Boden. Jetzt zogen die Elben ihre Schwerter. Das Sirren der Klingen durch die Luft vermischte sich mit dem Schreien und Brüllen der Kämpfenden. Metall klirrte auf Metall, Körper schlugen aufeinander und prallten gegen Bäume. Blut sickerte dunkel in den Teppich aus Moos. Die Schwarzen Krieger schienen nicht müde zu werden. Die Narlingarder und die Elben manövrierten so viele der schwarzen Krieger wie möglich in die Aschebäume, wo die Elben Rheniors sie empfingen und niedermachten. Den Rest erledigten die Aschebäume.

„Wo ist Semadar?“, fragte Herenya, die gestützt von einer Heilerin, zu Minhorvir getreten war. 

„Was machst du hier? Du sollst dich erholen.“

„Es geht schon. Ich kann hier nicht herumsitzen, während unsere Welt in Gefahr ist, Minhorvir.“

Der Elb nickte. Beide schauten sich suchend auf dem Schlachtfeld um.

„Er ist nicht hier. Ich habe ihn nicht gesehen“, sagte Minhorvir.

„Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.“

Adaphila kam zu ihnen gerannt. 

„Mutter, was tust du hier?“

„Es geht mir gut. Semadar ist nicht hier. Oder hast du ihn gesehen?“

Adaphila schüttelte den Kopf.

„Was ist, wenn er sich direkt ins Innere des Ateliers materialisiert?“, sagte Herenya. Ihre Stirn lag in Falten, ihre Augen waren weit aufgerissen und sie atmete schwer.

„Unmöglich!“, rief Adaphila. „Das kann er nicht. Das kann niemand.“

Herenya schaute ihre Tochter eindringlich an.

„Unterschätze niemals deine Feinde, mein Kind. Semadar ist mächtig. Seine Magie ist stark. Ich traue ihm alles zu.“

Adaphila schnappte nach Luft.

Minhorvir und Herenya tauschten einen tiefen Blick des Einverständnisses.

„Harak!“, rief Herenya. Er balancierte auf dem Kopf eines Schwarzen Kriegers und versuchte gerade, ihm die Augen auszuhacken.

„Was um Himmels willen tust du da?“

Er überliess den Krieger einem Elben und flog zu Herenya. 

„Ich leiste meinen Beitrag“, krächzte er beleidigt.

„Das ist zu gefährlich. Dein Beitrag ist es, Botschaften zu übermitteln. Flieg zu Halcyor und zu Rhenior und sag’ ihnen, dass Minhorvir und ich ins Innere gehen. Ich befürchte, Semadar wird  dort erscheinen. Wenn er nicht schon drinnen ist. Schnell. Dann flieg zu Vayobar und warne ihn. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.“

Harak schoss davon. Halcyor war in arger Bedrängnis. Er war von mehreren Schwarzen Kriegern eingekreist. Harak schoss auf einen von ihnen zu, um ihn abzulenken, dann auf den nächsten. Rhenior und einige Elben rannten Halcyor zu Hilfe. Sie drängten die Krieger geschickt in die Aschebäume. Halcyor stützte für einen Moment erschöpft seine Hände auf den Knien ab und atmete tief. Ein Elb reichte ihm einen Schlauch mit dem Heilwasser. Dankbar lächelte Halcyor ihn an und trank. 

„Wo bleibt die Verstärkung aus Merilsilivren?“, rief er zu Rhenior, der auf den Wald starrte, aus welchem noch immer schwarze Krieger quollen. 

 

„Halcyor, Rhenior! Herenya schickt mich. Sie vermutet, dass Semadar ins Innere des Ateliers gehen wird oder bereits dort ist. Sie und Minhorvir gehen hinein.“

„Was!“ Die beiden sahen sich an und rannten los. Harak folgte ihnen. Gerade als sie bei den beiden ankamen, sagte Herenya:

„Ich sage es zum letzten Mal, Adaphila! Du bleibst hier.“

„Und ich sage zum letzten Mal, ich komme mit dir. Ihr braucht da drin jede Hilfe, Mutter. Unsere Leute hier kommen schon zurecht, nicht wahr Rhenior?“

Rhenior blickte mit offnem Mund von der Mutter zur Tochter und wusste nicht, was er sagen sollte. 

„Sie hat recht, Herenya“, sagte Minhorvir. „Und jetzt lasst uns gehen!“ 

Er wollte sich gerade umdrehen, als etwas Schwarzes durch die Luft direkt auf ihn zuschoss.

„Xaxa!“, schrie Harak. 

Geistesgegenwärtig riss Minhorvir seine Arme nach oben und fing den Raben auf. Er war so erschöpft, dass er sich einfach hatte fallen lassen. Seine Brust hob und senkte sich beängstigend schnell. Nach einer Weile krächzte er:

„Keine Verstärkung. Revda …. Grosse Armee …. Vor dem Zauberwald.“ Xaxa atmete schwer, dann stiess er aus: „Die Schlacht ist in vollem Gang.“

„Die Grosse Mutter steh’ uns bei“, flüsterte Herenya. Alle schauten sich voller Entsetzen an. 

„Und Inadorel?“, fragte Halcyor. „Kommt sie wenigstens?“

Doch bevor Xaxa antworten konnte, verliess ihn das Bewusstsein. 

 

Schulter an Schulter standen die Gnome um den Eibenring, der das Innerste des Grossen Ateliers umgab. Die kurzen Schwerter und Äxte, die sie mit langfingrigen zitternden Händen festhielten, wirkten fehl am Platz. Die Gnome des Grossen Ateliers waren nicht an Kampf gewöhnt. Noch nie hatten sie eine Waffe gegen ein anderes Lebewesen erhoben. Ihr Werk war es, das Leben zum Erblühen und Gedeihen zu bringen; zu Erschaffen, nicht zu Zerstören. Und doch standen sie alle da und waren bereit zum Kampf. Bereit ihre Leben zu lassen für die Verteidigung ihres Ateliers. Sie wussten, dass sie nicht viel ausrichten würden, dass sie keine Krieger waren wie die Elben oder die Männer von Narlingard. Aber sie waren bereit ihren letzten Tropfen Blut zu opfern für die Rettung des Grossen Ateliers. Angst flackerte in ihren Augen und die fröhlichen Lieder, die sie sonst stets vor sich her summten, waren verstummt. Nur das leise Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume war zu hören. Haraks Herz zog sich zusammen, als er die Gnome sah, und tiefe Zuneigung erfüllte ihn. Mit einem heiseren Krächzen grüsste er sie, als er über ihre Köpfe hinwegflog.

 

Der Anblick des Inneren Ateliers bezauberte Harak jedesmal aufs Neue, sogar jetzt wo die Angst ihm das Herz zerquetschte. Nicht nur in der Mitte stand ein alter knorriger Olivenbaum, sondern auch der kreisrunde Wall aus Eiben war im Inneren von Ölbäumen bedeckt. Sie wuchsen flach an der dunkelgrünen Wand empor. Ineinander verschlungen und verwachsen, bildeten sie ein Regal mit vielen unterschiedlich grossen Nischen, Hohlräumen und Ablageflächen. Über das Regal, welches das gesamte Innere des Kreises bedeckte, hing ein Dach aus üppig blühender Glyzinie. In den Nischen und Astgabeln des Olivenbaumregals standen Tontiegel, Phiolen, Schalen, Vasen, Gläser und Töpfe voller Pulver, Blätter, Samenkapseln, Flüssigkeiten in verschiedenen Farben, Nüssen, Steinen und Blättern. Auch von den Zweigen der Glyzinie hingen Glas- und Kristallkugeln herab. Sie waren gefüllt mit Gasen und Flüssigkeiten. Es glitzerte und glänzte im Sonnenlicht, und wenn man genau hinhörte, konnte man die Melodie der Farben hören. Harak dachte daran, dass er das alles eines Tages Deborah zeigen wollte, und sein Herz zog sich noch ein wenig enger zusammen.

 

Vayobar sass mit dem Rücken an den Stamm des alten Olivenbaums gelehnt. Sein Kopf ruhte auf seinen über den Knien verschränkten Armen. Wie klein er aussah, dachte Harak, als er ihn von oben sah. Und doch steckte soviel Grösse in dem Gnom. Jedes Mal, wenn Harak den alten Meister des Grossen Ateliers traf, staunte er, wie weise er war, wieviel Wissen um die Natur und die Welt in ihm steckte und wieviel Liebe zu allem Lebendigen in seinem Herz loderte. Harak krächzte aus Erleichterung, dass Semadar noch nicht im Inneren des Ateliers war und auch um den Gnom auf sich aufmerksam zu machen. Sogleich hob Vayobar den Kopf und erhob sich.

„Harak?“

Harak landete auf einem Ast des Baumes auf Augenhöhe mit dem Gnom und nickte ihm zur Begrüssung zu.

„Herenya, Minhorvir, Rhenior und Adaphila sind auf dem Weg zu dir, Vayobar. Sie müssten jeden Moment eintreffen. Herenya befürchtet, dass Semadar sich ins Innere des Ateliers materialisiert und deshalb wollen sie hier sein, um ihn abzuwehren.“

Vayobar riss die Augen auf. 

„Glaubt sie, dass er so viel Macht hat, die Schranken zu durchbrechen?“

Harak nickte und Vayobar lehnte sich entmutigt an den Stamm des Olivenbaums zurück. Er starrte einen Moment lang ins Leere, dann raffte er sich auf und griff in die Mulde des Baumes, wo der Stein Amargi verborgen lag. Er streichelte ihn liebevoll, als wäre es ein lebendes Wesen. Dann zog er seine Hand zurück und sagte zu Harak:

„Nur ich und Gwendobar können den Stein berühren. Er liegt unter einer unsichtbaren magischen Glocke, die ihn vor dem Zugriff  Unbefugter schützt. Meinst du, dass Semadar auch diesen Schutz durchbrechen kann?“ 

Ein Rascheln in den Zweigen des Eibenwalls entband Harak der Antwort, die er ohnehin nicht geben konnte. Minhorvirs Kopf erschien durch das dunkle Grün in einer Lücke in der Regalwand, die als Eingang diente. Er trat in die Lichtung, gefolgt von Rhenior, Herenya und Adaphila. Erleichtert stiess Herenya die Luft aus ihren Lungen. 

„Er war noch nicht hier.“ Sie blickte in die Mulde des Baumes zu Amargi. Ihr Blick wanderte zu Vayobar.

„Du musst ihn von hier fortbringen. Schnell. Ich fühle, dass Semadar nahe ist. Ich fürchte, er weiss von Amargi und will ihn haben. Nimm ihn und lauf zu Litan und Litana. Sie sollen dich nach Merilsilivren bringen.“

Vayobar nickte und streckte seine Hand nach Amargi aus. Ein Knall zerfetzte die Luft und für einen Moment war es stockfinster. Die Dunkelheit floss unter Tosen und Heulen in einen mächtigen Wirbel. Jedes Geräusch, jedes Vogelzwitschern war verstummt. Nur das Zischen der Windhose fuhr wie Messer in die Ohren der Anwesenden. Schreiend hielten sie sich die Ohren zu. Die Gläser und Töpfe in den Regalen klirrten und schepperten bis sie alle in einer einzigen Explosion zerbarsten und tausende von Splittern und Scherben durch den Raum schossen. Minhorvir reagierte augenblicklich und zog einen Schutzwall aus verdichteter Luft über sich und die anderen. Dann war es vorbei und Semadar stand neben dem Olivenbaum. Als er die kleine Gruppe erblickte, hatte er nur ein höhnisches Grinsen für sie übrig. Sie interessierten ihn nicht. Für ihn waren sie nicht mehr als ein paar lästige Fliegen.

„Versteck’ dich in den Eiben!“, flüsterte Herenya Harak zu, der auf ihrer Schulter sass. „Ich will nicht, dass dir etwas zustösst und ich will auch nicht, dass Semadar dich sieht. Vielleicht musst du  irgendwann noch einmal spionieren, dann soll er dich nicht wieder erkennen.“

„Aber…“

„Keine Widerrede. Versteckt dich!“

Harak gehorchte widerwillig und verschwand im Dickicht der Eiben, von wo aus er das Geschehen beobachtete. Semadar schritt zum Baum, und erst jetzt sah er Vayobar. Er stutzte für einen Moment, dann lachte er und griff nach dem Stein Amargi. Blaue Blitze schossen aus der kleinen Schutzkuppel, die den Stein umgab und wanden sich zischend und züngelnd um die Hand und den Arm des Zauberers. Er heulte auf vor Schmerz und zog seine Hand zurück. Wütend starrte er auf Vayobar, als hätte der ihm höchstpersönlich Schaden zugefügt. Semadar hatte weder Zeit Vayobar anzugreifen, noch sich um seine verbrannte Hand zu kümmern. Die anderen schossen ihre Zauber auf ihn ab. Er wehrte sie mit der gesunden Hand ab, liess Feuerkugeln in tausende winzige Funken zerstäuben und Eisspeere als Schnee zu Boden rieseln. Minhorvir versuchte zusammen mit Rhenior, dem Zauberer die Luft aus den Lungen zu ziehen. Aber Semadar baute blitzschnell einen Schutz um sich auf. Mit der verbrannten Hand griff er nach Vayobar, packte ihn am Kragen und hob ihn hoch. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schrie er den Gnom an. 

„Nimm den Stein und gib ihn mir!“

„Niemals!“

Semadar fixierte Vayobar mit einem Blick der dessen Eingeweide verknotete. Vayobar schrie auf vor Schmerz.

„Hol mir den Stein!“, befahl Semadar noch einmal.

Vayobar rührte sich nicht.

Wieder versenkte der Zauberer seinen Blick in den Gnom. Vayobar winselte und sein kleiner Körper zuckte vor Qual.

„Ich sagte, hol mir den Stein.“ Der Befehl war nur noch ein Zischen aus dem Mund des Zauberers.

