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Loslassen?

 

Überall hören und lesen wir dieses Wort. Es scheint der Schlüssel zum Glück zu sein. Wir sollen alles mögliche loslassen, angefangen bei schlechten Gewohnheiten bis hin zu negativen Gedanken. Wenn wir loslassen, werden wir endlich glücklich sein und ein erfülltes Leben führen. Es klingt so einfach. Die Hand öffnen und das Festgehaltene fällt heraus. Eine Entscheidung treffen und es ab heute anders machen. Einfach nicht mehr daran denken. 

Weshalb fällt uns das so schwer?

Ich glaube das ist so, weil wir das mit dem Loslassen so angehen wie alles andere. Wir bekämpfen Symptome, anstatt nach den Ursachen zu suchen. Alles hat einen Ausgangspunkt, ein auslösendes Ereignis mit dem etwas in Bewegung gesetzt wird. Das gilt auch für unsere Gewohnheiten und die Art wie wir denken und fühlen. Wir können natürlich beschliessen, eine Gewohnheit aufzugeben und das mithilfe unseres Willens durchziehen. Möglicherweise gelingt es uns sogar. Es ist ein Akt des Willens, also des Verstandes und kommt nicht aus unserem tiefsten Fühlen heraus. Es sind aber Gefühle, die uns bewegen. Um eine Gewohnheit mit dem Willen zu besiegen, müssen wir kämpfen. Das macht mit der Zeit müde. Kampf ist Krieg. Wir sind also im Krieg mit uns selbst, wenn wir gegen etwas in uns kämpfen. Wollen wir das? Wir können tatsächlich eine Entscheidung treffen und es ab heute anders machen. Dazu ist es nicht nötig, dass wir etwas loslassen. Wir können beginnen, uns zu beobachten und uns Fragen zu stellen.

Wie fühle ich mich, wenn ich dies oder jenes denke? Wie geht es mir dabei? Fühlt es sich gut an oder schlecht? Was ist unmittelbar davor geschehen, z.B. wenn ich zum Kühlschrank gehe, um mir etwas zu Essen zu holen, obwohl ich keinen Hunger habe? Weshalb ärgert mich etwas, das der andere sagt oder tut? Welches Bedürfnis verbirgt sich dahinter? Wie wäre ich gerne behandelt worden in dieser Situation? Wie behandele ich mich selbst? Woher kommt eine Überzeugung, die ich in mir trage? Habe ich sie von meinen Eltern übernommen oder von jemand anderem? Gründet sie auf einer schlechten Erfahrung, die ich einmal gemacht habe? Ist das überhaupt wahr, was ich denke oder wahrzunehmen glaube? Welche Wünsche und Sehnsüchte verbergen sich hinter meinem Verhalten? Welchen Vorteil ziehe ich daraus? Wer bin ich noch, wenn ich dies oder jenes nicht mehr habe, tue oder denke?

Auf diese Weise können wir viele interessante Dinge über uns selbst erfahren. Wir lernen uns besser kennen und verstehen. Indem wir uns diese Fragen stellen und uns beobachten, wenden wir uns uns selbst zu. Wir fangen an, uns wichtig zu nehmen. Wir fangen an, unsere Anliegen ernst zu nehmen. Wir hören uns zu. Wir schenken uns Aufmerksamkeit und damit Liebe.

Es ist wie bei einer Flasche, die man reinigen möchte. Man kann Wasser und Spülmittel hinein geben, die Flasche schütteln und dann ausleeren. Es bleibt immer ein Rest Schaum zurück. Man muss den Vorgang oft wiederholen, bis alles heraus ist. Oder man wählt die einfachere Methode und lässt solange Wasser in die Flasche laufen, bis der Schmutz mit dem Wasser und dem Spülmittel aus der Flasche überfliesst und nur noch reines Wasser in der Flasche ist. Genauso klappt es auch mit dem Loslassen. Je mehr Liebe wir in uns hinein geben, desto leichter kann sich unser "Schmutz" lösen. Dann ist es nicht mehr nötig, gegen etwas zu kämpfen und es mit grosser Willensanstrengung loszulassen. Es lässt dann uns los, weil es verstanden wurde. Es hat seinen Auftrag erfüllt und uns seine Botschaft übermittelt. In uns bleibt kein Loch, kein Mangel zurück, weil wir etwas aufgegeben haben, denn an diese Stelle fliesst die Liebe, die wir uns selbst geben.


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