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Erwartungen

Das Wort hängt uns oft schwer wie ein Stein um den Hals. Es schränkt unsere Beweglichkeit ein, unsere Fähigkeit zu tanzen, zu hüpfen, zu springen und unsere Arme der Sonne entgegen zu strecken. Es schnürt uns die Luft zum Lachen und zum Singen ab. Es drückt uns in den Boden unserer Einsamkeit. Es ist die trennende Distanz die wir zwischen uns und den Menschen die uns wichtig sind aufrecht erhalten. Das Warten, das fett und träge mitten in dem Wort hockt wie ein Kuckuck in einem fremden Nest, hält uns davon ab, auf unsere Mitmenschen zuzugehen. Es macht uns klein und hält uns unten. Es engt uns ein und reduziert uns auf das, was wir sein sollen anstatt uns zu erlauben, unser wirkliches wahres Sein zu leben und auszudrücken.

Worauf warten wir? Dass die anderen uns glücklich machen. Dass andere unsere Bedürfnisse erraten und erfüllen. Dass andere spüren, wie es uns gerade geht und was wir brauchen. Dass andere uns sagen, was gut für uns ist. Dass andere dafür sorgen, dass es uns gut geht. Dass die anderen endlich das tun, denken, fühlen, sagen, so aussehen, sich so kleiden, essen, sich so bewegen, so arbeiten usw. wie wir es für richtig halten. Aber ist das, was wir da so fest halten, denn wirklich richtig? Was ist richtig? Und für wen? 

Schieben wir durch unsere Erwartungen nicht alle möglichen Filter, durch die wir die Welt und die Menschen betrachten könnten übereinander und engen unseren Fokus ein? Erwartungen bündeln das weit gefächerte Licht der Wahrheit zu einem Laser, der auf einen einzigen Punkt zielt. Auf uns selbst. Aber gerade darin liegt ein grosses Geschenk.

Während wir mehr oder weniger gemütlich in unserm warmen, vertrauten, sicheren Wartenest sitzen, schenkt uns das Leben, schenkt uns unser Mitmensch der unsere Erwartungen ignoriert, die Zeit und die Möglichkeit, diesen Laser in Form von Fragen auf uns selbst zu richten und in unser tiefstes Innere hinein zu tauchen: was will ich überhaupt? Was brauche ich jetzt gerade in diesem Moment? Was fehlt mir? Was würde mir jetzt guttun? Was kann ich jetzt in diesem Moment selbst Gutes für mich tun? Welches Bedürfnis, welches Gefühl versteckt sich hinter meiner Erwartung? Woher kenne ich dieses Gefühl? War es früher schon einmal da? Erinnert es mich an etwas?

Oder wir können einfach einmal fühlen was gerade jetzt ist. Welches Gefühl ist da? Wo und wie zeigt es sich in meinem Körper? Was möchte ich? Wer will ich sein? Wie will ich sein? Wie komme ich dahin? 

Unerfüllte Erwartungen ermöglichen uns, etwas auszuhalten. Etwas zu halten, bis es aus ist. Ein Gefühl zu fühlen, bis es sich aufgelöst hat (was überraschend schnell gehen kann) oder es einfach bejahend anzunehmen und stehen zu lassen. Von anderen unerfüllte Erwartungen sind ein Geschenk an uns. Denn sie werfen uns auf uns selbst zurück. Sie schenken uns uns selbst, wenn wir die Chance ergreifen und die Zeit des Wartens nutzen, um in uns hinein zu schauen, zu lauschen, zu fühlen. Wenn wir die Rufe unseres Egos nach Zuwendung und Anerkennung und der Erfüllung unserer Wünsche als die Rufe eines Marktschreiers verstehen, der uns in die geheimsten Winkel eines Basars führen will, wo die kostbarsten Schätze verborgen liegen. Die Schätze unseres Selbst. Unsere Liebe, unsere Fürsorge und Wertschätzung für uns selbst. Das ist es, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben. Wir haben nur am falschen Ort gesucht, bzw. darauf gewartet. Plötzlich fühlt es sich leicht an um unseren Hals und in unseren Herzen. Der Stein ist weg, wir heben den Blick, können wieder durchatmen und unsere Hände der Sonne und unseren Mitmenschen entgegen strecken und ihnen dasselbe Geschenk machen, das sie uns gegeben haben. Nämlich uns selbst sein zu dürfen und uns zu lieben wie wir sind.

 

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