„Aufhören!“, schrie Adaphila und schoss einen mächtigen Feuerball auf Semadar. Die Wucht des Feuerballs war so gross, dass der Schutzwall des Zauberers Risse bekam. Für einen Moment wankte Semadar und sackte auf die Knie. Vayobar entkam seinem Griff und rollte sich auf die Seite. Semadar stand wutentbrannt auf und streckte seine gesunde Hand nach Adaphila aus. Ein Geräusch wie von einer riesigen Peitsche knallte durch die Luft. Adaphila schrie auf. Als wären ihre Beine von der unsichtbaren Peitsche umwickelt, wurde sie mit einem Ruck nach vorne gezogen und knallte mit Rücken und Hinterkopf auf den Boden. Sie blieb reglos liegen. Gleichzeitig streckte Semadar seine verbrannte Hand zu Amargi hin und murmelte leise Worte. Die Schutzglocke glühte und auf der Hand des Zauberers bildeten sich Blasen.

Herenya stürzte zu ihrer Tochter und beugte sich über sie.

„Adaphila, nein!“ 

Adaphilas Augenlider flatterten. Sie stöhnte.

„Du lebst! Der gossen Mutter sei Dank.“

„Haltet ihn auf!“, rief sie den beiden Elben zu und alle drei zusammen sandten weitere Feuerkugeln, Blitze, steinharte Luftdruckwellen und messerscharfe Eiszapfen auf den Zauberer zu. Sie prallten wirkungslos an ihm ab, zerstieben, als sänken sie in kühles Wasser. Die Schutzglocke über Amargi glühte immer stärker. Ein Sirren ging von ihr aus. Herenya und Adaphila, die wieder auf die Beine gekommen war, taten sich zusammen und schleuderten mit aller Macht die sie aufbringen konnten, einen Blitz auf den Zauberer los. Er traf ihn am Rücken. Semadar stöhnte und sackte zusammen. Im Fallen packte er Vayobars Bein und zog ihn zu sich. 

„Vorsicht, er hat Vayobar“, schrie Rhenior bevor sie die nächste Salve gegen Semadar abschiessen konnten. 

„Verdammt“, fluchte Minhorvir und schleuderte seine Kugel aus verdichteter Luft auf den Boden, wo sie explodierte und ein tiefes Loch hinterliess.

Semadar rappelte sich auf und schoss einen Blitz gegen die beiden Frauen. Im selben Moment stürzten Litan und Litana mit Gwendobar auf ihrem Rücken und gefolgt von mehreren Gnomen durch den Eibenring. Litan stiess Semadar sein Geweih in den Rücken, Semadar fiel auf die Knie und der Blitz schoss knapp an Herenyas Kopf vorbei und setzte eine Eibe hinter ihr in Brand. Minhorvir drehte sich schnell um und löschte die Flammen mit einem Schwall Wasser aus seiner rechten Hand.

Mit lautem Gebrüll rutschte Gwendobar von Litans Rücken und versetzte dem Zauberer mit seinem kurzen Schwert ein paar kräftige Hiebe über den Rücken. Semadar schrie auf, drehte sich um, packte Gwendobar und schleuderte ihn von sich weg. Er flog in hohem Bogen an die Regalwand und stürzte zu Boden, wo er reglos und verkrümmt liegen blieb. 

„Gwendobar!“, schrie Adaphila und rannte zu ihm hin. Sie kniete sich  nieder und zog ihn behutsam auf ihren Schoss. Ihre Finger tasteten ängstlich zu seinem Hals. Erst als sie seinen Puls spürte, wagte sie selbst wieder auszuatmen. Sie lachte gequält auf und nickte ihrer Mutter zu. Tränen flossen über ihre Wangen. Sie zog Gwendobar an ihr Herz und liess Lebenskraft in ihn fliessen.

Semadar hielt weiter seine verwundete Hand auf die Schutzglocke gerichtet und wehrte mit der gesunden die Angriffe der Elben ab. Das Sirren schwoll an. Mit einem lauten Knacken barst die magische Kuppel über Amargi. Semadar lachte triumphierend auf. Minhorvir gab den anderen ein Zeichen, woraufhin die Elben und Isthuini ihre geballten Kräfte gegen Semadar schleuderten. Er stürzte zu Boden und brannte sogleich lichterloh. Aber die Freude der Elben währte nur kurz. Das Feuer fügte dem Zauberer zwar Schmerzen zu, verbrannte ihn aber nicht. Er wälzte sich auf dem Boden, um die Flammen zu löschen. Gleichzeitig zog er einen Schutzwall um sich auf. Die Gnome griffen von hinten an. Mit ihren Knüppeln und Kurzschwertern droschen sie mutig auf den Zauberer ein. Litan rammte dem Zauberer sein Geweih in den Bauch, aber Semadar ergriff es und drehte kräftig daran. Beinah hätte er dem Twintauren das Genick gebrochen, aber Litana biss ihm in die Hand und die Gnome droschen auf der anderen Seite auf seinen Arm ein. 

Vayobar nutze den Augenblick, schnappte sich Amargi und steckte den Stein in seinen Mantel. 

„Verfluchter Zwerg, gib mir den Stein!“, schrie Semadar und schleuderte mit der Kraft seines Zorns die Gnome von sich. Litan und Litana versuchten, Semadar aufzuhalten, aber er fesselte ihre Beine mit einem Seil aus Feuer. Er rappelte sich auf und hechtete hinter Vayobar her, der auf den Ausgang zurannte. 

Minhorvir befreite Litan und Litana von ihren Fesseln. „Schnell“, flüsterte er Litan ins Ohr, „schnappt euch Vayobar und flieht mit ihm nach Merilsilivren. Wir lenken Semadar ab.“

Der Twintaure nickte und rannte auf den Gnom zu. Die Elben und Isthuini schossen ihre Zauber auf Semadar ab. Ein Blitz traf ihn am Kopf. Er taumelte. Ein weiterer folgte und Semadar stürzte zu Boden. Litana schnappte sich Vayobar und schwang ihn sich auf den Rücken.

„Halt dich an meinen Haaren fest“, schrie sie und gallopierte auf den Eibenring zu. Im selben Moment sprang Semadar wieder auf seine Füsse. Er fauchte und riss seine Arme in einer schneidenden Bewegung auseinander. Die beiden Elben, die Isthuini und der Twintaure erstarrten in der Position, in der sie gerade waren. 

„Glaubt ihr tatsächlich, ich lasse mich so leicht besiegen?“ Semadar schritt zu Litan und Litana, packte Vayobar und riss ihn an sich. Hilflos mussten die anderen zusehen, wie seine Hand in den Mantel des Gnoms glitt.

„Lass Vayobar los!“

Der Befehl kam mit der Kraft eines Orkans auf den Zauberer herab. Er liess den Gnom zu Boden fallen bevor er überhaupt merkte, was geschehen war. Verblüfft blickte er nach oben, und was er sah, verschlug ihm für einen Moment den Atem. Er schüttelte den Kopf. Wie war das möglich? Hoch über ihm flog die Elbenkönigin Inadorel, schön wie ein klarer Wintermorgen. Ihr silbernes Haar flatterte im Wind, ihr eisblaues Kleid liess sie noch ätherischer wirken als sie ohnehin schon war. Mit ihrem Blick aus nachtblauen Augen nagelte sie den Zauberer auf dem Waldboden fest. Semadar ballte die Fäuste, schnaubte, schüttelte den Kopf und starrte ungläubig auf die Elbenkönigin. Er hatte nicht gewusst, dass Elben, oder zumindest einzelne von ihnen, fliegen konnten. Diese war offenbar sehr mächtig. Er musste auf der Hut sein.

Inadorels magische Fähigkeiten waren gross, aber fliegen konnte sie nicht. Sie sass auf Hieronymus’ Rücken. Der Anführer der Fliegenden Schweine kreiste über dem Inneren Atelier, um sich und Inadorel einen Überblick zu verschaffen. Da die Fliegenden Schweine in der Luft unsichtbar waren, konnte Semadar ihn nicht sehen. Das traf jedoch nicht für die Elben und Isthuini zu. Inadorel bemerkte, dass die Gruppe der Verteidiger erstarrt war. 

„Bewegt euch!“, rief sie und brach damit Semadars Zauber.

„Inadorel! Du bist gekommen. Der Grossen Mutter sei Dank“, rief Herenya erleichtert aus. Rhenior und Minhorvir neigten kurz ihre Köpfe vor ihrer Königin. Sie waren alle geistesgegenwärtig genug, Hieronymus Namen nicht zu erwähnen. 

Inadorel fixierte Semadar weiter mit ihrem Blick und als ob Luft in ihn geblasen würde, schwoll sein Kopf an wie ein Kürbis. Der Zauberer ruderte hilflos mit den Armen. Harak beobachtete das Schauspiel fasziniert von seinem Versteck aus und wartete darauf, dass der Kopf des Zauberers explodierten würde. Herenya hatte ihm erzählt, dass Inadorel nur mit der Kraft ihrer Gedanken die Elemente dirigieren und anderen Lebewesen ihren Willen aufzwingen konnte. Aber sie missbrauchte ihre Fähigkeit niemals. Der freie Wille und die Würde ihrer Untertanen waren ihr heilig. Harak sah, dass die Elben und Isthuini ebenfalls mit offenen Mündern staunten, was ihre Königin mit dem Zauberer anstellte. Sie kannten sie nur als gütige, gerechte und sanfte Königin. Mit ihrer zerstörerischen Natur hatten sie bisher noch keine Bekanntschaft gemacht. 

Semadars Kopf schwoll immer grösser an. Seine Haut glühte und spannte sich immer dünner werdend über den kahlen Schädel. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen. Er gab gurgelnde Geräusche von sich.

Plötzlich schrie er laut auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und sein Kopf war wieder auf seine normale Grösse zusammengeschrumpft. Rasend vor Wut schleuderte er eine Salve Feuer gegen Inadorel. Sie duckte sich darunter hinweg, aber das Feuer brannte Hieronymus das linke Ohr ab und streifte seinen Flügel. Er brüllte auf vor Schmerz und Semadar zuckte erstaunt seinen Kopf in die Richtung des Schreis. Inadorel liess ihm keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen und fegte ihn mit einer Druckwelle von den Füssen. 

„Setz’ mich am Boden ab“, befahl sie Hieronymus. „Und dann steig’ höher in die Luft. Ich will nicht, dass du noch mehr verletzt wirst. Um dein Ohr kümmere ich mich später.“

Hieronymus knurrte unwillig, aber er hatte die Bestimmtheit in ihrem Wunsch gehört und gehorchte. Er flog nahe genug an den Boden, damit Inadorel abspringen konnte, er jedoch unsichtbar blieb und stieg dann hoch hinauf, bereit jederzeit hinabzustossen um zu helfen.

Kaum hatten Inadorels Füsse den Boden berührt, schoss ein Schwarm spitzer kleiner Pfeile aus Semadars Fingern auf sie zu. Schnell erhob sie die Hände und schickte die Pfeile zu Semadar zurück. Die Elben unterstützten sie, indem sie den Boden unter Semadars Füssen in flüssige Lava verwandelten.

Semadar sprang in die Höhe und hechtete in einer Vorwärtsrolle auf sicheren Boden. Noch im Sprung leitete er die Pfeile zu Minhorvir und den anderen um. Minhorvir zog eine Schutzmauer aus Luft vor sich und seinen Gefährten auf. Aber er war nicht schnell genug. Drei der  Pfeile durchbrachen den Wall bevor die Luft verdichtet war und bohrten sich in Adaphilas rechten Oberschenkel. Sie brach stöhnend zusammen. Herenya stürzte zu ihr und versuchte, die Pfeile heraus zu ziehen. Es gelang ihr nicht. Sie waren vollkommen im Muskel verschwunden. 

„Es geht schon“, presste Adaphila zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. 

Herenya ignorierte sie, zog einen Schutzwall um sie beide auf und legte ihre Hand über die Wunde. 

„Ich fühle kein Gift darin“, sagte sie und atmete erleichtert aus. „Wir müssen uns später darum kümmern.“ Sie tauschte einen Blick des Einverständnisses mit ihrer Tochter und eilte zurück, um Inadorel zu helfen.

Vayobar hatte die Verwirrung des Kampfes genutzt und sich hinter dem Olivenbaum versteckt. Er griff sich ans Herz. Amargi ruhte sicher unter seinem Mantel. Er schaute zu den Elben, die unermüdlich den Zauberer bekämpften und fühlte sich elend, wie er so klein und untätig in seinem Versteck kauerte. Er war kein Krieger. Seine Aufgabe war es, den Stein zu beschützten. Er liess seinen Blick über die Szenerie wandern. Litan und Litana standen in Rheniors Nähe und schossen mit Pfeil und Bogen auf den Zauberer. Vayobar klinkte sich in Rheniors Gedanken ein und machte ihn so auf sich aufmerksam. Rhenior nahm den Blick des Gnoms auf, der zum Twintauren hin nickte, und verstand. Er sprang zur Seite und flüsterte Litana ins Ohr:

„Geht hinter uns durch und versucht, Vayobar zu holen und mit ihm zu verschwinden!“

Litana nickte und gab den Befehl an Litan weiter. Vorsichtig zogen sie sich zurück und gingen hinter den Elben am Regal entlang in Richtung Vayobar. Als der Twintaure hinter Minhorvir vorbei ging, bemerkte Semadar seine Bewegung und verstand augenblicklich, was der Twintaure im Schilde führte. Er wirbelte herum und schoss einen Feuerstrahl aus seiner Hand auf Litan und Litana ab. Er traf sie an der rechten Hüfte. Litan und Litana stürzten zu Boden. Sie versuchten, wieder auf die Beine zu kommen, aber die Verletzung war zu schwer.  Minhorvir stöhnte auf, die Feuersalve hatte auch ihn getroffen. Sein linker Arm stand in Flammen. Aus seiner rechten Hand liess er Wasser darüber fliessen, aber der ganze Arm war eine offene Fleischwunde. Minhorvir ignorierte seinen Schmerz und kämpfte weiter. 

