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Liebe und Aggression

Was haben Liebe und Aggression miteinander zu schaffen? Schliesst das eine nicht das andere aus? Aggression ist doch Gewalt, oder etwas nicht? Das dachte ich bis vor kurzem auch. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Aggression ist eine Urkraft, es ist die Kraft, die etwas vorantreibt, die Kraft, die im Frühling die Knospen zum Austreiben und sich Öffnen bringt. Vielleicht auch dieselbe Kraft, die ein zartes Pflänzchen durch Asphalt stösst. Aggression ist also ein Motor, ein Antrieb. Und den kann man für verschiedene Zwecke nutzen. Wie Aggression mit Gewalt gepaart wird, muss ich hier nicht ausführen, das ist klar. Was aber hat sie mit Liebe zu tun? Oft wird Liebe assoziiert mit lieb und sanft und still sein, mit dulden und hinnehmen, passiv sein, auch noch die andere Wange hinzuhalten. Liebe ist weit mehr als das. Sie ist auch Klarheit, Bestimmtheit, in der Mitte sein, für sich selbst und auch für andere einzustehen. Gerade zu stehen, fest in sich verwurzelt wie ein Baum in der Erde. Ein tiefwurzelnder Baum, den nicht der nächste Sturm umbläst. Liebe ist auch Freiheit und da geht es manchmal, und gerade in diesen Zeiten, nicht darum, auch noch die rechte Wange hinzuhalten, wenn ich einen Schlag auf die linke bekommen habe. Manchmal ist es richtig, gar keine Wange hinzuhalten, sondern eben stark wie ein Baum da zu stehen und ein klares, lautes, unerschütterliches Nein hinauszurufen zu jenen, die uns die Freiheit rauben wollen. Aus Liebe zu uns selbst, aus Liebe zu unseren Mitmenschen, aus Liebe zu einem Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit. Damit meine ich nicht, handgreiflich zu werden, denn das wäre dann eben die andere Seite der Aggression. Ich meine damit, diese Kraft in sich zu fühlen, sie in sich aufsteigen zu lassen, sich mit ihr zu füllen und sie mit Mut und Entschlossenheit, mit Klarheit und Bestimmtheit zu vereinen und für das einzustehen, was man will und was einem als freier Mensch zusteht.

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