· 

Urteil und Wahrheit

Im Wort urteilen steckt das Wort teilen. Es kann sowohl trennen, auseinander nehmen als auch teilen im Sinne von etwas geben, etwas verschenken bedeuten. Was ist ein Urteil? Wir denken oder sagen etwas über jemanden von dem wir glauben, es sei nicht richtig, gut oder schön. Und natürlich glauben wir, dass unsere Sichtweise die richtige ist. Wir trennen durch unser Urteil die Person die wir be-, bzw. verurteilen, von unserer Wahrheit ab. Aber was ist Wahrheit? Gibt es eine universell gültige Wahrheit? Viele behaupten das und doch erzählen sie alle mehr oder weniger eine andere Variante dieser angeblich universellen Wahrheit. Gibt es vielleicht eher viele Wahrheiten? So viele wie es Menschen gibt? (Die Möglichkeit dass jedes Tier und vielleicht auch ein Baum eine eigene Wahrheit hat, wollen wir erst einmal aussen vor lassen.)

Wenn jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat, ist die eine dann weniger wahr als die andere? Wer entscheidet das letztendlich? Oder sind wir alle ein Teil derselben Wahrheit, wie in der Geschichte, in der Ameisen auf einem Elefanten herum kriechen und ihn beschreiben und jede den winzigen Teil, den sie sehen kann, als das ganze Bild des Elefanten schildert? Wenn wir also jemanden für etwas verurteilen, was nicht dem Bild unserer eigenen Wahrheit entspricht, trennen wir sie dann nicht von der Gesamtwahrheit ab? Was wiederum heissen würde, dass der Gesamtwahrheit damit ein Stück fehlt. Sie ist dann nicht mehr vollkommen. Vielleicht tragen wir alle eben genau so wie wir sind zu dieser vollkommenen Wahrheit bei. Wie bei einem grossen Mosaik. Womöglich bringt genau jenes Mosaiksteinen, das wir als grau, hässlich und störend empfinden,  die Steinchen neben sich zum Leuchten.

Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal versucht sind, über eine Person zu urteilen, die nicht in unser Wahrheitsbild zu passen scheint. Wir könnten uns stattdessen einmal mit der anderen Bedeutung des Wortes teilen versuchen und diesem Mensch etwas schenken. Ein Lächeln, einen wohlwollenden Gedanken oder ein einfaches Akzeptieren, indem wir zum Beispiel denken: "Naja, ich verstehe es zwar nicht und es gefällt mir auch nicht, aber okay, sei da, sei so wie du bist." Vielleicht denken wir dann an das Mosaik und können sogar darüber lächeln.

Dann sind da noch die Urteile, mit denen wir uns selbst zerreissen und uns damit von der Liebe zu uns selbst, dem Annehmen unserer selbst trennen. Wäre es nicht schön, wenn wir stattdessen öfter einmal unsere Güte, unsere Nachsicht und unseren Humor mit uns selbst und mit anderen teilen würden?

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0