Vayobar war verzweifelt. Seine Hoffnung, diesem Kampf auf dem Rücken des Twintauren zu entkommen war dahin und damit auch die Hoffnung, den Stein Amargi dem Zugriff des Zauberers zu entziehen. Was sollte er tun? Er schätzte die Distanz zwischen sich und dem Eibenring ab. Er könnte versuchen, sich auf dem Boden liegend dorthin zu robben. Vielleicht gelang es ihm, ohne den Zauberer auf sich aufmerksam zu machen. Aber Semadar schien seine Augen überall zu haben. Rhenior, Minhorvir und Herenya kämpften unerbittlich. Sogar Adaphila feuerte von ihrer sitzenden Position aus so gut sie konnte auf den Zauberer, aber Semadar wehrte ihre Angriffe geradezu spielerisch ab. Nur Inadorel war dem Zauberer ebenbürtig. Gemeinsam würden sie es schaffen, ihn zu besiegen. Es war nur eine Frage der Zeit. Vayobar entschied, dass es sicherer war, an Ort und Stelle zu bleiben und abzuwarten. Er lehnte sich seufzend an den Stamm der alten Olive, schaute in den Himmel hinauf und sah Hieronymus. Er war die Lösung! Hoch oben zog er seine Kreise und beobachtete das Kampfgeschehen aus sicherer Entfernung. Neue Hoffnung flackerte in Vayobar auf. Er versuchte, Hieronymus auf sich aufmerksam zu machen, indem er ihm vorsichtig zuwinkte. Nach einiger Zeit bemerkte Hieronymus den Gnom. Er verstand und stach nach unten. 

Semadar hob seine Arme in einem weiten Bogen. Er murmelte leise Worte dazu. Ein Rauschen ging durch das Innere Atelier. Die Luft vibrierte und sirrte, und plötzlich knirschten die Scherben der Gläser und Tiegel, die auf dem Boden verstreut lagen. Sie schwebten von ihren Plätzen hoch und fanden sich in einem wilden Strudel über Inadorel zusammen. Gleichzeitig streckten die Regalbäume ihre Äste nach den beiden Elben und den Isthuini aus und wanden sich um sie wie Schlangen, zogen sie zu sich und hielten sie fest. Minhorvir schrie auf vor Schmerz als ein dicker Ast auf seinen verwundeten Arm drückte. Herenya versuchte, sich zu befreien, aber der Griff der Äste war zu stark. Der Strudel der Gläser und Tiegel wurde schneller und schneller und stürzte auf Inadorel herab. Sie riss die Arme hoch und verwandelte die Scherben zu einem spitzen Dreieck, das sie auf Semadar schoss. Er liess es mit einem Schlenker seiner Hand an sich vorbeifliegen. Es sauste auf die gegenüberliegende Regalwand zu und übersäte sie mit einem bunten Mosaik aus Stein und Glas.

Semadar und Inadorel fixierten sich mit den Augen. Ein Funken sprühender Strom aus Magie floss zwischen ihnen hin und her. Plötzlich drehten sich beide in einer Luftsäule. Von ihren Körpern war nichts mehr zu sehen als die Farben ihrer Gewänder die in der Drehung verwischten. Als zwei Windhosen wirbelten sie um einander, verschmolzen zu einer einzigen, um sich unter Schreien wieder voneinander zu lösen und Blitze aus Feuer und Eis aufeinander zu schleudern. 

Hieronymus nutzte die Verwirrung, legte seine Schwingen an den Körper und liess sich im Sturzflug zu Vayobar hinabfallen. Kurz vor dem Boden bremste er ab. Er schnappte den Gnom am Mantel, warf ihn sich auf den Rücken und wollte gerade wieder abheben, als Semadar in einem schnellen Wirbel über ihn hinwegfegte und sich Vayobar schnappte. Für einen Augenblick blieb der Zauberer stehen, lachte triumphierend in die verblüfften Gesichter seiner Gegner und verschwand mit einem lauten Knall.

 

Es war vollkommen still. Alle starrten an den Ort, an dem vor einem Augenblick noch Semadar gestanden hatte. In den Eiben raschelte es. Inadorel drehte alarmiert den Kopf, aber es war nur Harak, der aus seinem Versteck kroch. Er flog zu Herenya, die wie die anderen immer noch von den Ästen der Regalbäume gefesselt war. Inadorel hob die Hand in einer wischenden Geste und die Bäume liessen ihre Gefangenen los. 

„Was ist geschehen?“, fragte Harak.

„Er ist verschwunden. Einfach so“, sagte Rhenior.

„Er hat Vayobar mitgenommen“, sagte Adaphila und schluchzte auf.

„Und mit ihm Amargi“, ergänzte Herenya mit tonloser Stimme.

Die Ungeheuerlichkeit dieser Tatsache lastete auf ihnen wie das Gewicht der Calarberge. Sie tauschten ihre Blicke, und jeder sah in den Augen des anderen das eigene Entsetzten gespiegelt; die Erkenntnis darüber, welche Katastrophe über sie hereingebrochen war. Das gesamte Wissen über die Natur, den Zauberwald, das Grosse Atelier, das Leben überhaupt, in den Händen dieses skrupellosen Zauberers. Und darüber, was er mit Vayobar anstellen mochte, wollte keiner von ihnen nachdenken. Adaphila verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte hemmungslos. Rhenior trat zu ihr, ging in die Knie und nahm sie behutsam in die Arme. Harak lehnte sich an Herenyas Wange und fühlte, dass sie nass vor Tränen war. Minhorvir stand wie versteinert, Litan und Litana umklammerten sich und einige der Gnome, die ihr Bewusstsein allmählich wieder erlangten, blickten verwirrt um sich, um zu begreifen, was geschehen war. Inadorel stand da wie eine Statue, den Blick in die Ferne gerichtet. Die ganze Traurigkeit der Welt lag in ihren Augen.

Hieronymus sackte in sich zusammen und gab ein steinerweichendes Grunzen von sich.

„Das ist meine Schuld!“, stammelte er. „Hätte ich ihn nicht hinter dem Baum hervorgezogen, wäre Semadar nicht auf ihn aufmerksam geworden, ihr hättet ihn besiegt und alles wäre gut.“ Er verbarg seinen Kopf unter seinen Flügeln. Sein grosser Körper bebte. 

Inadorel eilte mit grossen Schritten zu Hieronymus, hockte sich vor ihn hin und strich ihm liebevoll über den Kopf.

„Hieronymus. Sieh mich an“, befahl sie.

Er nahm seinen Flügel vom Gesicht und blinzelte die Elbenkönigin mit blutunterlaufenen, tränenden Augen an. Er war bereit, ihr vernichtendes Urteil in Empfang zu nehmen.

„Mein lieber, wundervoller Hieronymus. Jeder von uns hier hätte genau gleich gehandelt wie du, wenn wir die Gelegenheit dazu gehabt hätten. Es ist nicht deine Schuld. Niemand hat Schuld. Es ist wie es ist, daran lässt sich nichts ändern und genauso wenig konntest du vorhersehen, wie Semadar reagieren würde. Niemand von uns konnte das. Auch ich nicht. Du hast eine Chance genutzt, und das war tapfer und gut. Und richtig. Du hast dein Bestes gegeben, wie wir alle. Semadar war einfach stärker als wir.“

Sie legte ihre Hand auf die Wunde des abgebrannten Ohres und heilte sie. „Dein Ohr kann ich dir leider nicht ersetzten, aber du bist auch so noch der stattlichste Fliegende Eber den ich kenne.“ Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Stirn. Dann stand sie auf, straffte die Schultern und wandte sich an die anderen.

Hieronymus sah, dass sie ihn voller Liebe ansahen und begriff, dass sie ihm keine Schuld gaben. Sein Herz wurde etwas leichter und seine Muskeln entspannten sich. Er kam auf die Beine und neigte seinen Kopf in Dankbarkeit vor ihnen.

Inadorel schritt zu Minhorvir und strich dreimal langsam mit ihren Händen über seinen verbrannten Arm. Sie berührte ihn nicht, aber zwischen ihren Handflächen und seinem Arm leuchtete ein blaues Licht. Als sie fertig war, war die Haut seines Armes verheilt. Herenya kümmerte sich inzwischen um Adaphilas Bein. Vorsichtig zog sie die Pfeile aus dem Schenkel und heilte die Wunden. Rhenior half Adaphila auf die Füsse. Herenya ging zu Litan und Litana um ihre Hüfte zu heilen.

„Gwendobar“, sagte Adaphila zu Inadorel und zeigte auf den Gnom, der immer noch bewusstlos am Boden lag.

Beide liefen zu ihm hin. Inadorel untersuchte seine Verletzungen und legte ihm die Hände auf, bis wieder etwas Farbe in seinen fahlen Wangen war.

„Er ist erst einmal ausser Lebensgefahr. Aber er ist schwer verwundet. Seine Heilung wird Zeit brauchen. Ich glaube nicht, dass wir ihn schon aus seiner Bewusstlosigkeit holen sollten. Der Schock über das Verschwinden Vayobars und Amargis wird ihm den Lebenswillen rauben, den er für seine Genesung braucht.“

Adaphila strich dem Gnom liebevoll über Stirn und Wangen. Sie nickte und sah Inadorel unter Tränen an. 

Inadorel erhob sich.

„Wir müssen retten, was zu retten ist. Und das ist im Moment Merilsilivren. König Revda und König Mokrin stehen mit ihren Armeen vor den östlichen Grenzen des Zauberwalds und greifen uns in diesen Stunden an. Ich muss so schnell wie möglich zurück. Diese Schlacht hier ist verloren, aber wir haben immer noch einen Krieg zu gewinnen.“

Minhorvir hob die Hand zum Zeichen, dass er etwas sagen wollte. Inadorel nickte ihm zu.

„Vor dem Atelier kämpfen immer noch unsere Elben und die Männer von Narlingard gegen Semadars Krieger.“

„Dann kommt!“ Mit einer ausholenden Geste forderte die Elbenkönigin die Anwesenden auf, ihr zu folgen. Zu den Gnomen sagte sie mit warmer Stimme:

„Bleibt hier. Wir werden Vayobar finden, das verspreche ich euch. Wir werden nicht ruhen, ehe wir ihn und auch Amargi wieder bei uns haben. Aber erst müssen wir den Zauberwald retten. Ich schicke euch ein paar Heilerinnen, die sich um euch kümmern. Und wir werden euch Nachricht senden, sobald die Schlacht vorüber ist.“

Dann folgte sie den anderen durch den schmalen Ausgang im Eibenwall.

 

Der Kampf auf der Lichtung und in den Aschebäumen war zu Ende. Überall lagen Leichen. Schwarze Krieger, Elben und Männer aus Narlingard. Herenya zog ihre Tochter an sich und schluchzte. Minhorvir rief Halcyors Namen und suchte das Schlachtfeld nach ihm ab. Plötzlich rannte Rhenior los. Er schrie gequält und ging vor einer Elbe auf die Knie, zog sie an sich und wiegte die Tote in seinen Armen. Es war Vaiwa. Harak erschauderte. Ein erstickter Krächzlaut entfloh seiner Kehle. So viele Tote, so viele aus den eigenen Reihen. 

Halcyor wankte aus dem Wald auf die Elben zu. Er wirkte blass und erschöpft, und er war voller Blut. 

„Halcyor, du lebst! Der Grossen Mutter sei Dank“, riefen Minhorvir und Herenya wie aus einem Munde und liefen auf ihn zu. Herenya schloss ihn in ihre Arme und küsste ihn auf den Mund. Er schaute sie mit grossen Augen an, grinste und lehnte für einen Moment seinen Kopf an ihre Stirne. Dann schaute er aus leeren Augen zu Inadorel.

„Wir haben sie besiegt. Aber sie haben es uns nicht leicht gemacht.“ Er zeigte mit einer ausladenden Geste über die toten Elben und seine Männer und wischte sich über die Augen. 

Inadorel nickte. Sie rang um Selbstbeherrschung, aber ihr ganzer Leib zitterte. In ihren Augen standen Entsetzten und Trauer. Sie hatte ihre Untertanen nicht beschützen können und noch mehr würden sterben. Sie schlang die Arme um ihren Körper und rang nach Luft. 

Minhorvir erkannte die Not seiner Königin und ergriff das Wort.

„Semadar ist verschwunden. Er hat das Innere des Ateliers verwüstet.“ Seine Stimme brach. „Er hat Vayobar entführt. Und Amargi gestohlen.“

Minhorvirs Worte trafen Halcyor wie eine Faust in den Magen. Er sank auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen. Inadorel hatte sich gefasst und ging zu Halcyor. Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf und liess Kraft in ihn strömen.

„Ihr habt so tapfer gekämpft. Ihr wundervollen Menschen aus Narlingard. Und meine geliebten Elben. Ich danke euch von Herzen. Es ist ein Herz das blutet. Doch es ist noch nicht zu Ende, Halcyor. In diesem Moment greifen Revda von Usa und Mokrin von Tarugard unseren Wald an. Seid ihr noch mit uns?“

Halcyor sah zu Inadorel auf. Sein Gesicht war voller Blut und Schmutz. Tränen der Trauer und Verzweiflung hatten beides miteinander vermischt. Aber in seinen grünen Augen loderte wilde Entschlossenheit.

„Immer, meine Königin. Bis zum Sieg. Oder bis zum bitteren Ende.“ Er nahm ihre schlanke Hand und küsste sie.

Inadorel schenkte ihm ein Lächeln, half ihm aufzustehen und klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu lenken. 

„Wir wissen nicht, wohin Semadar flieht. Wir wissen nicht, ob er Vayobar mitnimmt oder ihn irgendwo im Zauberwald zurücklassen wird.“

Sie wandte sich an Litan und Litana.

„Ich möchte, dass ihr den Wald von hier bis zu der Stelle absucht, wo Semadar in den Zauberwald eingedrungen ist. Und darüber hinaus. Vielleicht haben wir Glück und Semadar lässt Vayobar lebend zurück, wenn er ihm den Stein abgenommen hat.“

Litan und Litana nickten. Mit einem Blick der das Wissen einschloss, dass dies womöglich die letzte Begegnung mit den Anwesenden war, verabschiedeten sie sich und trabten davon. Litana drehte sich noch einmal um und rief: „Wir werden Vayobar finden!“ Dann waren sie im Wald verschwunden.

Für einen Moment drückte die Schwere des Abschieds sie alle nieder, dann ergriff Inadorel wieder das Wort.

„Hier gibt es nichts mehr zu bewachen. Semadar hat was er wollte, er wird nicht zurückkommen. Vielleicht geht er zu Revda, das wäre unsere Chance den Stein zurückzuerobern. Wir müssen so schnell wie möglich nach Merilsilivren zurückkehren. Ich fliege auf Hieronymus voraus und nehme Gwendobar mit. Versorgt die Verletzten und folgt mir so schnell ihr könnt. Legt einen Schutzzauber über unsere Toten, wir werden sie zu gegebener Zeit angemessen ehren und in die andere Welt geleiten. Überlasst die schwarzen Krieger den Kolmorxen.“

Sie schwang sich auf Hieronymus Rücken, und er breitete seine mächtigen Schwingen aus.

Harak flatterte an seine Seite.

„Hieronymus, hast du etwas von Geronimo und Deborah gehört? Irgend ein Zeichen? Sind sie zurückgekehrt?“

Hieronymus blickte Harak aus traurigen Augen an und schüttelte den Kopf.

„Nichts. Als wir hierher aufgebrochen sind, hatten wir noch keine Spur von ihnen.“

Inadorel tauschte einen Blick mit Herenya. Dann streckte sie Harak den Arm hin und sagte: „Flieg mit uns, Harak.“

Harak flog schnell zu Herenya, setzte sich auf ihre Schulter. Sie strich ihm über die Federn und flüsterte: „Wir sehen uns bald wieder, mein Freund. Viel Glück!“

Harak flog zu Inadorel zurück und setzte sich auf den Unterarm, den sie ihm einladend entgegen hielt.

Hieronymus bewegte seine Schwingen und hob vom Boden ab. Harak sah, wie die Welt unter ihm kleiner wurde und seine Gedanken reisten zu Geronimo und zu Deborah. „Wo bist du, Deborah, wo bist du?“, sang er leise in den Wind.

 

17. Der Hort der Weisheit

Geronimo und Deborah hielten sich an Horgurs Rückenzacken fest. Er hatte nicht die Geduld gehabt langsamer zu fliegen, damit sie mit ihm mithalten konnten, also hatte er sie kurzerhand auf seinen Rücken verfrachtet. Der Ritt auf dem Drachen war ziemlich unruhig und Geronimo und Deborah hatten alle Mühe, nicht herunterzufallen. Der Wind rauschte in ihren Ohren und es war kalt. Aber Horgurs Stimme dröhnte durch den Wind hindurch.

„Du hattest Recht, Vögelchen, ich bin tatsächlich der Liebling des Königs. Ich stehe unter seinem persönlichen Schutz.“ Um seinen Stolz zu demonstrieren drehte sich Horgur einmal um die eigene Achse und spie eine Feuerfontäne aus. Geronimo und Deborah schrieen vor Schreck auf und klammerten sich noch fester an die Rückenzacke. 

„Heilige Mutterkrähe! Horgur! Willst du uns umbringen?“

„Was? Haha, das ist Fliegen für Fortgeschrittene, meine Kleinen, ja da staunt ihr!“

Geronimo verdrehte die Augen. 

„Hab’ ich euch schon erzählt, dass unser König schon länger lebt, als die meisten anderen Lebewesen in Melindor? Er ist eintausendfünfhundert Jahre alt. Vielleicht auch schon älter. So genau weiss das keiner. Er spricht nicht über sein Alter. Da ist er empfindlich. Wohingegen ich noch sehr jung bin, ein richtiger Frischling im Vergleich dazu, ich bin erst 300 Jahre alt, in Asors Augen noch ein Kücken. Wie alt werden eigentlich Fliegende Schweine?“

Horgur plapperte und redete während unter ihnen die Gipfel der Feuerberge, grüne Täler, Schluchten, Wasserfälle und Geröllhänge vorüberzogen. 

„Er ist schon seit Drachengedenken unser König. Das muss nicht zwingend ein männlicher Drache sein, wisst ihr, es ist einfach der älteste von allen, egal ob das gerade ein männlicher oder ein weiblicher Drache ist. Der älteste Drache ist auch der weiseste. Er hat am meisten Lebenserfahrung und Wissen angesammelt. Und die meisten Kämpfe bestanden. Das Geschlecht spielt bei uns keine Rolle. Na ja, im biologischen Sinne schon, hahaha, aber nicht für die soziale Stellung. Wie ist das bei euch Fliegenden Schweinen? Und bei den Vögeln? Solchen wie du Vögelchen, meine ich, es gibt ja eine ganze Menge Federvieh. Wenn sich ein Drachenpaar gefunden hat, bleibt es ein Leben lang zusammen.“

„Ich glaube, er hat nicht oft Gelegenheit zu reden“, flüsterte Geronimo Deborah zu. Sie kicherte. 

„Ja, wer hätte gedacht, dass unser grimmiger Freund so ein Plappermaul ist.“

„Das lag wohl an den Zahnschmerzen.“ Geronimo grinste. Er versuchte, Horgur zu antworten, aber der Wind wehte seine Worte davon.

„Was hast du gesagt, Schweinebacke? Ich kann dich nicht hören bei dieser Fluggeschwindigkeit. So schnell seid ihr bestimmt noch nie geflogen!“ Er stürzte kopfüber nach unten und flog ein Schleife. Geronimo und Deborah flatterten wild mit ihren eigenen Flügeln, um nicht von Horgurs Rücken zu fallen.

„Dann müsst ihr mir eure Sitten eben bei anderer Gelegenheit erzählen.“

Horgur zog wieder nach oben. Vor ihnen ragte ein gewaltiger Gipfel auf, der wie eine Festung über all den anderen Bergkämmen thronte. Seine scharfen roten Zacken stachen in den bleichen Himmel.

„Gleich sind wir da. Das ist der Mengolwe, der Hort der Weisheit. Es ist der Sitz der Drachen, der Ort, wo die meisten von uns leben. Sofern sie kein Grizzlyfell haben, anstatt ordentlicher Schuppen.“ 

Den letzten Satz hatte Horgur zwischen den Zähnen hervor gepresst, aber Deborah und Geronimo hatten ihn gehört.

„Hört mal zu ihr beiden!“, rief er über seine Schulter nach hinten. „Einige der Drachen da oben sind nicht so freundlich wie ich, also haltet einfach eure Klappe, egal was geschieht. Verstanden?“

„Verstanden!“, riefen die beiden so laut sie konnten gegen den Wind.

Horgur flog um die Flanke des Berges herum und vor ihnen öffnete sich ein ausladendes Hochplateau am Rande eines eindrucksvollen Kraters. Aus dem Krater stiegen Gase empor und tauchten die Landschaft in ein diffuses Licht. Hier und dort stachen Felssäulen in allen denkbaren Rotschattierungen durch den Nebel. In den Felswänden, welche zu beiden Seiten des terrassenförmigen Plateaus aufragten, klafften Löcher und Höhlen in verschiedenen Grössen und Formen. 

„Seht ihr die Höhlen? Das sind unsere Wohnungen.“ 

Horgur landete auf dem Rand der untersten Terrasse.

„Übrigens müsst ihr den König mit Ithron ansprechen, hört ihr! Das gebietet die Höflichkeit. Ithron ist der Titel des Königs und bedeutet Weiser. Und Asor ist sehr weise. Wir Drachen waren schon immer, und sind es noch, die Hüter des Wissens und der Weisheit.

Das ist der Schatz, den wir bewachen.“

Geronimo und Deborah nickten ehrfürchtig. 

Horgur ging voraus, und die beiden folgten ihm, so schnell sie konnten. Plötzlich drehte sich Horgur um und sagte: 

„Es ist wohl besser, wenn euch die anderen nicht gleich sehen.“ Er nahm Geronimo und Deborah mit seiner Vorderpranke auf und steckte sie sich unter den Flügel. 

„Haltet euch fest und bleibt verborgen.“ Erhobenen Hauptes  marschierte er weiter. Geronimo und Deborah spähten unter ihrem Versteck hervor. Aus einer der Höhlen stieg eine kleine Rauchwolke auf, der eine riesige Schnauze folgte. Schliesslich schob sich der ganze Drache vor den Eingang seiner Behausung und beobachte den Ankömmling. Der Drache war grösser als Horgur. Seine roten Schuppen glänzten in der Sonne, die Zacken auf seinem Rücken, seine Flügel und Füsse schillerten silbrig grau. Er richtete sich zu voller Grösse auf, streckte seine Brust heraus und stiess eine Feuerfontäne in die Luft. Dann blickte er Horgur mit funkelnden Augen an.

„Sieh einer an! Unser Bärchen beehrt uns wieder einmal. Dir ist wohl langweilig geworden auf deinem kleinen Pass. Wolltest wieder einmal wissen, wie richtige Drachen aussehen?“

„Guten Tag, lieber Rubeo, schön, dich zu sehen. Immer wieder eine besondere Freude.“

Der rote Drache grollte gefährlich. Angelockt von dem Gespräch krochen links und rechts des breiten Weges mehrere Drachen aus ihren Höhlen. Deborah und Geronimo kamen aus dem Staunen nicht heraus. Ein Drache war schöner als der andere und jeder strahlte in einer anderen Farbe. Alle waren grösser als Horgur und alle trugen ein Gewand aus harten glatten glänzenden Schuppen. 

Ein saphirblauer Drache baute sich vor Horgur auf und sagte:

„Seht nur, Horgur führt uns die neueste Mode für Drachen vor. In diesem Jahr ist Pelz der letzte Schrei.“

Die Drachen grölten und der Grund auf dem sie standen vibrierte.

Ein grüner Drache hielt sich den Bauch. „Ja, es ist wirklich zum schreien. Wieviele neue Löcher hast du dir seit deinem letzten Besuch bei uns richtigen Drachen in den Pelz gebrannt?“

Die Drachen bogen sich vor Lachen. Aber Horgur hielt tapfer den Kopf hoch erhoben und beachtete sie nicht. Geronimo und Deborah spürten jedoch, wie sein Leib vor Zorn bebte. 

„Komm’ herein, mein Bärchen“, flötete eine lilafarbene Drachendame, „Ich hab’ ein Töpfchen Honig für dich.“

Die Drachen bliesen beim Lachen soviel Rauch aus ihren Nüstern, dass ihre Köpfe fast nicht mehr zu sehen waren. 

„Die sind ja gemein zu dir!“, sagte Deborah empört.

„Ach was, die sind bloss neidisch, weil ich der Liebling des Königs bin“, sagte Horgur leise aus dem Mundwinkel.

„Was klemmst du eigentlich deinen Flügel so an den Leib?“, fragte ein schwarzer Drache mit orangeroten Rückenzacken. Es sah aus, als stünde sein Rücken in Flammen. Mit lodernden Augen fixierte er Horgur. 

„Hast du dir beim Honig stehlen, den Flügel verletzt?“, sagte er in einer Stimme, als spräche er mit einem Babydrachen.

„Quatsch!“, blaffte Horgur, doch der schwarze Drache griff nach Horgurs Flügel und zog daran. Geronimo und Deborah fielen zu Boden. 

„Was hast du da? Oh, du hast dir ein Spielzeug besorgt, damit du dir die langen Tage auf deinem hochwichtig langweiligen Pass vertreiben kannst.“ 

Der Drache betrachtete Geronimo und Deborah voller Neugier. Horgur reagierte schnell und verfrachtete die beiden wieder unter seinen Flügel. 

„Oder hat er sich ein Picknick mitgebracht?“, säuselte der grüne Drache. „Lass mich mal einen Bissen probieren.“

Er kam nahe zu Horgur heran. Horgur drehte sich weg. Von der anderen Seite trat der rote Drache wieder vor Horgur und versperrte ihm den Weg. 

„Zeig’ her, Horgur! Was hast du da unter deinem Flügel versteckt?“

„Das geht dich nichts an, Rubeo. Lass mich vorbei!“

„Hört, hört, der Kleine will mir Vorschriften machen!“ Rubeo kniff die Augen zusammen und kam bedrohlich nahe mit seiner Schnauze an die von Horgur heran. Horgur rührte sich nicht, aber Geronimo und Deborah hörten ein leises wütendes Brummen in seiner Kehle. 

„Ich sagte, ich will wissen, was du unter deinem Flügel versteckst“, zischte der rote Drache noch einmal und riss Horgurs Flügel auf.

Geronimo und Deborah purzelten zu Boden. 

Rubeo grinste böse. 

„Ein nettes kleines Frühstück hat er dabei, unser kleines Bärchen. Aber du bist ohnehin zu fett. Ich glaube, es ist besser, wenn ich dein Frühstück verspeise.“

Er wollte gerade seine Pranke nach Geronimo ausstrecken, da fauchte Horgur ihn an und spie ihm eine Feuerfontäne vor die Füsse.

„Das ist kein Frühstück, das sind meine Freunde! Lass deine dreckigen Pranken von ihnen!“

Verblüfft wich der grosse rote Drache einen Schritt zurück. Dann lachte er schallend, dass sich einige Felsbrocken von den Hängen lösten. 

„Freunde! Ein Schwein und ein lächerlicher kleiner Vogel. Du armseliger Wicht. Findest du keine besseren Freunde? Nein, natürlich nicht, wer wollte schon mit einer Missgeburt wie dir befreundet sein?“ Er spie verächtlich auf den Boden. Horgur bebte. Deborah hielt es nicht mehr aus und schrie den roten Drachen an.

„Was für Freunde sollte er haben? Etwa solche widerwärtig ungehobelten Kreaturen wie euch? Ich dachte, dies hier sei der Hort der Weisheit? Nach Weisheit klingt das hier aber wirklich nicht.“

Geronimo hielt die Luft an. Er war voller Bewunderung für Deborahs Mut und gleichzeitig überzeugt, dass sie damit ihr Todesurteil gesprochen hatte. Horgur schien ähnlich zu denken. Er grinste zwar zufrieden, aber dann schalt er Deborah.

„Ich hab’ doch gesagt, du sollst die Klappe halten!“ 

Er zog Deborah und Geronimo eng an sich.

Plötzlich war es auf dem Plateau still geworden. Es war, als sei die Zeit eingefroren. Keiner bewegte sich, keiner gab einen Laut von sich. Alle starrten auf Horgur, der ebenso unbeweglich mit Geronimo und Deborah unter dem Flügel dastand. Endlich machte er einen lässigen Schlenker mit seinem Kopf und sagte beiläufig. „Ach, sie meint es nicht so, sie ist nur ein wenig überdreht. Wie Frauen halt manchmal so sind.“

Rubeos Augen waren Seen aus Lava. In seiner Kehle brodelte es bedrohlich. Er öffnete seinen Rachen und stiess einen gewaltigen Feuerstrahl aus. Horgur sprang behände zur Seite und das Feuer zerstieb auf dem felsigen Boden. 

Die anderen Drachen rückten näher und bildeten einen Kreis um Horgur. Sie fauchten, und einige stiessen drohend Feuer in den Himmel. Der schwarze Drache zielte knapp an Horgurs Flügel vorbei. Die Hitze presste die Luft aus Geronimos und Deborahs Lungen und Horgur heulte auf. Das Feuer hatte ihm den Pelz angesengt. 

„Ach, wie schade! Wieder ein Loch im Pelz“, spottete der grüne Drache. In Todesangst klammerten sich Geronimo und Deborah an Horgur. Geronimo kniff die Augen zu. Er machte sich darauf gefasst, gleich bei lebendigem Leib gebraten zu werden. Die Drachen rückten noch einen Schritt näher und brüllten und grölten und fauchten.

Plötzlich wurde es dunkel. Ein riesiger Schatten hatte sich vor die Sonne geschoben.

„Was geht hier vor?“, dröhnte eine Stimme, die so laut und tief war wie das Donnergrollen nach einem glühend heissen Sommertag.

Augenblicklich wichen die Drachen von Horgur zurück und drehten sich in die Richtung aus der die Stimme kam. Geronimo öffnete seine Augen und gemeinsam mit Deborah spähte er unter Horgurs Flügel hervor.

Wie ein Berg stand Asor, der König der Drachen, eine Stufe höher auf dem nächsten Felsplateau. Er war grösser als alle anderen Drachen. Wenn diese ein Gefühl der Ehrfurcht bei Geronimo und Deborah hervorgerufen hatten, so übertraf das, was sie beim Anblick des Drachenkönigs empfanden, dieses Gefühl bei weitem. Geronimos Unterkiefer klappte nach unten. Er starrte den riesigen Drachen mit Augen an, die beinahe aus ihren Höhlen sprangen. Deborah erging es nicht anders. Auch sie glotzte den gigantischen Drachen mit offenem Schnabel an. Sein Bauch und die Unterseite seiner Schwingen waren purpurn. Sein Rücken und die Aussenseite der Flügel glänzten golden, als hätte er sich einen Mantel aus Sonnenlicht umgelegt. Die Schuppen auf seinem Schädel waren ebenfalls golden, was den Eindruck vermittelte, er trüge eine Krone. Asor musterte seine Untertanen mit glühendem Blick. Dann entdeckte er Horgur und ein Lächeln huschte über sein grimmiges Gesicht. 

„Ah, Horgur, mein Lieber. Tritt vor und sage mir, was dich zu uns führt.“

Horgur liess sich nicht zweimal bitten und eilte zum König. Er konnte es sich allerdings nicht verkneifen, sich kurz zu den anderen Drachen umzudrehen und ihnen die Zunge herauszustrecken.

Asor stiess eine Feuerfontäne in die Luft, die dem Ausbruch eines kleineren Vulkans in nichts nachstand.

„Ihr seid eine Schande für unser Geschlecht“, brüllte er. „Ein Mitglied der Sippe derart zu schikanieren. Nur weil er ein anderes Kleid trägt als ihr. Er trägt keine Schuld an seinem Aussehen, welches in meinen Augen schön ist. Er ist ein Kind der Liebe, auch wenn diese Liebe ungewöhnliche Wege ging. Ihr habt das Privileg, als Mitglieder der edelsten Rasse in diesem Land geboren worden zu sein. Also verhaltet euch gefälligst auch so! Wenn ich noch einmal einen von euch dabei erwische, wie er sich über Horgur lustig macht, egal ob hinter seinem Rücken oder direkt in sein Gesicht, werde ich ihn verbannen. Habt ihr mich verstanden?“ 

Um das Gesagte zu unterstreichen, blies er eine Walze aus Feuer vor die Füsse der Drachen. Sie wichen ängstlich zurück.

„Das hat gesessen“, flüsterte Deborah Geronimo ins Ohr.

Geronimo nickte und erwiderte leise. „Ich schätze vor uns liegt keine leichte Aufgabe.“

„Danke, Ithron“, sagte Horgur und verneigte sich vor seinem König. 

Asor nickte knapp und drehte sich um. „Folge mir.“

Sie stiegen über die Stufen der Terrassen hinauf bis an den hinteren Rand des Hochplateaus, wo es zu einer Spitze zusammenlief. Dort oben, hoch über den anderen, war die grösste aller Höhlen, welche dem König gehörte. Sie lag direkt unter dem Gipfel des Mengolwe. Asor setzte sich vor den Eingang und erlaubte Horgur mit einem Nicken, sich ebenfalls zu setzen. Er lächelte ihm aufmunternd zu. 

„Schön dich zu sehen, Horgur. Was führt dich zu mir? Gibt es Schwierigkeiten auf dem Damnorpass?“

„Du erinnerst dich bestimmt an den Vogel Deborah und das Fliegende Schwein Geronimo, von dem ich dir erzählt habe? Die mir damals den wehen Zahn gezogen haben?“

„Ja.“ Asor schmunzelte. „Das war eine amüsante Geschichte.“

„Sie sind wiedergekommen. Um genau zu sein, habe ich sie hier unter meinem Flügel. Sie wollen uns um Hilfe bitten bei einem Krieg den die Menschen gegen die Elben führen.“

Asor zog eine Augenbraue hoch und Horgur beeilte sich anzufügen:

„Ich habe ihnen bereits gesagt, dass die Mühe vergebens ist und uns die Angelegenheiten der Menschen und Elben nicht interessieren, aber sie wollten ihre Bitte unbedingt dir selbst vortragen und ich dachte, es obliegt mir nicht, eine solche Entscheidung zu treffen, sondern das ist Sache des Königs.“ Er verneigte sich.

Asor grollte. 

„Es erfordert immerhin eine gehörige Portion Mut, sich in unser Reich vorzuwagen. Das respektiere ich. Deshalb sollen sie ihre Chance bekommen und mir ihre Bitte vortragen.“

Horgur öffnete seinen Flügel und setzte Geronimo und Deborah auf dem Boden ab. Beide zitterten vor Angst und Ehrfurcht und beugten ihre Köpfe vor dem gewaltigen Drachen. Er blickte zu ihnen herab.

„Ich höre.“

Geronimo nahm all seinen Mut zusammen und holte tief Luft.

„Ithron, danke, dass Ihr uns empfangt. Es ist eine wirklich aussergewöhnliche Ehre.“ Vorsichtshalber verbeugte er sich noch einmal und Deborah tat es ihm nach. 

„Wir sind uns bewusst, dass die Bitte, mit der wir an Euch herantreten, eine grosse ist. Aber ebenso gross ist die Not, aus der sie entstanden ist.“

Deborah schielte überrascht zu Geronimo. Sie hatte nicht gewusst, dass er so wortgewandt sein konnte. Geronimo gelang es immer wieder, sie zu überraschen. Vielleicht sollte sie ihn öfter sprechen lassen, dachte sie, bisher hatte sie das ja meistens vorlaut übernommen.

„Unsere Welt ist in Gefahr“, fuhr Geronimo fort. „Der König von Usa plant oder ist wahrscheinlich schon dabei, zusammen mit dem König von Tarugard den Zauberwald anzugreifen. Ihre Armeen sind gross und die Elben und die anderen magischen Wesen des Zauberwaldes und ihre Verbündeten sind nicht auf einen Krieg vorbereitet. Sie werden kämpfen und alles geben, um den Zauberwald zu schützen, aber König Revda ist mit seiner Armee in der Übermacht. Und er hat ausserdem den Zauberer Semadar an seiner Seite. Wir sind in die Gharwali Wüste geflogen und haben die Wüstenelben um Hilfe gebeten. Sie werden kommen, aber ich weiss nicht, ob sie den weiten Weg rechtzeitig schaffen werden. Und dort bei den Elben in der Wüste befahl mir eine innere Stimme, zu Euch zu fliegen und um Eure Hilfe zu bitten. Königin Nicotris hat mir gesagt, ich soll meiner inneren Stimme folgen und Oraklingard, das ist unsere Seherin, ebenfalls. Darum sind wir jetzt hier, Deborah und ich, und bitten Euch inständig uns zu helfen, den Zauberwald und damit ganz Melindor und alle magischen Wesen zu retten.“ Geronimo trat einen Schritt zurück und schwieg. Seine Ohren glühten und er zitterte am ganzen Leib.

Deborah fand, dass Geronimo ihre Bitte um Hilfe sehr gut vorgetragen hatte. Sie war stolz auf ihn.

Asors Miene verfinsterte sich. Er blies ein paar dunkle Rauchwolken in den diesigen Himmel.

„Die Menschen ziehen also in den Krieg gegen die Elben im Zauberwald. Und die Elben aus der Wüste kommen zu Hilfe, aber womöglich zu spät. Und überhaupt sind die Menschen in der Übermacht und die Elben fürchten ihren Untergang“, fasste Asor zusammen. 

„Wie Horgur euch bereits gesagt hat: die Geschicke der Menschen und der Elben interessieren uns Drachen nicht mehr.“ 

Horgur wölbte stolz seine Brust und grinste Geronimo und Deborah an. In seinem Blick stand: „Seht ihr!“

Asor machte eine wegwerfende Bewegung mit seiner gewaltigen Vorderpranke, dann drehte er sich um und schickte sich an, in seiner Höhle zu verschwinden.

„Wartet! Bitte!“, rief Deborah. „Die Geschicke der Menschen und Elben haben doch auch Einfluss auf euch. Wenn der Zauberwald zerstört wird, betrifft das alle magischen Wesen. Drachen sind magische Wesen.“

Asor drehte sich langsam zu den beiden zurück und beugte sich zu Deborah und Geronimo herunter. 

„Du bist mutig, kleine Kräbe, und auch du, Fliegendes Schwein. Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck und wisst nicht viel über die Geschichte Melindors. Deshalb will ich Nachsicht üben und ein paar Dinge für euch ins rechte Licht rücken.“

Asor setzte sich und bedeutete Horgur, Geronimo und Deborah, es ihm gleich zu tun. Dann erzählte er seine Geschichte.

„Wir Drachen sind und waren schon immer die Hüter des Wissens und der Weisheit. Vieles davon haben wir in früheren Zeiten mit den Elben und den Isthuini geteilt. Aber längst nicht alles. Unser Hort war immer hier in Mengolwe. Aber anders als jetzt, wo wir uns hierhin zurückgezogen haben, sind wir früher oft über Melindor geflogen und haben uns um die Geschicke seiner Bewohner gekümmert. Wir standen ihnen mit unserem weisen Rat und unserer Stärke bei. Die Menschen haben uns geehrt und gefürchtet und sie taten gut daran. Wir sind die Verkörperung der Weisheit und sie zu achten ist klug. Aber wie ihr vorhin miterleben konntet, müssen selbst die Drachen reifen, um in ihre Bestimmung hineinzuwachsen. Und das dauert viele, viele Jahre. Mit den Elben des Zauberwaldes und auch mit jenen der Wüste, hielten wir regen Kontakt. Sie waren unsere Verbündeten und Abagindel war mein Freund. Ich habe ihm vertraut.

Er und mit ihm die meisten Elben vertraten die Ansicht, wir müssten unser Wissen über die Welt, die Natur, die Sterne, das Universum, die Ewigkeit und den grossen Schöpfergeist mit den Menschen teilen. Ich war immer dagegen, denn ich konnte in die Herzen der Menschen sehen. In den allermeisten von ihnen herrschte noch zu sehr die Gier nach Macht und Besitz. Die Elben wollten nicht auf mich hören. Aber es gab einige, die mir die Treue hielten und meine Zurückhaltung unterstützten; unter ihnen war auch Königin Nicotris. Sie ist die reinste, weiseste und mächtigste unter allen Elben in Melindor.“

Geronimo und Deborah sahen sich mit grossen Augen an.

„Auch unter uns Drachen führten die absurden Ideen Abagindels zu Streitigkeiten. Es bildeten sich zwei Lager. Smeth liess sich von Abagindels Ideen, die Menschen einzuweihen, verführen und scharte eine Gruppe von Drachen als Anhänger um sich. Sie zogen in die Taruberge.“

Asor fixierte Geronimo mit seinen goldenen Augen. 

„Ja, ich weiss, dass sein Blut in deinen Adern kreist, dass du und deinesgleichen seinetwegen Flügel habt und fliegen könnt. Ihr seid besondere Wesen. Ihr seid nicht verantwortlich für euere Abstammung und auch nicht für Smeths Taten. Er war kein schlechter Drache, aber er war naiv und leichtsinnig. Wohin es ihn gebracht hat, weisst du wohl. Die Menschen haben alle seine Drachen getötet. Einen nach dem anderen. Und zuletzt ihn selbst. 

Abagindel liess gegen meinen Rat ein paar ausgewählte Menschen in den Zauberwald ein und lehrte sie das geheime Wissen. Er war der Ansicht, dass das Wissen für alle da sei und kein Wesen das Recht hatte, es für sich allein zu beanspruchen.“ Asor seufzte.

„Anfangs ging es gut. Die Menschen waren dankbar und bemühten sich, das neu gewonnene Wissen sinnbringend anzuwenden. Sie gingen im Zauberwald ein und aus und pflegten regen geistigen und wirtschaftlichen Austausch mit den Elben. Es war eine fruchtbare Zeit, und Abagindel und Smeth triumphierten. Aber ich wusste es besser.

Die Herzen der Menschen waren noch nicht stark genug, um die Weisheit und das Wissen zu verkraften und verantwortungsvoll damit umzugehen. Sie hatten noch nicht vollumfänglich lieben gelernt. Darum kam es wie es kommen musste. Einige fingen an, sich an den Schätzen des Zauberwaldes zu bereichern und was in den Zauberwald gehörte, in ihre Städte in Melindor zu tragen. Das schwächte den Zauberwald und das Gleichgewicht der Natur. Abagindel warnte sie, aber sie wollten nicht mehr auf ihn hören. Sie fühlten sich den Elben ebenbürtig. Das hatten die Elben sie ja gelehrt.

Mit der Weitergabe des Wissens an die Menschen hatten die Elben den Pakt mit uns Drachen gebrochen. Wir zogen uns auf den Mengolwe zurück. Die Menschen führten Krieg gegen die Elben und Abagindel merkte endlich, dass ich die ganze Zeit Recht gehabt hatte. Aber es war zu spät. Der Schaden war angerichtet. Smeth und seine Drachen kamen den Elben zu Hilfe, und gemeinsam konnten sie das Schlimmste abwenden und die Menschen zurückschlagen. Fortan verwehrten die Elben den Menschen den Zutritt zum Zauberwald, ausser einer kleinen Gruppe aus Narlingard, deren Herzen voller Liebe war und die auf der Seite der Elben kämpften. Der Schutzwall um den Zauberwald wurde aufgezogen. Der Kontakt zu den Menschen abgebrochen.

Die Elben und Gnome des Zauberwalds stellten das erschütterte Gleichgewicht in der Natur unter mühevoller Arbeit wieder her, aber es dauerte viele Jahre. Wir beobachteten sie aus der Ferne, sowohl die Elben als auch die Menschen. Die Menschen waren nicht dumm, sie entwickelten das Wissen auf ihre Weise weiter. Besonders in Silberstadt. Sie war zu ihrer Zeit führend in Melindor was Wissenschaft, Kultur, Kunst und Magie anbelangte. Auch Smeth und seine Drachengruppe beobachtete die Menschen von den Tarubergen aus. Wenn sie es zu weit trieben, griffen sie ein. Smeth wollte seinen Fehler wieder gut machen. Aber die Menschen betrachteten die Drachen als eine Plage und töteten einen nach dem anderen. Zuletzt auch Smeth, der sich, wie du ja sicher weisst, Geronimo, mit Odelyn aus Tarugard in den Tarubergen versteckte.

Ja, so weit musste es kommen. Ich hatte sie gewarnt. Ich hatte es kommen sehen. Niemand wollte damals auf mich hören. Sie nannten mich einen Schwarzmaler und Eigenbrötler. Sie sagten, die Menschen sind genauso ein Teil Melindors wie wir magischen Wesen, und sie haben dasselbe Recht auf das Wissen und die Weisheit. Sie argumentierten damit, dass alle Weisheiten nichts nützen, wenn sie versteckt und ungeteilt bleiben. Aber ich beharrte darauf, dass es zu früh sei, dass es nicht gut ist, jemandem Wissen anzuvertrauen, dessen Herz nicht bereit ist. Man kann Weisheit nicht einfach so verteilen wie Nahrung. Man muss sie sich selbst erarbeiten, man muss in sie hineinwachsen, man muss seinen Geist und sein Herz dafür öffnen, man muss sie sich erlieben. In den Herzen der Menschen war noch nicht genug Platz für die Liebe zu allem Lebenden auf dieser Welt. Sie waren noch angefüllt mit Gier und Selbstsucht und dem Streben nach Macht. Und das Ergebnis war Zerstörung.“

Asor neigte sein riesiges Haupt ganz nahe zu Geronimo und Deborah herab. Seine Augen verdunkelten sich.

„Sagt mir, warum sollten wir den Elben helfen? Sie wollten meinen weisen Rat damals nicht, sie verspotteten meine Weitsicht. Diesen Schlamassel haben sie sich selbst eingebrockt. Jetzt müssen sie auch den Weg hinaus selbst finden. Sie sind unserer Hilfe nicht würdig, denn sie haben unser Vertrauen mit Füssen getreten.“

„Aber wenn ihr ihnen nicht helft, geht ganz Melindor unter und die Natur und alle magischen Wesen werden von Melindor verschwinden“, rief Deborah verzweifelt aus.

„Dann soll es so sein!“, fauchte Asor und stiess eine Feuerfontäne in den Himmel. „Die Welt wird immer weiter bestehen, du dummer Vogel, egal was die Menschen oder die Elben tun. Sie wird weiter bestehen, auch ohne uns alle. Aber die Drachen werden bleiben. Wir sind die Schöpfer der anderen magischen Wesen. Wir sind die Quelle der Magie in Melindor. Die Menschen können die anderen magischen Wesen besiegen und sie können meinetwegen den Zauberwald zerstören. Für uns Drachen sind sie nichts weiter als ein kleiner lästiger Ausschlag, der eine Weile lang juckt und dann wieder vergeht. Sie sind es, die uns fürchten müssen, nicht umgekehrt.“

Asor funkelte Geronimo und Deborah an, dann erhob er sich und ging davon. Deborah schrie ihm hinterher.

„Ithron, Ihr habt gefragt, warum Ihr den Elben helfen sollt. Weil Euer Herz zu dieser tiefen Liebe fähig ist, die ihr den Menschen vorwerft nicht zu haben. Und weil diese Liebe keine Bedingungen stellt und keine Einschränkungen kennt. Und weil diese Liebe jeden Schmerz und jede Enttäuschung besiegt. Und weil diese Liebe immer vergibt. Und weil ihr Melindor liebt und die Wesen, die ihr erschaffen habt.“

Asor erstarrte. Für eine Weile war alles still. Geronimo schaute ängstlich zwischen Asor und Deborah hin und her. Horgur blickte mit offenem Maul und weit aufgerissenen Augen auf Deborah. Ihre Brust bebte und ein Schluchzer entschlüpfte ihrer Kehle.

Asor drehte sich langsam zu ihr um. Er musterte Geronimo und Deborah lange. Dann entliess er sie mit einem stummen Nicken und verschwand in seiner Höhle.

 

18. Zurück

Wie immer kleiner werdende Wellen die an ein Ufer drängen, liefen  die hohen Taruberge in saftig grüne Hügel aus, um sich in die weite Ebene zu ergiessen, die das Gebirge vom Zauberwald trennte. 

Geronimo kniff die Augen zusammen und spähte in die Dämmerung hinein. Die Sonne war bereits untergegangen und hauchte den Tarubergen einen rosagoldenen Gutenachtkuss auf die Gipfel. Das Land lag so friedlich und unschuldig vor ihnen, dass es Geronimo schwerfiel sich vorzustellen, dass dort, in der Ferne, Zerstörung und Tod lauerten. Ihn schauderte. Sein Körper zitterte vor Erschöpfung und Verzweiflung. Er streckte alle Viere von sich und weinte. Deborah lehnte sich an ihn. Auch ihre Augen schwammen in Tränen. 

Den ganzen Weg von den Feuerbergen bis in die Ausläufer der nördlichen Taruberge, hatten Geronimo und Deborah kein Wort gesprochen. Nachdem Asor sie vor seiner Höhle hatte stehenlassen, flog Horgur sie bis in die Steppe, die sich zwischen den Feuerbergen und dem Tarusee ausdehnte. Weiter durfte er sich, ohne Asors Erlaubnis, nicht vom Hort der Drachen entfernen, erklärte er ihnen und wünschte ihnen viel Glück. Immerhin hatte er ihnen dadurch Zeit geschenkt. Auf seinem Rücken, mit seinen gewaltigen Schwingen, waren  sie viel schneller voran gekommen.

„Ich verstehe es nicht, Deborah. Wieso tut Asor das? Er lässt uns einfach im Stich. Er lässt Melindor im Stich!“ Heftige Schluchzer schüttelten Geronimo.

Deborah drückte sich an ihn. Sie fühlte sich leer. Ihr Blick hing an den Hügeln, aber sie sah sie nicht. 

„Asors Liebe gilt nur dem Land. Seine Bewohner sind ihm völlig gleichgültig. Er spricht von Liebe, aber sein Herz ist kalt.“ 

Vor ihrem inneren Auge sah sie einen Schwarm Raben vorbeifliegen. An seiner Spitze flog Borax, ihr Vater. Er drehte den Kopf zu ihr und lächelte ihr zu. Er nickte und lud sie mit seinem Blick ein, zu ihr zu kommen. Ihm folgte Harak. Als er sie sah, breitete sich ein Stahlen über seinem Gesicht aus, und er öffnete seine Flügel um sie zu umarmen. Deborahs Herz zog sich zusammen.

„In den Anfangszeiten von Melindor lebten hier nur die Drachen“, erklärte sie mit schwacher Stimme. „Das ganze Land gehörte ihnen allein. Sie waren die absoluten Herrscher und blieben es auch dann noch lange Zeit, nachdem sie die anderen Rassen erschaffen hatten und die Menschen aus anderen Teilen der Welt nach Melindor kamen. Allmählich schwand ihre Vorherrschaft, wie Asor uns ja erzählt hat. Vielleicht sehen sie jetzt ihre Chance, den alten Zustand wiederherzustellen.“

„Du meinst, es kommt ihnen gelegen, dass die Menschen hier alles zerstören wollen?“

Deborah zuckte mit den Flügeln. 

„Vielleicht denkt Asor, dass es ein Fehler war, die Elben, Isthuini und Zwerge zu erschaffen und dass das hier eine gute Gelegenheit ist, sie alle auf einmal loszuwerden. Ohne dass er und seine Drachen sich selbst die Pranken schmutzig machen müssen.“

„Aber warum hat uns Nicotris zu ihnen geschickt? Warum hat mein Herz mich zu ihnen gerufen? Und Oraklingard ebenfalls? Das ergibt doch keinen Sinn. Oder haben wir uns alle dermassen geirrt? Haben wir uns in unseren Hoffnungen und Wünschen verrannt, blind für die Wirklichkeit?“ 

Er schaute Deborah mit weit aufgerissenen Augen an. Deborah sah das Flehen, das in ihnen brannte und ihr Herz zog sich noch ein Stück enger zusammen. Tränen liefen über ihre Wangen und sie sank kraftlos an Geronimos Seite zu Boden. 

„Deborah!“ 

„Ich kann das alles nicht mehr ertragen, Geronimo. Es wäre besser gewesen, wenn die Drachen uns gleich gefressen hätten.“

Geronimo legte einen Flügel um sie und zog sie an sich. Sie schwiegen und jeder hing seinen eigenen trübsinnigen Gedanken nach, bis die Erschöpfung sie endlich in einen tiefen Schlaf wiegte. 

 

„Deborah“, flüsterte Geronimo, „wach’ auf.“

Sie hob ihren Kopf. „Wozu, Geronimo. Wozu?“

„Wir müssen los. Komm!“

„Es hat doch keinen Sinn mehr, Geronimo. Wir haben verloren. Der König von Usa steht bestimmt schon vor dem Zauberwald, oder die Schlacht ist längst geschlagen. Die Drachen kommen nicht. Und wer weiss, ob die Wüstenelben rechtzeitig ankommen. Sieh doch der Wahrheit ins Auge. Die Zauberwäldler haben keine Chance gegen zwei so grosse Armeen wie sie Usa und Tarugard haben.

„Deborah! Das bist nicht du. Wir sind das nicht. Wir geben nicht auf. Niemals. Es gibt immer Hoffnung. Du willst nicht hier herumsitzen und dich deiner Trübsal hingeben. Und ich auch nicht. Ich will zum Zauberwald zurückfliegen. So schnell wie möglich. Ich will bei meinen Lieben sein. Bei den Fliegenden Schweinen, bei meinem Vater und bei unseren Freunden. Und du willst das auch. Du willst Harak wiedersehen und auch deinen Vater. Jawohl, schau mich nicht so an. Natürlich willst du das. Du kannst mir nichts vormachen. Wir wollen mit ihnen kämpfen, bis zum Sieg oder bis zum bitteren Ende. Und wenn wir zu spät kommen, dann wollen wir wenigstens im Tod bei ihnen sein.“ 

Er schaute Deborah durchdringend an. 

Sie schluckte. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

„Ach, Geronimo. Was würde ich bloss ohne dich machen? Du hast recht. Du hast sowas von recht. Und ich liebe dich, weisst du das?“

Geronimo lachte. „Natürlich weiss ich das. Ich liebe dich auch. Und jetzt lass uns fliegen!“

Er breitete seine Schwingen aus und stiess sich vom Boden ab. Deborah folgte ihm. Im Osten verriet ein schwaches silbernes Leuchten am Horizont das baldige Erwachen des neuen Tages.

 

19. Die grosse Schlacht  (1. Teil)

König Abagindel blickte über das weite Land zwischen dem Zauberwald und dem Namur. Der Mantel der Nacht lag noch über den Wiesen, aber Abagindels scharfe Elbenaugen konnten in der Ferne schon die anrückende Armee erkennen. Revda wollte also bei Tagesanbruch angreifen.

Abagindel hatte seine Elbenkrieger am östlichen Waldrand versammelt. Die meisten sassen auf den Bäumen, die Köcher voller Pfeile, die Schwerter, die lange nicht benutzt worden waren, staken frisch geschliffen in ihren Scheiden. Die restlichen Elben verbargen sich hinter den mächtigen Stämmen der Wächterbäume, die den Rand des gesamten Zauberwaldes säumten und ihn vor Eindringlingen beschützten.

Abagindel hatte zusammen mit den ältesten Elben, deren magische Kräfte am längsten gereift waren, den Schutzschild über dem Wald erneuert. Aber sie hatten von Xaxa erfahren, dass der Schutzschild im Nordwesten des Waldes von Semadar zerstört worden war. Der Schild musste dort an Ort und Stelle repariert werden. Aus so grosser Entfernung waren selbst ihre gemeinsamen magischen Kräfte nicht ausreichend. Sie hatten getan, was sie konnten, um den Schutz hier zu verstärken, aber er würde vermutlich nicht lange standhalten. Wenn es an einer Stelle des Schutzschildes ein grosses Loch gab, war der gesamte Schild instabil.

Sie konnten nur hoffen, dass es Revda nicht gelingen würde, ihre Magie zu durchdringen, aber Semadar hatte bestimmt an diese Hürde gedacht und auch dafür eine Lösung bereit. Abagindel gab sich keinen Illusionen hin. Er hatte auch daran gedacht, eine Truppe in Merilsilivren zu lassen, um die Stadt zu verteidigen, falls Revda einen Teil seiner Armee direkt über den Cûnduin in die Stadt führte, aber zum Glück hatten die Raben Entwarnung gegeben. Der König von Usa war nicht auf diese Idee gekommen, oder hatte sie als unnötig verworfen. Er schien sich seiner Sache sicher zu sein.

Vor zwei Tagen hatte Borax die Nachricht gebracht, dass Revda und Mokrin mit ihren Armeen auf halber Strecke zwischen dem Zauberwald und dem Knie des Namur ihr Lager aufgeschlagen hatten. Borax hatte die beiden Armeen auf ungefähr siebentausend Mann geschätzt. Das waren dreimal so viele wie die Elben und ihre Verbündeten. Ausserdem hatte Borax berichtet, dass sie von Geronimo und Deborah keine Spur gefunden hatten. Und ebenso wenig von den Wüstenelben. Selbst wenn sie noch kamen, würde es wahrscheinlich zu spät sein. Und eine beträchtliche Anzahl Elben und Isthuini sowie Halcyor mit seinen Männern aus Narlingard waren gerade damit beschäftigt, das Grosse Atelier zu verteidigen. Abagindel hatte noch nie in seinem gesamten langen Leben solche Angst verspürt. Er wollte gar nicht daran denken, was geschah, sollte der Zauberer siegen. Er setzte seine ganze Hoffnung in Inadorel. Sie war Semadar bestimmt ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Und sie hatte Herenya, Minhorvir und Rhenior an ihrer Seite. Und Adaphila. Sie würden siegen. Sie mussten siegen.

Aber sie durften ihre Angreifer nicht unterschätzen. Sie waren gerissen, soviel stand fest. Semadar und Revda hatten es verstanden, die Kräfte der Elben und ihrer Freunde auseinander zu reissen. Und so wie es aussah, waren sie auf sich allein gestellt.

Abagindel tauschte einen Blick mit Alamel. Sein Sohn stand neben ihm. In den letzten Tagen hatte er ihm alles erzählt. Von seiner Freundschaft zu Asor, dem König der Drachen, von dessen Warnungen die er ignoriert hatte. Von seinem jugendlichen Hochmut, seinem Leichtsinn, der so viele hundert Jahre später noch einmal seine giftigen Früchte hervorbrachte. Alamel hatte ihm schweigend zugehört. Dann hatte er gesagt: „Ich vergebe dir, Vater. Du hast damals aus Liebe gehandelt. Genauso wie Asor aus Liebe gehandelt hat. Nur hat sein Blick etwas weiter gereicht. Jetzt kannst du dasselbe sehen, wie der Drache. Danke, dass du dieses Wissen mit mir teilst. Ich hätte damals an deiner Stelle genauso gehandelt wie du. Nun sind die Dinge wie sie sind und wir werden unser Volk gemeinsam durch diese Nacht in einen neuen Tag führen.“ Abagindel hatte seinen Sohn lange umarmt. Eine grosse Last war seitdem von seiner Seele gefallen.

Zwischen den Elben, die am Boden positioniert waren, standen die Twintauren und die Schweine aus Tsungalopso. Sowohl die Twintauren als auch die Schweine trugen Rücken- und Brustpanzer. In den letzten Wochen hatten die Hammerschläge der Elbenschmiede beinahe ununterbrochen die Stille des Waldes erschüttert. 

Abagindel liess seinen Blick über seine Elben, die Twintauren und die Schweine aus Tsungalopso schweifen. Higor und Higar standen mit unbeweglichen Minen neben König Willibald aus Tsungalopso. Auf seiner anderen Seite wartete der Twintaure Sargas und Sarga zusammen mit Ritter Eberhard. Auf einem Ast, direkt neben seinem Kopf, sass Borax. Ein Stück weiter hinten im Wald, auf einer kleinen Lichtung warteten seine Raben und die Fliegenden Schweine auf sein Kommando. Geronimos Cousins Rochulio und Fegasio führten letztere an. Bei ihnen waren auch eine Gruppe Isthuini, die nicht zur Verteidigung des Grossen Ateliers geschickt worden waren. Alle waren bereit. 

Abagindel erhob seine Stimme:

„Meine lieben Freunde. Gleich bricht ein neuer Tag heran. Es wird der Tag der Entscheidung sein. Die Entscheidung über unser Schicksal. Über das Schicksal des Zauberwalds, ja über ganz Melindor. Wieviel auf dem Spiel steht, muss ich euch nicht mehr erklären. Während wir hier auf das erste Licht des Tages warten, welches uns das Gesicht des Feindes zeigen wird, steht ein Teil von uns an der nordwestlichen Grenze des Waldes bereit, um das Grosse Atelier zu verteidigen. Dem Feind ist es gelungen, uns zu teilen, aber es wird ihm nicht gelingen, uns zu besiegen. Wir haben es mit einem starken Feind zu tun, den wir nicht unterschätzen dürfen. Und wir stehen ihm alleine gegenüber. Soll er kommen. Sollen sie kommen, die Menschen von Usa und Tarugard! Wir sind stark. Und wir haben den Wald auf unserer Seite. Fühlt die Liebe in euch. Die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, die auf der anderen Seite des Waldes für uns kämpfen. Die Liebe zu Geronimo und Deborah, die irgendwo da draussen sind und ihren eigenen Kampf für uns durchstehen. Die Liebe zu unserem wundervollen Zauberwald und zum Grossen Atelier. Die Liebe zu Melindor. Fühlt diese Liebe, fühlt wie ihr durch sie wachst. Mit dieser Liebe werden wir siegen! Für uns. Für den Zauberwald! Für Melindor!“

Die Morgennebel lichteten sich und der Tag schob den Vorhang der Nacht beiseite. Sie waren da. Abagindel konnte die Anspannung in den Körpern seiner Mitstreiter spüren. Auch seine eigenen Kiefermuskeln waren verkrampft. Zwei riesige Heere wälzten sich über das offene Feld auf sie zu. In der Mitte ritt König Revda von Usa. Schwarz von den Hufen seines Hengstes bis zur Kuppe seines Helmes. Nur das Futter seines Mantels leuchtete rot wie eine Wunde im noch unberührten Morgen. Die goldene Krone, die seinen Helm zierte, schimmerte matt im Dunst des herangrauenden Morgens.

Hinter dem König folgten seine Ritter. Sie bildeten ein Dreieck, dessen Spitze der König war. Auch ihre Rüstungen waren schwarz. 

Zu beiden Seiten der Ritter sperrten unzählige Krokodile ihre riesigen Mäuler auf und ihre scharfen Zähne zerfetzten die Morgenluft. Der Anblick verfehlte seine Wirkung nicht. 

Ein Raunen und Grunzen ging durch die Reihen der Zauberwäldler. Aber es waren keine Reptilien, die auf sie zu krochen, sondern Männer. Die Rückenpanzer der grossen Echsen waren ihre Rüstung und die  prächtigen Köpfe der Krokodile hatten sie sich als Helme aufgesetzt.  Über dreitausend Augenpaare blickten starr und entschlossen durch die aufgerissenen Mäuler auf den Saum des Zauberwalds. Einige der Soldaten trugen Keulen, die mit Krokodilzähnen bestückt waren, andere hatten Langschwerter an ihren Seiten hängen. Weiter hinten ragten Piken in die Luft.

In Abagindel stieg eisiger Zorn auf. War diesen Menschen gar nichts heilig? Nur um ihrer Eitelkeit zu dienen und um Eindruck zu schinden, hatten sie unzählige dieser wundervollen Kreaturen gemordet! Abagindel konnte es nicht fassen und in den Augen seines Sohnes las er dieselben Gefühle des Abscheus und der Trauer. 

Die Soldaten aus Usa wurden flankiert von den Tarugardern. Es waren grimmige Kerle mit schwarz bemalten Gesichtern. Aus manchen ihrer Helme schraubten sich die langen Hörner des Taruwidders in die Luft. Das zottige Fell der Böcke hatten die Soldaten sich über die Schultern geworfen. In ihren Gürteln steckten Kurzschwerter, Äxte oder schwere Hammer. 

Die rechte Flanke wurde vom Zwerg Bonsak angeführt. Über seiner Hose und der Tunika aus dunkelbraunem Wildleder trug er einen Brustharnisch aus polierter Bronze. Er hatte damit geprahlt, dass der Harnisch von Generation zu Generation in seiner Familie weitergegeben worden war und keiner hatte damit jemals eine Schlacht verloren. Vom ersten Zwergenkönig Zolnok bis zu ihm, dem letzten reinblütigen Abkömmling der königlichen Zwergenlinie Twrck. Bonsak verstand das Tarugebirge als das rechtmässige Königreich der Zwerge und sich als dessen König. Auch seinen Helm schmückten die mächtigen Hörner des Tarubockes. Selbst dem für ihn viel zu grossen Börlingarder Hengst hatte Bonsak einen Rosskopf mit den Hörnern des Taruwidders aufgesetzt. Auf seinem Rücken trug Bonsak eine doppelklingige Axt und einen Streitkolben. In seinem Gürtel steckte ein Morgenstern.

Noch nie in seinem Leben hatte Revda eine lächerlichere Figur gesehen. Wie er diesen wichtigtuerischen kleinen Wicht verabscheute. Aber er war ein nützliches Mittel zum Zweck. Ein guter Krieger und voller Wut gegen die Elben. Also wollte Revda über die Tatsache, dass er die Ästhetik seiner Armee besudelte, hinwegsehen, auch wenn es ihn einige Anstrengung kostete. Und wenn die Elben ihm die Arbeit nicht abnahmen, konnte er immer noch selbst dafür sorgen, dass der Zwerg seine letzte Schlacht gekämpft hatte. Mokrin würde es ihm danken. Der Zwerg machte kein Geheimnis daraus, dass er sich selbst als rechtmässigen König von Tarugard betrachtete. 

König Mokrin führte die linke Flanke an. Stolz sass er auf seiner rotbraunen Stute, einem edlen Tier, gezüchtet aus der alten und robusten Rasse der Seturier Wildpferde und den eleganten feurigen Börlingarder Braunen. Wie seine Soldaten trug auch Mokrin eine graue Pluderhose und eine grüne Tunika, seine Gewänder waren allerdings im Gegensatz zu jenen seiner Soldaten, die aus Hanffasern gewebt waren, aus feiner Tarugarder Seide. Um seine gepanzerten Schultern schmiegte sich ein weisser Leinenmantel dessen Saum mit kostbaren Goldfäden bestickt war. Anstelle einer Krone trug König Mokrin einen goldenen Helm mit den schneeweiss gebleichten Hörnern des Tarubocks. Mokrins Schwert steckte in einer goldenen Scheide, die mit Smaragden verziert war. 

Zwischen ihren Reihen zogen und schoben die Soldaten drei riesige hölzerne Wagen. Sie waren mit Fässern beladen und aus ihrer Mitte ragte je ein langer, mit einem dicken Seil umwickelter Arm schräg nach hinten, der sich an seinem Ende zu einer grossen Schale weitete. Die Wagen rollten auf dicken Walzen, die mit metallenen Zacken bestückt waren und den Boden unter sich aufrissen. Vorne und an den Seiten der Wagen waren riesige runde Sägeblätter angebracht. Die Maschinen waren Revdas ganzer Stolz. Besonders gefielen ihm die Sägeblätter, die vorne und an den Seiten der Wagen angebracht waren und sich mit einem Hebel herunterklappen liessen, so dass sie waagerecht vom Wagen wegstanden. Mit ihnen würde Revda eine Schneise in den Wald schneiden, damit seine Soldaten bequem und sicher durch diese verfluchten Bäume marschieren konnten. Schon seit langem hatte er zusammen mit Semadar und den besten Zimmermännern und Schmieden von Usa die Pläne für die drei Monstren entworfen. Sechs Wochen hatten sie daran gearbeitet. Revda rieb sich in Vorfreude die Hände. Es würde ein Riesenspass werden, die Maschinen auszuprobieren.

Abagindel starrte voller Grauen auf die drei riesigen Maschinen. Sein Herz setzte für ein paar Schläge aus, als ihm klar wurde, was sie zu bedeuten hatten. Neben ihm sprach Alamel die schrecklichen Worte aus, die sich in Abagindels Bewusstsein geätzt hatten.

„Er will unsere Bäume fällen und den Wald niederwalzen.“

Die Armeen aus Usa und Tarugard blieben stehen und eine unheimliche Stille breitete sich zwischen ihnen und dem Zauberwald aus. König Abagindel schaute zu Revda. Dessen selbstgefälliges Grinsen brachte sein Blut zum Kochen. Er atmete schnell und schwer, seine Augen verengten sich. Er könnte diesem aufgeblasenen Menschenkönig einen Pfeil durch den Hals schiessen, vielleicht würde die Armee dann umkehren. Aber wenn er den Pfeil abschoss, würde er den Schutzschild zerstören, und solange noch die Hoffnung bestand, dass Revda den Schild nicht durchbrechen konnte, wollte er das nicht riskieren. Ausserdem wollte er Revda nicht zu früh verraten, dass sie hier auf ihn warteten. Alamel hatte den gleichen Gedanken, sie mussten ihn nicht aussprechen, ein Blick genügte und sie stimmten überein, abzuwarten. 

Die Nerven der Zauberwäldler vibrierten, die Schweine scharrten nervös mit den Klauen im Waldboden, und die Elben sassen, beinahe selbst zu Bäumen geworden, stumm und mit auf die Armee gerichteten Blicken, auf den dicken Ästen der Wächterbäume. Leise summten die Soldaten aus Usa und Tarugard, erhoben ihre Stimmen zu einem Murmeln und fielen in einen gleichförmigen Singsang. Es lag keine Melodie darin, vielmehr klang es wie ein Würgen, Kratzen und Heulen.

Die Elben und die Twintauren hielten sich mit schmerzverzerrten Gesichtern die Ohren zu und die Schweine wimmerten gequält. Allen war übel von dem disharmonischen Gejaule der Soldaten. Einige der Schweine und der Elben übergaben sich, und König Abagindel sah, dass sich sogar der eine und andere Soldat aus den Reihen der Angreifer übergeben musste. Doch dann sangen sie gehorsam weiter. Trotz seines Abscheus hatte er Mitgefühl mit den Soldaten, die von ihrem König zu etwas so Scheusslichem gezwungen wurden. Die Inkantation schwoll an zu einem Sturm aus Tönen. Abagindel hatte längst durchschaut, wozu sie dienen sollte: Revda wollte damit den Schutzschild sprengen. Einige der Soldaten kletterten auf die drei grossen Wagen. Sie öffneten die Fässer und holten mit grossen Zangen Kugeln in der Grösse von Honigmelonen daraus hervor, welche sie in die Schalen der langen Hebel auf den Wagen legten. Von den Kugeln tropfte eine Flüssigkeit herunter und die Soldaten gaben acht, nicht damit in Berührung zu kommen. Dort wo die Tropfen das Holz der Ladefläche berührten, zischte es, und roter Rauch stieg auf. Trotz des Mundschutzes, den die Soldaten trugen, mussten sie husten und würgen. Mit wachsendem Entsetzten beobachteten Abagindel und Alamel, was auf diesen Wagen vor sich ging. 

„Was zum Teufel soll das werden?“, krächzte Borax, der sich vor lauter Übelkeit kaum mehr auf seinem Ast halten konnte. Im selben Moment lösten die Soldaten die Seile, die die Wurfarme hielten und die Kugeln schossen in hohen Bögen auf den Wald zu. Der Schutzschild knirschte wie zerbrechendes Glas, als die Geschosse auf ihn trafen. Dunkelrote Flüssigkeit tropfte von den Einschlagstellen herab. Es knackte bedrohlich. Risse jagten von Loch zu Loch, rot gefärbt und giftig.

Alamel starrte mit vor Entsetzten geweiteten Augen auf das berstende Schutzschild und sagte mit tonloser Stimme: „Der Grosse Geist steh’ uns bei!“

Die Soldaten hatten aufgehört zu singen. Stumm beobachteten sie das Schauspiel. Revda sass mit gestrafften Schultern auf seinem Ross und wirkte sehr zufrieden mit sich selbst. Er dachte an Semadar und beglückwünschte ihn in Gedanken zu diesem Geniestreich. Er war wahrlich der Meister der Magie. Heute morgen hatte jeder der Soldaten einen Becher mit einem Zaubertrank bekommen. Die Worte der Zauberformel hatten sie seit Wochen eingeübt. Einige waren davon so krank geworden, dass sie in Usa hatten bleiben müssen. Aber auf ein paar mehr oder weniger kam es nicht an. Der Trank verstärkte die natürliche Magie in den Soldaten, von der jeder Mensch eine gewisse Menge in sich trug. Das behauptete jedenfalls Semadar. Ausserdem hatte Semadar den Trank mit einer grosszügigen Prise Hass und Zerstörungswut gewürzt. Der Gesang machte den Wall mürbe, so dass die Geschosse den Rest erledigen konnten. Welch ein herrliches Schauspiel! Revda lachte laut auf. Was waren diese Elben doch für Stümper. Wenn der Rest so einfach gehen würde, wie das hier, wäre er tatsächlich ein wenig enttäuscht. Ein bisschen mehr Herausforderung wäre ihm, als dem mächtigsten König von Melindor, doch angemessen. 

Das Knacken und Knirschen wurde lauter, die Risse länger und tiefer. Überall tropfte der blutrote Saft herunter und verbrannte zischend die Erde wo er auftraf. Die Äste der Wächterbäume am Waldrand wogten auf und ab im verzweifelten Versuch, das Gift abzuschütteln. Flammen züngelten hie und da auf. Ein Rauschen ging durch die Bäume.

Dann brach der Schutzwall um den Zauberwald in lautem Getöse zusammen. Abagindel schoss seinen Pfeil auf Revdas Hals ab, aber er prallte wirkungslos an ihm ab. Der König von Usa zog sein Schwert aus der schwarzen Scheide, stiess es hoch in die Luft und schrie seinen Angriffsbefehl hinaus. Mokrin und Bonsak taten es ihm nach. Mit wildem Brüllen stürmten die Krieger der vereinigten Armee von Usa und Tarugard auf den Zauberwald zu.

 

„Hast du das gehört?“, fragte Geronimo und riss in rohem Entsetzen die Augen auf.

„Was gehört?“, fragte Deborah. Sie schüttelte den Kopf. „Mir ist speiübel. Ich weiss nicht, was mit mir geschieht aber ich …“

Sie übergab sich im Flug und trudelte.

„Deborah!“

Sie fing sich wieder und schüttelte den Kopf. „Das muss die Anstrengung sein. Immerhin fliegen wir seit Stunden.“

„Du bist schon länger geflogen, ohne dass dir davon schlecht wurde.“

„Da hast du auch wieder recht. Es geht schon. Was soll ich gehört haben?“

„Schreie. Wütende, böse, laute Schreie. Als wäre die Hölle mit all ihren Dämonen losgebrochen.“

Deborah starrte Geronimo mit offenem Schnabel an. „Denkst du, was ich denke?“, fragte sie zögerlich.

Geronimo nickte. Sein Herz hämmerte wild vor Sorge um seinen Vater und die anderen Fliegenden Schweine, die Elben, die Gnome. Higar und Higor. Eberhard und Willibald und all die anderen. Stumm flogen Geronimo und Deborah ein paar Flügelschläge nebeneinander her.

„Es hat begonnen, Deborah. Die Schlacht hat begonnen.“

„Harak!“, krächzte Deborah und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Hals schnürte sich zusammen. Sie brachte kein Wort mehr heraus. 

„Komm’, setz dich eine Weile auf meinen Rücken, du brauchst eine Pause.“

Deborah nahm das Angebot dankbar an und Geronimo verstärkte den Schlag seiner Flügel.

 

Ein lautes Sirren liess die Luft vibrieren, als die Pfeile der Elben auf die Angreifer zuschossen. Die wenigsten verfehlten ihr Ziel. Krokodile strauchelten in ihrem Lauf, die Krieger aus Tarugard stürzten tot zu Boden und behinderten die Nachfolgenden in ihrem Lauf, aber davon liessen sie sich nicht beirren. Wahnsinn blitzte aus ihren Augen, und ein irres, wildes Geheul brach aus ihren Kehlen hervor. Semadars Zaubertrank pulsierte in ihren Adern. Higor und Higar zielten auf Bonsak. Sie schossen Pfeil um Pfeil auf ihn ab, doch keiner traf. Der Zwerg wich ihnen so flink aus, dass Higar sicher war, dass auch das nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Immerhin war er einer der besten Schützen des Zauberwalds. Bisher hatte kaum einer seiner Pfeile sein Ziel verfehlt. Nur einer blieb im Oberschenkel des Zwerges stecken. Bonsak lachte, brach den Schaft ab, spuckte verächtlich darauf und warf ihn zu Boden. 

„Vielleicht haben wir später mit der Lanze mehr Glück“, sagte Higar. Higor nickte und konzentrierte sich auf die Soldaten in der Nähe des Zwergs, ohne dass er diesen aus den Augen liess.

Mokrin wurde von seinen Soldaten gedeckt. Kaum ging einer zu Boden, war sofort ein neuer da, um den König zu beschützen. Revda sass aufrecht auf seinem Hengst und genoss das Schauspiel. Er schrie auf den Wald zu:

„Ihr hättet mir keinen grösseren Gefallen tun können, Elbenpack, als hier auf mich zu warten. So macht das Ganze noch mehr Spass!“ 

Die Pfeile der Elben prallten auch an ihm und seinen Rittern ab.

Die ersten Soldaten hatten den Waldrand erreicht. Die Bäume griffen mit ihren Zweigen nach den Soldaten aus Usa und Tarugard und schleuderten sie zu Boden. Sie zogen ihre Wurzeln aus der Erde, wanden sie um die Körper der Krieger wie Würgeschlangen und pressten die Luft aus ihnen heraus. Das war der vereinbarte Zeitpunkt für Borax, um zu den Raben weiter hinten im Wald zu fliegen. Abagindel trat hinter seinem Baum hervor und schrie: 

„Für Melindor! Für den Zauberwald!“ 

Mit erhobenem Schwert rannte er auf die Angreifer zu. Alamel und ein Teil der Elben folgten ihm. Die Twintauren brüllten und stürmten, gefolgt von Eberhard und Willibald, mit den Schweinen aus Tsungalopso hinterher. Schwerter krachten auf Krokodilpanzer, trennten Gliedmassen und Köpfe ab, durchstachen Knochenplatten, bohrten sich in Herzen und Bäuche. Die Schweine stachen und schnitten mit ihren Nasenschwertern in die Beine der Angreifer und mähten sie nieder wie Gras. Revda und seine Ritter pflügten auf ihren Rossen durch die kämpfenden Reihen und huben mit ihren Schwertern auf Elben und Schweine ein. Die Elben, die im Wald blieben, kümmerten sich um die Soldaten, die sich an den Elben, Twintauren und Schweinen vorbei gekämpft hatten. Sie schossen Pfeile auf sie ab, warfen Netze auf sie herunter und sprangen von den Bäumen, um ihnen mit ihren Schwertern den Rest zu geben. Sie lockten sie in Fallen, die sie in den Waldboden gegraben hatten, wo die Usaer und Tarugarder ahnungslos hineinfielen und von scharf geschliffenen Speeren aufgespiesst wurden. Die Wächterbäume unterstützten die Elben in ihrem Kampf. Sie pflückten die Soldaten von der Erde und zermalmten sie mit ihren starken Ästen oder zertraten sie mit ihren Wurzelfüssen wie Ungeziefer.

Gleichzeitig mit Abagindels Schlachtruf stiegen die Fliegenden Schweine und die Raben in die Luft. Hoch über dem Lärm der ausgebrochenen Schlacht flogen sie angeführt von Borax, Rochulio und Fegasio, und im Schutz ihres Unsichtbarseins, über den Rand des Waldes und verteilten sich gleichmässig über die angreifende riesige Armee. Ihr Ziel waren die Soldaten, die den Waldrand noch nicht erreicht hatten. Für einige Momente blieben sie, gehalten von gleichmässigen Flügelschlägen, in der Luft stehen. Die Raben verbargen sich auf den Rücken der Fliegenden Schweine, so dass sie vom Boden aus nicht gesehen werden konnten. Alle ihre Augen waren konzentriert auf Borax gerichtet. Er wartete bis alle Fliegenden Schweine in Position waren, dann gab er das vereinbarte Zeichen, indem er seine Flügel kurz zusammen klappte.

Wie in einer einzigen Bewegung zogen die Fliegenden Schweine an den Schnüren in ihren Mäulern und öffneten damit die Netze, welche die Isthuini ihnen um die Bäuche geschnallt hatten. Aus jedem Netz fiel eine kopfgrosse Bombe auf die ahnungslosen Soldaten. Die Erde erbebte, wo sie einschlugen. Soldaten wurden durch die Luft geschleudert, die Pferde der Ritter bäumten sich unter lautem Wiehern auf, Knochen splitterten und abgetrennte Gliedmassen flogen durch die Luft. Feuer griff nach den auseinander stiebenden, zu Tode erschrockenen Soldaten und frass sie auf. Kaum hatte sich der ärgste Tumult gelegt, stiessen die Raben aus ihrer Deckung herab. Sie zerrten an den Helmen der Soldaten, rissen sie ihnen von den Köpfen und hackten mit ihren Schnäbeln auf Halsschlagadern, Schläfen und Augen ein. Die Fliegenden Schweine flogen zu den Isthuini zurück, um die nächste Ladung zu holen.

Die Zauberwäldler schlugen sich tapfer. Runde um Runde flogen die Fliegenden Schweine und warfen ihre Bomben ab. Vor jeder Attacke kamen die Raben zu ihnen hoch, stiessen danach wieder auf die Soldaten herab und hackten unermüdlich auf sie ein. Obwohl viele Soldaten fielen, schienen die Usaer und Tarugarder nicht weniger zu werden. Es waren einfach zu viele. Abagindel kämpfte ebenso erbittert gegen die aufsteigende Dunkelheit in seiner Seele, die ihn jedesmal überfiel wenn er sah, wieviele seiner wundervollen Elben und Tsungalopser Schweine tot oder verwundet am Boden lagen, wie gegen die unaufhörlich auf ihn eindringenden Soldaten. Die Schwarzen Ritter waren am Schlimmsten. Hoch auf ihren Rössern und in ihren glatten Rüstungen waren sie beinahe unverwundbar. Zwar hatten die Elben schon einige der Pferde zu Fall gebracht und die Ritter damit gezwungen, am Boden weiterzukämpfen, aber keinen von ihnen hatten sie bisher besiegt. Abagindel war sich sicher, dass Semadar sie mit einem Zauber geschützt hatte. Schwerter klirrten aufeinander, Elben und Ritter, Soldaten und Schweine stiessen, hieben, stachen, hackten, schlugen in einem grausamen Tanz aufeinander ein bis zum Tod oder zur völligen Erschöpfung. Gerade rannte ein Ritter brüllend auf Abagindel zu. Er hatte sein Schwert mit beiden Händen über den Kopf gehoben und liess es in einem wütenden Schrei auf Abagindel heruntersausen. Abagindel drehte sich flink zur Seite und einmal ganz um sich selbst und hieb sein Schwert ohne viel Hoffnung aber mit ungebremster Kraft auf den Nacken des Ritters. Er spürte, wie die Klinge durch Knochen und Muskeln schnitt und wunderte sich, dass das möglich war. Unter einem Schwall von Blut fiel der Kopf des Ritters zu Boden, und sein lebloser Körper kippte zur Seite. Für einen Augenblick starrte Abagindel ungläubig auf den Leichnam. Dann durchflutete ihn eine Weller heisser Freude. Er spiesste den Kopf auf sein Schwert, hielt es hoch in die Luft und schrie so laut er konnte den Elben in seinem Umkreis zu. „Hackt ihnen die Köpfe ab! Hackt diesen verfluchten Teufeln die Köpfe ab!“ Die Elben schauten zu ihm hin und als ihnen klar wurde, was hier gerade geschehen war, stimmten sie in sein Freudengeschrei ein und kämpften mit neuem Mut und beflügelt durch diese kleine Hoffnung weiter. 

Einer der Ritter aus Usa preschte durch eine Gruppe von Tsungalopser Schweinen, in deren Mitte König Willibald gegen eine Meute von Tarugardern kämpfte. König Mokrin höchstpersönlich führte sie an. Die Tsungalopser waren im Vorteil gewesen, bis der Ritter kam und ihre Formation durchbrach und dabei von seinem hohen Ross aus einige der Schweine erschlug. Mokrin reagierte schnell und befahl seinen Soldaten, die Lücken zu füllen. Schnell bildeten sie einen Ring um die beiden Könige. Die Schweine, welchen es gelungen war, an Willibalds Seite zu bleiben, wurden von den Tarugardern abgesc